Alle Wirklichkeit ist auf Gott bezogen

Ich habe vor einigen Wochen hier auf humorvolle Weise über ein Symposium des Schweizer Martin Bucer Seminars verwiesen und einen seriösen Bericht angekündigt. Hier mein Kurzbericht:

Alle Wirklichkeit ist auf Gott bezogen
Erstes Schweizer Symposium des Martin Bucer Seminars war der Amsterdamer Philosophie gewidmet

Wissenschaft, die sich ausschließlich auf die Welt der messbaren Erscheinungen beschränkt, kann nicht alle Aspekte der Wirklichkeit erfassen. Wissenschaft ist immer Abstraktion von Alltagserfahrung und nimmt bestimmte Gesichtspunkte besonders unter die Lupe. Deshalb darf keine Einzelwissenschaft die Deutungshoheit über Gottes Schöpfung für sich beanspruchen. Zu diesem Ergebnis kamen die Teilnehmer des ersten Schweizer Symposiums, das vom Martin Bucer Seminar (MBS) zwischen dem 18. und 20. September im Ferienhotel Seeblick am Vierwaldstättersee veranstaltet wurde.

Schultz.jpgThema des Symposiums war die so genannte »Amsterdamer Philosophie«, die von dem reformierten, holländischen Philosoph Herman Dooyeweerd (1894–1977) begründet wurde. Dooyeweerd zeigte durch umfangreiche Untersuchungen, dass das Denken der Menschen von Erkenntnisinteressen bestimmt wird. Anders als Immanuel Kant, der eine reine Vernunft behauptete und die logische Wirklichkeit verabsolutierte, wird nach Dooyeweerd alles Denken von im Herzen der Menschen verankerten Grundmotiven geprägt.

Professor Gianfranco Schultz (erstes Foto) von der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (CH), der für die Einführung in die Amsterdamer Schule gewonnen werden konnte, zeigte in seinen Vorträgen, dass einerseits unser Denken durch die Auflehnung gegen Gott gezeichnet ist. »Es geht ein Riss durch diese Welt und durch uns selbst«, sagte Schultz. Wir Menschen revoltieren gegen Gott und sind erlösungsbedürftig. Menschen, die ihre Abhängigkeit von Gott bejahen und dem Evangelium von Jesus Christus vertrauen, haben andererseits unendlich viele Entfaltungsmöglichkeiten. »Dass das, was Gott in die Welt hineingelegt hat, erschlossen werden soll, dass Dinge zu ihrem Recht kommen sollen, habe Dooyeweerd in seinen Arbeiten immer wieder deutlich machen können«, sagte Schultz.

Glas.jpg Professor Gerrit Glas von der Freien Universität Amsterdam (NL) stellte in seinen Vorträgen heraus, dass die Amsterdamer Philosophie für die Psychologie sehr fruchtbar gemacht werden kann. Der renommierte Psychiater und Philosoph demonstrierte anhand vieler Fallbeispiele aus seiner Forschungsarbeit, dass der Dooyeweerdsche Ansatz der Komplexität des Menschen angemessener ist, als Anthropologien, die sich auf wenige Aspekte des Menschen konzentrieren. Hier bewährt sich insbesondere die Lehre von der »Souveränität im eigenen Kreis«, sagte Glas. Demnach ist die Wirklichkeit durch Sphären strukturiert, in denen jeweils eigene Gesetze gelten. So können etwa die Gesetze der Biologie nicht einfach auf die Psychologie übertragen werden oder umgekehrt. Denn während die Biologie das Biotische studiert, beschäftigt sich die Psychologie mit dem Psychischen. In beiden Spähren gelten unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten.

Hansjürg Huber, Präsident des Schweizer Martin Bucer Seminars, hatte anlässlich seines runden Geburtstags zu dem Symposium eingeladen. Der Initiator dankte in seiner Schlussrede beiden Professoren für ihre kompetenten und engagierten Einführungsvorlesungen. Ihnen sei es gelungen, den Teilnehmern die komplexen und zugleich leistungsfähigen Ansätze vorzustellen und die teilweise kontroversen Diskussionen zu leiten. Durch die »Beschäftigung mit der Amsterdamer Philosophie sei eine Basis dafür gelegt, um weiter an dem Thema zu arbeiten«, sagte Huber. Für die Arbeit mit Menschen im Sozialwesen, in der Medizin oder Seelsorge brauchen wir eine solide christliche Anthropologie. »Wir Christen müssten sprachfähiger werden und uns in die aktuellen Debatten um Welt- und Menschenbilder einmischen«, formulierte Huber als Wunsch für weitere Symposien.

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Kommentare

  1. Hallo Ron,

    der Dooyeweerd hat sich mit Strukturen der Wirklichkeit beschäftigt. Er sieht ja die Wirklichkeit in eigengesetzliche Sphären aufgeteilt, zu denen zum Beispiel die physikalische, die biotische, die psychische, die analytische, die soziale, die wirtschaftliche oder die ästhetische gehören.

    Nun habe ich auf Deiner Homepage nichts dazu gefunden. Nun poste ich meinen Kommentar also hier zu diesem Beitrag, er ist auch nicht schlecht.

    Das folgende Zitat von Rudolf Bultmann fand ich jüngst in einem Vortrag von Herbert Jäckle, den mir ein lieber Mitarbeiter zugesandt hat.

    Der Vortrag von Herbert Jäckle hat den Titel „Biologie der Schöpfung: Darwin oder doch Intelligent Design?“ Ich habe noch nicht herausgefunden, wo man ihn im Internet finden kann. Ein sehr lesenswertes Dokument, denn sowohl die Evolutionstheorie (implizit, sozusagen aus sich selber heraus) als auch die „Intelligent Design“-Theorie (explizit) wird ad absurdum geführt, und zwar von einem Evolutionstheoretiker!

    Also, der Bultmann soll folgendes gesagt haben:

    „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in
    Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in
    Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des
    Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu
    können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung
    christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der
    Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“

    Das solll er 1941 zur Eröffnung einer Theologentagung
    im Schwarzwald gesagt haben.

    Wenn der Bultmann das wirklich gesagt hat, dann zeigt mir das, daß er (jedenfalls bis) zu diesem Zeitpunkt keine persönliche Beziehung mit Gott gehabt hat.

    Jeder Ingenieur mit einer persönlichen Beziehung zu Gott kann aus seiner eigenen Erfahrung bezeugen, daß es sehr wohl ein Nebeneinander der „Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments“ (und natürlich auch des Alten Testaments) und der technischen Errungenschaften unserer Kultur gibt.
    Wer den Entwicklungsgrad einer Kultur anhand deren technischen Errungenschaften beurteilt, der hat das Leben mit Gott noch nicht kapiert. Mehr fällt mir dazu als langjähriger Ingenieur nicht ein. Ich kann es auch gerne mit konkreten Beispielen untermauern. In diesem Licht isst das o.g. Bultmann-Zitat blanker Unsinn.

    Ich frage mich dabei aber noch etwas Grundsätzliches. Der Bultmann wollte doch ein „Theologe“ sein, zumindest war er dafür bekannt. Theologen sind definitionsgemäß Leute, die über Gott Bescheid wissen (wollen).

    Gläubige dagegen sind Gott, die Gott persönlich kennen. In einer „two-way relationship“, nicht „only one-way“.

    Wie schade, daß so wenige Theologen gläubig sind.

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