Bibelübersetzer diskutieren den Begriff »Sklave« in 1Kor 7

Letztes Jahr traf sich das Übersetzungskomitee der English Standard Version-Bibel (ESV) in Cambridge im Tyndale House, um über anstehende Revisionen zu sprechen. Das BBC hat eine Diskussion zur angemessenen Übersetzung von doulos (Sklave) in 1Kor 7 gefilmt. Das Ergebnis ist faszinierend, nicht nur, weil J.I. Packer Gordon J. Wenham, Justin Taylor und Wayne Grudem zu sehen sind. (Schade, dass nicht genau zu erkennen ist, wer für welche Variante gestimmt hat.)

VD: DB

Kommentare

  1. Was mich begeistert, ist v.a. Gordon Wenham in diesem Gremium zu sehen! 😉

    Die Frage Wayne Grudems nach den Assoziationen, die wir heute mit dem Begriff Sklaverei verbinden im Vergleich zur (durchaus vielfältigen) Realität der Sklaverei z.B. im 1. Jhd. n. Chr., diese Frage ist interessant und sehr gut gestellt. Transportiert der Begriff Sklave Bedeutungen, die dem 1. Jhd. nicht oder zumindest nicht immer gerecht werden und so zu einem Missverstehen des Textes führen? Ob man allerdings (v.a. so pauschal) sagen kann, dass Sklaverei in der Zeit des NT „temporary“ war und „it leads to freedom“ und ob sie außerdem „often[!] voluntary“ war, hier hätte ich ernsthafte Anfragen!

  2. ‚Lese gerade „Sklave Christi“ von John MacArthur. Der Begriff enthält wirklich eine fundamentale Bedeutung für unser Christsein heute. Wichtiges Thema.

  3. @AndreasA: Dein hilfreicher Expertenhinweis enthält übrigens ein sehr starkes Argument für möglichst literale Bibelübersetzungen (und damit ein Argument gegen die heute ja ach so beliebten und massenweise verkauften dynamischen Übersetzungen). Es ist nämlich immer noch besser, der Leser verbindet mit einem Begriff eine falsche Vorstellung als wenn der Text selbst eine falsche Vorstellung nahe legt. Sollen sich doch die Leser mit dem Begriff „Sklave“ herumplagen und studieren über studieren. Sie können dabei nur dazulernen. Wird so ein Begriff durch einen weicheren ersetzt, fehlt der Anstoß, auch der, tiefer darüber nachzudenken. Zudem wird in vielen Fällen eben auch eine „Scheinlösung“ angeboten.

    Liebe Grüße, Ron

  4. Schandor meint:

    @Ron

    „ein sehr starkes Argument für möglichst literale Bibelübersetzungen“
    Ja, ich stimme hier zu, obgleich ich das sehr gern auf die Begriffe beschränkt sähe, die umstritten sind, während man dort, wo der Gedanke leicht transportierbar ist, ruhig auf griffige Sprache zurückgreifen dürfen sollte. So ärgert mich an den älteren Übersetzungen, dass sie die Gedanken des Lesers durch holpriges Deutsch daran hindern, auf die richtige Spur zu kommen, während neuere Ü. sich Freiheiten herausnehmen, dass man sich nur wundern kann…

    LG
    S.

  5. @Schandor: Natürlich ist gute Lesbarkeit wichtig, ich bin da ganz mit Dir. Insgesamt weiß ich nicht, was man mit so vielen BÜen erreichen will. In einer klassischen Hauskreissituation kann es durchaus vorkommen, dass jeder eine andere Übersetzung liest. Das trägt, so jedenfalls meine Erfahrung, selten zum besseren Textverständnis bei, sondern erschwert die Kommunikation. Das Thema, Welcher Grundtext?, klammern wir dezent aus. 😉
    Liebe Grüße, Ron

  6. Alexander meint:

    Interessante Diskussion im Tyndale House!
    @Andreas: Grudem bezieht sich zunächst auf’s AT: dort sei Sklaverei „temporary“ gewesen und „leads to freedom“. Dabei übersieht er allerdings, dass es sich beim AT Sklavengesetz (Ex 21, übrigens die erste Rechtsordnung, die für das Volk Israel im Anschluss an den Dekalog genannt wird!!) um einen normativen Text handelt – der in der Geschichte des Israels garantiert ebenso oft gebrochen wurde wie alle anderen Gesetze und damit über die historische Realität nicht viel aussagt! Dass Sklaverei im 1. Jh. n. Chr. „often voluntarily“ gewesen sei, ist sicher nicht richtig. Es gibt zwar in der Tat einige interessante Fälle, in denen sich jemand freiwillig selbst in die Sklaverei begeben hat, aber das war keineswegs die Regel.
    Ich bin sicher, die Schreiber des NT wären mit der Übersetzung slave/Sklave für doulos einverstanden, weil dies genau das meint, was sie sagen wollten: dass ein Mensch im Besitz(!) einer anderen Person und dieser Person zum Dienst verpflichtet ist. Die weicheren Übersetzungen Diener/servant treffen das nicht. Hätten die NT-Schreiber nur ‚Diener‘ gemeint, hätten sie hyperetes geschrieben. Das ist jedem klar, der griechische Texte liest, und hier ist es eben manchmal von Nachteil, dass Theologen oft nicht viel mehr als das NT lesen. @Andy hat Recht: Es geht hier um ein Konzept, und zwar um ein wichtiges, nicht nur um einen Begriff.
    Ich denke immer noch, dass die Luther-Bibel die beste deutsche Übersetzung ist, aber Luthers „Knecht“ hat die Sache verunklärt.

  7. Ich finde es auch schade, dass „Sklave“ überstimmt wurde und wir demnächst 4 x „Knecht“ (“bondservant” ) in der ESV lesen werden. Sowohl Neue Züricher, Schlachter, Neue Genfer, Elberfelder, Einheitsübersetzung und sogar Gute Nachricht (!) übersetzen übrigens mit „Sklave“.

    Liebe Grüße, Ron

    P.S. Ich habe keinen Protokollschreiber gesehen. So ein Sitzungstag wird doch sicher komplett protokolliert, oder?

  8. Alexander meint:

    Grade nochmal nachgesehen: In 1 Kor 7 geht es eindeutig um Sklavereiterminologie. 7,22: apeleutheros = Freigelassener = ehemaliger Sklave. Wenn das ESV-Kommittee jetzt in 1 Kor 7 für bond-servant gestimmt hat (so habe ich es in dem Video verstanden), hat es die Übersetzung verschlechtert! Bisher hat die ESV dort ’slave‘.

  9. @Alexander: alea iacta est. Aber Du solltest Dich vielleicht trotzdem mal bei Justin T. melden.

    Liebe Grüße, Ron

  10. AndreasA meint:

    @Alexander: Ging es Grudem bei „temporary“ etc. wirklich nur um das AT? Er sagt: „in the Old Testament and certainly in the time of the New Testament…“ (ca. 2:57). Aber auch dann hätte ich immer noch ernsthafte Anfragen (= sehe ich das nicht so): Neben der Frage der Lebenswirklichkeit, auf die Alexander zu Recht hinweist, gilt es auch zu Beachten, dass dieser Text nur hebräischen/ israelitischen Sklaven gilt. Fremde Sklaven hatten ein härteres Los! Das übersieht er definitv! Mit Blick auf das 1.Jhd. passt es dann überhaupt nicht mehr als ein Regelfall.

    @ Ron & Alexander: Ich halte Sklave hier auch für die beste Übersetzung, nicht zu letzt darum auch mein Lob für G. Wenham (abgesehen davon, dass ich ein Fan von ihm bin), der ja ca. 1:20 auch den Punkt „Besitz eines anderen Menschen“ als Kennzeichen des Sklaven herausstellt und vor Konfusion warnt. Seinen knappen Beitrag finde ich in diesem kurzen Abschnitt am besten, auch mit Blick auf den hermeneutischen Aspekt (wie steht das AT, die Bibel überhaupt zur Sklaverei?).
    „Bondservant“, hmmm, es ist immer noch ein Leibeigener, nicht nur ein Knecht/ Diener, also sind gewisse Besitzrechte an diesem Menschen im Spiel. Aber damit trägt man u.U. ein bestenfalls spätantikes (Kolonat), eher mittelalterliches und frühneuzeitliches Konzept ins NT ein. Hilft das weiter? Und ist das so viel besser verständlich für einen durchschnittlichen Muttersprachler? Einzig der Blick auf die ethnische Komponente der Sklaverei in den USA liese sich – zumindest für ein amerikanisches Zielpublikum – als Argument anführen, denn das wäre in der Tat eine falsche Füllung des Begriffs.

    @Ron: Zur Frage eher ausgangstextnahe oder eher zielsprachlich orientierte Übersetzung: Wo möglich das zweite, wo nötig das erste und am Ende wird es – unter Berücksichtigung der angepeilten Leserschaft – ohnehin immer etwas von beidem, sonst wäre es keine Überstzung mehr. Dennoch finde ich W. Grudems Frage grundsätzlich gut und angemessen – zu meiner eigenen Überraschung, da es mir sonst bei ihm nicht oft so geht, sondern ich mich in der Regel sehr an ihm reibe. Denn es geht ja gerade um die Frage, was bedeutet doulos (noch dazu in diesem konkreten Text) und ist Sklave überhaupt eine angemessene „wörtliche“ Übersetzung? Seine inhaltliche Füllung von doulos und damit die Antwort, die er gibt, ist dann allerdings wie bereits angeführt problematisch und Sklave ist, um so mehr in 1. Kor. 7 (@Alexander: dito!), die richtige Übersetzung! Denn ein anderes Wort, um auszudrücken, dass ein Mensch einen anderen besitzt, haben wir nicht.
    Und ja, ich stimmer dir völlig zu: Gerade manche schwierigen und evtl. unklaren Texte sollte man nicht klarer und leichter machen, als sie sind. Damit nimmt man dem Bibelleser die Möglichkeit, die Schwierigketít über haupt wahrzunehmen und mit dem Text und seinen Möglichkeiten zu ringen.

  11. AndreasA meint:

    „dieser Text“ im ersten Absatz meint Ex. 21.

  12. Schandor meint:

    @AndreasA

    Gerade manche schwierigen und evtl. unklaren Texte sollte man nicht klarer und leichter machen, als sie sind. Damit nimmt man dem Bibelleser die Möglichkeit, die Schwierigketít über haupt wahrzunehmen und mit dem Text und seinen Möglichkeiten zu ringen.

    Wenn man die Betonung auf das Wort „manche“ legt, ja. Ich persönlich will dort nicht mit dem Text ringen müssen, wo historisch/philologisch eindeutig gemacht werden kann, was ursprünglich gemeint war. Denn das ist dann nicht im eig. Sinn übersetzt, sondern das ist Faulheit oder im besten Fall falsche Verzagtheit. Und wer würde sich zum Zweck des Studiums schon auf die englische/deutsche Übersetzung eines Begriffs verlassen? Ich glaube, wir verstehen einander.

  13. @Schandor: Ja, wir verstehen einander! 😉

  14. Schandor meint:

    Hier habe ich noch eine Seite, die ich schon seit längerem gesucht habe:
    http://www.bibelbund.de/htm/99-2-106.htm

    Dabei liegen mir vor allem die Aussagen am Schluss u n g e m e i n am Herzen. Schon lange, bevor ich diese Internetseite gefunden habe, habe ich meinen Kontrahenten eben diese Dinge gepredigt, freilich umsonst. Weil nur wenige verstehen, was Übersetzung wirklich ist — und was nicht (!!!).
    Und darum …

  15. Peter Geerds meint:

    Ich verstehe auch nicht, was am Begriff ‚Sklave‘ trotz falscher Assoziationen so falsch sein soll. Ich habe etliche Bibelausgaben, bei denen im Anhang eine Worterklärung für diverse Begriffe ist. Auch da kann man bzw. der Übersetzer den Begriff so erklären, dass man ihn versteht. Früher war das wohl kein Problem …

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