Akzeptanz statt Toleranz

Die Landesregierung von Hessen hat still und leise einen fachübergreifenden Lehrplan zur Sexualkunde eingeführt und lehrt nun die Vielfalt sexueller Orientierungen ähnlich wie in Baden-Württemberg. Der Widerstand wurde per CDU-Ministerentscheid gebrochen (siehe dazu hier, hier und hier).

Zu den Aufgaben und Zielen der schulischen Erziehung gehören nun mehr oder weniger sinnvolle Anliegen wie:

  • Gleichberechtigung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen;
  • Geschlechtergerechtigkeit;
  • Respekt der sexuellen Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen;
  • sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche unterschiedliche Werte und Normen, die durch die kulturelle Herkunft oder Religionszugehörigkeit geprägt sind;
  • Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen (LSBTI);
  • Partnerschaft und Sexualität von Menschen mit Behinderungen;
  • Verbreitung von HIV/Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten;

Immerhin soll neben dem „Coming Out“ und der “Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechteridentitäten“ auch über „die Bedeutung des Schutzes ungeborenen menschlichen Lebens“ aufgeklärt werden.

In der FAZ vom 11. Oktober 2016 erschien zu dem Vorgang ein kluger Leserbrief von E.-M. R., den ich hier in Auszügen wiedergebe (Nr. 237, S. 6):

Aus dem Artikel „Akzeptieren oder tolerieren“ … geht klar hervor, dass Hessens Kultusministerium die Inhalte zur Sexualerziehung strategisch möglichst leise einzuführen versucht hat, um den massiven Widerstand der Bevölkerung zu verhindern, wie sich dieser in Baden-Württemberg formiert hatte. Dies ist für sich genommen politisch schon mehr als fragwürdig. Abgesehen von den Inhalten zur Sexualerziehung selbst, finde ich jedoch den neuen Bildungsplan staatsrechtlich äußerst bedenklich.

Der Kultusminister fordert als Ziel der Unterrichts, dass persönliche Wertvorstellungen und Orientierungen „wechselseitig diskriminierungsfrei akzeptiert“ werden sollen, … „Akzeptanz“ wird verlangt, weil nur sie „diskriminierungsfrei“ sei, „Toleranz“ soll nicht genügen. Die Wahl der Begriffe halte ich für einen wesentlichen Kernpunkt der Auseinandersetzung. Wenn man durch den Unterricht die „Akzeptanz“ bestimmter Werthaltungen fordert, beabsichtigt man, in die Identität des Schülers einzugreifen und sie entsprechend staatlich verordneter Bewertungen zu formen. Es genügt nicht, dass der Schüler andere in ihren Lebensweisen und Wertvorstellungen zu tolerieren lernt, nein, er soll diesen bejahend gegenüberstehen und sie sich selbst zu eigen machen, … Das ist nun ein großer Unsinn: Wo ich mit andern übereinstimme, stellt sich die Frage nach Akzeptanz oder Toleranz sowieso nicht. Da es in der Gesellschaft aber immer Unterschiede in Werthaltungen und Lebenseinstellungen geben wird, muss der Schüler die Toleranz als Wert verinnerlichen. Darum ist sie ein wesentliches Bildungsziel, auch im Hessischen Schulgesetz (HSchG §2). Der Schüler muss verstehen lernen, dass sie notwendig ist, damit in einer Gesellschaft Demokratie gelebt werden kann und der Frieden untereinander in all unserer Verschiedenheit gewährleistet ist.

Einen Bildungsplan, dem die verfassungsrechtlich vorgeschriebene Toleranz als Bildungsziel nicht genügt, sondern der stattdessen die Akzeptanz ganz spezifischer Weltanschauungen und Bewertungen zu implementieren versucht, kann man nur als Gesinnungslehrplan bezeichnen …

Kommentare

  1. rolf eicken meint:

    Ich kann schon allein aus ethischen Gründen von niemandem zur Akzeptanz von etwas angehalten oder gezwungen werden, das ich innerlich nicht anerkenne. Ich kann so etwas tolerieren, zum Akzeptieren müßte ich mich verbiegen. Alles andere ist ein Aufoktroyieren.
    LG
    Rolf

  2. Ich habe keinen Bock mehr. Ich glaube, ich wandere aus! Es reicht einfach!

    Nun muss auch der letzte Evangelikale endlich kapieren, dass die „C“DU eine antichristliche, sozialistische Partei ist. Und vor allem: Wie schlimm die extreme Verstaatlichung in Deutschland ist. Was wir dringender denn je brauchen, ist: Absoluter, völliger, reiner Kapitalismus! Auch in der Bildung muss sich der Staat vollkommen raushalten.

    Aber die deutschen staatsgläubigen Christen haben so einen aggressiven Hass auf den Kapitalismus, dass sie nichts mehr peilen. Jesus hat es schon treffend gesagt: „Die Kinder der Welt sind klüger als die Kinder des Lichts.“

  3. @Adler:Sage mir bitte bescheid, wenn Du ausgewandert bist und wohin!!!

  4. @Lee
    Ja, wenn ich denn nur wüsste wohin. Ich kenne leider kein einziges Land auf der ganzen Welt, das wirklich kapitalistisch ist. (Und natürlich wäre das nicht mein einziges Kriterium…)

  5. Johannes G. meint:

    Ich möchte hier gerne folgendes zu bedenken geben:

    Die Formulierung oben bezüglich der sexuellen Orientierung bezieht sich auf Personen und nicht auf Überzeugungen oder Handlungen! Es wird nicht die Akzeptanz von homosexuellen Handlungen oder eines entsprechenden Lebensstils, sondern von Menschen gefordert. Ich meine hier sollten und müssen wir unbedingt klar differenzieren. Wir sind als Christen dazu aufgerufen, abweichende Überzeugungen und auch Lebensweisen zu tolerieren – d.h. „leidend zu ertragen“. Bei Personen sieht das aber ganz anders aus. Eine Person zu tolerieren würde implizieren, dass wir sie zwar leben lassen, es aber unserer Auffassung nach besser wäre, wenn es sie nicht gäbe. Das halte ich für eine aus christlicher Sicht unsägliche Haltung von der ich mich ganz klar distanziere. Wir sind zur Nächsten- bzw. sogar zur Feindesliebe aufgerufen und sollen denen Gutes tun, die uns hassen.

    Ich halte die entsprechende Aussage in der Auflistung oben, bei aller berechtigter sonstiger Kritik, daher prinzipiell für richtig. Gerade weil Vertreter einer traditionellen Sexualethik öffentlich massiv verbal angegriffen und denunziert werden, ist es meiner Einschätzung nach unerlässlich, dass bei Kritik von christlicher Seite aus sorgfältig differenziert und formuliert wird. Es gibt schon genug Gegenwind. Da muss man nicht auch noch ins offene Messer laufen…

    Liebe Grüße
    Jo

  6. @Johannes: Was Du schreibst, erinnert mich an: Gott liebt die Sünder, aber hasst die Sünde. So einfach können wir Überzeugungen nicht von Personen trennen. Der Lehrplan will Überzeugungen UND Personen prägen, also erziehen. Dies wird z.B. an Aussagen deutlich, wie:

    „Ein schulisches Leitbild, das sich für die Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten einsetzt, kann sich demgegenüber positiv auf den Umgang der Schülerinnen und Schüler mit dem Thema sexuelle Vielfalt auswirken.“

    Das Zitat entstammt dem neuen Lehrplan für Sexualerziehung in Hessen. Stünde hier anstelle von „Akzeptanz“ „Toleranz“, ginge es in die richtige Richtung. Es steht aber „Akzeptanz“ im Wortlaut.

    Liebe Grüße, Ron

  7. Johannes G. meint:

    Lieber Ron,

    ich habe mich allein und ausdrücklich auf die spezifische Aussage im Ursprungsbeitrag bezogen. Mir geht es hier um konkrete Differenzierung.

    Aber ich richte die Frage gerne direkt an dich: Findest du es richtig, einen Menschen zu tolerieren – d.h. meiner Auffassung nach, ihn als Person „zu ertragen“, sich aber zu wünschen, dass es diesen Menschen nicht gäbe (was wiederum impliziert, dass man es nicht für gut hält, dass Gott diesen Menschen geschaffen hat). Oder anders gefragt: Was beinhaltet es für dich, einen Menschen zu tolerieren und möchtest du Toleranz auf Menschen bezogen wissen?

    Liebe Grüße
    Jo

  8. @Johannes: Warum bedeutet, einen Menschen zu tolerieren, sich zu wünschen, dass es ihn nicht gäbe?

    Liebe Grüße, Ron

  9. Johannes G. meint:

    Lieber Ron,

    eine Handlung oder Überzeugung zu tolerieren heißt meiner Auffassung nach, diese Handlung oder Überzeugung zu missbilligen bzw. abzulehnen und sich zu wünschen, dass diese Handlung oder Überzeugung aufgegeben wird bzw. verschwindet. Wenn wir dies jetzt auf Personen übertragen heißt das, eine Person abzulehnen und sich zu wünschen, dass es sie nicht gäbe.

    Ich würde mich freuen, wenn du meine Fragen ebenfalls beantworten würdest 🙂

    Liebe Grüße
    Jo

  10. Lieber Johannes,

    die These des Leserbriefes ist, dass das neue Schulgesetz einfordert, bestimmte Personen, ihre Überzeugungen und Handlungen, zu akzeptieren. Ich schließe mich dieser Auffassung an. Du meinst, das Schulgesetz fordere lediglich, bestimmte Personen zu bejahen, nicht deren Überzeugungen und Handlungen. Also z.B. den Schülern beizubringen, Homosexuelle Handlungen sind widernatürlich, Homosexuelle sind aber anzunehmen und „segnen“. Ich glaube nicht, dass dies dem Anliegen des Schulgesetzes entspricht, sondern dass den Schülern beigebracht werden soll, Personen UND ihre Überzeugungen, Gefühle und Handlungen sind zu akzeptieren.

    Eine Überzeugung oder Handlung abzulehnen, heißt für mich nicht, zu wünschen, dass diese Person nicht wäre. Es heißt eher, sich zu wünschen, dass diese Person ihre Überzeugungen und Handlungen korrigiert. Anders ausgedrückt: „So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe“ (Hes 33,11).

    Liebe Grüße, Ron

  11. Johannes G. meint:

    Lieber Ron,

    dass das Schulgesetz deutlich mehr fordert, als Akzeptanz von Personen habe ich nie in Frage gestellt oder bestritten. Hier liegt ev. ein Missverständnis vor. Ich habe mich lediglich darauf bezogen, dass die Aussage „Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen (LSBTI)“ an sich nicht verwerflich ist und das es falsch wäre, in diesem Satz – ohne weitere Änderungen – das Wort Toleranz anstatt Akzeptanz zu verwenden. Warum ich das so sehe habe ich entsprechend begründet.

    Eine Überzeugung oder Handlung abzulehnen, heißt für mich nicht, zu wünschen, dass diese Person nicht wäre. Es heißt eher, sich zu wünschen, dass diese Person ihre Überzeugungen und Handlungen ändert.

    Was du hier beschreibst ist ja gerade die Toleranz von Überzegungen und Handlungen und NICHT von Personen! Natürlich impliziert die Ablehnung einer Handlung nicht, dass diese Person nicht existieren sollte. Das habe ich doch überhaupt nicht behauptet. Mir geht es hier um die Frage, ob es richtig ist, Personen zu tolerieren bzw. den Begriff Toleranz in diesem Zusammenhang zu verwenden. Diese Frage hast du nach wie vor nicht beantwortet.

    Liebe Grüße
    Jo

  12. Lieber Johannes,

    ich kann nicht, so wie Du, zwischen Personen und Handlungen trennen. Insofern kann ich auch nicht behaupten, ich bejahe den Schwulen (lat. accipere), verneine aber sein Schwulsein. Das ist in meinen Augen eine Mogelpackung. Ich habe allerdings keine Probleme damit (im Gegenteil), jeden Menschen als Ebenbild Gottes zu achten und seine Würde zu schützen. Hilft das weiter?

    Liebe Grüße, Ron

  13. @Johannes G.
    Im Lehrplan heißt es aber ausdrücklich:

    Respekt der sexuellen Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen;

    Es geht also nicht nur darum, Kinder und Jugendliche (als Menschen) zu respektieren, sondern auch ihre sog. „sexuelle Selbstbestimmung“ (und damit sehr wohl Überzeugungen). Wenn also jemand homosexuell ist und dementsprechend leben möchte, dann müsste ich das (nach dem Lehrplan) respektieren. Ich lehne aber Homosexualität als Sünde ab. Ich respektiere Homosexualität eben nicht! Ich möchte nicht dazu gezwungen werden, Sünde respektieren zu müssen. Der Lehrplan fordert also viel mehr, als Du denkst.

  14. Johannes G. meint:

    Lieber Ron,

    ich befürchte wir reden aneinander vorbei. Zumindest ich habe Schwierigkeiten, deinen Standpunkt bzw. deine Sichtweise überhaupt erst einmal zu erfassen bzw. nachvollziehen zu können.

    ich kann nicht, so wie Du, zwischen Personen und Handlungen trennen. Insofern kann ich auch nicht behaupten, ich bejahe den Schwulen (lat. accipere), verneine aber sein Schwulsein.

    Selbst wenn ich die Aufhebung dieser Unterscheidung im ersten Satz zugestehe, ergibt diese Aussage für mich keinen Sinn bzw. ist diese Schlussfolgerung meiner Auffassung nach ein non sequitur.

    Im ersten Teil des Satzes geht es um Personen und Handlungen. Im zweiten Teil – der Schlussfolgerung – hingegen um Personen und Neigungen („Schwulsein“ ist offenkundig keine Handlung) oder allgemein um akzidentielle Eigenschaften. D.h. selbst aus der Aufhebung der Unterscheidung zwischen Personen und Handlungen folgt nicht, dass die Unterscheidung zwischen Personen und Neigungen ebenfalls unzulässig oder unhaltbar ist. Meiner Auffassung nach sind Handlungen und Neigungen bzw. Eigenschaften keine austauschbaren Begriffe und klar voneinander zu trennen. Andernfalls würde die gesamte Moralphilosophie keinen Sinn ergeben.

    Davon abgesehen möchte ich aber doch nochmals auf diese Unterscheidung zwischen Personen und Handlungen zurückkommen. Vielleicht kommen wir weiter, wenn ich mein Verständnis der zentralen Begriffe erläutere und diese voneinander abgrenze.

    Der „Schwule“ ist meiner Auffassung nach zunächst ein Mensch mit einem substantiellen Wesen, zu dem das „Schwulsein“ nicht dazu gehört bzw. bei dem das natürliche Potential der Geschlechtlichkeit nicht zur Entfaltung gekommen ist (essenzielle natürliche Eigenschaften wären z.B. das Potential zur Rationalität, zur Entwicklung von Sprache und zur Erkenntnis Gottes). „Schwulsein“ ist für mich ebenso wie „Alkoholikersein“ eine akzidentielle Eigenschaft einer Person und muss daher vom Wesen der Person unterschieden werden. D.h. wenn diese Eigenschaften hinzukommen oder wegfallen, hört damit die bisher bestehende Person nicht auf zu existieren.

    Das gilt meiner Auffassung nach im Übrigen auch für das „Sündersein“ – andernfalls wäre es nicht „Ich“, der von den Toten aufersteht und an der ewigen Glückseligkeit teilhat, sondern eine andere Person. Ich kann somit meinem Verständnis nach den „Schwulen“ als Menschen akzeptieren und annehmen, d.h. seine Gottesebenbildlichkeit sowie Würde anerkennen und schützen, und gleichzeitig das „Schwulsein“ als eine fehlentwickelte Neigung verneinen und eine Veränderung wünschen sowie ggf. daraus resultierende Handlungen bzw. ein Ausleben dieser Neigungen aus moralischen Gründen ablehnen und tolerieren.

    Warum wir außerdem prinzipiell zwischen Personen und Handlungen unterscheiden sollten, wird meiner Ansicht nach daran deutlich, dass es nur Handlungen sind, die moralisch relevant sein können. Es ist doch in moralischer Hinsicht ein signifikanter Unterschied, ob jemand homosexuelle, bisexuelle etc. Neigungen hat und enthaltsam lebt oder prinzipiell so leben möchte und ob jemand diesen Neigungen nachgibt und einen entsprechenden Lebensstil pflegt.

    Natürlich sind konkrete Handlungen immer untrennbar mit einer konkreten Person bzw. deren Absichten verbunden und vielleicht hast du diesen Zusammenhang im Sinn. Das ändert aus den zuvor ausgeführten Gründen meiner Ansicht nach aber nichts daran, dass Toleranz sich immer auf Überzeugungen und Handlungen und nicht auf Menschen bzw. Personen beziehen sollte.

    Liebe Grüße
    Jo

  15. @Johannes: Ich stecke in den Reisevorbeitungen und kann deshalb nur kurz antworten. Meine These ist, dass das Schulgesetz mehr fordert, als die Akzeptanz von Personen. Gefordert wird auch, dass Schüler lernen, die Überzeugungen und Handlungen von Personen zu bejahen (Für mich ist es übrigens ein non sequitur, zu sagen, dass ich nicht will, dass eine Person sei, wenn ich ihr Sosein und ihre Lebensweise nicht akzeptiere. Ich will, dass sie anders sei).

    Können wir uns darauf einigen, dass es so ist?

    Liebe Grüße, Ron

  16. Johannes G. meint:

    @Ron
    Kein Problem 🙂

    Meine These ist, dass das Schulgesetz mehr fordert, als die Akzeptanz von Personen. Gefordert wird auch, dass Schüler lernen, die Überzeugungen und Handlungen von Personen zu bejahen

    Ich habe nie etwas Anderes behauptet bzw. mich konkret auf eine Aussage bezogen und wollte auf eine Gefahr diesbezüglich hinweisen – kann aber verstehen warum es ggf. anders aufgefasst wurde (wobei dir meine prinzipielle Position zu diesem Thema ja bekannt sein dürfte und ich eher nicht zu denjenigen zähle, die diese Pläne verteidigen möchten).

    Für mich ist es übrigens ein non sequitur, zu sagen, dass ich nicht will, dass eine Person sei, wenn ich ihr Sosein und ihre Lebensweise nicht akzeptiere. Ich will, dass sie anders sei

    Auch darauf können wir uns einigen bzw. ist mir nicht bewusst, dass ich so etwas behauptet hätte. Meine These war, dass Toleranz gegenüber einer Person (und nicht nur gegenüber einer Neigung, d.h. eines „Soseins“, oder einer Handlung dieser Person) impliziert, dass ich mir deren Nichtexistenz (und damit eben nicht nur das Verschwinden bzw. die Nichtexistenz einer bestimmten Neigung oder Handlung) wünsche.

    Zudem sehe ich nicht, warum das „Sosein“ bei homosexuell empfindenden Menschen ein prinzipiell anderes Problem als bei allen anderen Menschen sein sollte – zumindest gewinne ich immer wieder den Eindruck, dass dies so wäre. Mein „Sosein“ als „Lügner“, „Egoist“, „Feigling“ oder allgemein als „Sünder“ grenzt mich meiner Auffassung nach in keiner signifikanten Weise von meinen Mitmenschen ab. D.h. auch wenn ich das „Sosein“ als Sünder aller Menschen – mich eingeschlossen – nicht akzeptiere und daran leide, kann ich trotzdem jeden Menschen als Person gleichermaßen akzeptieren und wertschätzen.

    Liebe Grüße
    Jo

  17. Lieber Johannes, bin am Ziel und kann wieder schreiben. So sehr liegen wir gar nicht auseinander. Ich will versuchen, den Punkt etwas klarer zu machen.

    Wenn es heißt, es wird die Akkzeptanz von Lügnern gefordert, ist damit gemeint, dass Personen, die lügen, zu akzeptieren sind. Eingefordert wird nicht nur die Akzeptanz von Personen (ohne Sosein), sondern die Akzeptanz von Personen gerade in ihrem Sosein. Eigentlich wird noch mehr gefordert. Gefordert wird nämlich die Affirmation der Personen in ihrem Sosein. Das ist m.E. der entscheidende Punkt.

    Du interpretierst das Lernziel so, also ob nur die Person, aber nicht ihr Sosein zu akzeptieren sei. Wenn dem so wäre, und hier kennst Du mich hoffentlich gut genug, könnte ich dem herzlich zustimmen. Aber das ist m.E. nicht der Fall. Hinter dem Anliegen steckt die Affirmation der Vielfalt. Das ist nicht nur ethisch ein Desaster, sondern auch (was Dich als Logiker ärgern sollte) logisch. Ein überzeugter Lügner soll lügen dürfen und zugleich meinen, dass auch diejenigen, die das Lügen für falsch halten, recht haben.

    Ich glaube in der Tat, dass christliche Liebe hier einen Ausweg weisen kann. Der christliche Liebesbegriff fordert nämlich keine Affirmation. Ich kann also den Lügner lieben, ohne das Lügen zu bejahen (im Genteil, Liebe ist hier auch Ruf zur Umkehr). Ich denke, darauf willst auch Du hinaus. Das oben angesprochene Lernziel will aber auf etwas anderes hinaus und so hat der zitierte Leserbrief seine volle Berechtigung.

    Liebe Grüße, Ron

  18. Johannes G. meint:

    Lieber Ron,

    ich vermute wir liegen in der Sache prinzipiell gar nicht auseinander. Das tatsächliche Lernziel des Lehrplans war eigentlich nicht mein Thema. Vielleicht hätte ich das deutlicher machen sollen. Ich habe keine Zweifel daran, dass das Lernziel nicht nur die Akzeptanz oder Bejahung von Personen, sondern eben auch von deren Neigungen, Überzeugungen und Handlungen ist bzw. hier eventuell nicht einmal eine grundsätzliche Differenzierung dieser Bereiche stattfindet.

    Aufgrund der angespannten Lage bei diesem Thema und weil eben gerade der Begriff der Toleranz vielfach völlig falsch verstanden und verwendet wird, halte ich eine sorgfältige Differenzierung bei einer kritischen Auseinandersetzung mit dem argumentativen Gegner für unerlässlich.

    Ich weiß nicht, woher die Liste vor dem Leserbrief stammt. Von der Formulierung her finde ich jedoch nur die Forderung nach „Respekt (d.h. Wertschätzung) der sexuellen Selbstbestimmung“ an sich problematisch. Beim Thema „Werte und Normen, die durch die kulturelle Herkunft oder Religionszugehörigkeit geprägt sind“ ist zu vermuten, dass hier eine Form des moralischen Relativismus – eine entscheidende Voraussetzung für die Akzeptanz jeglicher „Vielfalt“ – vermittelt werden soll.

    Das alles kann und soll man kritisieren. Ich denke wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht dem sowieso kollektiven Vorurteil Vorschub leisten, dass eine Kritik an Überzeugungen und Handlungen mit einer Geringschätzung oder Ablehnung von Personen einhergeht. Ich meine genau dies ist jedoch der Fall, wenn man den Begriff der Toleranz, ohne die genannten Differenzierungen, direkt auf Personen bezieht.

    Liebe Grüße
    Jo

  19. Lieber Johannes, ein gutes Schlusswort! Vielen Dank für Deine Kritik, die geholfen hat, das Thema gründlicher zu durchdenken und eindeutiger zu fromulieren.

    Liebe Grüße, Ron

  20. Gender-Lehrplan Hessen: CDU verschickt Beruhigungspillen – und macht alles schlimmer! http://mathias-von-gersdorff.blogspot.de/2016/10/gender-lehrplan-hessen-cdu-verschickt.html

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