Alvin Plantingas Hauptwerk in deutscher Sprache

517Ctls mUL SX335 BO1 204 203 200Alvin Plantinga schreibt in seinem Geleitwort zur deutschen Ausgabe von Warrent Christian Belief:

Es versteht sich: Deutsch ist die Sprache der großen Philosophie. Daher habe ich mich zunächst über die Möglichkeit einer deutschen Übersetzung meines Buchs Warranted Christian Belief gefreut, und jetzt bin ich froh darüber, dass das Vorhaben Wirklichkeit geworden ist. (Wer weiß, vielleicht wird das Buch ja in der deutschen Fassung gewinnen.) Hoffentlich wird es den deutschen Lesern von Nutzen sein. Außerdem wäre es schön, wenn die Übersetzung dazu beitragen könnte, dass es bei der Annäherung zwischen der angloamerikanischen und der kontinentaleuropäischen Religionsphilosophie zu Fortschritten kommt. Offensichtlich können wir eine Menge voneinander lernen; und da ist es wichtig, dass wir unsere intellektuellen Ressourcen bündeln und zusammenarbeiten.

Was möchte Plantinga mit dem Buch Gewährleisteter christlicher Glaube eigentlich? Hier ein längeres Zitat aus dem Vorwort:

Dieses Buch lässt sich in zumindest zwei grundverschiedenen Weisen auffassen. Einerseits handelt es sich um ein apologetisches und religionsphilosophisches Unterfangen, nämlich um einen Versuch nachzuweisen, dass eine Reihe von Einwänden gegen den christlichen Glauben fehlschlägt. Dieser Argumentation zufolge sind De-jure-Einwände entweder offensichtlich unplausibel oder sie setzen voraus, dass der christliche Glaube nicht wahr ist. (Zur ersten Kategorie gehören etwa die Einwände, die auf der Behauptung basieren, der christliche Glaube sei nicht gerechtfertigt oder lasse sich nicht rechtfertigen. Zur zweiten Kategorie gehören die Einwände, die auf der These beruhen, dem christlichen Glauben fehle die äußere Rationalität bzw. die Gewähr.) Folglich gibt es keine vertretbaren De-jure-Einwände, die nicht an De-facto-Einwände gebunden wären. Eigentlich hängt also alles von der Wahrheit des christlichen Glaubens ab. Doch damit ist die häufig geäußerte Meinung widerlegt, der christliche Glaube sei intellektuell inakzeptabel – egal, ob er wahr ist oder nicht.

Andererseits jedoch geht es im vorliegenden Buch um christliche Philosophie: um den Versuch, philosophische Fragen – Fragen, wie sie von Philosophen gestellt und beantwortet werden – aus einer christlichen Perspektive zu betrachten und zu beantworten. Für das im 8. und 9. Kapitel vorgestellte erweiterte A/C-Modell nehme ich zweierlei in Anspruch: Erstens zeigt es, dass und inwiefern der christliche Glaube durchaus gewährleistet sein kann, und widerlegt damit eine Reihe von De-jure-Einwänden gegen das Christentum. Außerdem möchte ich je-doch behaupten, dass dieses Modell ein brauchbares Denkgerüst liefert, mit dessen Hilfe Christen an die Erkenntnistheorie des christlichen Glaubens her-angehen können, insbesondere an die Frage, ob und inwiefern das Christentum gewährleistet ist. Demnach gibt es hier zwei Projekte – zwei Argumentationsstränge -, die gleichzeitig entfaltet werden. Das erste dieser beiden Projekte richtet sich an alle – an die Gläubigen ebenso wie an die Ungläubigen. Es soll zu einer fortwährenden öffentlichen Diskussion über die Erkenntnistheorie ihres Glaubens beitragen, ohne sich dabei auf spezifisch christliche Prämissen oder Voraussetzungen zu berufen. Dabei werde ich geltend machen, dass es, von diesem öffentlichen Standpunkt aus gesehen, nicht den geringsten Grund für die Annahme gibt, dem Christentum mangele es an Rechtfertigung, Rationalität oder Gewährleistung – jedenfalls keinen Grund, der nicht die Falschheit des christlichen Glaubens voraussetzt. Das zweite Projekt dagegen – also das Vorhaben, aus christlicher Sicht eine erkenntnistheoretische Darstellung des christlichen Glaubens zu geben – wird für Christen von besonderer Bedeutung sein. Bei diesem Projekt geht man von der Wahrheit des christlichen Glaubens aus und untersucht von diesem Standpunkt aus die Erkenntnistheorie des Christentums, indem man fragt, ob und inwiefern dieser Glaube gewährleistet ist. Vielleicht kann man es sich so vorstellen: Dieses Projekt verhält sich spiegelbildlich zum Vorhaben des philosophischen Naturalisten, der von der Wahrheit des Naturalismus ausgeht und sodann versucht, eine Erkenntnistheorie aufzustellen, die gut zu diesem naturalistischen Standpunkt passt.

Das Buch wurde von Joachim Schulte übersetzt, einem sehr erfahrenen Übersetzer, der beispielsweise Werke von Richard Rorty oder Donald Davidson in die deutsche Sprache übertragen hat. Allerdings muss ich dennoch warnen: Gewährleisteter christlicher Glaube ist keine leichte Lektüre!

VD: RK

Gewährleisteter christlicher Glaube von John Obrien Professor Of Philosophy Alvin Plantinga

Preis: EUR 39,95

58 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 39,95

Kommentare

  1. Clemens meint:

    Äußert sich der Übersetzer irgendwo darüber, warum er „warranted“ mit „gewährleistet“ übersetzt hat? Ich finde das ziemlich unverständlich. Gemeint ist doch wohl eher so etwas wie „begründet“ oder „gerechtfertigt“?

    Außerdem gehört das Wort „eigentlich“ (oben 2x!) wohl nicht zum Buchtitel … 😉

  2. Schandor meint:

    Stimme zu. Ich bin mir aber sicher, dass der Übersetzer sich damit gequält hat. Habe selbst lange über den Begriff nachgedacht. Das Problem: Es gibt – so scheint es – im Deutschen entweder kein Wort, das den Begriff genau abdeckt, oder aber existiert der Begriff im Deutschen so nicht (eher unwahrscheinlich).
    „Begründet“ hat den Nachteil einer eindeutigen Konnotation, den „warranted“ offenbar nicht hat. Auch „gerechtfertigt“ wäre eine petitio principii – das, was Plantinga meint, kommt epistemisch wohl vor jeder Rechtfertigung.
    Ich habe an „plausibel“ gedacht, aber das ist zu schwach. Vielleicht ist so etwas wie „ontologisches Gesichertsein“ gemeint, aber genau weiß ich es nicht. Ontologische Fundierung? Man müsste sich begrifflich herantasten, probieren, vorschlagen, um zu sehen, ob es einen Begriff oder einen Ausdruck aus mehreren Begriffen gibt, der konnotativ nicht danebengreift.

  3. @Clemens: Danke, habe den Link im Titel korrigiert. Wie Schandor schreibt: Die genaue Übersetzung ist schwierig. „Begründet“ wäre ja auch zwielichtig, da der Glaube nach Plantinga nicht begründungsbedürftig ist.

    Liebe Grüße, Ron

  4. Clemens meint:

    In MBS-Texte 120 scheint Thomas K. Johnson „berechtigt“ dafür zu verwenden …

  5. @Clemens: Das wäre eine Möglichkeit. Die wird wohl nicht von Thomas Johnson kommen, sondern von dem Übersetzer. War das etwas Schandor?

    Liebe Grüße, Ron

  6. Aus der Produktinfo von der DeGruyter-Seite:

    „Mit „Gewährleisteter Christlicher Glaube“ liegt nun endlich die deutsche Übersetzung des Hauptwerkes von Alvin Plantinga vor („Warranted Christian Belief“), dem einflussreichsten Religionsphilosophen der letzten Jahrzehnte. Mit dem schwer übersetzbaren Ausdruck „warrant“ (in etwa: Gewährleistung) meint Plantinga diejenige Eigenschaft, die eine wahre Überzeugung von Wissen unterscheidet. Genauer gesagt ist eine Meinung von S warranted, wenn S’ auf Wahrheit ausgerichtetes Erkenntnisvermögen in einer angemessenen Umwelt bauplanmäßig funktioniert; und Plantingas Hauptthese lautet, dass religiöse Überzeugungen warrant haben können. Das religiöse Erkenntnisvermögen erläutert Plantinga als (erweitertes) Aquinas/Calvin-Modell: Menschen verfügen demnach über einen Sensus Divinitatis, der allerdings durch die Erbsünde verdorben sei, so dass sie der Hilfe des Heiligen Geistes bedürften. Dass eine (religiöse) Überzeugung warrant hat, heißt nicht, dass sie nicht widerlegt werden könnte; solchen Widerlegungsmöglichkeiten (Projektionstheorien, die historisch-kritische Bibelwissenschaft, Postmodernismus, Pluralismus, Theodizeeproblem) widmet Plantinga einen großen Teil seines Buches“

  7. Schandor meint:

    @Jörg

    wahre Überzeugung = richtig, aber noch „weiß“ man es nicht.
    Wissen müsste dann im Kontext mathematisch/physikalischen Wissens liegen.
    Ein solches Wissen aber ist in Glaubensdingen nicht von Nutzen, da man im Glauben Dinge auf andere Art weiß wie in der Mathematik.
    Der Autor der Produktinformation versteckt entweder den Umstand, dass er Plantinga nicht verstanden hat, oder er war nicht in der Lage, die Dinge so zu erklären, dass sie auch verstanden werden können. Zudem vermischt er Dativ und Genitiv — daraus kann man nicht schlau werden.
    Versuch: Es gibt einen Unterschied zwischen einer Überzeugung, die man zurecht („warranted“) hat und dem Wissen um eine Sache. Genauer gesagt: Plantingas Meinung ist genau dann berechtigt (und damit richtig), wenn Plantingas Erkenntnisvermögen auf Wahrheit ausgerichtet ist und so funktioniert, wie es der Schöpfer haben wollte. Plantingas Hauptthese: Religiöse Überzeugungen können stimmen, können somit wahr sein. Das Erkennen dieses Erkenntnisvermögens kann zwar falsifiziert werden und es existieren auch nicht wenige Versuche einer solchen Falsifikation. Aber es sind eben nur Versuche, und Plantinga geht auf das Scheitern dieser Versuche ein, indem er sie zu Ende denkt.

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