A. Zahn: Sünde im 1. Johannesbrief

Andreas Gramlich macht uns seit Jahren durch Digitalisierungen alte Schätze zugänglich. Vielen Dank!

Zu finden ist bei ihm auch das wunderbare Buch:

Adolf Zahn: Wanderung durch Schrift und Geschichte, 1891

Im Beitrag „Der Begriff der Sünde im 1. Brief des Johannes“ schreibt Zahn:

Vor allem ist zu fragen, was der Apostel unter „Gesetzlosigkeit“ (Luther: Ungerechtigkeit) versteht. Es ist nicht nur der Zustand, in dem jemand ohne Gesetz ist (Gesetzlosigkeit), sondern auch der, in dem jemand gegen das Gesetz ist (Gesetzwidrigkeit). Der „Gesetzlose“ lebt also ohne und gegen das Gesetz. Welches Gesetz aber hält Johannes durch die Sünde verletzt? Einige, wie Ökumenius, Scholastikus II, Beda, de Wette meinen, das allgemeine Sittengesetz, andere, wie Hilgenfeld, das mosaische Gesetz. Über dies Gesetz wird aber in dem Brief nichts gelehrt, sondern es ist die Rede von dem einen Willen Gottes, der in Ewigkeit bleibt, von dem einen Gebot Gottes, darin der Glaube an Jesum Christum und Bruderliebe untereinander geboten wird (2,7; 3,23 usw.), von der einen Botschaft, welche die Menschen Liebe lehrt (3,11), kurz von dem einen Wort, das von anbeginn der Gemeinde gepredigt ist (1,10; 2,5.7.24). Ein in verschiedene Teile zerfallendes Gebot bleibt es doch dasselbe (2,4; 3,23; 5,2-3; cf. 3,24). Diese Gebote werden „nicht schwer“ genannt, weil sie erfüllt werden durch die Liebe, welche das angenehmste und leichteste ist. Dass darin auch „das vor Gott gefällige“ (3,22) enthalten ist, ist klar. Wer dem folgt, der wird mit Gott so verbunden, dass Gott in ihm und er in Gott ist (3,24), und er zugleich die Wahrheit, die höchste Liebe Gottes, Licht, kurz jegliche Erkenntnis der göttlichen Dinge erlangt. Daher wird aus einem Leben nach Gottes Geboten am besten erkannt, dass jemand aus Gott geboren ist (2,3).

Hier: Wanderung_durch_Schrift_und_Geschichte.pdf.

Kommentare

  1. Interessant, aber … wie sollen wir z. B. Seite 155 aus dem Buch (PDF) verstehen?

  2. @Gast: Das ist als zeitgeschichtliches Dokument zu lesen. Ähnliche Sichtweisen, die uns im 21. Jhdt mit Scham erfüllen, waren im 19. Jhdt weit verbreitet, auch unter Theologen u. Philosophen verschiedenster Richtungen (vgl. z.B. Zur Judenfrage von Marx). Als Hetze war es von Z. nicht gemeint, eher als Illustration von Röm 11. In der Summe waren die Wirkungen solcher Kommentare freilich verhängnisvoll.
    Liebe Grüße, Ron

  3. Ja … und nein …

    Der Text ist für mich ein anschaulicher Beleg für die Spannung zwischen intellektueller und geistlicher Schärfe einerseits und ungeläuterten Ansichten (Fehlurteilen) andererseits in derselben (christlichen) Person, vermutlich zur gleichen Zeit. Nichts neues unter der Sonne, aber für mich konstant herausfordernd.

    Bei einem Luther, einem Zahn und anderen haben wir aus heutiger Sicht zumindest im Bereich Umgang mit Juden (bzw. Antisemitismus) eine gewisse Unterscheidungsfähigkeit – seit dem Holocaust. Die Zeitgenossen von Luther und Zahn hatten diese wohl überwiegend nicht, wie sich daran erkennen lässt, dass der damalige Herausgeber der Schrift den Text über die Juden absichtlich in die Sammlung aufnahm, also wohl als wegweisend und richtig ansah.

    In Bezug auf die biblischen Schriften, insbesondere die paulinischen, gehen Evangelikale ja davon aus, dass sich darin solche groben Fehleinschätzungen (also Irrlehren aus Gottes Sicht) nicht finden – im Gegensatz zu anderen, die z. B. Äußerungen über Frauen und Homosexualität als zeitgeschichtliche Fehlurteile bezeichnen.

    Haben die menschlichen Abgründe, die Paulus als „simul justus et peccator“ vermutlich ebenso wie wir hatte, ihren Ausdruck nur jenseits von Schriften gefunden, die im Kanon gelandet sind? Wie gehen wir mit heutigen christlichen Leitern und Lehrern um – bejubeln wir sie pauschal, weil sie viel Gutes und Wahres geschrieben haben, ohne die Einzelaussagen zu prüfen, oder verwerfen wir sie, weil wir einen Blick auf ihre Fehlsichten werfen konnten, ohne die Bereiche wahrzunehmen, in denen Gott ihnen gerade spezielle Einsichten schenkt?

    Nur als Illustration von Rö 11 kann ich übrigens den Zahn-Text nicht verstehen, angesichts des (auch damals schon anwürfigen und grob verzeichnenden) Einbezugs von Zinsfuß und verkappter Weltherrschaft, wie man es auch heute noch/wieder aus rechtsextremen und verschwörungstheoretischen Kreisen tönen hört. Pauschalisierte Vorwürfe gegen Personengruppen sind meist Ausdruck von Sünde, Selbstgerechtigkeit und Richtgeist, unabhängig vom jüdischen Volk. Dies im Kontext einer theologischen Diskussion über Gesetz, Gesetzlosigkeit und Bruderliebe treibt mich einfach etwas um.

    In diesen Tagen begehen wir den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Beten wir, dass Gott uns in Bezug auf sein auserwähltes Volk und alle anderen Völker und Menschen seine Augen und seine Liebe schenkt. „Gott sei uns Sündern gnädig.“

  4. @Gast: Gott hat in der Tat darüber gewacht, dass das, was im Kanon gelandet ist, das ist, was er da haben will.

    Ich empfehle zu dem Thema: B. M. Metzger, Der Kanon des Neuen Testaments, 2012; F. F. Bruce, Die Glaubwürdigkeit der Schriften des Neuen Testaments, 1978, R. Lightfoot, Die Bibelentstehung und Überlieferung, 1977; Th. Zahn, Grundriss der Geschichte des neutestamentlichen Kanons, 1985 (1904); T. Ward, Words of Life, 2009 und natürlich: Schnabel, Inspiration und Offenbarung, 1997 (1986).

    Liebe Grüße, Ron

  5. Schandor meint:

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