ARD: „Koalition der Frommen“

Wie gefährlich ist – so fragt Tilman Jens in seiner brisanten ARD-Dokumentation morgen Abend in der ARD –, in unserem Land die Koalition der Frommen? Hat der „Sündenfall“ des Rechtsstaats Methode? In Kirchen gibt es kein nennenswertes Streikrecht, in bayerischen Klassenzimmern hängen die Kruzifixe noch immer, als hätte es nie ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegeben. Auch das Beschneidungsurteil von Dezember 2012 weist eine klare Richtung des Staates in seinem Verhältnis zur Religion.

Tilman Jens beleuchtet dieses Verhältnis in seiner Dokumentation und in seinem Buch und entfaltet es in pointierten Thesen:

  • Die Privilegien, die der Staat den Glaubensvereinigungen in demonstrativer Gottesfurcht gewährt, stehen lang schon in keiner Relation mehr zu ihrer tatsächlichen, gesellschaftlichen Bedeutung.
  • Eigentlich ist eine Organisation wie die katholische Kirche, die Verbrechen systematisch verdunkelt, ein Fall für den Verfassungsschutz. Aber die Religionsfreiheit genießt Immunität im Lande, die so schnell niemand aufhebt.
  • Einzig im Gottesstaat ist die gerne beschworene Religionsfreiheit ein Spiel ohne Grenzen.
  • Die Aussichten sind trübe: Da zieht eine Koalition der Frommen in den Krieg gegen den Rechtsstaat – und dessen Garanten aus der Politik lassen sich, in der Stunde der Bewährung, wie Nasenbären durch die Manege führen.

Also: ARD, „Koalition der Frommen – Wie viel Religion verträgt die Republik?“, Mittwoch, 04. September, 23.30 Uhr.

Wir dürfen gespannt sein und ahnen zugleich, was da wieder auf uns zukommt.

– – –

Nachtrag vom 05.09.13: Hier der Link zu Mediathek: m.daserste.de.

Kommentare

  1. Kirchenprivilegien sind rechtswidrig und unchristlich!

    Die in der Fernseh-Dokumentation dargestellten Privilegien der Kirchen sind – wie alle der sehr vielen weiteren nicht genannten Privilegien – nachweisbar rechtswidrig und unchristlich:

    1. Die in der Verfassung verankerte Religionsfreiheit beinhaltet auch eine so genannte „negative“ Religionsfreiheit, welche verbietet, dass eine Religion den Anspruch erhebt, vom Staat bevorzugt zu werden. Es ist verboten, das gleichberechtigte Freiheitsrecht einer anderen Religion zu beschneiden (wie bei allen Freiheiten gilt auch hier: Das eigene Freiheitsrecht hört dort auf, wo das Freiheitsrecht eines anderen anfängt). Nebenbei: Diese so genannte „Religionsfreiheit“ sollte schnellstmöglich in „Weltanschauungsfreiheit“ umbenannt werden, da sonst weiterhin die nach den Menschenrechten gleichberechtigten nichtreligiösen Weltanschauungen indirekt diskriminiert werden!

    2. In einer juristischen Doktor-Arbeit wird z.B. das Kirchensteuererhebungsrecht des Grundgesetzartikels 137 (6) WRV als „verfassungswidrig“ eingestuft (als so genanntes „verfassungswidriges Verfassungsrecht“), da es „in einem unauflösbaren Widerspruch“ zu Absatz 1 desselben Artikels steht („Es besteht keine Staatskirche“). (Die Dissertation stammt von Markus Kleine und ist 1993 als Buch erschienen unter dem Titel „Institutionalisierte Verfassungswidrigkeiten im Verhältnis von Staat und Kirchen unter dem Grundgesetz“).

    3. Das Bundesverfassungsgericht hat schon mehrfach den Staat aufgefordert, „weltanschauungsneutral“ zu sein (skandalöser Weise bisher ohne Erfolg), da nur dann Deutschland eine „Heimstatt“ für alle Menschen sein kann, egal ob sie eine religiöse oder nichtreligiöse Weltanschauung haben. Neutral bedeutet hier, dass keine Weltanschauung benachteiligt oder bevorzugt werden darf – und dennoch passiert diese Ungleichbehandlung seitens des Staates tagtäglich sehr viele Male!

    4. Auch die Menschenrechte verbieten jegliche Ungleichbehandlung im Weltanschauungsbereich. Wiederholt hat die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Frau Professor Jutta Limbach darauf hingewiesen, dass die „Goldene Regel“ (Konfuzius: „Behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest!“), die Grundlage der Menschenrechte und des deutschen Grundgesetzes ist, ohne die kein gedeihliches Miteinander möglich ist!

    5. Schließlich: Auch die christliche Nächstenliebe – ohne die ein Mensch kein Christ sein kann – verlangt, dass auf jegliche Bevorzugung verzichtet wird! Die Nächstenliebe wird in der Bibel u.a. so formuliert: „Liebe deinen Nächsten, denn was dir unlieb ist, tue ihm nicht!“ (Lev. 19,18; nach einer alten aramäischen Übersetzung). Sicher wäre es Christen sogar höchst „unlieb“, wären sie genauso benachteiligt wie z.B. zurzeit sämtliche nichtreligiöse Menschen!

    Daher finde ich, die Kirchen sollten sich im eigenen Interesse massiv dafür einsetzen, dass endlich alle unchristlichen Bevorzugungen ihrer oder auch anderer Religionen beseitigt werden.
    Vor allem denke ich dabei an:
    Gottesbezug im Grundgesetz (stattdessen Bezug auf Menschenrechte),
    Kirchensteuer (stattdessen Einzug der Mitgliedsbeiträge durch die Kirchen selbst),
    Religionsunterricht an öffentlichen Schulen (stattdessen Weltanschauungskunde und Ethik),
    staatliche christliche Feiertage (stattdessen nur weltanschauungsneutrale Feiertage, welche die Gesellschaft zusammenführen statt wie zurzeit spalten).

    Wenn heutige so genannte „Christen“ auf Bevorzugung bestehen, so finde ich dies auch historisch absurd und katastrophal: Christen waren am Anfang ihrer Geschichte eine kleine religiöse Sekte, welche sich der damaligen Religion der römischen Besatzungsmacht nicht unterwarfen und daher grausam verfolgt wurden. Aber als ihre Weltanschauung selbst Staatsreligion wurde, ermordeten sie noch viel mehr und grausamer alle anderen Menschen mit einer anderen Weltanschauung!
    Ich finde, wirkliche Christen sollten sich endlich wieder auf ihre Wurzeln der Nächstenliebe besinnen – andernfalls, finde ich, sollten bisherige Mitglieder der Kirchen austreten!

    Aber auch der Staat sollte sich verpflichtet fühlen, dass es soziale Gerechtigkeit auch im extrem wichtigen – da jeden betreffenden – Weltanschauungsbereich gibt (jeder Mensch hat – bewusst oder unbewusst – eine Weltanschauung)!
    Nur dann können sich alle Menschen in Deutschland „heimisch fühlen“, egal ob sie religiös oder nichtreligiös orientiert sind!

    PS. Zum neuen Beschneidungsgesetz:
    Als vor mehr als 2000 Jahren Juden und Muslime in ihren Religionen die Beschneidung ihrer minderjährigen Kinder verankerten, hatten Kinder noch keine eigene Rechte. Nun leben wir jedoch in einer ganz anderen Zeit, in der auch Kinder – mehr oder weniger gleichberechtigte – Menschen sind. Daher haben sie nach Menschenrechten und Grundgesetz haargenau wie bei den Erwachsenen dasselbe Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit!
    Die Drohung von Juden und Muslimen, im Falle keiner Beschneidungserlaubnis Deutschland zu verlassen, ist eine Erpressung und hätte von einem wehrhaften starken Deutschland selbstverständlich zurückgewiesen werden sollen!
    Religiöse Traditionen sind nicht dafür da, ewig weiter ausgeübt zu werden. Sie müssen stets neuzeitlichen Erkenntnissen angepasst werden – daher gibt es ja z.B. keine Menschenopfer oder „Hexen“-Verbrennungen mehr (aber auch keine Ermordungen von Juden, was noch während der Nazi-Diktatur eine weltanschauliche Tradition war – daher finde ich es absurd, wenn nun Juden ausgerechnet vom deutschen Staat die Erlaubnis einfordern, die Unversehrtheit der eigenen Kinder beschädigen zu dürfen!).

  2. Roderich meint:

    @Herr Moysich,
    vielen Dank für Ihren Beitrag – dem ich allerdings nicht zustimmen kann.

    3. Das Bundesverfassungsgericht hat schon mehrfach den Staat aufgefordert, „weltanschauungsneutral“ zu sein (skandalöser Weise bisher ohne Erfolg)

    Ist nicht die Annahme, ein Staat könne „weltanschauungsneutral“ sein, selber Resultat einer Weltanschauung? Was ist mit den Fundamenten der Gesellschaft? Beinhaltet nicht die Entscheidung für Rechtsstaat, Föderalismus etc. auch eine weltanschauliche Grundentscheidung – die im übrigen am besten mit dem Christentum vereinbar ist? Muss denn auch auf der Ebene jeder Weltanschauung gleiches Recht zugebilligt werden? Wenn nein, wieso nicht? Letztlich fordern Sie ja, dass Ihr Humanismus für die Frage, wie der Staat grundsätzlich geordnet werden soll, alleiniglich maßgeblich sein soll.

    Und was ist mit den eher atheistisch ausgerichteten Geisteswissenschaften heute (an staatlich geförderten Unis)? Sollte man als Christ dann nicht auch einfordern, dass überall, wo implizit säkulare Grundannahmen einfließen, ab jetzt eine Fußnote stehen muss, dass man das aus christlicher, muslimischer, hindustischer Sicht auch anders sehen kann? (Das heißt wir bräuchten ziemlich viele Neuauflagen von Büchern…). – Um nur mal wahllos ein paar Beispiele zu nennen.

    Weltanschauungen sind nicht neutral. Nach Ende der Nazi-Herrschaft kamen viele zur Erkenntnis, dass eine Abkehr von Gott uns das Problem des Nationalsozialismus beschert hatte – und das Christentum mit seiner Betonung der universellen Menschenwürde, der Verantwortung vor Gott, dem Gebot der Nächstenliebe etc., notwendig sei für den Erhalt der Menschenrechte bzw. der Freiheit. (Eine andere Strömung, die der Frankfurter Schule, teilte diese Sicht natürlich nicht und sah die Ursache des Nationalsozialismus im Deutschtum per se etc., welches letztlich eine Fehlanalyse war, geboren aus den säkularen marxistischen Grundannahmen der Frankfurter Schule).
    Der säkulare Humanismus hat diesen Impetus hin zur Menschenwürde nur geliehen vom Christentum und kann ihn selber nicht philosophisch begründen. (Denn wenn der Mensch keinen Gott über sich hat, nur aus Zufall aus Evolution entstanden ist, und eigentlich nur aus Materie besteht, wie soll er da in letzter Instanz „wertvoll“ sein? )
    Ist es dann nicht verständlich, dass man sich als Christ dafür einsetzen muss, dass der säkulare Humanismus in Grundfragen der Gesellschaft nicht das Sagen bekommt? (Liegen nicht auch Dawkins‘ Sicht des „pointless life“ und des Menschen als nur Träger der Gene (oder so ähnlich) ganz auf der Schine des Säkularen Humanismus, und wissen wir noch, wo das hinführte?)
    Das nur einige Gedankenschnipsel als vorläufige Antwort.
    Viele Grüße.

  3. rolf eicken meint:

    @Roderich
    In der Hauptsache teile ich die Meinung von Hr. Moysich. Das Sie das anders sehen, liegt daran, dass Sie Menschenrechte und -würde aus der streng religiösen Perspektive betrachten.
    „Der säkulare Humanismus hat diesen impetus hin zu Menschenwürde nur geliehen vom Christentum und kann ihn selber nicht philisophisch begründen.“
    Ich habe vor einiger Zeit einen Vortrag über den altgriechischen Begriff „Kalokagathia“ gehalten. Alles was heute unsere Sicht der Menschenrechte und-würde ausmacht, ist lange vor dem Christentum von den Griechen, von Sparta,
    ja sogar von den Babyloniern, Persern und Assyrern erdacht und aufgeschrieben worden. In meinem Vortag kommen zwar die Begrfiffe „Eudaimonia, Paideia, Kalokagathia, Nikomachische Ethik, Hohes Ethos usw., aber kein Wort von christlicher Ethik vor und trotzdem waren viele Menschen damals ethisch/moralisch mehr darum bemüht, wertvolle Menschen zu sein, als die meisten heute.
    Denken Sie an den Stein des Hammurabi. Lange, lange vor Christus wurden die dort hinterlegten Regeln aufgestellt. Dazu brauchen wir das Christentum wahrlich nicht, um wahrhaftige Humanisten zu sein. Das Christentum kann uns zu anderen Einsichten und Erkenntnissen führen, die auf einer anderen Ebene liegen. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Vieles was in den Evangelien steht, wurde vorher schon von Philisophen der Antike erdacht.
    Um Ihren ehrlichen Glauben beneide ich Sie. Leider habe ich bisher keinen Zugang zuirgendeiner Religion gefunden; denn jede behauptet von sich, die einzig Wahre und einzig Seeligmachende zu sein. Welche ist denn nun die Richtige? Eine kann nur richtig sein; d.h. im Umkehrschluß: die anderen belügen mich. Oder?
    MfG
    Rolf

  4. Alexander meint:

    Lieber Herr Eicken,
    die kalokagathia taugt nun wirklich nicht als Vorbild einer christlich verstandenen Menschenwürde. Oder Sie deuten da etwas hinein, was man im 5./4. Jh. damit keinesfalls gemeint hat. Es ist doch so, dass in der Kalokagathie das äußerlich und geistig Schöne und Gute angestrebt wird und nur der kalokagathos als vollkommener Mensch angesehen wird. Daher ja auch die ’schönen‘ klassischen Statuen nach dem Kanon des Polyklet, der Doryphoros, der Diadoumenos etc etc. Dem genau hält das Christentum entgegen: Auch der geistig oder körperlich versehrte Mensch, früher nannte man dies die Behinderten, auch dies sind vollkommene Menschen, da ihre Menschenwürde eben genau nicht darauf beruht, dass sie menschlichen Vollkommenheitsansprüchen genügen. Nach christlichem Verständnis leitet sich die Menschenwürde davon ab, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Dies gilt auch für Behinderte. Mit der Kalokagathie lassen sich Abtreibung und Euthanasie erstklassig begründen. In Sparta (Danke für das Beispiel) wurde ja auch entsprechend selektiert – postnatal. Die von der spartanischen Gerusie für zu krank und schwächlich befundenen Kinder wurden umgebracht. Nicht weniger grässlich als die pränatale Selektion von möglicherweise oder tatsächlich behinderten Kindern heute.

  5. Roderich meint:

    @Rolf,

    Leider habe ich bisher keinen Zugang zuirgendeiner Religion gefunden; denn jede behauptet von sich, die einzig Wahre und einzig Seeligmachende zu sein.

    Ich kann Ihre Zweifel verstehen. Das „Angebot“ von vielen verschiedenen Optionen kann verwirren. Problem Nr. 1 ist nur, dass „keine Wahl“ auch eine Wahl ist. Man kann nicht ohne Weltsicht, und jede Weltsicht basiert in den Grundfragen auf Glauben. Wenn es verschiedene Optionen gibt, (inklusive der „keine Wahl“), und sie widersprechen sich alle, können nicht alle gleichzeitig wahr sein. Hält man an Aristotelischer Logik fest, kann dann leider nur eine wahr sein. Es führt dann kein Weg daran vorbei, dass man alle Optionen im einzelnen und näher prüft.
    Man kann Gott bitten, sich einem zu offenbaren. Man kann (wie in Joh. 7, 16.17 von Jesus gesagt) es mal „versuchen“, die Gebote Jesu zu halten, (der Versuch sollte aber ernsthaft und ehrlichen Herzens sein), dann wird man sehen, dass es göttliche Gebote sind.
    Den Islam und den Hinduismus für keine sinnvolle Alternative zu halten, scheint mir nicht so abwegig – man vergleiche die Heiligen Schriften jeweils miteinander.
    Kurzum, mal eine gewisse Zeit (z.B. einen Monat, ein Jahr) reservieren, um „Gott von ganzem Herzen zu suchen“, das wäre hilfreich. Gott hat verheißen: wer Ihn sucht, wird finden.
    Aber machen Sie sich keinen Stress. Ein einziges Gebet reicht ja, und Gott wird Sie auch „suchen“.

    Eine kann nur richtig sein; d.h. im Umkehrschluß: die anderen belügen mich.

    Belügen halte ich für einen recht starken Ausdruck. Man kann auch etwas glauben, sich aber irren.
    (Leider gibt es so etwas wie Selbsttäuschung, der wir leider alle zum Opfer fallen können – unser Herz ist nun mal so.)

    (Was die vor-christliche Ethik angeht: Platon und Aristoteles waren recht nah an einem monotheistischen Gottesbild. Beide hatten also wesentlich theistischere Grundannahmen als der säkulare Humanismus. – Und gewiss, der Mensch hat auch ein Gewissen, es gibt so etwas wie „Naturrecht“, manches von gerechter Ordnung kann der Mensch vielleicht auch so erkennen; das würde ich auf die Gnade Gottes zurückführen („allgemeine Gnade Gottes“, wird das in der Theologie zuweilen genannt). – Sicher ein weites Feld und in kurzen Postings nicht abschließend abzuhandeln.

  6. rolf eicken meint:

    @ Roderich
    danke für Ihre ermutigenden Worte. Z. Zt. ist es wohl mein Kopf, der mir selbst im Wege steht.
    MfG
    Rolf

  7. rolf eicken meint:

    @ Alexander
    Sie haben sich das aus meinem Kommentar das ausgesucht, was Ihnen in Ihre Sichtweise passt. Das ist legitim. Aus Ihrer Sicht und für sich genommen stimme ich Ihrner Einschätzung zu.
    Kalokagathia ist aber auch eine Geisteshaltung, die sich nicht nur aus den zwei Komponenten Schön und Gut ergibt, sondern Kalokagathia ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Sie spiegelt das wider, wie die Menschen in der Antike versucht haben, wertvolle Mitglieder einer Gemeinschaft zu werden. Es bezeichnet die intelletuelle und ethische Erziehung im griech. Kulturraum, um zur seelisch-geistigen Harmonie zu kommen. Schön konnten auch Bauwerke, Kunstwerke, Ganzkörperstkulpturen (Büsten sind eine röm. Erfindung) sein. Erst Baumgarten und Kant haben den Begriff der Schönheit subjektiviert; d.h., sie haben ihn ins Auge des Betrachters verlegt. So sollte mein Vortrag positiv verstanden werden.
    MfG
    Rolf
    Sparta wurde von mir nur erwähnt, weil die Disziplin, die männlichen Tugenden und die Einstellung der Spartaner für die damalige Zeit einzigartig waren.

  8. Alexander meint:

    Lieber Herr Eicken,
    nein, ich habe die Kalokagathie nicht herausgenommen, weil sie mir grade passte, sondern ich habe an ihr pars pro toto gezeigt, dass Ihre Idee, das christliche Menschenbild sei durch vor-christliche Vorstellungen vorgeprägt gewesen und mit diesen sogar kompatibel, nicht aufgeht. Ich hätte das Gleiche auch mit der Paideia machen können (die bekanntlich eng mit der Kalokagathie verknüpft ist). Paideia ist nichts per se Schlechtes, wer hätte schon etwas gegen Bildung einzuwenden? Nur, Bildung macht nach christlicher Sicht nicht die Würde eines Menschen aus. Die Philosophen des 2. und 3. Jh.s sahen das anders. Kelsos war bekanntlich empört darüber, dass die Christen auch ‚Ungebildete‘ in ihre Reihen aufnahmen, darunter sogar Handwerker, Frauen und Sklaven. Wahrlich empörend!
    Wenn Sie in meiner Nähe wohnten, würde ich Ihnen anbieten, mit Ihnen noch einmal das Neue Testament durchzulesen, von mir aus auch auf Griechisch. Ich bin sicher, ich könnte viel von Ihrer Belesenheit lernen.

  9. Roderich meint:

    @Rolf,

    Z. Zt. ist es wohl mein Kopf, der mir selbst im Wege steht.

    Gerade lese ich das hochinteressante und lohnende neue Buch von Günter Rohrmoser (posthum herausgegeben von Harald Seubert): „Kann die Moderne das Christentum überleben? Oder: Kann die Moderne ohne das Christentum überleben?“ (Logos Edition).
    Dort schreibt Harald Seubert, selber einer der herausragendsten Philosophen der Gegenwart (aber wegen seines Glaubens in den Medien nicht so stark vertreten) in der Einleitung, S.12 :

    Rohrmoser zeigt, dass es ganz anders ist: Der christliche Glaube hat wie keine andere Religion eine Vermittlungsstruktur in sich, er ist also der Tendenz nach selbst philosophisch; und Philosophie kommt erst ganz zu sich, wenn sie sich am geschichtlichen Christentum, dem Anderen ihrer selbst, abarbeitet. … Luther gab erst einem philosophischen Denken die Lizenz, das zuvor auf den Knien gelegen hat und sich seiner eigenen Torheit innegeworden ist.

    Übrigens: wenn der Kopf im Wege steht, empfehle ich nebenbei noch das vergriffene „Wie können wir denn leben? Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur“ von Francis Schaeffer, welches den positiven Einfluss des Christentums auf den Westen nachzeichnet sowie die Gefahren einer Abkehr davon (auf Englisch ist das Buch heute billiger („How should we then live“, gebraucht für ca. 8 Euro), als auf Deutsch. (Ca. 22 Euro gebraucht).
    Sowie von David Noebel: „Kampf um Wahrheit. Die bedeutendsten Weltanschauungen im Vergleich. Humanismus. Marxismus. Esoterik. Postmoderne. Islam. Christentum.“ Dort wird u.a. auf eine Reihe von inneren Widersprüchen des säkularen Humanismus verwiesen.

  10. Roderich meint:

    @Rolf,
    zum Kontrast zwischen antikem Denken und Christentum möchte ich in Ergänzung zu dem von Alexander geschriebenen noch erwähnen: ein sehr gutes Buch dazu stammt von Alvin J. Schmidt und heißt „Wie das Christentum die Welt veränderte. Menschen. Gesellschaft. Politik. Kunst“. Besonders die ersten Kapitel sind da bezüglich der Menschenwürde sehr interessant – Schmidt zeigt, wie das Christentum in ganz zentralen Punkten eine Aufwertung des Menschenbildes herbeigeführt hat.

  11. rolf eicken meint:

    @ Meine Herren,
    danke für die div. Buchtitel. Da habe ich ja in der nächsten Zeit einiges zu lesen.
    Und danke für Ihre Anregungen in Ihren Beiträgen. Den meisten Erkenntnissen kann ich ohne zu zögern zustimmen.(z.B. wie :Würde hat nichts mit Bildung zu tun! m.M.n. aber sie kann durch dummes Verhalten beeinträchtigt werden)
    Dieser Blog hat schon was !!!
    MfG
    Rolf

  12. Roderich meint:

    @Rolf,
    besten Dank für Ihr Interesse und auch Ihre Wertschätzung.

    Ein kleiner Hinweis bzw. eine Selbstkorrektur sei mir noch erlaubt: ich empfahl manches an Sekundärliteratur. Man kann die Sache drastisch abkürzen und einfach das Neue Testament mal zwei mal durchlesen. Mit der Frage im Hintergrund: was würde es in der Gesellschaft verändern, wenn Menschen das umsetzen? (Oder auch: wie vergleicht sich das mit den Schriften anderer Religionen).
    Denn die Bibel war schließlich die Grundlage aller späteren Theologie und Sekundärliteratur, die wir heute dazu schreiben – daher kann man entscheidende Fragen vielleicht viel unmittelbarer beantwortet bekommen, wenn man die Bibel liest, als durch Sekundärliteratur.
    (Und vielleicht mit einer anderen Frage im Hinterkopf: Lieber Gott, bitte sprich zu mir).
    Meines bescheidenen Erachtens spricht das Neue Testament (bzw. die ganze Bibel) äußerst kraftvoll, und man kann beim Lesen schon sehen, wie revolutionär das war und auch heute noch ist!
    (Und hinzu kommt, dass die Bibel, wie ich es verstehe, vom Heiligen Geist inspiriert ist, was man auch beim Lesen merken kann. Bibel lesen ist auch heilsam.)
    Will man das Neue Testament in einem Monat durchlesen, benötigt man etwa eine Stunde am Tag. Ein vertretbarer Zeitaufwand.

  13. rolf eicken meint:

    @Roderich
    Da ich ab Mitte Okt. für ungefähr 6 Monate im Ausland bin, werde ich Ihre Anregung ernst nehmen und die Bibel ins Gapäck aufnehmen. Ich habe vor vielen Jahren die Bibel vom ersten Wort bis zum letzten Wort gelesen. Das Ergebnis war: Leere. Ich habe in diesem Blog einiges dazugelernt. Überzeugter Christ bin ich bis heute nicht geworden. Vielleicht geht mir ja jetzt „ein Licht“ auf.
    MfG
    Rolf

  14. Roderich meint:

    @Rolf,
    da wünsche ich Ihnen einen schönen Aufenthalt im Ausland.
    Mit dem Bibellesen: finde ich toll, dass Sie die Bibel schon einmal ganz durchgelesen haben. Bleiben Sie getrost dran, irgendwann macht es „klick“, und dann fängt Gottes Wort an zu Ihnen zu sprechen.
    (Und manchmal merkt man die Wirkung von Gottes Wort nicht direkt, aber es wirkt doch: Jesaja 55,11: Das Wort Gottes wird nicht leer zurückkommen).

  15. Alexander meint:

    Lieber Herr Eicken,
    ich wünsche Ihnen ebenfalls viel Vergnügen bei der neuerlichen Lektüre der Bibel und kann mich dem, was Roderich geschrieben hat, nur anschließen: Es kann dauern, bis es klickt, aber Gott ist ein lebendiger Gott und er hilft uns, die Bibel zu verstehen.
    Sie gehören offensichtlich nicht zu den arroganten Besserwissern, von denen es im Netz (ebenso wie außerhalb des Netzes) reichlich gibt. Ich möchte mich daher dafür entschuldigen, dass ich Sie an anderer Stelle auf diesem Blog etwas hart angegangen bin. Ich hatte Sie falsch eingeschätzt und das tut mir aufrichtig leid, ich hätte mich aber auch generell mehr zurückhalten sollen.
    Eigentlich sollte ich nun keine weitere Leseempfehlung hinzufügen, aber weil Sie offensichtlich Zeit haben und über klassische Bildung verfügen: Albrecht Dihle, ein Klassischer Philologe, hat 1952 einen großartigen Aufsatz geschrieben über „Antike Höflichkeit und christliche Demut“, der jetzt in seinen „Ausgewählte kleine Schriften zu Antike und Christentum“, 2013, wieder abgedruckt wurde. (Der Band enthält auch sonst viel Lesenswertes.) Vielleicht haben Sie Zugang zu einer Bibliothek, die den Band hält. Und wenn Sie Englisch lesen, will ich noch den Band von Edwin Judge, Jerusalem and Athens, empfehlen, dort die Beiträge Nr. 16-22. Judge hat wie kein zweiter Altertumswissenschaftler neben Dihle den Unterschied zwischen christlichem und antikem Denken verstanden.

  16. rolf eicken meint:

    @Alexander
    Es gibt keinen Grund für eine Entschuldigung. Wer in einem Blog unterwegs ist, der muss innerlich so gefestigt sein, dass er auch mal etwas einstecken kann, ohne gleich beleidigt zu sein..
    Danke für Ihre Buch-Empfehlung. Ich werde in naher Zukunft sicher nicht dazu kommen, dieses Buch zu lesen, aber es steht bereits auf meiner Liste der 5 zu erwerbenden Bücherempfehlungen aus diesem Blog, was finanziell für mich kein Problem ist.
    Ich spiele zwar in Spanien in einem englischen Tennisclub, aber mein Englisch ist nicht so gut, dass ich auf spezielle Literatur eingehen könnte. (Für small-talk reicht`s)
    Trotzdem nochmals, danke für Ihre Vorschläge.
    MfG
    Rolf

  17. Jörg H. meint:

    Lasst uns doch Volksbegehren auf Länderebene zur Abschaffung der Kirchenprivilegien starten! In den fünf ostdeutschen Ländern hätten solche Volksbegehren große Aussicht auf Erfolg, weil dort die Mehrheit konfessionslos ist.

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