›De servo arbitrio‹

Wilfried Härle schreibt in seiner Einleitung zu Luthers Kampfschrift Disputationsfrage über die Kräfte und den Willen des Menschen ohne Gnade (Martin Luther: Lateinisch-Deutsche Studienausgabe, Band 1: Der Mensch vor Gott, Leipzig, 2006, S. XI):

Ganz am Ende von ›De servo arbitrio‹ spricht Martin Luther (1483-1546) seinen Widerpart Erasmus von Rotterdam (ca. 1466–1536) noch einmal direkt an – diesmal frei von Ironie, Polemik, Zorn oder Empörung. Er schreibt: »Dann lobe und preise ich dich auch deswegen außerordentlich, dass du als einziger von allen die Sache selbst angegangen bist, das heißt: den Inbegriff der Verhandlung, und mich nicht ermüdest mit jenen nebensächlichen Verhandlungen über das Papsttum, das Fegfeuer, den Ablass und ähnliche Verhandlungsgegenstände – oder vielmehr: dummes Zeug -, mit denen mich bisher fast alle vergeblich verfolgt haben. Nur du allein hast den Dreh- und Angelpunkt der Dinge gesehen und den Hauptpunkt selbst angegriffen, wofür ich dir von Herzen Dank sage.«

Diese Sätze besagen nicht etwa, dass Luther nun am Ende der Auseinandersetzung seine Kritik an Erasmus sachlich zurücknähme oder auch nur abmilderte. Im Gegenteil: Wenige Sätze später heißt es: »Dass du diesem unserem Fall gewachsen wärest, hat Gott noch nicht gewollt und nicht gegeben. Ich bitte dich, du wollest das als mit keiner Anmaßung gesagt verstehen. Ich bete aber darum, der Herr möge dich bald in dieser Sache mir so überlegen machen, wie du mir in allem anderen überlegen bist.«

Die zitierten Aussagen Luthers zeigen Zweierlei, das von großer Bedeutung ist: einerseits, worin nach Luthers eigener Auffassung das Zentrum der Kontroverse mit der römischen Kirche – aber auch mit den sog. Schwärmern – nicht zu suchen ist, nämlich in der Lehre vom Papsttum, vom Fegfeuer und vom Ablass, und sie zeigen andererseits, dass nach Luthers Auffassung der Dreh- und Angelpunkt der Auseinandersetzung in der Frage nach der Entscheidungsfreiheit und der Kraft des menschlichen Willens liegt.

Kommentare

  1. Andreas meint:

    Es gibt Dinge, über die kann man, sollte man oder muss man sogar streiten. Und dann gibt es die Dinge, die wirklich wichtig sind.

    Grüße,
    Andreas

  2. als ehemaliger römischer Katholik zeigt mir dieser Artikel wieder einmal, daß ich bei meinem Herrn Jesus bestens aufgehoben bin. Meiner Erfahrung nach habe ich mit meiner eigenen kleinen Kraft und vermeintlichen Schlauheit der herrischen Sünde gar nichts entgegenzusetzen. Erst mit seiner Hilfe gelingt der Auftrag. Ich staune immer wieder über seine Treue, Liebe und Hilfe selbst bei kleinen Problemen.

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