»Wo war Gott in Japan?« – Interview mit Robert Spaemann

Viele Menschen haben in den letzten Wochen gefragt: »Wo war Gott in Japan?«. Von dieser Frage ausgehend hat der Philosoph und Journalist Dominik Klenk von der »Offensive Junger Christen« mit Robert Spaemann ein Interview gemacht, dass DIE ZEIT (13/2011) erstveröffentlicht hat. Spaemann spricht sich im Interview gegen eine überrealisierte Eschatologie aus, die den Himmel auf Erden herbeiführen möchte.

Man versucht uns heute so ein Soft-Christentum beizubringen. Und das hat Tradition. Aber wenn der Apostel Paulus sagt: »Wir haben hier keine bleibende Statt, unsere Heimat ist im Himmel«, dann ist das eine klare Ansage, um sich auszurichten und nicht um sich einzurichten. Es hat mich viele Jahre innere Anstrengung gekostet, dass katholische Prediger mir in der Nazi-Zeit versucht haben auszureden, was da gesagt ist. Ich habe aber erfahren, dass diese unbequeme Botschaft des Paulus eine Quelle der Freude ist. Anders als bei einem Geschichtsoptimismus. Da strengt man sich sehr an, aber wenn die Sache schiefgeht, ist man tief frustriert. Und die Welt ist voll von zynisch gewordenen Idealisten.

Hier das vollständige und empfehlenswerte Gespräch: www.dominik-klenk.de.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    „Spaemann spricht sich im Interview gegen eine überrealisierte Eschatologie aus, die den Himmel auf Erden herbeiführen möchte.“

    Er hält sie jedoch für möglich:

    „Möglich ist auch eine ganz andere Wendung, denn dasselbe Neue Testament spricht von einem tausendjährigen Reich der Herrschaft Christi, bevor der Antichrist kommt. Es könnte ja auch sein, dass uns noch eine große Zeit bevorsteht, in der viele Menschen Christen werden. Ich persönlich sehe das eher nicht, aber ich wäre gern bereit, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.“

    Die Zukunft bleibt wohl ungewiss…

  2. @Schandor: Ein tausendjähriges Reich wäre ja noch kein Himmel auf Erden. Aber ich hoffe mit Euch, dass Gott Gnade schenkt und noch viele Menschen Christen werden. Möge Gott es schenken!

    Liebe Grüße, Ron

  3. Wirklich sehr empfehlenswertes Interview.
    Bei der Bezugnahme auf Thomas stellen sich mir zwar Fragen: Sagt Herr Spaemann, Vernunft und Offenbarung seien beides Wege, um Gott zu erkennen? Bestimmt verstehe ich Spaemann/Thomas von Aquin nicht in ihrer Komplexizität, aber man sieht erneut, dass die katholisch-thomistische Sichtweise in dieser Frage eine ungute Spannung aufweist. Spaemann beklagt zwar richtigerweise, dem rationalistischen Zeitalter sei die Rationalität abhanden gekommen ist.
    Eine echte Grundlage für rationales Denken hat man meiner Meinung nach nur, wenn man vom lebendigen, unendlichen Gott ausgeht, der einen Charakter hat und für uns verständlich kommuniziert.
    Da Rationalität mitunter eine Charaktereigenschaft des Schöpfers ist, erkennt man zwar Rationalität in der Schöpfung, aber das Studium der Schöpfung alleine führt nicht zum Gott, der dich persönlich anspricht, der deine innersten Fragen besser als du kennt und in Seiner Person die Antwort auf jene Fragen ist.
    Ich hinterfrage ausserdem Spaemanns Sichtweise, der Antichrist käme gemäss NT nach dem Tausendjährigen Reich. Wo steht das?

    Das sind jedoch zweirangige Fragen. Die Grundzüge seines Denkens weisen die menschenfreundlichen Züge des wahren biblischen Denkens auf.
    Insbesondere, was sein Kommentar zu Hiob betrifft, bin ich Spaemann sehr dankbar. Der lebendige Gott hätte Hiob eine befriedigende Antwort auf sein Leiden geben können, und ich glaube, Er wird es dereinst auch getan haben. Für den Moment war aber Vertrauen angezeigt – Vertrauen in den lebendigen Gott, der alles sinnvoll erschaffen hat und jede persönliche Not nicht nur persönlich beantworten, sondern auch heilen wird.

  4. @Lukas: Schöner Kommentar.
    Deine Kritik am römisch-katholischen Rationalismus scheint mir besonders berechtigt. Mich wundert, das Spaemann die Rationalismus-Kritik nach 1945 einfach überspringen und wieder zum Thomismus zurückkehren kann. Ok, er sagt selbst, das sei ein (römisch-katholischer) Glaubenssatz.
    Ich denke, da lohnt es sich, die Reformatoren zu befragen. Luther ist heftig dafür eingetreten, dass der ganze Mensch, besonders auch die Vernunft, durch/unter die Sünde gefallen ist. Wenn man das nicht ernst nimmt, kommt man m.E. in einigen (theologischen) Bereichen in ein starkes Ungleichgewicht.

  5. Schandor meint:

    @Johannes

    Eigentlich will ich mich an dieser Debatte nicht beteiligen, da ich die einzelnen Denkvoraussetzungen zu wenig kenne, allerdings hätte ich da eine Frage.

    Die Denker sind doch (zumindest viele oder die meisten) wissenschaftlich redlich. Ganz offensichtlich existieren aber doch Defekte im Denken: Hätte die Sünde nicht auch unseren Geist deformiert, müssten wir da — sofern wir richtig dächten — nicht alle irgendwann zu den richtigen Denkvoraussetzungen und da bei redlichem Weiterdenken zu denselben Schlüssen kommen? Dürfte es da so viele Denkvoraussetzungen überhaupt geben? Entstehen die vielen Sichtweisen nicht dadurch, dass die Denker eben von verschiedenen Voraussetzungen und Annahmen und Enthymemen und Axiomen usw. ausgehen?

    Ich glaube, diese Voraussetzungen sind gewissermaßen determiniert oder „mitgegeben“. Will heißen: Von wo jemand aus denkt, sucht er sich nicht ganz selbst aus. Könnte es nicht sein, dass auch Spaemann „hier steht und gar nicht anders kann“? Warum aber? Weil auch seine Denkvoraussetzungen in gewissem Sinn „vorgegeben“ sind? Oder einfach nur, weil die Sache für einzelne Menschen zu komplex ist?

    Viele Denker z. B. operieren von irrationalistischen Konzepten aus. Das ist ein deutlicher Beweis für deren Verzweifeln an der Komplexität des Seienden oder für die negativen noetischen Auswirkungen der Sünde. (Es ist *ein* Beweis.) Was, wenn das Problem ganz einfach darin liegt, dass jedermann Denkfehler begeht man daher nicht zu gleichen Ergebnissen kommen *kann*?

    Ich frage nur (gerne auch rhetorisch), will nicht belehrend wirken, wirklich nicht!

    Liebe Grüße!
    Schandor

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