»Da muss man doch etwas tun!«

bolzNorbert Bolz hat wieder zugeschlagen. Sein Essay »Ich will einen Unterschied machen« thematisiert die broadcast yourself-Kultur. »Statt das »wahre« Selbst zu entdecken, geht es darum, ein interessantes Selbst zu erschaffen. Anprobieren – das macht man heute nicht mehr nur mit Kleidern, sondern auch mit Lebensstilen und Weltanschauungen. Viele, vor allem junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind und es als eine zweite Natur erfahren, können mit den klassischen Vorstellungen von Privatsphäre und Intimität gar nichts mehr anfangen. YouTube, MySpace und die Castingshows im Fernsehen signalisieren Exhibitionismus und Voyeurismus als neuen Megatrend.«

Auch die eingängig beschriebene »Konjunktur der Sorge« zeigt, was für ein guter Beobachter Bolz ist:

In der Welt von Wohlstand und Fürsorge wächst der Wunsch, sich um jemanden oder etwas zu sorgen. Traditionell sorgte man sich um die Kinder und die Alten. Das grün gefärbte Bewusstsein sorgt sich um die Natur, das schlechte soziale Gewissen um die Armen der Welt. Die Unpolitischen, denen Kinder oder Senioren zu anstrengend und soziale oder Umweltprobleme zu komplex sind, sorgen sich um Haustiere. Die »fit for fun-Generation« sorgt sich um den eigenen Körper. Und einsame Kinder sorgen sich um ihren Roboterhund. Dieser Wunsch, sich zu sorgen, gründet in dem Wunsch, gebraucht zu werden.

Die Hochkonjunktur der Sorge ist auch ein Effekt der Massenmedien. Sie zeigen uns tagtäglich die Leiden und Probleme der Welt – und wir können als Leser und Zuschauer nur sagen: »Da muss man doch etwas tun!« Wenn aber die ganze Welt zum Gegenstand des Verantwortungsgefühls wird, dann entspricht dem natürlich kein konkretes Handeln mehr. Die Massenmedien muten den Menschen heute also nicht nur Pflichten gegenüber seinesgleichen, sondern gegenüber der ganzen Menschheit und deren Zukunft zu. Damit überlastet man aber das Moralgefühl.

Die ganze Welt geht uns jetzt etwas an. Und fast nichts können wir tun. Je unmöglicher aber ein wirklich eingreifendes Handeln ist, desto lauter das Pathos der Betroffenheit. Mitleid ist das demokratische Gefühl schlechthin. Betroffenheit durch die Hilfsbedürftigkeit der Opfer – das ist die heute vorherrschende demokratische Empfindung. Der Bürger, der sich heute politisch engagieren, also einen Unterschied machen will, geht nicht mehr in die Politik, denn die ist viel zu komplex geworden. Er begibt sich stattdessen auf den Markt der Sorge, der so kleinteilig und einfach ist, dass man mit jedem Konsumakt und jeder Spende die Welt verbessern kann.

Hier das vollständige Essay »Ich will einen Unterschied machen« aus Aus Politik und Zeitgeschichte, 41/2009, 5. Oktober 2009, S. 3–6: www.bpb.de.

Kommentare

  1. Christian meint:

    Sein medienkritisches Fazit „Die ganze Welt geht uns jetzt etwas an. Und fast nichts können wir tun.“ kann ich nachvollziehen, aber seinen letzten Satz empfinde ich als sehr zynisch. Ich kenne genug die versuchen durch ihren gezielten Konsum (z.B.Fairtrade und/oder Bio) menschenwürdigere und Gottes Schöpfung achtendere Kreisläufe in der Wirtschaft zu beginnen. Und wenn eine kritische Masse an Leuten diese Wege geht, wird es auch möglich sein auf politischer Ebene dazu etwas durchzusetzen. Frei nach dem schönen Motto von utopia.de „Wir fangen dann schon mal an.“ Aber ich wäre sehr vorsichtig diesen Menschen letztendlich Egoismus vorzuwerfen oder wie er schreibt „Ich teile, also bin ich.“ als reine Selbstverwirklichung zu brandmarken.

  2. Lieber Christian,
    nein, alles schlecht machen oder jedem Teiler groben Egoismus vorwerfen will Bolz m.E. nicht. Er will sagen, das die „Wir retten die Welt“-Mentalität so etwas wie eine sinnstiftende Modeerscheinung ist, die gelegentlich der Nächstenliebe im Kleinen und vor Ort im Weg steht. In gewisser Weise ist die Rettung der Welt einfacher als die Liebe zum Nächsten (z.B. in der eigenen Familie).
    Liebe Grüße, Ron

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