100 Jahre John Cage

John Cage wäre heute 100 Jahre alt geworden. Er brachte die Philosophie des Zufalls in die Musik und prägte damit die U-Musik und das Kunstverständnis des 20. Jahrhunderts. In den Feuilletons wimmelt es heute nur so von Würdigungen. Die FR stellt in ihrer Printausgabe sogar Cage als Pilzexperten vor.

Im Andenken an die Zufallsmystiker hier zwei Zitate von Francis Schaeffer:

Wie können wir den leben, 2000, S. 194:

Cage glaubte, dass das Universum ein zufälliges Universum sei, und um dies klar zum Ausdruck zu bringen, produzierte er seine Musik durch Zufall. Er versuchte, dies mit totaler Konsequenz zu betreiben. Manchmal komponierte er mit Hilfe des „Münzenwerfens“. Ein anderes Mal stellte er eine Maschine auf, die ein Orchester durch zufällige Bewegung dirigierte, damit die Musiker nicht wußten, was als nächstes kommen sollte. Oder er stellte zwei Dirigenten, jeder für den anderen unsichtbar, vor dasselbe Orchester, um eine völlige Verwirrung zu erreichen. Auch hier besteht wieder eine enge Verbindung zur Malerei. Cage nannte eine Komposition aus dem Jahre 1947 Musik für Marcel Duchamp. Aber Cage erreicht durch seine Zufallsmusik nichts als Lärm. Einige seiner „Musikstücke“ bestehen aus bloßem Schweigen (unterbrochen lediglich von gelegentlichen Geräuschfetzen, die aus der Umwelt aufgenommen sind), aber sobald er anfing, seine Zufallsmethode anzuwenden, entstand nichts als Lärm. Aber auch bei Cage zeigte sich, daß man auf dieser Basis nicht leben kann, weil die Zufallsvorstellung in bezug auf das Universum mit dem tatsächlichen Universum nicht übereinstimmt. Cage ist ein Experte auf dem Gebiet der Mykologie, der Pilzkunde. Er selbst war es, der sagte: „Mir wurde klar, daß ich sehr bald ein toter Mann wäre, wenn ich nach meiner Zufallsmethode Pilze sammeln würde.“ Bei der Pilzsuche muß sehr sorgfältige Unterscheidung angewandt werden. Cages Theorie vom Universum stimmt eben mit der Realität des Universums nicht überein.

Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts, 1973, S. 24:

Leonard Bernstein bot ihm einmal für einen Abend die Leitung des New Yorker Philharmonischen Orchesters an. Cage dirigierte ein Stück seiner eigenen Zufallsmusik, und als es zu Ende war und er sich vor dem Publikum verbeugen wollte, glaubte er Dampf aus der Dampfheizung entweichen zu hören. Dann merkte er, daß die Orchestermitglieder zischten. Aus John Cages Kommentaren geht hervor, daß es ein traumatisches Erlebnis gewesen sein muß. Aber ich habe oft darüber nachgedacht, was ich an diesem Abend den Musikern gerne gesagt hätte. Ich bin überzeugt, hätte man sich eine Stunde mit ihnen unterhalten, dann hätte man festgestellt, daß die meisten von ihnen in Wirklichkeit dieselbe Philosophie vertreten, die auch John Cage vertritt — daß das Universum mit dem Unpersönlichen plus Zeit plus Zufall begonnen hat. Aber warum haben sie dann gezischt? Sie zischten, weil ihnen das Resultat ihrer eigenen Lehre nicht gefiel, als es ihnen in dem Medium vorgeführt wurde, für das sie ein feines Empfinden hatten. Sie zischten sich in Wirklichkeit selbst aus.

Eine große Zahl von Eltern und Professoren zischt sich selbst aus. Was die Studenten tun, passt ihnen nicht. Sie sind nicht damit einverstanden, was diese ganze Generation tut. Aber genau wie die Musiker haben sie sich eines nicht klargemacht: dass sie im Grunde dasselbe glauben und unaufrichtig — oder zumindest inkonsequent — sind, indem sie nicht das tun, was ihre Kinder tun. Ihre Söhne und Töchter haben einfach das angenommen, was die Eltern sie gelehrt haben, und haben es zum logischen Schluss geführt.

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