Abraham und seinem Nachkommen

Im Galatherbrief 3,16 heißt es:

Abraham nun und seinem Nachkommen (griech. spérmati) wurden die Verheissungen zugesprochen. Es heisst nicht: und seinen Nachkommen, als handle es sich um viele, nein, es geht um einen einzigen: und deinem Nachkommen — das ist Christus.

N.T. Wright, ein in evangelikalen Kreisen bekannter Vertreter der Neuen Paulusperspektive, sagt nun, dass der Begriff spérmati (dt. Nachkomme o. Same) sich nicht explizit auf den Messias, sondern sich auf die eine Familie Gottes bezieht, die durch den Messias präsentiert wird.

Die Professoren Jason S. DeRouchie und Jason C. Meyer haben sich in einem Aufsatz eingehend mit Wright’s Interpretation auseinandergesetzt und schreiben:

This paper seeks to expose the unlikelihood of Wright’s reading of Gal 3:16, both from the internal logic of Paul’s argument in Galatians and from the Old Testament redemptive-historical trajectory that informs that logic. While Wright provides support for his reading, we believe the evidence below both counters Wright’s claims and justifies our interpretation. As will be shown, Wright does not appreciate enough Paul’s proper stress on the coming of Christ as Abraham’s “seed” (v. 16) in order to enable Gentile individuals to be granted the same title (v. 29).

Ihr Aufsatz:

  • “Christ or Family as the ‚Seed‘ of Promise? An Evaluation of N.T. Wright on Galatians 3:16”, SBJT 14.3 (2010): 36–48

kann hier heruntergeladen werden: sbjt-v14-n3_deroache_meyer.pdf.

Kommentare

  1. Hey Ron! Ich bin nur Griechischlaie, aber in Römer 4,13 heisst es auch „spérmati“ und dort übersetzt die Elberfelder mit der gesamten Nachkommenschaft. Scheint mir auch legetim zu sein. Wie ist da deine Meinung?

  2. AndreasA meint:

    Ganz kurz: „tó spérma“ = Same, Nachkomme ist ein Wort im Singular, das aber auch Pluralbedeutung annehmen kann, Nachkommenschaft. In 3,16 deutet P. den Singular als theologisch Bedeutsam, nämlich als Hinweis auf Christus aus. In 3,29 steht genau die selbe Formulierung, „so seid ihr Abrahams ’spérma'“, also „sperma im Singular, aber mit einer Pluralbedeutung. Sprich, P. weiß, dass ’spérma‘ auch eine Pluralbedeutung hat. Mein erster Tipp warum er in 3,16 trotzdem auf dem Singular herumreitet, mein erster Tipp zumindest ehe ich genauer gebuddelt habe, wäre, dass er in 3,16 den Regeln frühjüdischer Schriftauslegung folgt, die gerne aus grammatischen Details theologisch gearbeitet hat. Für seine Hörer (Freund und Feind gleichermaßen) dürfte das eine eine solide biblisch-theologische Argumentation gewesen sein.

    Ich denke aber nicht, dass N.T. Wrights These damit zu tun hat (ohne sie genau zu kennen). Es scheint mir, dass er den Singular von 3,16, und hier betont P. ja den Singular(!) und sagt, dass er auf Christus weißt, dass dieser Singular Christus nicht an sich, sondern nur als Repräsentanten des neuen Volkes Gottes meint. (Will er damit das Problem 3,16 – 3,29 aus der Welt schaffen?)

    Grüße!

  3. AndreasA meint:

    P.S.: Das hebräische „zera“, das hinter dem griechischen „tó spérma“ der LXX steht, ist ebenfalls ein Wort im Singular, das Pluralbedeutung annehmen kann. (Nach F.F. Bruce, Galatians [NIGTC], 172; ich kann kein Hebräisch.)

  4. @Joel: Sowohl im Hebräischen, Griechischen als auch im Deutschen kann der Begriff die Bedeutung eines kollektiven Singular oder Plural tragen (vgl. „Haar“: „Du hast schönes Haar.“). Ein Plural in Röm 4,13 scheint günstig zu sein. In meiner ELB steht allerdings „seiner Nachkommenschaft“.

    Liebe Grüße, Ron

  5. AndreasA meint:

    Das mit dem „Haar“ ist ein tolles deutsches Beispiel, Ron, das muss ich mir merken. Heute morgen ist mir einfach nix gutes eingefallen.

    Wie es aussieht scheint Wright wirklich zumindest u.a. dem Problem „spérma“ in 3,16 und in 3,29 aus dem Weg gehen zu wollen.
    Vgl. „From Wright’s perspective, the traditional view of Gal 3:16 that sees the “seed” as a direct reference to the Messiah is flawed from a number of fronts.4 Not only does it seem to be asking a lot from Paul to jump from singular (v. 16) to collective (v. 29) in the scope of a single chapter, the apparent parallels in Romans 4 and 9 never use σπέρμα in relation to the Messiah. Furthermore, Paul is left “on the very shaky ground of a purely semantic trick, since in the LXX σπέρμα in the singular, when referring to human offspring, is in fact almost always collective rather than singular.”5 Instead, taking his lead from the “clear reference” of the collective use of “seed” in 3:29, Wright proposes to read “seed” in 3:16 in the same way––as pointing to the one family of God.“ (DeRouchie/Meyer, 37)
    Von einem „semantic trick“ zu reden finde ich allerdings sehr problematisch, denn das setzt voraus, dass Paulus sich heutiger historisch-philologischer Auslegungsmethoden zu bedienen gehabt hätte, die seiner Hörer (Gegner inklusive) gar nicht verstanden hätten (und er selbst wohl auch nicht). Wenn ich Paulus Jude des 1. Jhds. sein lasse, was Wright ja eigentlich sehr wichtig ist, dann ist das kein „trick“, sondern gute biblisch-theologische Auslegung nach den Maßstäben der Zeit.

  6. @AndreasA: Ich stimme Dir zu. Und danke für Deine Ausführungen!

    Liebe Grüße, Ron

  7. Es kommt nicht darauf an, was ein Wort bedeuten oder wie es übersetzt werden kann, sondern was es an einer konkreten Stelle in einem konkreten (Kon-)Text bedeutet und bezeichnet. Nur weil „Ausschuss“ in „Der Bundestags-Ausschuss der Verteidigung tagte“ das bedeutet und bezeichnet, was es tut, muss es in „Bei der Herstellung von Paletten entsteht 2% Ausschuss“ nicht dasselbe bedeuten und bezeichnen. Dasselbe gilt für potentielle Kollektivausdrücke. Vermeintliche Parallelstellen sind also bei so Fragen nur sekundär relevant – es geht um den Gedankengang in einer konkreten Sinneinheit.

    Gegen ein Kollektivum in Gal 3,16 spricht schon, dass er in der unmittelbar vorhergehenden (und deshalb für die semantische Analyse am relevantesten) Negation das Wort im Plural verwendet und sein Argument auf dem Unterschied von Singular und Plural aufbaut. Da die Pluralform kein Kollektivum ist („“Nachkommenschaften““ gibts meines Wissens weder im Deutschen noch im Griechischen/Hebräischen), kann das (negativ) parallele Glied im Singular auch kein Kollektivum sein – ein Wort wechselt die verwendete lexikalische Bedeutung nicht von einem Augenblick zum anderen, außer es wäre explizit markiert (oder der Autor will nicht verstanden werden).

    Eine andere Frage ist, ob Jesus Christus hier für sich oder als Repräsentant für etwas anderes steht.

  8. http://www.tms.edu/tmsj/tmsj16k.pdf

    Hier ist eine hilfreiche Ausarbeitung von Robert L. Thomas, in der auf die der Neuen Paulusperspektive zugrunde liegende Hermeneutik eingegangen wird.

  9. @David: Danke für den Hinweis.

    Liebe Grüße, Ron

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