Bad Religion

Douthat_book.jpegDas Buch Bad Religion: How We Became a Nation of Heretics des US-Publizisten Ross Douthat ist im Geiste von Chesterton geschrieben und hat in den USA eine heiße Debatte über Wesen und Auftrag der Kirche ausgelöst. Die New York Times hat ein Extrakt des Buches publiziert.

Tim Keller schreibt über Bad Religion:

Dieser Band ist ein nachhaltiger Beweis für Chestertons These, dass, wenn die Menschen sich von Gott abwenden, sie nicht an nichts, sondern an alles glauben.

Auch in Deutschland ist die Diskussion angekommen. ideaSpektrum schreibt:

Führen eine liberale Theologie und eine gesellschaftspolitische Ausrichtung der Kirchen zu ihrem Untergang? Über diese Frage ist eine Debatte in den USA entbrannt. Auslöser ist ein Artikel des Publizisten Ross Douthat in der New York Times (Ausgabe 14. Juli). Darin verweist er auf die Mitgliederverluste aller US-Traditionskirchen, etwa Anglikaner, Lutheraner, Reformierte, Methodisten, die sich einer liberalen Theologie verschrieben haben und Gesellschaftspolitik in den Vordergrund stellen.

Weiter heißt es dort:

Der evangelikale Bestsellerautor und Bonhoeffer-Biograf Eric Metaxas (New York) stimmt Douthats Analyse weitgehend zu. Er weist in der Internet-Zeitung Christian Post darauf hin, dass auch theologisch konservative Kirchen schrumpfen, etwa der Bund der Südlichen Baptisten – mit gut 16 Millionen Mitgliedern die größte protestantische Kirche in den USA. Aber nicht nur deshalb verbiete sich „klammheimliche Freude“ über den Niedergang der Traditionskirchen. Metaxas verweist auf einen Artikel des Theologen Timothy George, Vorsitzender der Colson-Zentrums in Lansdowne (Bundesstaat Virginia).

Wie er schreibt, seien auch die größten Kirchen in den USA – noch vor den Südlichen Baptisten die römisch-katholische Kirche mit 68,2 Millionen Mitgliedern – Versuchungen ausgesetzt, „das verblassende Ethos des liberalen Protestantismus nachzuahmen“. Oft würden evangelistische Gründe dafür angeführt: Man wolle „religiöse Kulturverächter“ durch eine Art „vager Neo-Spiritualität“ gewinnen. Die Absicht sei zwar ehrenhaft, aber die Folgen wahrscheinlich katastrophal: „ein soziales Evangelium, das allein sozial ist aber kein Evangelium“. Daraus entstehe ein Kirche, die nichts anderes mehr zu sagen habe, als das, was säkulare Eliten schon längst und meist besser gesagt hätten. George sieht die Gefahr eines „horizontalen Glaubens“, der das Zutrauen in Gottes erlösende Liebe verliere.

Kommentare

  1. Johannes Strehle meint:

    Ich hoffe, dass das Buch kurzfristig in Deutsch erscheint.
    Vielleicht kann Evangelium 21 das initiieren.

  2. Roderich meint:

    @Johannes,
    gute Idee. (Allerdings müßte man sicher das gesamte Buch mal lesen, ob es sich wirklich lohnt).

    Wird sich aber gewiss gut verkaufen.

  3. Ich bin hunderprozentig mit der These einverstanden, dass die Anpassung an den Zeitgeist den christlichen Glauben langfristig nur lächerlich macht, aber ich hinterfrage, dass sinkende Mitgliederzahlen von Kirchen ein Problem seien, jedenfalls biblisch gesehen. Das Evangelium kennt nur eine Kirche, die Gemeinschaft der Christusgläubigen. Bei den fallenden Mitgliederzahlen handelt es sich jedoch vorallem um die verspätete Demontage der konstantinisch-theodosianischen Volkskirche, bzw. von deren Überbleibsel, welche auch in der Gestalt der US-amerikanischen Freikirchen noch weiterbestehen. Bei uns wäre eine Gesundschrumpfung der Landeskirchen sogar sehr wünschenswert. Der erste Schritt zur Abschaffung des anachronistischen Volkskirchenprinzips wäre die endgültige Abschaffung von Kindertaufe und Kirchensteuer und die Einführung der Bekenntnistaufe (Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen). Es wäre ein so heilsamer Schock, wenn sich aus den Millionen von Mitgliedern die paar Prozente von bekennenden Gläubigen herausschälen würden, dass der Preis dafür – nämlich der Verkauf der historischen Kirchenbauten an Banken und Unterhaltungsunternehmer – gerne geleistet werden müsste. Man sähe dann, dass nicht nur kirchliche Trauung und Beerdigung, sondern auch die soziale Verantwortung der Kirche mit deren Botschaft zusammenhängen, anstatt Angebote einer quasi-staatlichen Institution zu sein, ähnlich der Post, die auch ihre Dienste jedem Bürger anbietet. Die Krisis der Kirche könnte ihre Chance werden.

  4. Tim-Christian meint:

    @Lukas

    Grundsätzlich stimme ich Dir zu.

    Man sollte aber nicht der Illusion erliegen, dass die Bekenntnistaufe per se zu reineren Kirchen führt. Wie man am Beispiel des Bible Belt (oder auch so mancher russlanddeutscher Baptistengemeinde hier zu Lande) sehen kann, kann der Erwartungsdruck des Umfeldes zu einem quasi-obligatorischen Taufalter mit vorausgehendem Sinner’s prayer führen. Man hat dann das, was J.I. Packer mal als „wet confirmation“ bezeichnet hat. Es kann/könnte also durchaus auch so etwas wie eine volkskirchliche Bekenntnistaufpraxis geben, die dann zum Herausschälen der bekennenden Gläubigen nur bedingt geeignet ist/wäre. Es ist wohl eher eine Frage der rechten Gemeindezucht (wie so manche lebendige presbyterianische oder anglikanische Gemeinde beweist).

    Auch sollte man die bestehenden volkskirchlichen Strukturen nicht zu bereitwillig preisgeben. Man darf nicht vergessen, dass bspw. ein wirklich gläubiger landeskirchlicher Pfarrer bei Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Beerdigungen und Weihnachtsgottesdiensten Massen von Menschen vor der Nase bzw. der Kanzel sitzen hat, die niemals eine Freikirche betreten und jeden evangelistischen Flyer sofort in den Müll werfen würden. Das Dilemma ist nur, dass es den Landeskirchen vielerorts an erwecklichem Personal mangelt und die liberale Theologie die Oberhand behält. Schade.

  5. Roderich meint:

    @Tim-Christian,
    das sind gute Gedanken.

    @Lukas,
    meinst Du nicht, dass auch die Landeskirchen z.T. noch ein „katechontisches“ Element sind? (Auch wenn manche Pfarrer der Bibel nicht mehr wirlich vertrauen – die „Basis“ tut das ja oft noch mehr). Grundsätzlich sind Institutionen, die mehr zum Guten beitragen als zum Schlechten, die also insgesamt „das Böse aufhalten“, gerade in unserer Zeit sehr wichtig.

    (Ob man die konstantinische Volkskirche nur als schlecht ansehen muss, ist noch eine andere Frage. Wohl eher eine „mixed blessing“).

  6. @ Tim-Christian
    Recht hast Du, dass die Bekenntnistaufe an sich kein Mittel zur Scheidung der aufrichtigen Gläubigen von den Mitläufern ist. (Und falls ja, wäre dies denn erwünscht?) Man könnte nebst den von Dir aufgeführten soziologischen Beispielen auch auf die Amischen verweisen, wo die Bekenntnistaufe in erster Linie pure Pflicht ist, um als Erwachsener in der subkulturell-amischen Zivilgesellschaft zu existieren. Volkskirchlicher geht gar nicht mehr.
    Schön wäre es, wenn es solche vereinzelten gläubigen Pfarrer in der Landeskirche tatsächlich gäbe. (Gibt? – Meine Erfahrung ist es nicht, aber die muss nicht repräsentativ sein.)
    Mit Deiner Erwähnung der Gemeindezucht hast Du in mir folgende Frage ausgelöst.

    @ alle Interessierten
    Einerseits bezeugt die Bibel, dass im Acker der Welt guter Same und schlechtes Unkraut bis zum Ende der Weltzeit zusammen gedeihen müssen, dass es also nicht an uns liegt, deren Scheidung herbeizusehnen oder -zwingen, andererseits werden die Gläubigen aber auch über die Notwendigkeit zur Gemeindezucht belehrt.
    Frage: Wie geht das miteinander?

  7. Roderich meint:

    @Lukas,
    ist das eine rhetorische Frage? Eine Frage, auf die Du die Antwort schon weißt? Eine „leading“ Frage, mit der Du im Antwortenden einen Denkprozess auslösen willst? oder fragst Du einfach aus Neugierde?

    (Diese meine Rückfrage ist rein aus Neugierde).

  8. @ Roderich
    Meine Frage ist ernst gemeint.

  9. @ Roderich
    Ich weiss es nämlich nicht.

  10. Tim-Christian meint:

    Beim Gleichnis vom Unkraut im Weizen sollte man beachten, dass der Acker nicht die Gemeinde sondern die Welt ist (vgl. Mt 13,38a). Für das Verhältnis der Gemeinde zur Welt gilt dann: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ (Röm 12,19) Weltzucht oder die Aufrichtung eines irdischen Gottesstaates ist also klar nicht Aufgabe der Christen bzw. der Gemeinde.

    Der Apostel Paulus unterscheidet hier m.E. klar: „Ich habe euch in dem Brief geschrieben, dass ihr nichts zu schaffen haben sollt mit den Unzüchtigen. Damit meine ich nicht allgemein die Unzüchtigen in dieser Welt oder die Geizigen oder Räuber oder Götzendiener; sonst müsstet ihr ja die Welt räumen. Vielmehr habe ich euch geschrieben: Ihr sollt nichts mit einem zu schaffen haben, der sich Bruder nennen lässt und ist ein Unzüchtiger oder ein Geiziger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit so einem sollt ihr auch nicht essen. Denn was gehen mich die draußen an, dass ich sie richten sollte? Habt ihr nicht die zu richten, die drinnen sind? Gott aber wird die draußen sind richten. Verstoßt ihr den Bösen aus eurer Mitte!“

    Man sollte aber auch angesichts solcher Worte von der quasi-donatistischen Vorstellung einer perfekten Gemeindezucht Abstand nehmen und bedenken, dass auch die Gemeinde notwendig corpus permixtum bleibt, weil letztlich nur Gott die Herzen kennt (vgl. 1 Kön 8,39). „The purest churches under heaven are subject to mixture and error.“ (LBC 1689, 26.3)

  11. Roderich meint:

    @Tim-Christian,
    so sehe ich das auch. Die „Weltzucht“ macht Gott schon alleine, siehe Jesaja 26,9:

    Denn wenn deine Gerichte über die Erde gehen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit

    Gott tut das aber auch durch die Obrigkeit: Römer 12,4:

    Denn [die Obrigkeit]… ist Gottes Dienerin, sie vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.

    Christen sollen sich aber auch verantwortlich in der Gesellschaft einbringen, und sich dafür einsetzen, dass z.B. die Richter nicht korrupt sind (3. Mose 19,15):

    Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen nächsten recht richten

    D.h. Christen sollen ihre Kinder so erziehen, dass diese fair und nicht korrupt sind, und sich für das Lehren biblischer Prinzipien an Schulen einsetzen; aus dieser Erziehung werden dann – vielleicht – einmal Richter hervorgehen, die das ernstnehmen. (5. Mose 11,18-21: Lehre die Kinder Gottes Gebote).
    Auch die politische Regierung soll sich möglichst an Gottes Gebote halten (5. Mose 17,19: der König (oder die Bundeskanzlerin) soll täglich in der Bibel lesen – und die Gebote beherzigen).

    D.h. indirekt möchte Gott – so weit es geht – durch christliche Prinzipien in der Regierung, im Recht, in der Wirtschaft etc. auch „herrschen“. Dort, wo biblische Gebote gehalten werden, ist (äußerlich zumindest) Gottes Reich.

    So verstehe ich auch „Dein Reich komme“ – dass Gottes Reich auch hier in BRD mehr wächst.

    Die Regierung kann aber nur rein „äußerlich“ das Land in Ordnung halten. Das Innerliche des Menschen wird Gott richten, und das ist auch gut so – wo Menschen das Innere des anderen kontrollieren wollen, ergibt sich ein totalitäres System.

    Die Gemeinde bleibt „corpus permixtum“ (Gläubige und Ungläubige). Wenn jemand z.B. sagt, er will sich nicht an die Bibel halten, sind ermahmende Gespräche und schließlich auch Gemeindezucht fällig.
    Wenn jemand im Staat nicht an die Bibel glaubt, ist das nicht strafbar. Wenn aber jemand im Staat gegen die Landesgesetze verstößt, die mehr die „äußerlichen“ Dinge (Taten) regeln, ist das strafbar. Wenn man so will, geschieht durch die Obrigkeit eine „äußerliche Zucht“. Die Todesstrafe wurde ja z.T. als „Vorwegnahme des ewigen Gerichtes“ Gottes gesehen (für schwere StrafTATEN, nicht für falsche Gesinnung).
    Eine langjährige Gefängnisstrafe kann auch Vorwegnahme von Gottes Gericht sein. Jedoch auch mit dem Ziel, zur „Buße“ zu führen.

  12. Schandor meint:

    @Tim-Christian

    „Beim Gleichnis vom Unkraut im Weizen sollte man beachten, dass der Acker nicht die Gemeinde sondern die Welt ist (vgl. Mt 13,38a).“

    Interessant ist, dass aber immer noch von einem Acker, also von einem Weizenfeld die Rede ist und nicht von Brachland, auf dem neben Unkraut auch Weizen steht, nicht wahr?
    Das Christentum scheint aber eher an ein Unkrautfeld zu denken, in dem auch zuweilen Weizen wächst …
    Die Erde ist des Herrn …

    „Weltzucht oder die Aufrichtung eines irdischen Gottesstaates ist also klar nicht Aufgabe der Christen bzw. der Gemeinde.“

    Gewissermaßen nicht, aber Gott handelt doch auch durch seine Gemeinde. Selbsterdachte Gottesstaaten führen zu Schlimmem, aber weshalb sollte Gott sich von der ewig-pessimistsischen Weltsicht seiner Kinder aufhalten lassen, sein Reich (um deren Ankunft seine Kinder im Vaterunser bitten) nicht doch durch seine Gemeinde aufzurichten? Ja, Jesu Reich ist nicht von dieser Welt, aber für und in dieser Welt. Und er wird sich gewiss nicht mir einem „Reich des Herzens“ zufriedengeben …

    Mir fällt dazu eine Stelle aus Chilton (The Days of Vengeance) ein, wo er schreibt:

    „The diluted version of Christianity currently fashionable in contemporary America rejects the concepts
    of the Kingship and Lordship of Christ …“

    und fügt in einer FN hinzu:

    „Writing against the postmillennialism of R. J. Rushdoony and other ‚reconstructionists‘ Geisler actually says: “Postmillenarians work to make a Christian America. Premillenarians work for a truly free America.” The choice is clear: Shall we choose Christianity? Or shall we choose freedom instead? Geisler must be commended for having stated the matter with such precision; technically speaking, however, he is not the first to have posed the dilemma in this way. He stands in an ancient tradition (Gen. 3 :1-5).

    Immerhin interessant, nicht?

    Die Christen haben heutzutage eine solch große Angst vor dem Schreckgespenst des Dominionismus (der offenbar und fälschlich versucht, den Gottesstaat „auf eigene Faust“ zu errichten), dass sie es gar nicht für möglich halten, dass Gott sein Reich auch ohne Blutvergießen aufrichten kann, ganz ohne Macht und Kraft, sondern allein durch seinen Geist. Hoffentlich werden die Christen dann erkennen, dass nicht Rückzugsmentalität gefordert ist, sondern Aktivität — in Seinem Geiste selbstverständlich.

  13. @ Tim-Christian
    Danke für Deine Antwort. Die entsprechende Stelle bei Paulus beantwortet meine Frage der Beziehung von Welt und Gemeinde tatsächlich. Andererseits ist Gemeindezucht trotzdem ein schwieriges Thema. Was meint Paulus z.B. damit, einen in Unmoral lebenden Christen „dem Satan zu übergeben zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde am Tag des Herrn Jesus“? Natürlich verstehe ich, dass er den Ausschluss des Betroffenen aus der Gemeinde meint, aber warum benutzt er diese Wortwahl? Eine schwierige Stelle, finde ich.

    @ Roderich
    Schön, dass Du dich in die Diskussion eingeschaltet hast. Du schreibst:

    D.h. indirekt möchte Gott – so weit es geht – durch christliche Prinzipien in der Regierung, im Recht, in der Wirtschaft etc. auch “herrschen”. Dort, wo biblische Gebote gehalten werden, ist (äußerlich zumindest) Gottes Reich. So verstehe ich auch “Dein Reich komme” – dass Gottes Reich auch hier in BRD mehr wächst.

    Was hat der Sohn Gottes mit der irdischen Ordnung gemeinsam?! Ein solcher Gedanke ist dem Neuen Testament absolut fern. Auch geht es von einer viel umfassenderen, eschatologischeren Vorstellung von Königreich Gottes aus. So sind Jesu Wunderheilungen, Jesu Dämonenaustreibungen, Jesu Brotvermehrungen etc. Zeichen des zukünftigen Königreiches Gottes. Was ist mit den Prophezeiungen, dass der Wolf und das Lamm gemeinsam weiden werden, dass kein Tod und keine Träne mehr sein wird? Das ist die Vollendung des Königreiches Gottes.
    Die Christen des Neuen Testaments bezogen das Königreich Gottes auf die Parusie. Ihre Ethik sowohl in Bezug auf das eigene Leben (Erlösung) wie auch in Bezug auf die „Welt“ war eine Art Interimsethik der Naherwartung. Das positivste Verhältnis zum Staat findet man im Neuen Testament bei Paulus, doch auch seine politische Ethik ist rein pragmatischer Natur. Es geht ihm nur darum, dass der Staat der Evangeliumsverkündigung nicht im Weg stehe. Die Frage, wie sich der Staat zum Königreich Gottes verhält, stellt sich ihm gar nicht, da er den Staat wie die gesamte irdische Ordnung als vorübergehende Elemente betrachtet. Wenn Du eine biblische Ethik für Gesellschaft, Recht und Kultur erarbeiten willst, wo Du auf gemeinsamem Boden mit den Ungläubigen stehen kannst – und anders geht es ja gar nicht – dann kannst Du dich auf Adam oder Noah berufen, wie das meiner Meinung nach auch Paulus tut, beschränkt natürlich auch Jesus Christus (wie z.B. in der Sklavenabschaffung aus dem Geist der paulinischen Deutung, dass wir alle eins seien in Christus – hier kommt die Welt sozusagen in Genuss der Christusoffenbarung, ohne selber ihn anzunehmen), aber auf keinen Fall Moses.
    Die Frage, inwiefern denn die gesellschaftliche, irdische Ordnung von der christlichen Botschaft her reformiert werden soll, stellte sich naturgemäss erst späteren Christen. H. Richard Niebuhr benennt in „Christ and Culture“ fünf verschiedene empirische Grundtypen dieser Beziehung der Christenheit zur Kultur (hier im weitesten Sinne verstanden):
    – Christ against Culture
    – Christ of Culture
    – Christ above Culture
    – Christ and Culture in Paradox
    – Christ Transforming Culture

    Meiner Meinung nach kann man sowohl Typ 1, Typ 4 und Typ 5 von der Bibel ableiten. Am nächsten ist mir aber eindeutig Typ 4. (Untenstehend eine kurze Zusammenfassung der fünf Typen.)

    Es gibt aber keine endgültig befriedigende Lösung, was mit der Natur dieses Konfliktes zu tun hat. Natürlich darf man nicht überpessimistisch sein, worauf Schandor zu Recht allergisch ist. Man darf aber auch nicht zu optimistisch sein; wir müssen als Christen immer der grundsätzlichen Krisenhaftigkeit der Welt eingedenk bleiben. Sie bedarf der Erlösung. Die Erlösung der Welt wird der HERR bringen, keine christliche menschliche Gesellschaftsreform.
    Ich sage dies übrigens als jemand, der mit seinem Beruf und Denken als Christ in der Kultur wirken möchte, also nicht Weltflucht praktiziere. Man muss einfach Vorletztes vom Letzten trennen.

    @ Schandor
    Eine sehr gute Beobachtung von Dir, dass im benannten Gleichnis der Acker die Welt bedeute. Sehr brunnerianisch, findest Du nicht? 🙂 Im Sinne eines Anknüpfungspunktes des natürlichen Menschen ans Wort Gottes. Entschuldigung, lieber Freund, aber ich konnte es mir nicht verkneifen.

    Christ of Culture – For the cultural Christian, history is the story of the Spirit’s encounter with nature.

    Christ above Culture – For the synthesist, history is a period of preparation under law, reason, gospel, and church for an ultimate communion of the soul with God.

    Christ and Culture in Paradox – For the dualist, history is the time of struggle between faith and unbelief, a period between the giving of the promise of life and its fulfillment.

    Christ Transforming Culture – For the conversionist, history is the story of God’s action and deeds in the world and humanity’s response to them. Conversionists live somewhat less “between the times” and somewhat more in the divine “now” than do the followers listed above. Eternity, to the conversionist, focuses less on the action of God before time or life with God after time, and more on the presence of God in time. Hence the conversionist is more concerned with the divine possibility of a present renewal than with conservation of what has been given in creation or preparing for what will be given in a final redemption.

  14. Johannes Strehle meint:

    Zur Gemeindezucht:
    „Man sollte … von der … Vorstellung einer perfekten Gemeindezucht
    Abstand nehmen und bedenken, dass auch die Gemeinde notwendig
    corpus permixtum bleibt, weil letztlich nur Gott die Herzen kennt …“ (Tim-Christian)
    „wo Menschen das Innere des anderen kontrollieren wollen,
    ergibt sich ein totalitäres System.“ (Roderich über den Staat)
    In der Gemeinde wären das dann Sektenstrukturen.
    Es gibt auf Erden nichts Perfektes, auch nicht bei Christen.
    Es gibt keine perfekten Christen, keine perfekte Gemeinde,
    keine perfekte „Gemeindezucht“.
    Aber:
    Eine Gemeinde kann und soll
    einen optimalen (nicht idealen) Zustand erreichen, d. h. einen Zustand,
    an dem das Haupt der Gemeinde (unter irdischen Bedingungen)
    nichts auszusetzen hat.
    Das ist wichtigste Aufgabe und Verantwortung der Gemeindeleitung.
    (Wichtigstes Thema von Sitzungen und Versammlungen)
    Von den 7 Gemeinden, an die Johannes im Auftrag Christi schrieb,
    hatten 2 diesen Zustand erreicht (fast 30 %).
    4 erhielten Lob und Tadel
    und wurden unter Androhung von Konsequenzen aufgefordert,
    die Negativa zu beseitigen.
    Zu den Konsequenzen gehört,
    dass Christus den himmlischen Leuchter einer Gemeinde entfernt,
    wenn sie nicht umkehrt. Ich vermute,
    dass davon nicht in jedem Fall ihre irdische Existenz betroffen ist,
    dass also Gemeinden institutionell (und möglicherweise mit viel Programm) weiter existieren, die nach dem Urteil Christi keine Gemeinden mehr sind.
    Von einer dieser 4 Gemeinden stellt Christus fest,
    dass sie den (evangelikalen?) Ruf einer lebendigen Gemeinde hat,
    obwohl sie tot ist. Das sollte zu denken geben.
    Von einer Gemeinde heißt es:
    „Und ich gab ihr Zeit, damit sie umkehre, aber sie will nicht umkehren …“
    An einer Gemeinde, der lauen in Laodizea, fand Christus nichts Positives, aber sie war für ihn (noch) Gemeinde.
    Von Johannes und Paulus
    erhalten die Gemeinden heute keine spezifischen Kritiken mehr.
    Die Gemeinden brauchen kontinuierlich den prophetischen Blick,
    wie Christus ihre Gemeinde beurteilt und
    welche Konsequenzen erforderlich sind.
    Heute dürfte der Medien-Konsum eines der wichtigsten Themen sein.
    Eine Gemeindeleitung, die sich darum nicht kümmert,
    kann ihre Arbeit einstellen.
    Denn gegen massiven Medien-Einfluss kann keiner anpredigen.
    Propheten waren in der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte
    fast immer so unbeliebt, wie falsche Propheten beliebt waren.
    Gegen Propheten funktioniert die „Kirchen- und Gemeindezucht“ fast immer.

  15. Roderich meint:

    @Lukas,

    Die Christen des Neuen Testaments bezogen das Königreich Gottes auf die Parusie.

    Das stimmt nicht ganz. Sie bezogen die VOLLENDUNG des Königreiches Gottes auf die Parusie (Wiederkunft Christi). Sie sahen die Verwirklichung des Reiches Gottes als ein „schon jetzt“ und „noch nicht“. Deine Sicht wäre ein ausschließliches „noch nicht“ – das würde (ohne Bewertung) gut zur dispensationlistischen und zur Theologie der Zeugen Jehovas passen.

    „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken sondern Gerechtigkeit und Frieden und Freude im Heiligen Geist“ (Rö 14,17) – das können Christen auch schon JETZT haben.
    Siehe dazu das Buch „Das Reich Gottes – die Vision wiedergewinnen“ von Keith Warrington. Die Ausgießung des Heiligen Geistes war für die ersten Christen (gemäß Joel) auch das Zeichen, dass das Reich Gottes gekommen war. „Tut Buße – denn das Reich Gottes ist nahe“ (Zusammenfassung Jesu Botschaft) bezieht sich auch darauf, dass Jesus der Herrscher aller Welt ist und SCHON JETZT herrschen will – in Seinem Volk. Laut Psalm 2,10 sollen die Könige und Richter auf Erden vor ihm zittern! (Was sollte die Aufforderung bringen, wenn sich das erst auf die Wiederkunft bezieht – dann wäre es zu spät. Nein – die Könige und Richter sollen sich JETZT zu Jesus Christus bekehren, und ihr Land in Ehrfurcht vor dem lebendigen, allmächtigen Gott leiten). (Siehe dazu auch das Gebet Psalm 2,8… bitte mich, so will ich Dir der Welt Enden zum Eigentum geben).
    Das Böse wird natürlich immer bestehen bleiben bis Jesu Wiederkunft, und wir wissen nicht genau, wie weit wir in der Weltevangelisation kommen werden, aber die Sicht, dass es „null Gottes Reich jetzt und 100% Gottes Reich bei Jesu Wiederkunft“ geben wird ist nicht biblisch.

    Was hat der Sohn Gottes mit der irdischen Ordnung gemeinsam?! Ein solcher Gedanke ist dem Neuen Testament absolut fern.

    Jesus hat sehr viel mit der irdischen Ordnung gemeinsam. Er ist sogar der Herr über alle Welt; er ist der Schöpfer, bzw. „durch ihn“ wurde die Welt geschaffen; er kam, um die Werke des Teufels zu zerstören. Wir sollen „alle Nationen zu Jüngern machen“.

  16. Roderich meint:

    @Lukas, studierst Du gerade Theologie oder hast mal eine Arbeit über Niebuhr geschrieben? Da Du Dich ja offenbar eingängig mit dem Thema beschäftigt hast oder beschäftigst.

  17. Tim-Christian meint:

    @Schandor

    Ich weiß nicht, ob man aus dem Gleichnis eine Verhältnisbestimmung Gläubige/Weizen:Ungläubige/Unkraut ableiten kann – auch und gerade angesichts solcher Stellen wie Mt 7, 12ff.

    @Alle

    Andererseits gebe ich Dir Recht, dass man christlicherseits (als Salz der Erde und Licht der Welt!) nicht in einen inaktiven Pessimismus verfallen sollte. Ich persönlich mag das Zitat von John Howard Yoder:

    „Kirche und Welt sind nicht zwei Abteilungen unter getrennter Gesetzgebung oder zwei Institutionen mit einander widersprechenden Handlungsanweisungen, sondern zwei Ebenen der Relevanz desselben Herrn. Das Volk Gottes ist heute schon berufen, das zu sein, wozu letztlich auch die Welt berufen ist.“ (Die Politik des Leibes Christi)

  18. @ Roderich

    Die Sicht, dass es “null Gottes Reich jetzt und 100% Gottes Reich bei Jesu Wiederkunft” geben wird ist nicht biblisch.

    Damit bin ich einverstanden.

    Deine Sicht wäre ein ausschließliches “noch nicht” – das würde (ohne Bewertung) gut zur dispensationlistischen und zur Theologie der Zeugen Jehovas passen.

    Keineswegs. Die christliche Existenz ist wesentlich geprägt davon, dass Gott in Jesus Christus das Heilsgeschehen, die „Wiederherstellung aller Dinge“, in den Christusgläubigen ansatzweise bereits begonnen hat, wenn auch in verborgener, paradoxer Gestalt.
    Ist meine Sicht dispensationalistisch? Ja und Nein. (Zu den Zeugen Jehovas kann ich nichts sagen, da ich ihre Theologie nicht kenne.)
    Ja – weil meine Ethik damit zusammenhängt, dass es jetzt, in den „Zeiten der Nationen“ (Lk 21, 24) keine Instanz gibt, welche über der Einhaltung der Gesetze Gottes wacht. Die Nationen ernten nicht wie Israel Fluch oder Segen, je nachdem ob sie die Gesetze Gottes halten oder nicht. In der Welt herrschen nach dem endgültigen Unabhängigkeitsverlust von Israel die Nationen, gemäss dem Ratschluss Gottes. Gilt für sie das Gesetz Gottes? Absurd wäre es, dies zu verneinen, denn schliesslich leben sie ja in der Schöpfung Gottes. Sie sind unter dem Zorn Gottes, wenn sie sich nicht zu Jesus Christus bekehren, aber sie haben ihre Legitimität nicht von Christus, sondern von der Schöpfungsordnung. Es ist also die Schöpfungsordnung, in die wir als Christen Hoffnung setzen können, was eine Übereinkunft mit unseren ungläubigen Mitbürgern betrifft. Aber auch dies ist keineswegs garantiert, denn die universale Schöpfungsordnung setzt eine universale Schöpfungsoffenbarung voraus, aber letztere kann bekanntlich verzerrt werden ohne Offenbarung in Gottes Wort. (Sie reicht gemäss Paulus aber dazu, dass niemand der Verantwortung und der Schuldfähigkeit vor Gott enthoben sei.)
    Nein – dispensationalistisch wäre ich, würde ich die Parusie als Kette zukünftiger Ereignisse sehe, für deren Timeline wir einen festen Fahrplan haben: Entrückung, Antichrist, Grosse Trübsal, Wiederkunft Christi als Messias der Juden, Millenium… etc. Die Frage, wann welche dieser Ereignisse, wie und ob sie überhaupt stattfinden werden, ist für mich nicht relevant. (Ausser wenn es um Israel geht – in dieser Hinsicht bin ich gerne Dispensationalist.) Mir scheint, der Dispensationalismus krankt an der rationalistischen Sucht, die biblische Bildersprache als enge technische Begriffe zu missverstehen. Man ist sich nicht bewusst, dass die Wiederkunft des Herrn, genau so wie der Anfang der Welt, den menschlichen Verstand und die menschliche Vorstellungskraft sprengt. Der Dispensationalismus hat gewissen Begriffen wie „Entrückung“ aus vermeintlicher Logik eine modifizierte, sehr enge Bedeutung verliehen, und so ist aus der „Entrückung“ die fürchterliche Left-Behind-Vorentrückung geworden, obwohl Paulus lediglich in seelsorgerlicher Absicht sagte, dass die verstorbenen Gläubigen den lebenden Gläubigen bei der Wiederkunft in nichts nachstehen werden. Mit anderen Worten: Für das Neue Testament ist die Zukunft nicht eine Ereigniskette, sondern Jesus Christus selbst. Ihm gilt unsere Hoffnung. Es gibt übrigens kein Problem der Parusieverzögerung. In jeder Generation sollen wir damit rechnen, dass Christus zu unseren Lebzeiten zurückkehren könnte, und gleichzeitig nicht meinen, es müsse. Es kann auch noch viel länger dauern. Nichtsdestotrotz ist Christsein ist Wachen, Leben in permanenter Naherwartung. Deshalb sagte ich, die christliche Ethik ist eine Interimsethik mit pragmatischen Lösungen für das weitere Leben in der Welt.

    Aber der Punkt beim „schon jetzt“ und „noch nicht“ ist doch der: Wenn es um die Ethik des Staates, des Rechts, um die irdische Ordnung etc. geht, dann können wir uns nur auf das „noch nicht“ stützen, denn das „schon jetzt“ betrifft nur die Gläubigen, und auch jene nur ansatzweise.

    Laut Psalm 2,10 sollen die Könige und Richter auf Erden vor ihm zittern!

    Ja, die Richter haben einen höheren Richter über sich und die Könige einen höheren König. Das ist so. Aber was, wenn sie gar nicht an Gott glauben? Wenn Richter keine Gottesfurcht mehr haben? Die kulturelle Ordnung der Menschheit, „die Welt“, ist in Rebellion gegen Gott, und gemäss den Prophezeiungen wird diese Rebellion bis zur Wiederkunft Jesu zunehmen, nicht abnehmen.

    Studierst Du gerade Theologie oder hast mal eine Arbeit über Niebuhr geschrieben? Da Du Dich ja offenbar eingängig mit dem Thema beschäftigt hast oder beschäftigst.

    Nein, ich habe nicht Theologie studiert. Die Frage, wie man als Christ in der Welt leben soll, ist aber mein eigentliches Lebensthema.

  19. Roderich meint:

    @Lukas,
    vielen Dank für die klaren Ausführungen. Bei dem meisten würde ich zustimmen, aber nicht ganz bei Deiner Sicht für die Ethik. Die Frage ist ja: sollen wir wenigstens VERSUCHEN, einen Einfluß auf die Gesellschaft zu nehmen?
    Wenn man auf die heutige Gemeinde in BRD blickt, müsste man wohl – wie Du – eher skeptisch sein, aber nur unmittelbar für die nächsten Jahre.
    Wie siehst Du aber den Einfluß des Christentums auf die Gesellschaft nach der Reformation. Das Buch, das nach Deinem Lebensthema bezeichnet ist von Francis Schaeffer, beschreibt ja historisch, dass das Christentum in bestimmten Phasen der Geschichte sehr maßgeblich war. („Wie können wir denn leben? Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur“ von Francis Schaeffer).
    Günter Rohrmoser sagte mal: im Mittelalter und nach der Reformation war das Christentum in Europa „geschichtsmächtig“. Heute ist es das nicht mehr unbedingt. (Auch wenn man die Rolle eines minimalen Restes als „Katechont“ auch nicht unterschätzen darf – eine sehr sehr kleine Zahl von Christen kann einen großen Unterschied machen).

    Nach Deiner Sicht hätte das Christentum doch nie versuchen sollen, „geschichtsmächtig“ zu sein. Die „Veränderung der Nationen“ im Mittelalter oder nach der Reformation war ja dann in Deiner Sicht „illegal“. Sie ist nur dann erlaubt, wenn sie „rein zufällig“ geschieht, ohne dass dies jemand beabsichtigt.
    Genauso dürfte heute jemand „aus Versehen“ in die Politik geraten. Und „aus Versehen“ einen Unterschied machen. Aber – bloß kein Programm draus machen… !

    Oder habe ich Dich falsch verstanden?

  20. Schandor meint:

    @Tim-Christian

    „Ich weiß nicht, ob man aus dem Gleichnis eine Verhältnisbestimmung Gläubige/Weizen:Ungläubige/Unkraut ableiten kann“

    Ooh, vielleicht solltest Du die Beeinflussung der deutschen – besonders der deutschen – Theologie etwas dezenter verbergen — s‘ wird nebulös 😉

  21. @ Roderich
    Meine Ausführungen wären falsch, wenn ich nicht erwähnen würde, dass es der tiefste Wunsch meines Lebens ist, in meinem kulturellen Wirken Zeitgenossen mit dem Evangelium zu konfrontieren. Weil ich diese Berufung habe, deshalb ist dieses Thema mein Lebensthema. Und der oben beschriebene ewige Konflikt sollte uns vor Augen sein, aber er darf uns nicht lähmen.
    Ja, Francis Schaeffer liess sich in seinem Leben auch nicht einschüchtern von der glaubenslosen Umwelt. Und was hat er doch erreicht! Auch auf mich übten seine Bücher zwischen 15 und 20 einen entscheidenden Einfluss aus. Geboren bin wenige Jahre vor seinem Tod. Auf Dich auch?
    Für mich ist er als Mensch ein Vorbild, der den lebendigen Gott seinen kritischen und kulturell engagierten Zeitgenossen bezeugte. Seine theologische Prämisse, dass Offenbarung propositionale Informationsübermittlung sei, ja, dass der biblische Glauben wie ein Kartenhaus in sich zusammenfalle, wenn man hier auch nur ein bisschen den Akzent verschiebe, ist meiner Meinung nach eine einseitige Vereinfachung, die vielleicht in der geschichtlichen Situation berechtigt war (Reaktion auf die Bultmannschule). Heute sollten wir als Evangelikale auch bei gewissen dialektischen Theologen in die Schule gehen. Man kann z.B. bei Emil Brunner lernen, dass biblischer Glaube nicht nur ein blosses Für-wahr-Halten der Bibel sein möchte, sondern Glaubensgehorsam und Treue gegenüber dem darin Bezeugten…, dass wir Gottes Wort nicht im Griff haben können, sondern vielmehr Gottes Wort uns im Griff haben möchte…, dass Gottes Wort Anrede und Begegnung ist…, dass die Urchristen, wenn sie vom Wort Gottes sprechen, meistens nicht das geschriebene Wort meinen, sondern die Selbstkundgabe des lebendigen Gottes im Evangelium – ohne gleichzeitig Verrat zu üben an der Objektivität der Bibel.

  22. Roderich meint:

    @Lukas,
    Danke für den Input. Schön, dass Dir Francis Schaeffer viel bedeutet hat. (Ich habe Schaeffer eher erst später gelesen, für meine „Orthodoxie“ war er also nicht unbedingt notwendig, aber ich habe natürlich viel von ihm gelernt, was die Bedeutung der Bibel für das menschliche Zusammenleben angeht).

    Allerdings kann ich dem dialektischen Ansatz bezüglich der Bibelauslegung nicht so viel abgewinnen.

    Man kann z.B. bei Emil Brunner lernen, dass biblischer Glaube nicht nur ein blosses Für-wahr-Halten der Bibel sein möchte, sondern Glaubensgehorsam und Treue gegenüber dem darin Bezeugten…

    Die Notwendigkeit von Glaubensgehorsam und Treue würde doch weder Francis Schaeffer noch sonst ein „traditioneller“ Theologe bestreiten. Wenn das aber eigentlich heißt, dass man gegen das „für-wahr-halten“ ist, dann wäre das eine verschleierte Ausdrucksweise für mangelndes Vertrauen in die Heilige Schrift. Ich denke, das ist ein falscher Gegensatz. Der wäre eher für glaubenstote Rationalisten relevant, die nur an Lehrsätze glauben, diese aber nicht umsetzen. Das Ideal ist aber nicht, die Lehrsätze rauszuschmeißen, sondern beides zu haben: Orto-Doxie und ortho-Praxie 🙂

    dass wir Gottes Wort nicht im Griff haben können, sondern vielmehr Gottes Wort uns im Griff haben möchte…

    Auch wieder so eine nette Phrase, die ich leider als irreführende Sprachwahl bezeichnen muss. (Ist es das, was man bei dialektischen Theologen lernt – Sprachverschleierung?)
    Auf der einen Seite haben wir evtl. „Gottes Wort im Griff“, aber nur insoweit, als Gott uns in seiner Gnade und durch Seinen Heiligen Geist ein Verstehen gibt. Das „Verstehen“ haben wir dann in dem Moment im Griff. Natürlich haben wir Gottes Wort aber NICHT im Griff, als wir nicht darüber bestimmen können etc.
    Aber auch wenn man glaubt, dass der Wortsinn genau so von Gott gemeint war, wie es dasteht, und wenn man es mit Gottes Hilfe versteht, heißt dass noch kein hochmütiges „im Griff haben“, sondern man stellt sich demütig unter Gottes Wort – und hoffentlich gehorcht man. Es ist doch vielmehr so: wenn man NICHT glaubt, dass die Bibel so zu verstehen ist, wie sie geschrieben ist (mit den exegetischen Methoden, versteht sich), also wenn es kein eindeutiges Verstehen gibt, dann KANN die Bibel uns gar nicht im Griff haben. Was Du im Prinzip meinst, ist, die Bibel nicht zu wörtlich zu nehmen – dann wiederum ist der Gehorsam leicht … Was einem nicht passt, deutet man um. Wer einen zum Gehorsam mahnt, der ist nur so hochmütig, dass er meine, Gottes Wort im Griff zu haben. Wahre Demut sei dann: „keine Ahnung, was Gottes Wort sagt, also brauche ich nicht zu gehorchen? “

    dass Gottes Wort Anrede und Begegnung ist…

    Schön und gut. Was heißt das konkret für das geschriebene Wort?

    dass die Urchristen, wenn sie vom Wort Gottes sprechen, meistens nicht das geschriebene Wort meinen, sondern die Selbstkundgabe des lebendigen Gottes im Evangelium – ohne gleichzeitig Verrat zu üben an der Objektivität der Bibel

    Also, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wenn Jesus etwas gesagt hatte, sollten und wollten die Jünger dem Folge leisten. Sie haben nicht den Gehorsam damit ersetzt, dass sie in den Worten Jesu nach einer „Begegnung und Selbstkundgabe“ gesucht haben, sich für den Rest aber verweigert, dem Wort zu folgen.

    Wenn sie NICHT das geschriebene Wort meinten, was ist dann bitte die „Selbstkundgabe“ des lebendigen Gottes? Wenn es nur eine „subjektive Begegnung“ wäre, in welcher Form oder welchem Gebot wäre dann überhaupt Folge zu leisten?
    Wie mir scheint, täte Dir eine Generalüberholung der Hermeneutik ganz gut, und verkaufe mal lieber Dein Emil Brunner Buch auf Amazon oder benutze es als Heizmaterial 🙂

  23. @ Roderich
    Zuerst einmal Entschuldigung, dass ich es nicht vermochte, Dir knapper zu antworten. Vielen Dank für Deine Antwort und Kritik. Deine Kritik ist berechtigt, insofern Du mich missverstehst, ich wolle die historische und faktische Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift untergaben. Vielleicht habe ich mich ungenau ausgedrückt, oder Du hast mich falsch verstanden. Ich kann Dir versichern, dass ich diesbezüglich grosses Vertrauen in die Bibel habe, wenn ich auch den defensiven Begriff „biblical inerrancy“ ablehne, da er den Rationalismus von dem übernimmt, was er bekämpft, und zu einer kleinlichen Obsession mit Widersprüchen führt (aber darauf möchte ich hier jetzt nicht eingehen). Jedoch, ohne Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift wird „Gottes Wort“ zu einem völlig irrationalen Begriff, wovor Schaeffer zu Recht warnte.
    Wenn ich das blosse Für-wahr-Halten der Bibel kritisiere, heisst das nicht, dass ich sie nicht für wahr halte, sondern, dass das lebendige Wort Gottes kein Gegenstand (Objekt), sondern ein Gegenüber (Subjekt) sein soll.

    Was heisst „Gottes Wort“?
    Ich hatte heute ein bisschen Zeit und untersuchte alle 348 Stellen (Schlachter) im NT, in denen „Wort“ vorkommt. Ich versuchte, überall dort, wo es sich um Gottes Wort handelt, zu bestimmen, was damit gemeint sei. Es wird Dich als alten Hasen wenig überraschen, dass es im NT verschiedene Bezeichnungen für Gottes Wort gibt:
    – „mein Wort“ (Jesus)
    – „Gottes Wort“
    – „Wort Gottes“
    – „Wort des Herrn“
    – „Wort des Lebens“
    – „Wort des Heils“
    – „Wort des Evangeliums“
    – „das Wort“
    etc.

    Mein Eindruck bestätigte sich: In den meisten Fällen bedeutet Gottes Wort im NT nicht 1) Zitate aus dem AT oder 2) Worte Jesu, sondern die geistgewirkte Gegenwart des Wortes des lebendigen Gottes in der Verkündigung des Evangeliums, obwohl 1) und 2) in dieser Verkündigung selbstverständlich niemals fern sind.

    So wie Du mir eine Generalüberholung meiner Hermeneutik ans Herz legst, kann ich Dir Nachhilfe in Pneumatologie empfehlen.

    Als sie gebetet hatten, erbebte die Stätte, wo sie versammelt waren, und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit. (Apg 4, 31)

    Petrus spricht von der Gegenwart des Wortes Gottes in der Verkündigung folgendermassen:

    Ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, durch das lebendige Wort Gottes, das in Ewigkeit bleibt. Denn »alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie die Blume des Grases. Das Gras ist verdorrt und seine Blume abgefallen; aber das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit.« Das ist aber das Wort, welches euch als Evangelium verkündigt worden ist. (1Petr 1, 23 – 24)

    Paulus:

    Zu seiner Zeit aber hat er [Gott] sein Wort geoffenbart in der Verkündigung, mit der ich betraut worden bin. (Tit 1, 3)

    Darum danken wir auch Gott unablässig, daß ihr, als ihr das von uns verkündigte Wort Gottes empfangen habt, es nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, das auch wirksam ist in euch, die ihr gläubig seid. (1Thess 2, 13)

    Im Wissen um die Unverfügbarkeit des lebendigen Wortes Gottes bittet Paulus um Fürbitte,

    damit mir das Wort gegeben werde, so oft ich meinen Mund auftue, freimütig das Geheimnis des Evangeliums bekanntzumachen, (Eph 6, 19)

    damit Gott uns eine Tür öffne für das Wort, um das Geheimnis des Christus auszusprechen. (Kol 4, 3)

    Den christologischen Zusammenhang zwischen Verkündigung und lebendigem Wort Gottes erklärt Paulus folgendermassen:

    Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden! Das alles aber [kommt] von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Jesus Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat; weil nämlich Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete und das Wort der Versöhnung in uns legte. So sind wir nun Botschafter für Christus, und zwar so, daß Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir nun stellvertretend für Christus: Laßt euch versöhnen mit Gott! (2 Kor 5, 19 – 20)

    Vielleicht könntest Du sagen, ja, aber Paulus war auch Apostel, und wir sind keine Apostel. Das stimmt, aber Paulus schreibt auch den Thessalonikern:

    Von euch aus ist das Wort des Herrn erklungen. (1 Thess 1, 8)

    Und Petrus gebietet schlichtwegs:

    Wenn jemand redet, so rede er es als Aussprüche Gottes. (1 Petr 4, 11)

    Das Wort Gottes ist dank dem heiligen Geist lebendig in uns. Gottes Wort in uns ist Christus in uns. Gottes Wort kommt zu uns im Evangelium, sei es in der Predigt oder in der stillen Bibellektüre. Gott offenbart sich uns nicht in Dokrinen, sondern tut sich selber kund – in seinem Sohn.

    Nachdem Gott in vergangenen Zeiten vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn. (Hebr 1, 1 – 2)

    Das Griechische verwendet hier eine Form, die es auf Deutsch nicht gibt. Sie meint „in der Person des Sohnes“. Die Offenbarung des NT besteht nicht aus einem Mehr an biblischen Worten, auch nicht in erster Linie aus den Worten Jesu, sondern die Offenbarung des NT ist der Sohn Gottes, das Wort Gottes. Deshalb finde ich den Begriff „Wahrheit als Begegnung“ sehr passend. Wir haben keinen Buchgott und sind keine Buchreligion, sondern wir haben es mit dem lebendigen Gott zu tun, der sich uns offenbart im Wort. Dieses Wort kommt zu uns im Zeugnis der Heiligen Schrift im Heiligen Geist und wird lebendiges Wort Gottes in uns.
    Stimmt das?

  24. Roderich meint:

    @Lukas,

    ohne Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift wird “Gottes Wort” zu einem völlig irrationalen Begriff, wovor Schaeffer zu Recht warnte.

    Amen, Bruder! Schön, dass wir das beide so sehen.

    Ich hatte heute ein bisschen Zeit und untersuchte alle 348 Stellen (Schlachter) im NT, in denen “Wort” vorkommt.

    Vielen Dank für die Mühe, für das gute Vorbild (Bibelstudium), und für die Präsentation Deiner Ergebnisse.
    Zunächst: dieses Herangehen von Dir empfinde ich gar nicht als „dialektisch“, sondern als sehr traditionell 🙂 🙂 Du begründest Deine Sicht mit Bibelstellen, und zwar gemäß der „Klarheit der Schrift“. (Dann verstehe ich immer noch nicht genau, was Du an den „Dialektikern“ so gut findest, und was diese Typen denn haben, was die Reformatoren nicht hatten? Jede Exegese bzw. Schlussfolgerung aus einem Biblischen Text, die man mit „Biblischer Hermeneutik“ (gemäß dem sehr guten Buch von Bernhard Ramm) gewinnen kann, ist zumindest der näheren Prüfung wert. Denn sie ist methodisch korrekt gewonnen – auch wenn die Auslegung natürlich inhaltlich falsch sein kann.

    Übrigens: ich freue mich wirklich über Deine Ermahnung zu einigen Nachhilfestunden in Pneumatologie – also zu „mehr Heiligem Geist“, bzw. dass man mehr mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechnen sollte (so verstehe ich Deine Ermahnung nämlich :-)) Vom Heiligen Geist kann man nicht genug kriegen, und er braucht wieder einen größeren Stellenwert in unserer Theologie. An anderer Stelle hier im Blog habe ich dazu auch meine bescheidene Meinung gesagt – dass wir dem Heiligen Geist mehr Raum einräumen sollen.

    Das widerspricht nach meiner Meinung auch nicht dem reformierten oder reformatorischen Denken – Calvin würde mir heute sicher zustimmen (besonders wenn er unsere trockenen Gemeinden heute manchmal sähe – es fehlt uns sowohl an der Liebe zu Gottes Wort als auch am Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes (in die Kritik schließe ich mich ein, versteht sich)).

    Im Wissen um die Unverfügbarkeit des lebendigen Wortes Gottes bittet Paulus um Fürbitte,

    damit mir das Wort gegeben werde, so oft ich meinen Mund auftue, freimütig das Geheimnis des Evangeliums bekanntzumachen, (Eph 6, 19)

    Das sehe ich aber nicht als eine „Unverfügbarkeit des Wortes“ im Sinne dessen, dass man die Heilige Schrift nicht verstehen kann. Die Heilige Schrift ist klar.
    Ich verstehe diese Passage vielmehr so, dass Paulus darum bittet, dass ihm Gott durch den Heiligen Geist das rechte Wort eingibt. Er kannte zwar das AT auswendig (davon gehe ich aus) – und er konnte den Sinn des Textes erfassen, es korrekt auslegen; der „Sinn“ ist ihm also „verfügbar“. Das ist aber nur der „Sinn“ der allgemeinen Lehre. Die Bibel braucht zwar keine Ergänzung im Sinne einer zusätzlichen „allgemeinen Lehre“, also keine zusätzlichen Offenbarungen, die der Bibel gleichgestellt sind.
    Aber jeder Christ braucht den Heiligen Geist, um zu wissen WELCHES Wort gerade DRAN ist. Bzw. man sollte dafür offen sein, dass Gott einen darin führt. Wenn man mal nichts „hört“, (und manche behaupten, sie hören fast nie etwas…), dann darf man trotzdem munter Gottes geschriebenes Wort predigen – und den (klaren) allgemeinen Willen Gottes predigen.

    Den „allgemeinen Willen Gottes“ (also eine gute Systematische Theologie) sollte man sowieso immer im Hintergrund haben, auch wenn man dann im Einzelfall gemäß einer Eingebung Gottes predigt. Eingebungen Gottes, Bilder, Prophetische Rede, Worte der Weisheit etc. – sie sollen Gottes gschriebenem Wort keine Konkurrenz machen, sondern es „konkretisieren, anwenden, explizieren“.
    Je solider unsere Bibelkenntnis, desto besser unsere „allgemeine“ Theologie, desto besser kann uns der Heilige Geist gebrauchen, damit wir seine „Eindrücke“ auch dem richtigen „Rahmen“ gemäß interpretieren.

    Um das richtig zu finden, ist aber keine „dialektische“ Theologie notwendig. Es reicht, wenn wir mit der Hermeneutik eines knöchernen „Fundamentalisten“ diese Stellen in Paulus und der Apostelgeschichte lesen – und diesem Vorbild nacheifern.

    (Paulus war ja in dem Sinne auch ein geisterfüllter knöcherner Fundamentalist. Knöchern in seiner Ablehnung jeglicher Postmoderne, Ablehnung jeglichen Relativismus, und Ablehnung jeglichen Hochmuts, den eigenen Verstand über die Bibel zu stellen. Aber er war nicht „knöchern“ in einer Ablehnung des Wirkens des Heiligen Geistes. Paulus ermutigt die Korinther, die Thessalonicher etc. oftmals, sich nach „mehr von prophetischer Rede“ auszustrecken. Diesem Gebot kommen viele konservative Christen heute nicht nach.)

    Lassen wir uns also an Paulus ein Beispiel nehmen.

    In EINER Sache können wir Paulus allerdings nicht nacheifern – wir sind nie inspiriert, und werden es auch nicht sein. Unsere „Eindrücke“ etc. können nie die Bibel inhaltlich ergänzen, sind ihr nie gleichgestellt. Wir sind höchstens „illuminiert“ (das Wort steht im Buch von Bernhard Ramm).
    Das ist aber kein Argument, dass wir nicht auch die Erfüllung des Heiligen Geistes anstreben sollten, und unsere Predigt nicht auch „gesalbt“ und „vollmächtig“ sein sollte.

    „Mehr vom Heiligen Geist“ ist also nicht misszuverstehen mit dem Aufruf zu einer postmodernen oder dialektischen Hermeneutik. Oder?

    Wir haben keinen Buchgott und sind keine Buchreligion, sondern wir haben es mit dem lebendigen Gott zu tun, der sich uns offenbart im Wort. Dieses Wort kommt zu uns im Zeugnis der Heiligen Schrift im Heiligen Geist und wird lebendiges Wort Gottes in uns.
    Stimmt das?

    Aus meiner Sicht: JA. Allerdings muss man ergänzen: Das geschriebene Wort Gottes ist trotzdem „vollkommen“, ihm wird in der Bibel göttlicher Charakter zugebilligt. Wir haben einen Gott, der die Bibel fehlerlos inspiriert hat. Aber er ist natürlich MEHR als nur „das Buch“. Dazu empfehle ich Thomas Schirrmachers sehr gutes Buch über den Unterschied zwischen Islam und Christentum – der Islam ist eine starre Buchreligion.
    Also – Zustimmung zu Deiner Sicht, solange man damit nicht auch das geschriebene Wort Gottes „herabstuft“.
    Günter Rohrmoser dazu mal sinngemäß (er fand immer gute Autoren der deutschen Geistesgeschichte zum Zitieren):

    Wir sind keine „Buchstabenreligion“. Aber mit Hölderlin müssen wir sagen: man muss den geschriebenen Buchstaben wertschätzen, und es kommt dann auch auf die Deutung, Aktualisierung, Konkretion an (er meinte: durch den Heiligen Geist).

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