Bankrott der Bildung

Die Beherrschung grundlegender Kulturtechniken wie Schreiben, Lesen und Rechnen ist bei Studenten nicht mehr selbstverständlich. Die Kritik daran ist legitim und notwendig, schreibt Roland Reuss. Wie recht er doch hat!

In dieses passt auch, wenn die Regionalzeitung daraufhin Kollegen ihr Sprachrohr leiht und ein Professor für Maschinenbau, der 2008 den Landes-Lehrpreis für besonders gute Lehre erhalten hat, den unschlagbaren Satz formulieren darf, die Studenten seien keineswegs „schlechter als vor Jahren“: „Sie können heute einfach andere Dinge als früher. Manches können sie besser, wie Präsentationen oder den Umgang mit digitalen Medien, manches schlechter wie Kopfrechnen oder Rechtschreibung.“

Es ist nie gut, wenn Theoreme, die schon in der gesuchten Theorie der Postmoderne dubios waren – hier: die Äquivalenz von allem mit jedem –, ihren Eingang in das Bildungswesen finden. Man kann die Stimme des Lehrpreisempfängers getrost auch noch zu den von Meyer geschilderten Krisensymptomen rechnen. Es ist eben nicht dasselbe, irgendwie unverstanden ein Smartphone zu bedienen, irgendwas in eine Präsentation einzudampfen – oder lesen und rechnen zu können.

Mehr: www.faz.net.

Kommentare

  1. Matze meint:

    Sehr gut, auf das Ganze will ich aber noch eins draufsetzen. Selbstbestimmtes Lernen herunter bis in den Kindergarten prägt in weiten Teilen schon die Bildungslandschaft (mal verkürzt:“was das Kind braucht, lernt es dann schon, es weiss es ja selbst“) . Nach diesem Beitrag können wir nicht davon ausgehen, dass dieser Bildungsansatz nachhaltig funktioniert.
    Und weiter:
    Wenn dieser Ansatz sich noch weiter ausbreiten sollte und sich auch auf den Lehransatz in Kirchen und Gemeinden auswirkt? Ist dann nicht die Gefahr, dass den Leuten Angebote gemacht werden (z.B. Lobpreis, soziales Engagement, Events und Lehre etc.) und dann Lehre auf der Strecke bleibt oder „mundgerecht“ gemacht wird? Für mich war dieser Artikel deshalb ein Weckruf zu beobachten wie sich dies in Gesellschaft und Kirche weiterentwickelt. Besonders interessant wird dies aus meiner Sicht für die weitere Entwicklung von Kinder- und Jugendarbeit sein, weil gerade dort altersgerechte aber eben auch theologisch gut geerdete Lerneinheiten besonders wichtig sind

  2. @Matze: Danke für Deine Anmerkung! Meine Beobachtung ist, dass die Reformpädagogik bereits in den Gemeinden Raum gewonnen hat. So findet sich beispielsweise der Ansatz, dass Kindern nichts vorgegeben werden darf, dass die „Entdeckung“ aus ihrem Inneren kommen muss usw. Daher, der „Lehrer“ ist mehr Begleiter als jemand, der Inhalte oder Ansprüche vorgibt. Nach dem Motto: Der Lehrer soll den Kindern auf „Augenhöhe“ begegnen. Sozialkompetenz kann aber die guten Inhalte nicht ersetzen. Wir brauchen dringend eine biblisch reflektierte und kompetente Pädagogik!

    Liebe Grüße, Ron

  3. @Matze: Ich melde mich nochmals. Vor einigen Jahren erschien in einer Publikation des Bibellesebundes ein Artikel zum Thema „Auf Augenhöhe: Die Mündigkeit von Kindern heute“. Darin werden folgende Empfehlung für Mitarbeiter weitergegeben:

    Die Rolle der Mitarbeitenden

    Wenn den Kindern in unseren Gemeinden ein eigener Glaube entsprechend ihrer altersgemäßen Möglichkeiten zugestanden werden darf, dann verändert sich das Verständnis als Mitarbeiter:

  4. • Mitarbeitende dürfen dem gemeinsamen Fragen und Suchen zum Glauben, zur Bibel und zu Gott in einem offenen Rahmen auf Augenhöhe mit Kindern mehr Raum geben.
    • Mitarbeitende dürfen sich darauf beschränken, die Glaubensäußerungen der Kinder zu verstehen. Sie müssen nicht ständig korrigieren und richtig stellen, Wenn überhaupt, greifen sie behutsam ein.
    • Mitarbeitende dürfen selbst kritischer werden und neu das Lernen von Kindern lernen.
    • Mitarbeitende dürfen Kindern Zugang zu neuen Einsichten im Glauben ermöglichen. Sie können dies so tun, dass für Kinder eine alternative Sichtweise entsteht und nicht eine unumstößliche Glaubenswahrheit. Dazu treten sie als Zeuge einer eigenen Glaubenserkenntnis auf, nicht als Vertreter einer unumstößlichen biblischen Wahrheit.
    • Mitarbeitende dürfen verstehen, dass die bewusste, verstandesorientierte Zuwendung eines Menschen zu Gott ein Entwicklungsschritt von vielen im Glauben ist. Sie dürfen die Spannung aushalten lernen, den Glauben von Kindern als ganzen Glauben zu verstehen, und sich von dem Druck lösen, sie erst zu vollwertigen Christen machen zu müssen.
  5. Fällt Dir etwas auf?

    Liebe Grüße, Ron

  6. Matze meint:

    @Hallo Ron,

    danke für Deine umfangreiche Antwort. In dem Text des BLB, den ich bis jetzt noch nicht kannte, ist ja vieles richtig, aber eben nicht alles.
    Was mir auffiel ist:
    Was ist auf Augenhöhe? Ich sehe dies nach 30 Jahren Tätigkeit im Kinderdienst so,
    dass ich mich auf die Ebene der Kids begebe, um den Griechen ein Grieche zu sein.
    Das heisst aber nicht, dass ich die Führung in theologischen, organisatorischen und disziplinarischen Fragen aus der Hand gebe. Deshalb ist der Begriff an dieser Stelle merkwürdig vage.
    Unumstössliche Glaubenswahrheiten? Für mich gibt es die. Es sind wohl nicht sehr viele (Für mich passen die auf einen Bierdeckel), aber es gibt sie halt. Von diesen Wahrheiten müssen und dürfen wir freudig erzählen. Wir bezeugen die Wahrheit und verkörpern sie nicht, aber vertreten will ich die schon!!

    Oder hast Du noch was anderes gemeint?

  7. @Matze: Das geht in die Richtung, die ich meine. Meine Frau hat damals einen Leserbrief an den Bibellesebund geschickt, der leider nicht beantwortet wurde. Ich habe eben die Erlaubnis erhalten, hier mal kurz aus dem Brief zu zitieren, da er das, was auch ich meine, ganz gut auf den Punkt bringt:

    Weiter beschreiben Sie Ihre Sehnsucht. Ihr Anliegen in Ehren! Es ist gut, Kinder ernst zu nehmen und auch deren Glaubensäußerungen. Alles andere wäre wirklich nicht angemessen. Aber heißt „ernst nehmen“=„auf Augenhöhe“= „keine Unterschiede in der Glaubensentwicklung“? Natürlich können wir Erwachsene auch von Kindern lernen. Keine Frage. Und es ist auch richtig, sich auf ihre „Denke“ einzustellen. Und natürlich muss ich mich methodisch-didaktisch immer wieder neu an den Voraussetzungen der Kids orientieren. Wenn wir geistliche Verantwortung für Kinder übernehmen, haben wir ihnen aber hoffentlich einiges voraus. Ansonsten sollte man die Finger von der Arbeit mit Kindern lassen. Dieses „Voraus“ ist keine Überheblichkeit, sondern gewachsene geistliche Reife.

    Was meinen Sie damit, dass Kinder „eigene kleine Theologen“ seien und ein Recht auf eigenen Glauben hätten? Was soll das für eine eigene Theologie sein? Und was soll der Hinweis auf das Recht eines eigenständigen Glaubens? Gibt es jemanden, der den Kindern dieses Recht abspricht?

    Nun folgt in Ihrem Artikel eine Ansammlung von Hinweisen für Mitarbeitende. Schön formuliert soll das Wort „dürfen“ vermitteln, dass diese von Ihnen empfohlene Sichtweise eine Art Befreiung sein „darf“. Allerdings beschleicht mich beim mehrmaligen Lesen der Eindruck, dass dieses „dürfen“ besser durch „sollen“ ersetzt werden sollte, denn: Der einleitende Satz macht klipp und klar deutlich, dass sich beim Zugeständnis eines eigenen Glaubens für jedes Kind (in Ihrem entfalteten Sinn) das Verständnis als Mitarbeitender ändert. Will implizit heißen: Ändert sich die Einstellung des Mitarbeiters nicht entsprechend der unten angeführten Einstellungen, nimmt der Mitarbeitende das Kind und dessen Glauben nicht ernst, bzw. beschneidet das Kind in seinem von Ihnen postulierten Recht auf eigenen Glauben.

    Nun zu Ihren Empfehlungen im Einzelnen:

    – Selbstkritik und Lernbereitschaft für Mitarbeitende – sehr gut!

    – Viel Raum für Fragen und Suchen zum Glauben – super!

    – Mitarbeitende sind Glaubenszeugen – ja!

    – Kognitive Erkenntnisse im Glauben sind ein Aspekt des Glaubens – unbedingt.

    – Was haben Sie aber gegen die Vermittlung von unumstößlichen Wahrheiten?

    – Was haben Sie gegen die Rolle als Vermittler unumstößlicher biblischer Wahrheit?

    – Warum darf ich als Mitarbeitender nicht mehr über Wahrheit sprechen und Kinder lehren, was die Bibel unter „Gut und Böse“ versteht?

    – Warum „dürfen“ Mitarbeitende sich darauf beschränken, Glaubensäußerungen zu verstehen? Wer sagt das? Warum? Wieso unterstellen Sie indirekt, dass man Kinder „ständig kritisiert“, wenn man sich nicht darauf beschränkt?

    Meine grundlegende Kritik an Ihrem Artikel zielt auf Folgendes ab: In Ihren Ausführungen findet ein Paradigmenwechsel statt, den ich bei allem guten Anliegen um das Wohl der Kinder kritisch hinterfrage.

    1. Nicht die Erkenntniswelt der Erwachsenen ist Ziel der Erziehung (auch der geistlichen), sondern die Erfahrungswelt des Kindes steht im Mittelpunkt und gilt als (alleiniger) Maßstab für das Handeln des Mitarbeitenden. Hier wird der Anspruch auf eine Erziehung hin zu (geistlicher) Mündigkeit letztlich aufgegeben.

    2. Die biblische Wahrheit ist nicht mehr Maßstab, an dem sich unser Glaube zu messen hat, also außerhalb von uns liegt. Wichtig sind im Wesentlichen subjektive Glaubensäußerungen. Hier wird der Anspruch auf eine absolute Wahrheit praktisch aufgegeben.

    Ich schließe mit einem Ihrer Sätze: „Diese Überlegungen lassen viele Fragen offen“. Sehr viele!

    Liebe Grüße, Ron

  8. Matze meint:

    @Ron,

    sehr gut, vielen Dank:
    Was ist zu tun: zu beten, dass möglichst viele Kindermitarbeiter und verantwortliche Leiter und Pastoren sensibilisiert bleiben oder werden sowie in der Weise zu lehren und zu informieren wie Du es tust.

  9. Peter meint:

    Und dabei achten wir darauf, dass wir nicht auf der anderen Seite vom Pferd herunterfallen:
    * Wissen Erwachsene immer alles genauer und besser als Kinder?
    * Glauben Erwachsene ‚richtiger‘ als Kinder?
    * Haben Erwachsene Zugang zum Wort Gottes, Kinder aber nicht?
    * Sind Erwachsene heiliger oder Gott näher als Kinder?
    * Wissen Erwachsene um die Zukunft eines Kindes oder gar des Kindes „besser“ Bescheid als das Kind selbst?

    Damit ihr mich nicht falsch versteht: Ich gebe euch – Ron und Matze – recht, der Bibellesebund romantisiert die Kindheit ein Stück. Aber der Erwachsene ist nicht der Mittler zwischen Gott und dem Menschen (=Kind), sondern ebenso wie das Kind ein gerufener oder begnadigter Sünder.
    Das (für mich eigentliche) Problem ist, dass wir keine Väter und Mütter im Glauben mehr haben, sondern nur noch Kinder, die nach leichtverdaulicher Milch schreien.

    vg
    Peter

  10. Schandor meint:

    @Peter

    * Wissen Erwachsene immer alles genauer und besser als Kinder?
    Nein. Kinder kennen sich bei modernen Trends auf YouTube besser aus als Erwachsene.
    * Glauben Erwachsene ‘richtiger’ als Kinder?
    Nein. Kinder glauben ‚richtiger‘ als Erwachsene.
    * Haben Erwachsene Zugang zum Wort Gottes, Kinder aber nicht?
    Ja. Kinder hätten – wenn sie läsen. Erwachsene dann, wenn sie lesen.
    * Sind Erwachsene heiliger oder Gott näher als Kinder?
    Nein, es ist umgekehrt: Kinder sind heiliger. Aber Gott näher? Wir leben, weben und sind in ihm.
    * Wissen Erwachsene um die Zukunft eines Kindes oder gar des Kindes “besser” Bescheid als das Kind selbst?
    Ja, ganz sicher. Sie sehen, wohin der Trend geht und wie ihr Kind ist. Daraus kann man anhand gaussscher Relationen und heisenbergscher Unschäremechaniken ziemlich genau errechnen: Wenn ein Kind dumm, verschlagen und bereit ist, alle in die Pfanne zu hauen, dann muss es in die Politik oder in die Wirtschaft, wahrscheinlich aber landet es in der Gosse.

  11. Matze meint:

    @Peter
    Ausgehend von Deinen beiden letzten Sätzen, denen ich voll zustimmen kann muß ich meine Sicht noch etwas präzisieren
    Ich glaube, dass wir Nachfolger Christi nur einen Meister haben nämlich Jesus.
    Das gilt für alle Leitenden egal auf welcher Ebene und alle Geleiteten. Es hat niemand in seiner Position vor Gott eine andere Stellung, die ihn zum Mittler zwischen Gott und einem anderen Menschen macht. Es gibt aber von Gott den Auftrag zu lehren, auch klar und deutlich zu lehren. Diesen Auftrag haben neben den Pastoren und Hauskreisleitern eben auch Jugend- und Kindermitarbeiter und vor allem auch Eltern. Lehre nach dem NT in ihrer Ausrichtung heisst: Ich weise auf den hin der helfen kann in aller Schwachheit, mit allen meinen Fehlern. Kinder werden nie heiliger als Erwachsene sein @Schandor, weil es nur eine unteilbare Gnade in Jesus gibt, die entweder angenommen oder abgelehnt wird.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*