»Wir schätzen Wahrheiten nicht mehr genug«

Wir haben nicht nur unsere finanziellen Reserven verschleudert, sondern auch unsere geistigen, warnt Wolfram Weimer. Der ehemalige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Focus erklärt, dass wir ein Wahrheitsproblem haben.

Ein analytischer Beitrag, eine herbe Kritik an der Mediendemokratie. So ist es: Der postmoderne Mensch hat sich seine Identität nur geborgt. Die Reserven sind aufgebraucht. Wir leben auch ideell auf Kredit. Wollen wir aus den kulturellen Schulden wieder herauskommen, brauchen wir eine neue Wertschätzung für die Wahrheit.

Unbedingt lesen!

Immer weniger hört man auf das, was einer zu sagen hat, als darauf, wie und wo und vor wie vielen er es sagt. Ernst Jüngers Diktum »Die Intelligenz ist unsere glitzernde Uniform« hat sich ins Gegenteil verkehrt. Heute ist häufig die glitzernde Uniform unsere Rest-Intelligenz. Schaut man genauer hin, welchen Wahrheitskategorien diese Subprime-Kultur folgt, dann sieht man einen Rigorismus Kants ebenso schwinden wie eine Systematik Thomas von Aquins. Dagegen haben Friedrich Nietzsche, Jeremy Bentham und Jürgen Habermas durchaus Konjunktur und weben am unterbewussten Äußerlichkeitskleid mit.

Die Zyniker und Machtmenschen, die Karrieristen und Realpolitiker folgen Nietzsche heute mit einer Selbstverständlichkeit, mit der Wind durchs Land weht. Die Selbstlegitimation von Wahrheit durch Macht ist ein Gift, an dem nicht nur Diktatoren schnüffeln, es hat in verdünnten Dosen des Manageriellen und der Machbarkeiten mehr Gefolgsleute, als man ahnt.

Die zweite modische Versuchung eines variablen Wahrheitsbegriffs liegt in der Tradition Benthams und seines Utilitarismus, der Nutzwertideologie, die tatsächlich glaubt, das Praktische sei das Eigentliche. Wenn es aber um die essenziellen Dinge des Lebens und der Gesellschaft geht, auch um diskursfähigen Journalismus übrigens, dann wirkt das Nutzwertige zuweilen wie eine Gebrauchsanweisung zur Infantilisierung. Vom kommunikativen Utilitarismus leitet sich nichts ab, was über die Sondertarife für Mallorcareisen oder den Wirkungsgrad von Hautcremes hinausgehen würde. Er be-deutet nichts, darum hat er dort nichts zu suchen, wo es um Deutung gehen sollte. Der Benthamianismus ist zwar ein zuweilen sympathisch praktischer Zug der Wahrheitssuche, tatsächlich aber höhlt er in einer Welt der Machbarkeitsfixierung das Bewusstsein von Relevanzen und Existenziellem aus. Er befördert eine Gesellschaft, der alles egal ist, solange die Cholesterinwerte stimmen und der Handytarif günstig ist.

Die dritte und wichtigste Versuchung gegenwärtiger Wahrheitsrelativierung liegt in der Auflösung von Wahrheiten zu diskursiven Konsensen. Vom deutschen Idealismus bis zu Jürgen Habermas reicht die Fraktion der Post-Veritaten, die Wahrheiten nur aus subjektiven Kategorien oder als Diskursfußnoten akzeptieren. Diese Auflösung fundamentaler Verbindlichkeiten führt im Alltag dazu, dass die Politik sich am liebsten auf Umfragen stützt, dass die Wirtschaft sich an Analysten und der Marktforschung orientiert und der Journalismus an der nackten Quote. Alles nachvollziehbar – nur zahlen wir mit diesen lemurenhaften Techniken der Vermittlung unseres Bewusstseins einen Preis der opportunistischen Verflachung.

Mehr: www.christundwelt.de.

Kommentare

  1. Tim-Christian meint:

    „Wir können schon die Mischung aus Bordell, Verlies und Zirkus vorausahnen, die das Universum von morgen sein wird, wenn der Mensch nicht wieder ein mittelalterliches Universum aufbaut.“ (Nicolás Gómez Dávila)

  2. Lasst euch erfüllen. Gott befiehlt genauso nachdrücklich „Lasst euch erfüllen!“, wie er uns auffordert „Vergebt!“, „Betet!“ oder (und) „Sagt die Wahrheit!“. Max Lucado

  3. kristina meint:

    schon pilatus fragte jesus nach der bedeutung der wahrheit. ist es nicht das echte reine lichte gewissen in uns, diese flüsternde stimme, welche darauf wartet, von uns gehört zu werden?
    wo macht- und besitzdenken sich raum verschaffen, da bleibt kein platz für die wahrheit. wäre dann doch viel zu viel zu verlieren, von dem, was sich im wettlauf zwischen irdischem sein und vergehn aufgebaut wurde. selbst franziskus lehnte besitz ab, weil er klar sah, dass besitz und macht ein feind von menschlichkeit, freiheit, liebe und wahrheit ist.
    oft hilft ein funke, ein raustreten aus dem hier und jetzt..in die stille, um sich und dieser stimme gewahr zu werden. dann flüstert jesus uns leise ins herz…wahrheit macht frei!

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