Arnold E. Loen

Herman Dooyeweerd und Arnold E. Loen sind zwei niederländische Philosophen, die im letzten Jahrhundert versucht haben, eine genuin christliche Philosophie zu entwickeln. Beide Denker sind in Deutschland wenig bekannt. Während Dooyeweerd immerhin in den Namensregistern einiger Werke zu finden ist (siehe z.B.: The Covenant of Redemption: Origins, Development, and Receptionvon John Fesko), in der englischsprachigen Ausgabe von Wikipedia mit einen eigenen Eintrag geführt wird und durch Francis Schaeffer popularisiert worden ist, ist Loen fast völlig von der Bildfläche verschwunden (das Buch Säkularisation: Von der wahren Voraussetzung und angeblichen Gottlosigkeit der Wissenschaft ist allerdings noch antiquarisch zu haben).

Die SMD hat jedoch, wie ich kürzlich entdeckte, 1982 einen Aufsatz zu Arnold E. Loen veröffentlicht (Porta, Heft 30, Frühjahr 1982, S. 33–39). Der Autor Brede Kristensen, ein Soziologe aus den Niederlanden, schreibt dort über Loens Erkenntnistheorie (S. 36–37).

Die Revolution Kants versinkt im Nichts im Vergleich zu der Revolution des philosophischen Denkens, die Loen fordert. Gott ist der feste Grund, auf dem wir leben dürfen, worüber wir aber nicht verfügen können. Und Gott offenbart sich in seinem Wort: Er spricht die Wahrheit. Der Mensch darf die Wahrheit mit Worten und Begriffen, die ihre Bedeutung dem göttlichen Wort entnehmen, nachsprechen. Die menschliche Erkenntnis setzt Wahrheit voraus, und es ist zumindest ihr Bestreben, die Wahrheit zu entdecken und auszusprechen. Diese Voraussetzung impliziert eine zweite Voraussetzung, nämlich die Aussprechbarkeit der Wahrheit. Ist die Wahrheit potentiell erkennbar? Diese Frage kann der Mensch von sich aus nicht beantworten. Descartes, Hume, Kant haben damit gerungen. Kant löst das Problem, indem er das Wissen auf menschliche Kategorien gründet. Das »Ding an sich« ist nicht erkennbar. Die letzten Fragen bleiben unbeantwortet. Auch Gott ist für ihn unerkennbar. Kant: »Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.« Mit anderen Worten, die in der Vernunft festgelegten Möglichkeiten des Wissens bestimmen, welcher Platz dem Glauben übrigbleibt. Dieser Platz ist bekanntlich immer kleiner geworden, und, wie ebenfalls bekannt ist, hat Kant keinen festen Grund für das Wissen finden können. Loen kehrt daher diese Beziehung um: Der Glaube weist der Vernunft ihren Platz. Dieser Glaube kann christlich oder nicht-christlich, prononziert oder bloß ein vages religiöses Existenzwissen sein, aber ohne Glauben wird es keine Philosophie, ohne Glauben auch keine Erkenntnis geben.

Umgekehrt enthält auch der Glaube an Gott ein Erkennen. Ohne irgendeine Form von Wissen um Gott und sein Handeln wäre der Glaube absurd. Der Glaube kommt aus dem Hören; er ist Antwort auf das Wort Gottes, das zu dem Menschen gesprochen wird. Wissen und Glauben gehen Hand in Hand. Beide sind Gaben Gottes. Der Glaube ist das Fundamentalere der beiden.

Kommentare

  1. Eine wunderschöne Einstellung. Kant hat ja Gödel nicht kennen können.
    Mir verschließt sich sein sehr komplizierter Gottesbeweis, der ja schon 1941 formuliert wurde, aber erst vor kurzem ausgearbeitet wurde.
    Aber nicht die daraus folgende Konsequenz. Siehe mein Blog.

    Man kann also Gott als Gewissheit annehmen, was mir schon früher gelang.
    Das hat natürlich Auswirkungen:
    Es schließt ein, dass Gott für alle Zukunft vorgesorgt hat was immer auch der Mensch benötigen wird. Mit dem Freien Willen ausgestattet, müssen wir das selbst entdecken. Jesus war das alles offenbar. Es ist uns alles möglich und erlaubt. Wir selbst setzen die Grenzen, die wir leichtsinnigerweise zu oft überschreiten. Jesus spricht auch von der Verantwortung, für die alle einstehen müssen und ihre Unsterblichkeit aufs Spiel setzen. Ich meine beispielhaft das mit dem Kamel, das eigentlich ein Schiffstau sein sollte.

  2. „Kant: »Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.« Mit anderen Worten, die in der Vernunft festgelegten Möglichkeiten des Wissens bestimmen, welcher Platz dem Glauben übrigbleibt. Dieser Platz ist bekanntlich immer kleiner geworden,“

    Kleiner geworden? Kant dekonstruiert die Vernunft. Das ist sein Programm, wie es im ersten Satz sehr schön zum Ausdruck kommt oder auch in einem anderen: „Sie tun wohl, dass Sie ihre einzige Beruhigung im Evangelium suchen; denn es ist die unversiegbare Quelle aller Wahrheiten, die, wenn die Vernunft ihr ganzes Feld ausgemessen hat, nirgend anders zu finden sind.“

  3. Roderich meint:

    @Gast2,
    enstammte das letzte Zitat in Ihrem Beitrag aus Kants „Reflexionen“ oder aus dem „Nachlass“ Kants?
    Denn Kant glaubte eigentlich nicht mehr an das Evangelium, jedenfalls nicht an das biblische (Errettung durch Gnade). Für ihn muss man sich selber erlösen – durch Halten des kategorischen Imperativs.

    Ja, Kant hat das Problem, wie wir überhaupt etwas in der Außenwelt zuverlässig erkennen können, so gelöst, dass er sagte: wir machen das alles selber (mit unseren Kategorien). Alles, was wir erkennen, sind Erscheinungen (die wir ja erst konstruiert haben). Aber wenn der Mensch selber Urheber der Erscheinungen ist, bleibt eben kaum noch Raum für den handelnden Gott, der in die Welt eingreift, Wunder tut etc.

  4. @Roderich

    „Denn Kant glaubte eigentlich nicht mehr an das Evangelium, jedenfalls nicht an das biblische (Errettung durch Gnade). Für ihn muss man sich selber erlösen – durch Halten des kategorischen Imperativs.“ schreiben Sie.

    Das ist eine steile These! Ich lasse einmal Kant antworten: Der Glaube an einen Gott und eine andere Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so verwebt, dass so wenig ich Gefahr laufe, die Letztere einzubüßen, ebenso wenig besorge ich, dass mir die Erstere jemals entrissen werden könne.

    Liebe Grüße!

    P.S. Das angefragte o.g. letzte Zitat stammt aus einem Briefwechsel mit Johann Heinrich Jung-Stilling.

  5. Ich habe mir das Buch von Loen besorgt. Ein erster Einblick förderte doch ziemlich viele poetische Noten im Stil von Barth zu Tage. War Loen ein Barthianer?

  6. Roderich meint:

    @Gast2,

    Der Glaube an einen Gott und eine andere Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so verwebt, dass so wenig ich Gefahr laufe, die Letztere einzubüßen, ebenso wenig besorge ich, dass mir die Erstere jemals entrissen werden könne.

    Ja, Kant glaubte an das „Moralgesetz“ (als das einzige Faktum der reinen Vernunft), aber er meinte, wir selber müssen es aus eigener Kraft halten. Von Vergebung, Gnade, Rettung aus Glauben etc. ist bei ihm selten oder nie die Rede, es geht um das zu haltende Moralgesetz. Damit geht er am Evangelium vorbei, wie Dir der Galaterbrief des Paulus schön aufzeigen kann.

    Nun kann es gut sein, dass Kant auf seine eigene Weise noch irgendwie „fromm“ war, dass er gottesfürchtig war, dass er christliche „Werte“ gut fand. Er hielt z.B. Zeit seines Lebens seine Eltern, die überzeuge Pietisten waren, in hohen Ehren, und war bis ins hohe Alter vom teleologischen Gottesbeweis überzeugt (als zwar nicht 100% mathematisch gewiss, aber als sehr anschaulich). Aber das macht ihn noch nicht zu jemandem, der das biblische Evangelium glaubt. Sehr schade für ihn, und sehr schade für die Philosophiegeschichte.

Deine Meinung ist uns wichtig

*