»Jesus hat Sie lieb« ist Kündigungsgrund

Kunden missionieren ist ein Kündigungsgrund, befand das Landgericht Hamm. Ein Callcenter-Agent hatte sich stets mit »Jesus hat Sie lieb« verabschiedet.

Mit religiösen Überzeugungen halten sich Arbeitnehmer Kunden und Kollegen gegenüber besser zurück. »Der Arbeitsplatz ist nicht der Platz, um religiöse Weltanschauungen zu verbreiten«, sagt der Arbeitsrechtler Michael Eckert aus Heidelberg. »Arbeitnehmer dürfen also nicht den Missionar spielen und versuchen, Kunden oder Kollegen zu bekehren«, erläuterte Eckert, der Vorstandsmitglied des Deutschen Anwaltvereins ist. Tun sie es dennoch und widersetzen sich damit dem Willen des Arbeitgebers, berechtige das zu einer Abmahnung und in der Folge zur Kündigung.

Das Landesarbeitsgericht in Hamm hat die fristlose Kündigung eines tief religiösen Callcenter-Agenten aus Bochum bestätigt. Der Versandhandel QVC hatte den Mann Anfang 2010 entlassen, weil er sich von Kunden am Telefon stets mit den Worten »Jesus hat Sie lieb« verabschiedet hatte.

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Kommentare

  1. Joel213 meint:

    Also ich musste ja schon schmunzeln, als ich gelesen hatte das er in der 1. Instanz gewonnen hatte. Unsere Arbeitsgerichte sind schon recht Arbeitnehmer freundlich. Ich seh den Kündigungsgrund aber auch auf jedenfall. Der Arbeitnehmer muss sich da schon seinem Arbeitgeber fügen und bei Aufforderung seine firmenfremden Verabschiedungsformen unterlassen.

  2. Schandor meint:

    Und vor allem: Was bezweckt der Arbeitnehmer mit einer solchen gesellschaftlich deplacierten Aussage überhaupt? Doch wohl nicht, Mission zu treiben, oder? Ich stelle mir einen John Wesley vor, der im Vorübergehen einen Passanten anspricht, um ihm zu sagen, dass Jesus ihn liebt. Meine erste Frage dazu wäre: Woher wissen Sie das? Stehen Sie in Kontakt mit ihm? Darauf würde er vielleicht seine Bibel zücken und mir ein paar Stellen vorlesen. Ich würde ihn fragen, ob er sie nicht etwa aus dem Kontext reiße? Ich würde ihn fragen, ob ich denn nicht unter dem Zorn Gottes stehe (weil ich gerade die Predigt von John Owen gelesen habe)?
    Vielleicht gehe ich ein paar Schritte weiter und treffe auf jemanden, der mir eröffnet: „Jesus ist die Antwort!“. Ich bin erleichtert — jetzt kenne ich die Antwort. Muss nur noch rausfinden, auf welche Frage.

    Nein. Einen Kunden mit den Worten „Jesus hat Sie lieb“ zu verabschieden, das ist nicht Evangelisation, das ist billiger Missbrauch köstlicher Wahrheiten. So evangelisiert man nicht. Ich kenne das persönlich, und es war mir immer höchst zuwider, da ich die Reaktion der Menschen auf solche vereinzelten und aus dem gesellschaftlichen Kontext gerissenen Aussagen gesehen habe. Wer so agiert, kümmert sich in Wahrheit überhaupt nicht um sein Gegenüber. Er denkt wegorientiert, nicht zielorientiert. Er will auf billige Weise seine Verpflichtung los werden, „Salz und Licht“ gewesen zu sein, „bekannt“ zu haben (Röm 10). Nein, so kann man mit Gottes Wort nicht umgehen. Wenn schon, dann richtig: Den Arbeitnehmer privat am Wochenende um ein Vier-Augen-Gespräch bitten und ihm die existenzielle Wichtigkeit der Botschaft genauestens erklären. Ihm überdeutlich machen, dass man an das Jüngste Gericht glaubt und fest davon überzeugt ist, dass ihm niemand entgehen kann, außer eben durch Jesus Christus. Dafür will gebetet sein. Aber billigen Evangelisationsramsch loswerden, das ist frech, sonst nichts,
    meint Schandor, bis er eines Besseren belehrt worden ist.

  3. Roderich meint:

    Das stimmt, Schandor. Ich kann mir z.B. nicht vorstellen, dass die Leute im Mittelalter durch die Strassen gelaufen sind und gesagt haben: „Jesus hat Dich lieb“.
    (Luther, Calvin und Augustinus jedenfalls nicht).
    Irgendwie ist unsere Theologie doch stark abgeflacht.

    Auf der anderen Seite muss jeder das tun, was er von Gott als richtig erkannt hat. In der Hinsicht ist dieser Mitarbeiter vielleicht mutiger als viele Christen, die alle Theorie richtig haben, aber nie mehr auf die Strasse gehen, oder sich so etwas nicht trauen wuerden.
    Insofern: ein gewisses Quentchen Respekt darf man schon haben vor dem Arbeitnehmer.
    (So ein „Jesus hat Sie lieb“ ist womoeglich immerhin ein Gespraechsaufhaenger, aus dem sich mehr ergeben kann; etwas, das bei ganz Kirchenfernen evtl ein Nachdenken ausloesen kann, egal wie falsch die Theologie ist).
    In unserer Stadt gibt es eine Gemeinde, die aus meiner Sicht zu gesetzlich ist, aber sie missionieren sehr sehr viel. Ich kenne einige, die durch diese Einsaetze zum Glauben gefunden haben. Alle anderen GEmeinden regen sich ueber diese eine Gemeinde auf (und das z.T. zu recht), aber selber tun sie oft nix fuer Evangelisation. – Also, ich denke, Gott freut sich, wenn wir im Glauben an ihn „rausgehen“ und etwas tun.
    Fazit: lasst uns dem Missionsbefehl Folge leisten, aber auch offen sein, wenn Gott (der auch durch Brueder sprechen kann) unsere Methoden oder Theologie korrigieren will…

  4. Schandor meint:

    @Roderich

    Ja, als ich mich kurz nach dem Verfassen meines Kommentars ins Auto gesetzt habe, um wegzufahren, hat mich ein ungutes Gefühl beschlichen wegen dieser Sache. Mag sein, dass diese Aussage ein „Aufhänger“ für ein Gespräch wird, und ja: jeder soll tun, was er für richtig hält (in dem Sinne, den Du intendiert hast).
    Auch ich würde gerne mit Menschen über den Glauben reden, aber ich schäme mich unendlich, jemandem einen losen Brocken einer Sache hinzuwerfen, die mein ganzes Leben infiltriert hat. Das kommt mir wie absichtliche Inflation der wichtigsten Sache, ja, der „Hauptsache“ (Hebr 8,1) vor. Ich schäme mich nicht für das Evangelium, nein, aber ich schäme mich, so damit umzugehen. So schweige ich lieber, denn ich KANN nicht reden, wenn es zwischen Tür und Angel sein soll. Außerdem ticken die Menschen bei uns vielleicht ein wenig anders: Wenn man da so etwas sagt und nicht schon im Vornherein weiß, dass einen die Menschen dann für einen Spinner halten, ist man wirklich einer. Kein Problem, für das Evangelium Spott zu ernten, aber ihn absichtlich provozieren, um sich lächerlich zu machen? Ich weiß schon: Die Pflicht zur Evangeliumsverkündigung steht nicht zu unserer Disposition, aber dennoch: Darüber komme ich nicht hinweg. Vielleicht, weil ich — um ein Beispiel von Erwin Lutzer zu bemühen — der Ansicht bin, du sprichst Tote an, wenn du vom Evangelium sprichst. Meine Vorstellungskraft reicht bei weitem nicht hin, das Unmögliche zu imaginieren: Tote mit christlichen Slogans zum Leben zu erwecken.
    Man schalte nur einmal die diversen „christlichen“ TV-Sender ein: Was da an charismatischen Hysterien ausgestrahlt werden — wie soll sich da ein nüchterner Mensch (vom Pöbel rede ich nicht) aufgrund einer solchen „Botschaft“ (ekstatisches Verzücktsein zu gefühlsduselnden Orgelklängen und marienkatholizistisch nach oben gedrehten Augen resp. holy barking/slayed in the spirit und was es noch alles für Verwirrungen gibt) bekehren können? Ist nicht DAS erst recht Lästerung? Jedenfalls ist es schwerwiegende Inflation der Botschaft: Solch saloppe Brocken suggerieren dem Menschen, es stehe jederzeit in seiner Macht, sein Leben zu ändern und sich früher oder später oder eben gar nicht „zu entscheiden“.
    All das nimmt der Fern-Seher in sich auf, und wenn er dann einen solch saloppen Brocken wie „Jesus hat dich lieb“ aufschnappt, dann assoziiert er damit die Verrückten im Fernsehen. Ich hab das schon mehrmals genau so erlebt. Und mich auch gar nicht gewundert. Nein, die Verkündigung darf sich nicht am streichelweichen Gutmenschentum der Jetztzeitdeutschen orientieren. Nur darauf achtgeben, dass man ja niemanden verletzt, das heißt, dass man letztlich auch niemanden mehr — *be-rührt*, außer unangenehm. Das Evangelium war schon zu Paulus‘ Zeiten ein Pudendum, um wieviel mehr heute! Und da nach Öl ins Feuer gießen? Nein.
    Ich weiß nicht, was „im Glauben an ihn ‚rausgehen‘ und was tun“ bedeutet. Ich wüsste es gerne. Dann täte auch ich was.

    Liebe Grüße,
    Schandor

  5. Roderich meint:

    @Schandor,
    glaubst Du, dass der Herr Dir das gerne offenbaren wuerde, wie Du evangelistisch taetig werden kannst, wenn Du Ihn bittest?
    (Siehe Jakobus 1,6).

    (Ich denke: Jaaa).

    Noch eine Anmerkung: ein Bekannter sagte mir mal, wenn das eigene Herz ganz voll ist von Jesus, dann KANN man nicht anders, als ueber Ihn reden. (Man darf dann beten, dass Gott einen zu Leuten hinfuehrt, die offen sind, so wie Paulus in Apostelgeschichte 16,14-15: Er „merkte“, dass Gott einer Person das Herz aufgetan hatte).

    Das Problem von intellektuell orientierten Christen ist: oft lesen sie mehr Sekundaerliteratur als die Bibel.
    Dann ist das Herz „voll von Theologie“ oder „voll von korrekter Weltanschauung“ oder „voll von der korrekten biblischen Ethik“ – aber eben nicht voll von Jesus Christus.
    Wenn wir „mehr von Jesus“ in unserem Herzen haben wollen – wenn wir das wirklich wollen – dann hilft alles nichts, und wir MUESSEN mehr Zeit mit Gottes Wort verbringen, mehr beten und / oder Gott mehr gehorchen.

    Vorbild Augustinus: sehr intellektuell, und doch das Herz ganz und gar voll mit Christus.

    Kleiner Tipp fuer „mehr Zeit mit Gott“:

    (Diese „Tipps“ gelten uebrigens alle auch fuer mich).

    – mal fuer zwei Wochen jeden Abend ein kleines Zeit-Inventar machen, d.h. aufschreiben:
    – Wieviel Zeit habe ich am heutigen Tag fuer Bibel Gebet verwendet?
    – Wieviel Zeit fuer Internet (Blogs schreiben, kommentieren)
    – Wieviel Zeit mit anderen Buechern
    – Wieviel Zeit mit Fernsehen
    – Wieviel Zeit mit Facebook
    – Wieviel Zeit mit emails beantworten.
    – Wieviel Zeit fuer andere Dinge
    – Wieviel Zeit auf der Arbeit
    – Essen etc.

    Das kann man sich einfach mal „wertfrei“ aufschreiben.

    Und dann nach zwei Wochen diese Liste mal zur Hand nehmen und darueber beten: was will Gott, das man streicht? Was will Gott, dass man mehr macht? (Also nicht, was wollen andere Menschen, was will der Pastor, sondern was will Gott? Am besten, man erhaelt dazu ein „Rhema“ Wort von Gott.)

    Und dann ist es nur noch eine Frage der Disziplin, es umzusetzen.
    (Uebrigens: Juenger heisst ja „Discipel“, d.h. jemand, der „mit Disziplin“ lernt von Jesus, um ihm aehnlicher zu werden…).

    Dann sollte man es mal fuer zwei Wochen probieren, und dann wieder auswerten: hat es geklappt?

    Denn wenn es nicht klappt mit der Stillen Zeit, kann man das wieder Gott sagen, und Gott um Kraft bitten, oder darum, dass er einem zeigt, woran es liegt, etc…

    Also nochmals: nur mit VIEL Zeit mit Gott jeden Tag ist unser Herz „voll von Gott“, und nur wenn unser Herz „voll von Gott“ ist, koennen wir auch etwas davon weitersagen, ohne, dass es verkrampft ist.

    Das soll aber nicht ausschliessen, dass man – am besten im Rahmen seiner Gemeinde – sich ganz konkrete Schritte ueberlegt, wie man wieder evangelistisch aktiv werden koennte, ganz unabhaengig, wie lange man denn gebetet hat.
    Denn in der Bibel steht nun mal der Missionsbefehl, und der ist zu befolgen. (Z.B.: Buechertisch ein mal pro Woche am Samstag in die Fussgaengerzone. Da kommen sicher manche Gespraeche auf. Oder Evangelisationsveranstaltungen organisieren, Gastredner einladen und dann an Tischen Nachgespraeche fuehren etc. – Oder tatsaechlich mal von Haus zu Haus gehen).

    Nun kann man ja einwenden: wenn die Feindschaft gegen das Christentum so gross wird, und man von vorneherein als Sekte eingestuft wird, dann wird es immer schwieriger. Das stimmt zwar. Aber mit Gottes Hilfe bleibt Evangelisation immer moeglich.

  6. Schandor meint:

    „glaubst Du, dass der Herr Dir das gerne offenbaren wuerde, wie Du evangelistisch taetig werden kannst, wenn Du Ihn bittest?“

    Nein. Das glaube ich nicht. Schon lange nicht mehr. Zu viele Bitten, zu viel Warten, zu viele Geheimnisse, zu viel Enttäuschung, zu viele Illusionen, zuviel Einbildung. Nein. Ich glaube nicht.

    „Wenn wir “mehr von Jesus” in unserem Herzen haben wollen – wenn wir das wirklich wollen – dann hilft alles nichts, und wir MUESSEN mehr Zeit mit Gottes Wort verbringen, mehr beten und / oder Gott mehr gehorchen.“

    Ja. Aber dann ist das etwas äußerst Triviales: Jesus kommt über das Lesen in mein „Herz“, und nicht anders. So kann JEDER in mein Herz kommen. Der Unterschied besteht dann nur noch in der Person.

    Mehr beten — Beten ist kein Leistungssport. Jesus sagt, wir müssten nicht viele Worte machen, da unser Vater weiß, wes wir bedürften.
    Paulus ändert das schon ab. Bei ihm wird es ein Beten ohne Unterlass. Eine Art spirituelle Übung. Später dann werden meditative Systeme daraus. Puritaner beten bis zu 8 Stunden (!). Das ist Leistungsbeten.

    Jeder aber ist eine eigene, eigenständige Person. Man kann kein primitives Rezept daraus machen.

    Jetzt zu Deinem „Wieviel“:
    Es setzt voraus, dass man überhaupt KANN:
    Entscheiden
    Wollen
    Kämpfen
    Tragen
    Denken
    Beten
    usf.

    Ich kann Dir völlig wertfrei sagen: Es gibt einen Punkt im Leben, da man von derlei Unterscheidungssystemen keinen Gebrauch mehr machen kann. Cioran hat einmal gesagt: Mir fehlt alles, darum ist mir alles zu viel. Das kann ich sehr gut verstehen. Da geht es nicht um Zeiteinteilungen, da geht es ums Überleben. Da kann man nicht mehr. Schon gar nicht facebooken, beten, arbeiten, zeiteinteilen und was weiß ich noch.

    Was Gott will, dass man streicht? Alles. Nur hilft das nichts, wenn man nichts streichen kann. Man kann im Leben an einen Punkt kommen, da wird die Frömmelei zur Farce. Da geht es ans Eingemachte, da fragt man sich: Hilft Gott wirklich? Auch da (besser: gerade da), wo ich NICHTS mehr tun kann? Aber der Gott ist selten unter den Christen, die Rat wissen, denn sie kämpfen immer noch in und aus eigener Kraft. Nein, mein Lieber, alles, was Du da sagst, mag inhaltlich voll und ganz stimmen, aber es ist die Stimme der drei Freunde Hiobs nach ihrer siebentätigen Anteilnahme. Sie trifft nicht. Was sie sagen, stimmt. Aber es ist existenziell nicht hilfreich.

    Man kann an einen Punkt kommen, an dem es nicht mehr weitergeht. So etwas nennt man Sackgasse. Es *gibt* keinen Ausweg aus dieser Sackgasse, und der Rückweg ist zu weit. Erlösung ist, wenn Gott eingreift, wo der Mensch sich nicht mehr helfen kann. Auch nicht durch „Programme“, und Programm ist alles, was Du vorschlägst. Könnte ich es so lösen, bräuchte ich Gott nicht. Ist das Problem so zu lösen, brauche ich keinen Gott. Erwartet Gott von mir, dass ich so handle, dann sprechen wir nicht vom selben Gott. Denn dann erwartet er Leistung von mir. Das ist so, als wenn ein Arzt von seinem gelähmten Patienten erwartete, er möchte doch endlich beweisen, dass er gewillt ist, aufzustehen. Am besten dadurch, dass er seine Zehen bewegt.

    Nein, diesmal ist der Rat nicht gut, lieber Freund. Und dabei habe ich noch gar nichts preisgegeben von allem, was wirklich schmerzt. Nein, wenn das alles ist, dann habe ich die falsche Entscheidung getroffen, dann habe ich jahrelang ins Falsche investiert.

    Evangelisation: Das ist für mich so, als sollte ein Gelähmter zum Couch eines Spitzensportlers werden.

    Was Du hier predigst, mag vielleicht stimmen (ich maße mir hier nicht an, es besser zu wissen!), aber WENN es stimmt, dann bin ich verloren. Dann ist mir Gott nur ein Trainer, aber kein Erlöser, keine Burg, keine Festung. Dann nehme ich nur an einem spirituellen Übungssystem teil, sonst nichts. Dann haben wir das alte Fatum „Leistung“ erhöht — wenngleich auf spirituellem Sektor.

    Beten — was ist das? Kontaktaufnahme mit Gott? Nein. Die gibt es nicht. Beten ist ein spiritueller Brief in Richtung Himmel, mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Und am Ende steht eine Person: Gott. Wir wissen nicht, was er ist, wie er ist, wer er ist. Das werden wir erst wissen, wenn wir erlöst sind — oder auch nicht. Darüber könnte ich ein Buch schreiben, ganz schonungslos. Aber ich werde es nicht tun. Weil ich all diejenigen, die sich ihre Illusion noch so schön am Laufen halten, nicht zerstören möchte.

  7. Schandor meint:

    @Roderich

    Ich habe noch was vergessen:

    „Das Problem von intellektuell orientierten Christen ist: oft lesen sie mehr Sekundaerliteratur als die Bibel.“

    Das stimmt. Was mich betrifft, stimmt es insofern, als ich die Bibel ohne diese Hilfen überhaupt nicht verstehe. Ich kann einen Römerbrief 1000x lesen und verstehe nicht ein Quentchen von dem, was mir Rosenius (homiletisch) Barth (existentialistisch), Charles Hodge (exegetisch) u. a. sagen können. Mir geht es da wie dam Schatzmeister aus Ägypten: Je mehr ich lese, desto weniger verstehe ich. Davon abgesehen kann ich sie nicht im Grundtext lesen, und selbst wenn: Ich könnte nimmer so denken wie der Grieche von damals.
    Ich brauche die Sekundärliteratur deshalb, weil ich in der Bibel sonst lauter Widersprüche finde. Nun weiß ich wohl, dass die Widersprüche nicht auf die Schrift selbst zurückzuführen sind, sondern auf meine Nicht-Erkenntnis.

    Es könnte allerdings sein (und ich vermute das schon seit längerem), dass das Lesen der Schrift *an sich*, auch das beten zu Gott *an sich* psychologisch glaubensbewirkend sind. Dann geht es um die Übung. Das bedeutete dann aber, dass die Einübung ins Christentum — psychologisch gesehen — ähnlich funktioniert (!) wie die Verfestigung des Denkens bei Psychokulten (= Gehirnwäsche). Das aber will ich nicht glauben. Ich glaube, dass ich Gott gegenüber ein Hauch bin, der bald vergeht. Wenn ich die Bibel recht verstehe, hat Jesus mich zum Teil erlöst. Aber ich brauche viel mehr Erlösung als das. Und wie das geht, finde ich in der Bibel nirgends. Daher auch die Sekundaerliteratur (Umlauthasser ;-).

    Verstehst Du?

    Liebe Grüße!

    Ich hoffe inständig, dass Jesus heute von zweitausend Jahren auch für mich gestorben ist. Ich wünschte, ich könnte es fassen…

  8. Schandor meint:

    @Roderich

    Eine Frage noch abschließend: Wieviel Zeit sollte ich pro Tag mit Gebet verbringen? Diese Frage beschäftigt mich seit langem. Manche Puritaner beteten ja bis zu 8 Stunden pro Tag, und wenn man gar Andrew Murray ansieht … Gebet kostet Kraft. Und da beginnt das Problem: Wenn ich bete, erzeuge ich in mir Hoffnung. Was, wenn ich keine Kraft mehr habe, enttäuschte Hoffnungen zu ertragen? Dann muss ich doch vorsichtig sein, was die Eigengeneration an Enttäuschungspotential betrifft, oder? Wer unendlich enttäuscht ist, baut sich nicht gern neuerliche Hoffnungen auf, da die Angst, sie könnten wieder enttäuscht werden, zu groß ist. Es ist schlicht gesagt zu gefährlich, oder nicht? Ich würde ja gerne beten, aber ich traue mich nicht mehr. Die Ursachen, weshalb Gott Gebet nicht erhört, können Legion sein. Und warum beten, wenn man nicht erhört wird? Ich finde keine Antwort auf diese Fragen, und unzählige Christen haben nichts als fromme Plattheiten bereit, das ist das Schlimme. Auch Bücher über das Beten (etwa das von Spurgeon) haben mir nichts erklärt, sondern alles nur noch rätselhafter gemacht. Wir haben es beim Gebet mit einer Person zu tun. Daher kann man nicht sagen, wie sich diese Person auf jene verhalten wird, oder doch?
    Too Many Secrets …

  9. Roderich meint:

    Lieber Schandor,
    vielen Dank fuer Deine ehrlichen Worte.

    In der Tat, es gibt einen Zustand, nennen wir ihn „Krise“, bei dem helfen Ratschlaege im Sinne eines geistlichen Fitnessprogramms nur wenig. Man kann sich – anders als Muenchhausen – nur sehr bedingt selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen…

    Und in der Tat, Gott ist der massgebliche Faktor, nicht unser Handeln. Auf Gott sollten wir im Prinzip alles setzen. (Gott hat uns erloest, Er hat uns fest in Seiner Hand, Er hat uns zu Seinen Kindern gemacht, Er hat uns unverrueckbare Verheissungen gegeben).

    (In der Bibel gibt es aber, das sollte ich trotzdem erwaehnen, immer die beiden Faktoren: Gottes souveraenes Wirken, Gottes Handeln, und menschliche Verantwortung / menschliches Handeln).

    Wenn ich es recht sehe, fehlt Dir im Moment der Glaube, dass Gott ueberhaupt Gebete beantwortet, und dass Gott ueberhaupt spricht (mit Dir).
    Dem gegenueber stelle ich erst mal neutral fest: wir brauchen aber „Glauben“, um Gott zu gefallen.

    Als Konsequenz wuerdest Du also die Bibel nicht als Gottes Wort ansehen, wo Gott z.B. verheisst, dass Gebete erhoert werden, bzw. wo Gott uns verheisst, uns Weisheit zu geben, wo Gott sagt, dass wir seine Schafe sind und seine Stimme hoeren etc.

    Kurze Nebenbemerkung: Voraussetzung fuer einen Weg aus einer „Krise“ ist uebrigens, dass man eine (teilweise) „Krise“ als solche erkennt, auch wenn es schon eine laengeranhaltende Krise ist. (Und nicht etwa, den Zustand der Krise zum Normalzustand erklaert).

    Noch ein paar inhaltliche Bemerkungen: Du sagst, Jesus sagte, macht nicht viele Worte, und Paulus aenderte das schon ab und sagte, „betet allezeit“. Aber am Ende von Markus Kapitel 1 liest Du, dass Jesus sehr frueh am Tage aufgestanden war, um zu beten. Und an vielen anderen Stellen heisst es, dass Jesus sehr viel Zeit im Gebet verbracht hat (z.B. Gebetsnaechte). Ich sehe zwischen Paulus und Jesus also keinen Widerspruch, und im allgemeinen sollten wir auch davon ausgehen, dass Gott sich nicht widerspricht. Aussagen koennen sich aber gegenseitig ergaenzen, bzw. einen Aspekt von einer anderen Seite beleuchten.

    Die Puritaner, auch wenn sie 8 h beteten, machten noch nicht notwendigerweise „Leistungsbeten“. Wir wissen bei einer anderen Person nie, ob es Leistungsbeten ist. Das weiss nur Gott. Man kann sehr wohl 8h beten, und es kommt alles „aus dem Glauben“. Und das ist das entscheidende. (Aber es ist genausogut moeglich, 8h im Krampf und im falschen Leistungsdenken zu beten).

    Also, ganz klar, die Grundhaltung muss stimmen. Wir werden ganz und gar aus Glauben gerecht und gerechtfertigt, und koennen uns die Rettung nicht verdienen. Wir muessen glauben, dass wir geliebt sind von Gott (als seine Kinder), und muessen glauben, dass wir in Seiner Hand sind. (Kinder Gottes). Wenn uns das fehlt, sollten wir erst mal an dieser Grundlage arbeiten.

    Das war aber fuer die (meisten) Puritaner gar keine Frage mehr, genauso wie fuer Calvin und Luther und andere Glaubenshelden. Sie beteten lange, aber sie taten das nicht aus „Werkgerechtigkeit“, sondern aus und im Glauben.

    Ich glaube uebrigens recht fest, dass man fuer die Kernbotschaft der Bibel nicht viel Sekundaerliteratur benoetigt. Man braucht aber den Heiligen Geist. Und um den Heiligen Geist koennen wir bitten.

    Abgesehen von diesen inhaltlichen Faktoren: ich kann Dich sehr gut verstehen. Es ging mir auch schon so, dass ich in einer Krise war, da halfen mir Eigenanstrengungen nicht weiter.

    (Was mir aber weitergeholfen hat, war: Gespraeche mit Seelsorgern; das Buch „Krisen. Reifezeiten des Lebens“ von Kurt Scherer“ ist sehr empfehlenswert; und erst mal kuerzer treten, d.h. mehr „Ruhe im Leben“).

    Sehr wuerde ich Dir wuenschen, dass Du bald wieder Land siehst.

    Aus meiner Sicht: es IST moeglich, Land zu sehen. Und es ist moeglich, dass man „in der Fuelle“ lebt, so wie es die Menschen in der Bibel taten.

    Noch etwas: solche persoenlichen Themen kann man nur bedingt in einem Blog besprechen.

  10. Roderich meint:

    @Schandor,
    auf Deine Frage: „Wie lange sollte man pro Tag beten?“:
    – So lange Dir der Glaube fehlt, dass Gott Gebete beantwortet, bringt es vermutlich nicht so viel, zu beten. Dann muss es zwangsweise eine reine Krampf- bzw. Leistungsangelegenheit bleiben.

    Ganz allgemein wuerde ich antworten: man sollte fuer die Beantwortung dieser Frage („wieviel beten“?) die allgemeinen hermeneutischen Prinzipien verwenden:
    – Gott gibt in Seinem Wort z.T. „direkte Anweisungen“, also wenn z.B. Jesus, Petrus oder Paulus etwas ueber das Gebet sagt.
    – Gott bzw. der Heilige Geist spricht auch indirekt in der Bibel, also z.B. dadurch, dass er das Leben von Personen beschreibt. Das Leben von Glaubensleuten ist uns u.a. als „Vorbild“ aufgezeichnet.
    – Du kannst (auf Basis von Gottes Wort) auch Deine Vernunft anwenden und 1 1 zusammenzaehlen.
    – Und schliesslich kann Gott auch ganz persoenlich zu Dir reden.

    Ich wuerde jedem ganz allgemein empfehlen, diese Frage mal an Gott selber zu richten: „Wieviel soll ich pro Tag beten“, und auf diese Frage in der Bibel selber eine Antwort zu suchen.

    Wenn man in einer Krise ist, und oder dies im Moment nicht selber in Gottes Wort suchen kann / will, dann wuerde mich vermutlich erst mal auf einen Psalm pro Tag beschraenken. (Einfach laut vorlesen – und – soweit es Dir gelingt – die Worte des Psalms dabei gedanklich an Gott richten). Und dann auch keinen Stress, wenn es mal einen oder mehrere Tage nicht klappt.
    – Und beten, dass Gott Dir (mehr von) Seinem Heiligen Geist schenkt.

    Des weiteren wuerde ich mir erst mal ein paar grundsaetzliche Verheissungen aus der Bibel ausdrucken und auf einem kleinen Zettel im Portomonnaie mitfuehren.

    (Andere Leute empfehlen, erst mal mit Lobpreis anzufangen: Lobpreislieder hoeren, wenn man nicht mitsingen kann. Man summt sie dann automatisch mit. Dann kommt automatisch das Beduerfnis auf, dass man Gott naeher sein will; mit Gott zu sprechen; etc.)

    Viel Segen.

  11. Schandor meint:

    @Roderich

    Lieber Freund! Ich danke Dir für Deinen Worte. Sie lassen gottseidank jegliche Besserwisserei vermissen. Ich werde es so tun, wie Du mir empfiehlst (das mit den Psalmen halte ich für eine sehr gute Idee; ich habe das früher mal gemacht und werd‘ es also wieder machen. Mit den Liedern hab ich’s nicht so sehr, höchstens mit den Texten…).

    Das mit dem Beten ist eine Frage, die prinzipiell nicht objektiv zu beantworten ist, da wir als Einzelpersonen einer dreieinigen „Einzel“-Person gegenüberstehen. Ich kann ja auch nicht sagen, du musst so und so lange mit dieser und jener Person sprechen, damit du die Beziehung mit ihr verbesserst. Aber ich verstehe schon.

    Danke,
    Schandor

  12. Mir hat hinsichtlich des Betens der Gedankengang geholfen, dass ich Gott nicht informieren muss, da er allwissend ist, und auch nicht zum Tun des Guten bewegen muss und kann, da er souverän und gut ist. Gebet darf deshalb nicht in der Sprache der Information (wie Nachrichten) oder Manipulation (wie Werbung) sondern eine Sprache der Freundschaft (wie Verliebte). Natürlich sind diese Elemente nicht wechselseitig ausgeschlossen und müssen es auch nicht sein (manchmal will ich meine Frau ja auch informieren oder zu etwas bewegen), aber es geht um den Hauptfokus, mit der ich der anderen Person gegenübertrete. So verstehe ich auch Jesus in der Bergpredigt (Abba vs. viele Worte, um die Gottheit zu manipulieren) und Paulus (allezeit beten vs. nur 3malige Bitte, den Stachel aus dem Fleisch zu entfernen)

    Konkret heißt das für mich, dass ich, wenn ich mir bewusst Zeit nehme mit Gott, ihm sage (oft schriftlich), was mich bewegt, oder was mich bewegt hat, oder was mir begegnet ist. Auch mit der Frage, wie er darüber denkt. Wenn mir dabei der Gedanke an eine bestimmte Schriftstelle geschenkt wird, lese ich das. Oder ich lese etwas anderes, fortlaufendes. Geh aber auch hierbei immer wieder ins Gebet mit der Wahrheit, die mir darin entgegen tritt. Während des Tages denke ich manchmal an irgendeine Person, und bete dann für sie. Oder der Duft der Blüten steigt in meine Nase und ich freue mich und schicke ein Lob zu dem, der dafür verantwortlich ist.

    Gebet ist für mich die durch den Heiligen Geist angestoßene Rückkoppelung meines aktuellen Lebensvollzugs an den, der ihn mir in seiner Gesamtheit schenkt, mit der Folge und dem Ziel der wachsenden Zufriedenheit in Ihm.

  13. Schandor meint:

    @Jörg

    Danke für die Hinweise. Das hilft mir.

    lg.
    Schandor

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