B.B. Warfield’s Path to Inerrancy

Im Westminster Theological Journal ist der Artikel:

  • Paul Helm: »B. B. Warfield’s Path to Inerrancy: An Attempt to Correct Some Serious Misunderstandings«, WTJ, Vol. 72, 2010, S. 23–42

erschienen. Helm schreibt:

There may well be features of Warfield’s path, the logic of his argument for the doctrine of biblical infallibility or inerrancy, that are open to criticism. Perhaps there is an inherent logical weakness in his inductivist approach to the data of Scripture. Perhaps Warfield is too naïve in his acceptance of the general reliability of the Bible. Perhaps he does not appreciate as he should that a river cannot rise higher than its source, that a book whose inerrancy is established on inductive grounds is, at best, only very probably inerrant. Perhaps he does not do justice to what Calvin called the self-authenticating character of Scripture. Perhaps he does not sufficiently stress the ineffability of the operation of the divine and human elements in the concursus that is inspiration. Perhaps at certain points he is under the influence of the Scottish Common Sense Philosophy. Perhaps he is not sufficiently under the influence of that philosophy. All such issues are a matter of legitimate debate. But these legitimate points of debate must arise from a fair and accurate and full exposition of Warfield’s views themselves, not from a caricature of them. To follow up these important issues here would take us beyond the scope of this study, which is to consider Warfield’s own path to inerrancy, not whether this is the best possible path.

Der Artikel, der gewiss einige Debatten anstiftet, kann derzeit hier heruntergeladen werden: Warfield20Inerrancy.pdf.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Ist denn die Unfehlbarkeit der Schrift nicht immer schon eine Glaubensfrage gewesen und somit aus prinzipiellen Gründen unbeweisbar? Ich zum Beispiel glaube an die Irrtumslosigkeit des Urtextes. Die Grundtexte (TR weitgehend ausgenommen) strotzen so von Abweichungen (sie gehen in die zigtausende), dass die Nestle-Aländer dem Heiligen Geist ständig beistehen müssen und uns ständig einen neuen Grundtext zusammenstellen müssen, woraus dann die einzelnen Bibelgesellschaften recht großzügig und eklektisch ihre jeweils eigenen Bibelübersetzungen zusammenstellen. Kein Wunder, dass diese Diskussion so sehr zu „Missverständnissen“ führt, denke ich.
    Dass der Heilige Geist über seinem Wort wacht, hat er mehrfach bekräftigt. Jeder Versuch, die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Schrift (Urtext!) zu bezweifeln, ist simpel gesagt Unglaube, sonst nichts. Aber wir sind heute so wissenschaftlich, so tolerant geworden. Da darf man so scharfe Worte nicht gebrauchen, klar, klar…
    Selbst der konservative William Shedd sucht die Leser seiner „Dogmatic Theology“ zu beruhigen: Die Abweichungen sind so schlimm auch wieder nicht. Stimmt aber nicht. Sie sind schlimm. Da wundert es einen nun freilich nicht, wenn man irgendwann gleich überhaupt über die Irrtumslosigkeit der Schrift nachdenken muss, meint
    Schandor

  2. Joel213 meint:

    Was würde denn dagegen sprechen, dass der Heilige Geist durch „Nestle-Aland“ den ursprünglichen Text wieder herstellen will? Ich halte TR mit seinen Hinzufügungen und Fehlern für minderwertiger als NA.

  3. Schandor meint:

    Es spräche dagegen, dass er ausgerechnet höchst bedenkliche „Theologen“ (die selbst zuhauf nicht an die Irrtumslosigkeit der Schrift glaubten) dazu verwendet, seine Fehler auszubügeln, die er sich 1800 Jahre lang durch den überlieferten Text geleistet hat — für mich hart an der Grenze zur Lästerung.
    Von minderwertig kann im TR kaum die Rede sein, verglichen mit den vielen Solözismen und Barbarismen z. b. allein in der NA-Offenbarung. Der Heilige Geist ist ein Gott der Ordnung, der Geist, der hinter Westcott, Hort & Konsorten steht, ist ein „durcheinanderwerfender“ Geist (die Anspielung verstehst du). Allein א und Vaticanus weichen schon in tausenden Stellen voneinander ab.
    Beim Grundtext handelt es sich um KEINE wissenschaftliche Frage (das ist eine geschickte Lüge), sondern um eine Glaubensfrage.
    Wirf mal einen Blick auf folgendes Video: http://www.youtube.com/watch?v=SlVHR7c-34s
    lg
    Schandor

  4. … erstaunlich nur, dass es so wenige (wohl nichteinmal eine Hand voll) anerkannte Textkritiker gibt, die – obwohl sie an die Unfehlbarkeit der Schrift glauben – es mit dem byzantinischen Text oder ‚dem‘ TR halten… Ob da nicht doch wissenschaftliche Erwägungen dahinterstehen könnten…?

  5. Joel213 meint:

    Der ursprüngliche Text der Schriften kann nicht wieder zu 100% hergestellt werden. Das gilt insbesonders für das AT. Anscheinend ist der genaue Wortlaut in der Gesamtheit der Heiligen Schrift für Gott nicht so wichtig. Das ist auch gut so, denn deswegen dürfen wir ihn auch ins deutsche übersetzen und müssen nicht wie beim Koran alle eine alte Form des arabischen lernen. Ich bin auch überzeugt, dass ein Luther den NA-Text genommen hätte, da es der beste zur Verfügungstehende Text in seiner Zeit war. Das Hauptargument für einen TR ist doch eigentlich, dass angeblich durch ihn in der Reformationszeit viel gewirkt wurde und grade nicht das er dem Original am nächsten kommt (dies wird dem TR aufgrund seiner Wirkung einfach nur unterstellt). Der Heilige Geist wirkt da wo er will, auch unter und durch NA-Forscher. Das ist im Kern meine Meinung und ich glaube an die Irtumslosigkeit der Schrift (Chicagoer Erklärung). Wenn jemand mehr auf den TR steht (glaubt) und befürchtet alle anderen Textarten sind vom Teufel verfälscht worden, dann darf er das gerne tun. Die Textkritik bleibt jedoch weiterhin wissenschaftlich, ob es denen jetzt passt oder nicht… 🙂

  6. Schandor meint:

    @Joel

  7. Schandor meint:

    @Joel (sorry)
    Ja, der ursprüngliche Text ist in dieser Form nicht mehr erhalten. Auch zum Wortlaut gebe ich Dir gerne recht. Darum geht es aber nicht.
    Dass Luther diesen Text nicht genommen hätte, ist insofern klar, als der TR der damals von allen(!) akzeptierte Text gewesen ist. Die Christen hätten den NA-Text nicht akzeptiert, weil sie um so viel kürzer sind wie beide Petrusbriefe zusammengenommen. Im Übrigen ist ein „hätte“ hier nicht wichtig.
    Der Heilige Geist wirkt da, wo er will, das stimmt. Eines ist aber suggestiver Unsinn: Dass man, wenn man den TR für den richtigen Text hält, automatisch glaubt, alle anderen Textarten seien vom Teufel verfälscht. In die Richtung dürfen wir uns nicht hineindiskutieren.

    @Christoph Heilig
    Das ist weniger erstaunlich, als man glaubt. Aber wenn zählen soll, was die Mehrheit glaubt, werde ich sofort katholisch 😉

    @Joel
    Die Textkritik mag so wissenschaftlich sein wie sie will, aber Du scheinst meine Aussage nicht verstanden haben: Es handelt sich hier nicht um eine Frage der Wissenschaftlichkeit, sondern um eine Glaubensfrage. Kennst Du die Geschichte der Textkritik? Hast Du Burgon gelesen? Er sagt einmal:

    „Es gibt keinen Grund, anzunehmen, der himmlische Vermittler habe sein Amt niedergelegt, nachdem er der Menschheit die Schriften der Wahrheit anvertraut hatte, und dass er sich seines Werkes nicht mehr kümmere und diese kostbare Schrift ihrem Schicksal überließ. Dass es zu ihrer Bewahrung eines bleibenden Wunders bedarf — dass Abschreiber gegen die Gefahr eines Irrtums bewahrt werden und böse Geister daran gehindert werden, schändlich gefälschte Kopien in Umlauf zu bringen —, das wird — wie allgemein angenommen — wohl kaum jemand bestreiten. Es ist aber eine ganz andere Sache, zu behaupten, die Heiligen Schriften müssen notwendigerweise auch durch die Zeiten hindurch der besondern Sorge Gottes obgelegen sein; dass die Kirche mit seiner Hilfe mit fähigem Verstand darüber gewacht hat; dass sie Fälschungen von echten Schriften unterschied und allgemein nur eine einzige zuließ und alle anderen ablehnte. Ich bin völlig abgeneigt, anzunehmen — so extrem unwahrscheinlich ist das —, dass sich nach 1800 Jahren 995 von 1000 Abschriften als unzuverlässig herausstellen sollen und dass sich nur eine, zwei, drei, vier oder fünf der übriggebliebenen, die bis gestern noch so gut wie unbekannt waren, als solche Handschriften erweisen, die das ursprünglich inspirierte Geheimnis des Heiligen Geistes enthalten. Ich bin auch völlig unfähig, anzunehmen, dass Gottes Versprechen so vollständig sich sollte in Nichts aufgelöst haben, dass es einem deutschen Textkritiker gewährt wurde, das Evangelium 1800 Jahre später ausgerechnet aus einem Papierkorb in einem Katharinenkloster herauszufischen und der gesamte Text jetzt nach dem Muster einiger weniger Abschriften, die 1500 Jahre lang ignoriert worden waren, neu zusammengestellt werden muss, während hunderte andere in Stücke zerlesen wurden und so zu Zeugen weiterer Abschriften geworden waren.“

    Ein drittes Mal: Es ist eine Glaubensfrage. Die Geschichte einer diabolischen Verzerrung, und von der eigenen Meinung hier loszukommen, das schaffen die wenigsten Christen, denn das würde bedeuten, sie hätten sich in den vergangenen Jahren geirrt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Bezeichnenderweise sitzt dem ganzen NA-Gremium ausgerechnet — ein Jesuit vor. Sehr passend.
    lg
    Schandor

  8. „Das ist weniger erstaunlich, als man glaubt. Aber wenn zählen soll, was die Mehrheit glaubt, werde ich sofort katholisch ;-)“

    Da machst Du es Dir zu einfach: Das entscheidende ist doch, dass Du behauptest, ‚die Textkritiker‘ hätten andere als wissenschaftliche Motive, den TR als durchaus verbesserungswürdig einzustufen: „Beim Grundtext handelt es sich um KEINE wissenschaftliche Frage (das ist eine geschickte Lüge), sondern um eine Glaubensfrage.“
    Und Leute wie W&H haben da wohl eben den falschen Glauben…
    Aber wie bringst Du in diesem (sehr einseitigen) System Leute wie Gordon D. Fee unter? Einen großartigen Neutestamentler und Textkritiker, der sich zur Inspiration der Bibel bekennt? Du wirst ihm doch wohl nicht denselben ‚Geist‘ unterstellen, wie den anderen bösen Jungs, die Du anführst? Was glaubst Du, warum er nicht viel vom TR hält? Ich wüsste nicht, welchen Glaubensgrund man da anführen könnte, welches Vorurteil. Du etwa?

  9. Kurzer Nachtrag: Du sprichst ständig von den NA-Leuten. Als wären das die einzigen Textkritiker auf der Welt… Es geht nicht um „NA vs. TR“. Es geht darum für ganz spezifische Variationseinheiten zu diskutieren, welche Variante wohl die ursprüngliche sein dürfte. Da muss der NA-Text nicht immer recht haben (das neue SBLGNT weicht ja auch an einigen Stellen davon ab…). Aber an manchen Stellen kann man heute einfach sagen, dass der TR eine nur schlecht bezeugte Lesart bietet. Das ist eine ganz wissenschaftliche und unideologische Feststellung. Ist das denn so schwer zu verkraften?

    BTW: Natürlich bringt es argumentativ wenig ein, traurig zu sein, weil eine ’schöne‘ und geliebte Lesart nicht mehr als ursprünglich angesehen wird. Ob dies so ist oder nicht muss unabhängig davon entschieden werden, wie gerne man die Lesart hat. Aber spaßeshalber möchte ich doch mal auf Joh 1,18 verweisen. Haben da die modernen Textkritiker plötzlich doch nen Anflug von richtigem Inspirationsglauben bekommen und darin sogar den TR an Rechtgläubigkeit übertroffen…?

  10. @Alle: Das Hauptthema des Aufsatzes von Helm ist ja ein anderes als die Textkritik. Trotzdem vielen Dank für den Austausch! Kurz dazu:

    Es gibt notwendige Verunsicherungen und Verunsicherungen, die unnötig Not machen. Bei der Debatte um den zuverlässigen Grundtext wird oft unnötig verunsichert, da das Evangelium von Jesus Christus sowohl von den byzantinischen (Textus Rezeptus = TR) als auch von den alexandrinischen (z.B. Nestle-Aland = NA) Handschriften verkündigt wird. Der Gesamtbestand zwischen beiden Ausgaben liegt bei ca. 98 Prozent. Keine abweichende Lesart zwischen den Ausgaben stellt das Evangelium oder eine wichtige biblische Lehre in Frage. (Das AT lasse ich jetzt unberücksichtig. Gegenüber dem NT sind die Abweichungen eher unerheblich, da wir mit der Leningrader Handschrift eine solide Grundlage haben und die Abweichungen (z.B. zum Ben-Ascher) wegen des Erzählstils nicht so schwer ins Gewicht fallen.)

    Es gibt auf beiden Seiten der Debatte hervorragende Neutestamtler. Da die Vertreter des NA in D eher bekannt sind, weise ich mal darauf hin, dass Dr. Jakob van Bruggen 1975 auf dem Jahrestag der theologischen Akademie in Kampen ein Plädoyer für die Rehabilitation des byzantinischen Textes gehalten hat (die Vorlesung in holländischer Sprache wurde vom „Vuurbaak“ in Groningen als Band 16 der Reihe „Kamper bijdragen“ veröffentlicht). Er hat nicht gesagt, der TR sei fehlerfrei (wir wissen ja z.B., das Erasmus Offb 22,16-21 einfach aus dem Lateinischen ins Griechische übersetzt hat (weil das Fragment fehlte) und dabei Fehler machte). Aber er forderte, dass Textkritik auf der Grundlage des byzantnischen Textes erfolgen sollte. Tatsächlich findet der Mehrheitstext in jüngster Zeit wieder verstärkte Beachtung. Hier ein Zitat:

    Es spricht deshalb alles dafür, den Kirchentext wieder einzusetzen. Schon von der griechischen Kirche ist er jahrhundertelang als der alte und richtige Text angenommen worden. Seine Berechtigung braucht nicht bewiesen zu werden. Derjenige, der denkt, er weiß es besser als jene, die den Text in der Vergangenheit bewahrten und weitergaben, sollte mit Beweisen kommen. Die Kirchen der großen Reformation machten sich diesen Text wohlüberlegt zu eigen, als sie wieder den griechischen Text als Ausgangspunkt wählten. Dieser Text verdient es, als vertrauenswürdig anerkannt zu bleiben, es sei denn, von einem wiedergefundenen, besseren Text her können wirkliche Gegenbeweise erbracht werden. Es gibt jedoch keine besseren Texte. Es gibt Theorien über einen besseren Text, und es gibt Rekonstruktionen von einem solchen Text. Diese können aber die Tatsache nicht verdecken, daß angesichts der Verwerfung des altehrwürdigen, wohlbekannten Textes im 20. Jhdt. nur die Verlegenheit der herauslesenden Methode und einer neuerlich mutmaßenden kritischen Beurteilung übrigbleibt. Angesichts dieser modernen Textkritik plädieren wir für die Rehabilitierung des altehrwürdigen und wohlbekannten Textes. Das bedeutet, daß wir diesen Text, der in einer großen Mehrheit der Textzeugen zu finden ist und der all den altehrwürdigen Bibelübersetzungen der Vergangenheit zugrundeliegt, nicht fallen lassen, sondern ihn hoch schätzen und benutzen.
    Die Wiedereinführung des wohlbekannten, aber verworfenen byzantinischen Textes zum Gebrauch führt zu einem völlig anderen Horizont der Textkritik. Sie wird sich in einem reformatorischen Sinn selbst die Aufgabe stellen, diesen Text zu bewahren. Hier kann verwiesen werden auf die häufig zu Unrecht vergessene Arbeit von Gelehrten wie Nolan, Reiche, Scrivener, Burgon, Birks und Miller, die sich damals den Theorien von Griesbach, Lachmann und Westcott-Hort entgegenstellten. Die Beziehung zum byzantinischen Text, der auch von ihnen verteidigt wurde, beinhaltet von der geschichtlichen Linie her zuallererst eine Beziehung zum und eine Verbesserung des Textus Receptus, des gedruckten griechischen Textes aus der Zeit der Reformation. Die Befürwortung der Rückkehr zum bekannten Kirchentext meint sicherlich nicht, daß dieser Textus Receptus in kanonischen Rang zu erheben sei. Aber dieses Plädoyer erkennt klar die Berechtigung des Grundsatzes hinter diesen Textausgaben der Reformationszeit. Der Textus Receptus sollte nicht wegen seiner Mängel kategorisch abgelehnt werden, sollte aber, seinem eigenen Entwurf und seinem Zweck entsprechend, gemäß dem sogenannten byzantinischen Text korrigiert werden. Dies führt zu einer positiv orientierten Textkritik, die ihre Aufmerksamkeit auf alles überlieferte Material konzentriert, ohne diskriminierende Behandlung.

    Aber es gibt auch schwerwiegende Gründe für den NA. Ich habe hier mal den Link auf eine Ausarbeitung von J. Schmitsdorf, der in einer Tabelle die Argumente gegenüberstellt:

    http://home.sdirekt-net.de/jschmitsdorf/texte/tr_na.html

    Nochmal: Es geht bei der Diskussion um den zuverlässigsten Grundtext um wichtige Fragen. Aber es gibt keinen Grund für eine große Verunsicherung.

    Liebe Grüße, Ron

  11. Schandor meint:

    @Ron
    Danke für den Beitrag! Ich persönlich glaube nach eingehender Prüfung einiger hundert Stellen im NT nicht, dass die Unterschiede unerheblich sind, sondern ganz im Gegenteil sogar sehr erheblich. Aus diesem Zweck stelle ich ein paar „unerhebliche Unterschiede“ zw. TR und NA (besser: Alt-Text und Neu-Text, da der Neu-Text eine ständige Redaktion ist, so dass man von keinem feststehenden Block sprechen kann) ins Netz.
    Ich war selbst fest davon überzeugt, dass NA der „richtige“ Text ist und bin durch einen monatelangen Kampf gegangen, der mich beinahe den Glauben gekostet hat (und ich versichere jedem, der es mit der gelichen Ergriffenheit tut, dass ihm ähnlich Schweres bevorsteht). Mir war es zuwenig, die Schriften irgendwelcher Verteidiger zu lesen. Ich habe mir die Stellen einzeln angesehen, nacheinander, vom Mt. 1,1 bis Offb. 22.
    Auf Einzelheiten einzugehen ist hier freilich nicht der Platz.
    Der Witz aber ist: Die Bibelübersetzungen (in besonderm Maß die ESV!!!) sind eklektisch! Sie sind es, die entscheiden, was in den Bibeltext kommt, nicht etwa die NA-Redaktion oder der TR! Da ich das gesamte NT anhand der ESV durchgegangen habe, habe ich das ganz lebhaft bewundern und bestaunen können! Wie die anderen Übersetzungen mutet sie dem Leser zu, der UBS einfach zu glauben wie dem Wort Gottes selbst. Sie gibt oft nicht einmal an, woher und mit welchem Recht sie das einemal aus NT, das andere mal aus TR zitiert. Völlig nichtssagende Floskel wie „Other MS“ usw. — und das bei einer Studienbibel!
    Naja, die Mehrheit merkts ohnehin nicht.
    Mir hat es Gründe für große und allergrößte Verunsicherung gegeben. In einer Hinsicht stimme ich Dir aber gerne zu: Solange man sich bei dem Gedanken beruhigt, es gäbe keine, gibt es auch keine 🙂
    Ich schlage vor, dass einfach jeder bei seinem Glauben geht, wobei ich auch schon bei der Verteidigung meines Hauptarguments bin, das Joel schon zum zweitenmal nicht verstanden hat:

    @Joel
    Es geht bei der existenziellen und innerlichen Zustimmung um eine G l a u b e n s f r a g e, nicht um eine Frage der Wissenschaft! Die Motive der Textkritiker mögen sein, was sie wollen; die wenigsten von ihnen glaubten an die Irrtumslosigkeit der Schrift (sie wussten es bei dem ihnen vorliegenden Material, etwa dem extrem verfälschten Codex Vatikanus aus dem Mülleimer im St. Katharinenkloster einfach besser — da *kann* es keine Irrtumslosigkeit geben) oder an die Jungfrauengeburt u. ä.
    Wenn der TR eine „schlecht bezeugte Lesart“ bietet, was um Himmels Willen tun dann die Handvoll „älterer“ MSS??? Hast du am Ende das Zitat von Burgon nicht gelesen?
    Freilich arbeiten alle Bibelzersetzer und -zusammensetzer wissenschaftlich, freilich sammeln sie aus lautersten Motiven alles recht schön in Münster. Daran hab ich nie gezweifelt. Ich bin auch kein KJV-Verfechter oder TR-Verfechter, als wüsste ich nicht, dass auch der TR Fehler enthält, aber im Vergleich mit dem derzeitigen NA????????
    Hier nun ein paar Unterschiede, die Du gerne in deinen eigenen Bibel (oder eben nicht) nachschlagen kannst.
    Hier der link: http://public.iwork.com/document/de/?d=Unterschiede.pages&a=p1062248646
    Die Auswahl ist willkürlich, ich hab nur einzelne Stellen rausgepickt.

    @Ron @Joel
    bitte gesteht mir meinen Eifer zu, er kommt von Herzen und aus lang erkämpfter und tiefster Überzeugung. Dass sich so hervorragende Männer wie Gordon Fee und viele andere mehr anders entschieden haben, hat es mir am Anfang unmöglich gemacht, von meiner NA-Überzeugung loszukommen. Bis ich gemerkt habe, dass ich das nicht zur Grundlage meiner Entscheidung (und eine solche ist und was es) machen darf. Nachdem ich alle Stellen überprüft habe (eine monatelange Arbeit; bin ein-bis zwei Stunden am Tag und mit viel Tränen darüber gesessen), habe ich gesehen: Wenn der TR nicht der überlieferte und richtige Text sein sollte, dann hat der Heilige Geist 1800 Jahre lang nicht über dem Wort gewacht. Nochmal: Es ist eine G l a u b e n s f r a g e, eine Glaubensfrage! Wem glaub ich? Glaub ich dem Text, der 1800 Jahre lang gültig war, oder glaube ich einer Handvoll Theologen, deren persönlicher Glaube an Jesus Christus höchst fraglich ist (Ich meine die Paläografen).
    Der Schmerz, nicht zu wissen, was jetzt eigentlich als Wort Gottes zu gelten hat und ob der Heilige Geist seine Kirche 1800 Jahren an inspirierte Sätze glauben hat lassen, die er jetzt (W&H sei dank) endlich streicht (Vater unser! DEIN ist die Macht!), tut sehr weh. Wenn man dem Neutext glauben muss, hat Jesus nie gesagt: Wisst ihr nicht, welches Geistes [Kinder] ihr seid?
    Da es sich um eine Glaubensfrage handelt, können wissenschaftliche Argumente nur wenig ausrichten. Ich habe mich durch eine quälende Zeit gerungen. Daher mein Eifer, und das versteht ihr sicher.
    Ich will euch nicht vom Gegenteil überzeugen, will keine Neutextjünger machen. Ich habe keinen Auftrag dazu, und auch liegt missionarischer Eifer meinem Wesen eher fern. Aber es geht hier um meinen persönlichen Glauben, und wer mir sagt, der Neutext sei der Text, der jetzt (gerade in der 27. Edition) der „richtigste“ Text, dem glaub ich schlicht und ergreifend nicht mehr.
    Solange man nicht so tief in die Materie hineintaucht wie ich es getan habe, gibt es wirklich keinen Grund für eine große Verunsicherung. Mich hat es beinahe zerstört. Andere sind kühleren Mutes und lassen sich davon nicht so erschüttern. Das ist auch gut so. Nur ein Vorwurf stimmt nicht: Ich hätte es mir zu leicht gemacht. Nein, lieber Joel, das hab ich wahrlich nicht. Aber auch das musst du mir einfach glauben — oder eben nicht.
    Ich weiß, dass der Alt-Text eine Rennaisance erleben wird. Vielleicht schon sehr bald!
    Liebe Grüße an euch!
    Schandor

  12. @Schandor: Ich nehme Dir selbtsverständlich ab, dass Du Dich intensiv damit beschäftigt hast und die Verunsicherung und Zweifel ernst sind bzw. waren. Ich halte es ausserdem für wichtig, Mainstream zu hinterfragen bzw. dass es Leute gibt, die das tun. Aber wenn nach pessimistischen Schätzungen wir eine Übereinstimmung von nur 90 Prozent haben, sind dies diese uns bekannten Texte, die uns das Leben schwer machen und in die Nachfolge rufen. Natürlich rechne auch ich damit, dass die Textbasis verbessert werden kann und freue mich, wenn Leute sich dafür einsetzen.

    Übrigens finde ich es nicht überraschend, wenn Übersetzungen eklektisch entscheiden. Im Theologiestudium lernen die Studenten auch, die Handschriften zu hinterfragen (auch den NA) und bei Exegesen eigene Entscheidung zu treffen. Solche Entscheidungen treffen die meisten Bibelübersetzungen. Der NA ist ja auch nur eine Annäherung. Der von Dir zitierte Lk 9,55 wird beispielsweise in der ESVSB fair behandelt. In einer Anmkerung heißt es: Some manuscripts add and he said, „You do not know what manner of spirit you are of; for the Son of Man came not to destroy people’s lives but to save them“. Mehr darf man von einer Übersetzung nicht erwarten.

    Rudolf Ebertshäuser hat einmal eine Liste erstellt, wo die dt. Übersetzungen verglichen werden:

    http://das-lebendige-wort.de/downloads/Liste-300-A4.zip

    Einen Vergleich TR mit NA gibt es von Dieter Zimmer:

    http://www-user.uni-bremen.de/~wie/translation/TR-Varianten/index.html

    Ich bin gespannt auf Deine Liste.

    Liebe Grüße, Ron

  13. Schandor meint:

    @Ron
    Hm, man wird wohl einfach die Entwicklung noch etwas abwarten müssen…
    Die Listen kenn ich beide, anhand letzerer habe ich ja das NT durchgearbeitet.
    Meine Liste ist nicht so umfangreich wie die von Ebertshäuser, ich will damit einfach nur sagen, dass die Unterschiede nicht unbedingt unerheblich sind. (link)
    Was mich an der ESV so gestört hat, war, dass sie als Studienbibel nicht einfach angibt, welche Handschriften diese „some manuscripts“ sind — das hätte ich als „fair“ bezeichnet. Na, sonst lese ich gerne darin (lieber als in deutschen Übersetzungen, die gefallen mir samt und sonders nicht besonders 🙁
    Aber wie gesagt: Warten wir halt einfach mal ab, was kommt! 🙂 🙂 🙂
    Das mit der Nachfolge — ja, stimme völlig zu.

    Liebe Grüße, Schandor

  14. Joel213 meint:

    Hm, der Codex Vatikanus wurde im 15. Jahrhundert im Vatikan aufgefunden. Glaube du verwechselst ihn mit dem Codex Sinaiticus.

    Also ich denke immer noch nicht, dass es eine Glaubensfrage ist. Der ursprüngliche Text liegt nicht mehr vor. TR sind überlieferte Textformen, die nicht den Originalen entsprechen. NA versucht mit wissenschaftlicher Methodik dem ursprünglichen Text am nächsten zu kommen. Und die 27. Auflage des NA entspricht auch nicht dem ursprünglichen Text zu 100%, deswegen arbeitet man grade auch gewissenhaft an der 28. Auflage. Man wird auch nie nachweisen können, ob der NA-Text jetzt zu 100% den ursprünglichen Text wiederhergestellt hat, da die Originaltexte verloren gegangen sind. Ob die Forscher jetzt an die Irrtumslosigkeit glauben oder nicht spielt dabei überhaupt keine Rolle. NA-Textkritik, also der Versuch den ursprünglichen Text wiederherzustellen, hat überhaupt nichts mit der Leugnung der Jungfrauengeburt oder sondtiges historisch-kritischen Entgleisungen zu tun. Du wirfst hier zwei ganz verschiedene Disziplinen durcheinander.

    Du machst aus der TR vs. NA Frage eine Glaubensfrage. Weil du dich entschieden hast zu glauben, dass TR der ursprüngliche Text ist. Ich bin dagegen der Ansicht, dass der ursprüngliche Text zu 100% nicht überliefert wurde und vielleicht nur zu 98-99% wiederhergestellt werden kann. Also streng genommen, „glaube“ ich das die wissenschaftlichen Methodiken der Textforschung zu einem fast ursprünglichen Text führen. Vielleicht musst du dich mal davon frei machen, dass man nur an eine Verbalinspiration glauben kann, wenn man zu 100% den Originaltext hat. Ich könnte mir vorstellen, dass da deine Glaubenskonflikte ihren Ursprung haben.

  15. Alexander meint:

    Eine Leseempfehlung zur Frage, wie man an die Verbalinspiration und Irrtumslosigkeit der Schrift glauben und gleichzeitig der Ansicht sein kann, dass wir den Ur-Text weder im byzantinischen Text haben, noch über NA wiederherstellen können: T. Ward, Words of Life. Hauptthese Wards: ‚Sprechen‘ ist ein zentraler Bestandteil des Handelns Gottes in der Welt. Die Sprech-Akte Gottes sind in der Bibel enthalten, die gleichsam in ihrer Gesamtheit als Wort Gottes ein Sprech-Akt ist. Wenn wir die Sprech-Akte haben, ist der 100%-ig exakte Wortlaut nicht entscheidend. Die Lektüre lohnt sich. Ich habe als Altertumswissenschaftler auch lange daran geknabbert, wie die Bibel Gottes Wort sein soll, wenn wir den Ur-Text nicht wiederherstellen können, und Wards Buch hat mir da sehr geholfen.
    Ansonsten fände ich es schön, wenn sich die Diskussionen in den Kommentaren zukünftig wieder stärker auf den Inhalt des Ausgangsposts beziehen könnten, in diesem Falle Helm und Warfield.

  16. Schandor meint:

    @Alexander

    ist ok.

    @Joel
    Ja, das hab ich verwechselt, sorry, es ist freilich der Sinaiticus.

    Ich glaub, Alexander hat Recht; lassen wir es einstweilen bei unseren Sichtweisen bewenden 🙂

    lieben Gruß!
    Schandor

  17. Johannes Strehle meint:

    Ich weiß nicht, ob sich alle Diskutanten und Kommentatoren vorstellen können, dass ihre Beiträge auch von Leuten gelesen werden, die weniger als sie mit der Materie vertraut sind. Für diese wäre es hilfreich, wenn die Bedeutung der Abkürzungen angegeben würde – so wie Ron es tut.

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