Bonhoeffer und das Alte Testament

Dietrich Bonhoeffer schrieb 1943 an seinen Freund Eberhard Bethge (Widerstand und Ergebung, 1983, S. 86):

„Ich spüre übrigens immer mehr, wie alttestamentlich ich denke und empfinde, so habe ich in den vergangenen Monaten auch viel mehr A.T. als N.T. gelesen. Nur wenn man die Unaussprechlichkeit des Namens Gottes kennt, darf man auch einmal den Namen Jesus Christus aussprechen; nur wenn man das Leben und die Erde so liebt, daß mit ihr alles verloren und zu Ende zu sein scheint, darf man an die Auferstehung der Toten und eine neue Welt glauben; nur wenn man das Gesetz Gottes über sich gelten läßt, darf man wohl auch einmal von Gnade sprechen, und nur wenn der Zorn und die Rache Gottes über seine Feinde als gültige Wirklichkeiten stehen bleiben, kann von Vergebung und von Feindesliebe etwas unser Herz berühren. Wer zu schnell und zu direkt neutestamentlich sein und empfinden will, ist m.E. kein Christ.“

Kommentare

  1. Jürgen meint:

    Sehr schönes Zitat. Könntest du noch die Quellenangaben weitergeben?

  2. Habe die Quelle nachgetragen.
    Liebe Grüße, Ron

  3. Jürgen meint:

    Danke.

  4. Roderich meint:

    Wer zu schnell und zu direkt neutestamentlich sein und empfinden will, ist m.E. kein Christ.

    Krasse Worte. Da ist sehr viel Tiefgang drin, den wohl heute fast keiner versteht. (Und es gibt in der Tat heute viel aus-dem-Kontext-gerissenes Zitieren des Wortes Gottes des Neuen Testamentes, welches einfach vor einen politischen Karren gespannt wird. Oder zu schnelles Zitieren von „Du sollst nicht richten“ wird als Allzweckwaffe gegen Korrektur eingesetzt, oder „Du sollst Deinen Nächsten lieben“ als Abwehr gegen Gerechtigkeitsforderungen, oder „Gott ist Liebe“ gegen die Heiligkeit Gottes.)
    Aber genau genommen ist das dann immer ein selektives Zitieren des Neuen Testamentes. Das NT ist auch für sich genommen sehr alttestamentlich.
    Fest steht eines: AT und NT ist eine Einheit, und wer das NT isoliert, hat am Ende weder NT noch AT.

  5. Johannes G. meint:

    Wer zu schnell und zu direkt neutestamentlich sein und empfinden will, ist m.E. kein Christ.

    Seit wann geben meine (jemandes) „Empfindungen“ und „Wünsche“ Aufschluss darüber, ob ich (derjenige) Christ bin (ist)?

    Meiner bescheidenen Einschätzung nach ist dieser Satz nicht nur „krass“, sondern – auch trotz des ev. abschwächend gedachten „m.E“ – schlicht theologisch unhaltbar…

    Liebe Grüße
    Jo

  6. Roderich meint:

    @Jo,
    falsche Lehre kann eben dazu führen, dass man kein Christ ist.
    Was Bonhoeffer meint, sind ja nicht Empfindungen oder Wünsche, sondern eben ein falsches Verständnis der Bibel und ein nicht-Kennen des Gottes der Bibel, von dem es ja heißt: „Dich zu kennen ist ewiges Leben“, Joh. 17.
    Meiner bescheidenen Einschätzung nach ist also Deine bescheidene Einschätzung, die Aussage von Bonhoeffer sein nicht haltbar, nicht haltbar.

  7. Alsterstewart meint:

    Wobei Bonhoeffer hier nicht an einer theologischen Dogmatik gefeilt, sondern einen privaten und sehr persönlichen Brief an Eberhard Bethge geschrieben hat.

  8. Roderich meint:

    @Alsterstewart,
    stimmt, es ist in solchen Briefen auch erlaubt, Dinge zu schreiben, die nicht für die Veröffentlichung bestimmt sind, weil sie nicht systematisch durchformuliert und daher missverständlich sein können. (Und man weiss auch nicht, was Bonhoeffer und sein Adressat ansonsten so diskutiert haben zu dem Thema – man kennt also den Kontext nicht).

  9. Johannes G. meint:

    @Rod

    Was Bonhoeffer meint, sind ja nicht Empfindungen oder Wünsche, sondern eben ein falsches Verständnis der Bibel und ein nicht-Kennen des Gottes der Bibel.

    Selbst wenn er das meint, dann hat er es mindestens missverständlich formuliert. Ich für meinen Teil würde so etwas übrigens nicht einmal in einem persönlichen Brief schreiben (was natürlich nicht heißt, dass ich keine falschen Dinge sage oder schreibe 😉 ).

    Und ja, falsche Lehre kann dazu führen, dass man kein Christ wird (z.B. indem verkündigt bekommt, dass man seine Erlösung verdienen kann oder gar muss). Aber nochmals: Das hat nichts mit meinem subjektiven „Empfinden“ oder „Wollen“ zu tun, über das Bonhoeffer hier schreibt. Die Tatsache z.B. dass jemandem einige Dinge im AT große Probleme bereiten, sagt nichts darüber aus, ob er an die Rettung allein aus Gnade glaubt.

    Und selbst wenn ich das von Bonhoeffer angeführte „Kriterium“ nicht für verfehlt halten würde, ist die Aussage selbst äußerst schwammig: Was ist „zu schnell“ und „zu direkt“ und wer setzt den Maßstab dafür? Wie kann mir so eine Aussage persönlich eine Hilfe sein? Ich meine das führt grundsätzlich nur zu Verwirrung und Verunsicherung.

    Bonhoeffer hat sicher viele gute und wichtige Dinge gesagt, aber ich meine dieser Satz bzw. dieser Abschnitt gehört nicht unbedingt dazu…

    Liebe Grüße
    Jo

  10. Roderich meint:

    @Jo,
    Manche Sätze muss man einfach auf sich wirken lassen. Und keine Definition fordern 😉

    Und: „zu schnell und zu direkt“ hat B. ja oben näher ausgeführt:

    Nur wenn man die Unaussprechlichkeit des Namens Gottes kennt, darf man auch einmal den Namen Jesus Christus aussprechen; nur wenn man das Leben und die Erde so liebt, daß mit ihr alles verloren und zu Ende zu sein scheint, darf man an die Auferstehung der Toten und eine neue Welt glauben; nur wenn man das Gesetz Gottes über sich gelten läßt, darf man wohl auch einmal von Gnade sprechen, und nur wenn der Zorn und die Rache Gottes über seine Feinde als gültige Wirklichkeiten stehen bleiben, kann von Vergebung und von Feindesliebe etwas unser Herz berühren.

    Ok, bin auf dem Sprung, und muss mich daher hier ausklinken. 🙂

  11. Bettina Klix meint:

    Also, ich finde die Stelle einfach großartig und hatte sie mir in meiner Ausgabe angestrichen, nur nicht den letzten Satz. Man darf doch nicht vergessen, WANN Bonhoeffer das sagt und deshalb hat Ron ja auch das Jahr nicht vergessen: 1943.
    Ich habe gerade etwas über Chaim Nolls Roman „Kitharaspieler“ geschrieben und dafür auch Franz Rosenzweig herangezogen. er hat in seinem „Stern der Erlösung“ (1921) prophetisch die Gefahr erkannt, die aus einer Abkoppelung entsteht: „Das Verhältnis, diese Notwendigkeit des Daseins – nichts weiter als Daseins – des Judentums für ihr eigenes Werden ist auch der Christenheit wohl bewußt. Es waren immer die verkappten Feinde des Christentums, von den Gnostikern an bis auf den heutigen Tag, die ihm sein „Altes Testament“ nehmen wollten…“

  12. @Johannes G.: Zur Zeit Bonhoeffers hatten sich Lehre und Verkündigung stark vom Alten Testament entfremdet. Ich denke hier nicht nur an die Extrempositionen der Deutschen Christen, die bekanntlich das Christentum von allem Jüdischen säubern wollten, sondern fernerhin an große Gelehrte. Eigentlich fing es mit Schleiermacher an. Schon er behauptete, das Neue Testament sei für den christlichen Glauben als Norm völlig ausreichend (siehe: Christlicher Glaube, Bd.2, § 131). Ich denke jedoch insbesondere an Adolf von Harnack, der auf Bonhoeffer (und viele andere) in Berlin einen großen Einfluss hatte. Für Harnack war das AT kein kanonisches Buch. Es als kanonisch zu konservieren, „ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung“ (Marcion, S. 217).

    Vor diesem Hintergrund ist gut verständlich, was Bonhoeffer in seinem Brief zum Ausdruck bringen wollte. Er entdeckte allgemein, dass Christus ohne das Alte Testament nicht zu haben ist. Er sah konkret, dass die Sicht auf das AT (und von dem AT) enorme Konsequenzen z.B. für die Hermeneutik und die Ethik hat. (Hier könnte W. Lütgert einen positiven Einfluss auf ihn gehabt haben.)

    Übrigens: Bonhoeffer sagt, dass diejenigen, die zu schnell und zu direkt neutestamentlich sein und empfinden wollen, keine Christen sind. Er spricht hier nicht Leute an, die kein AT haben oder verstehen, sondern diejenigen, die es überspringen WOLLEN. Eine ausgezeichnete und theologisch völlig korrekte Notion!

    Die Geringschätzung für das Alte Testament ist meines Erachtens längst nicht überwunden. Wohl dem, der an dem Gespür Bonhoeffers anknüpft!

    Liebe Grüße, Ron

  13. Johannes G. meint:

    @Rod,

    wir können uns ja im Oktober in Marburg weiter unterhalten 😉 Ich habe auch nicht vor hier eine größere Diskussion zu starten. Just my 2 Cents 🙂

    @Ron,

    vielen Dank für die Erläuterungen zum Kontext Bonhoeffers. Trotzdem kann ich der Grundaussage nach wie vor nicht folgen. Warum kann ich keine Vorbehalte gegen das AT haben und trotzdem glauben, dass ich Sünder bin und Christus mich allein aus Gnade erlöst hat? Nochmals: Nur weil jemand mit dem AT ringt und dagegen eine Abneigung verspürt (d.h. es z.B. überspringen WILL – auch wenn er weiß, dass es zum umfänglichen Verständnis des NT unerlässlich ist) kann daraus keinesfalls gefolgert werden, dass derjenige kein Christ ist. Das ist meiner Ansicht nach ein Non Sequitur.

    @Bettina

    Also, ich finde die Stelle einfach großartig und hatte sie mir in meiner Ausgabe angestrichen, nur nicht den letzten Satz.

    Da muss ich Dir Recht geben bzw. mich korrigieren. Es ist nur der letzte Satz, der den Abschnitt meiner Einschätzung nach problematisch erscheinen lässt. Die vorhergehenden Aussagen sind sicher richtig und wichtig, da sie einige zentrale Voraussetzungen für die Erkenntnis der Verlorenheit des Menschen als Grundlage für die Annahme des Evangeliums treffend beschreiben.

    Liebe Grüße
    Jo

  14. @Johannes G.: Meinst Du, ein Mensch kann Christus lieben und das AT hassen?

    Liebe Grüße, Ron

  15. Johannes G. meint:

    @Ron,

    „Empfindungen“ reichen bekanntlich über ein weites Spektrum. Das ist ja gerade eines der Probleme, die ich sehe: Das Kriterium ist einfach schwammig und ich meine Empfindungen können grundsätzlich kein Kriterium dafür sein, ob jemand gerettet ist.

    Ich habe zudem von einer Abneigung oder einem Widerwillen gesprochen. Das ist eben (noch) kein „Hass“, sondern ggf. ein „Ringen“ oder „Unwohlsein“. Doch wo ist da die Grenze? Ab welchem Grad der Abneigung ist jemand kein Christ (mehr) und wie finde ich das (objektiv) heraus? Zudem rettet mich ja nicht meine Liebe zu Christus, sondern umgekehrt seine Liebe für mich.

    Aber nehmen wir für das Argument bzw. deine Frage an, dass jemand das AT „hasst“. Ob so jemand Christus lieben kann, weiß ich nicht, da ich keine Daten oder Erfahrungswerte dazu habe – kann es mir aber prinzipiell durchaus vorstellen. Diese Haltung mag inkonsistent sein, aber ich meine sie ist sicher nicht undenkbar.

    Zudem gibt es sicher Christen, die einen „Hass“ auf Gott aufgrund schwerer Schicksalsschläge entwickeln. Nicht jeder ist ein Hiob und es gibt sicher nicht wenige Menschen, die am Leben zerbrochen sind, keinerlei „positive“ Gefühle mehr für Gott haben, jedoch weiterhin daran festhalten, dass Christus „treu“ ist und sie trotz ihrer negativen Gefühlen gegenüber Ihm und/oder Gott (und das kann auch Hass beinhalten) retten und erlösen wird. Daher meine Frage zurück an Dich: Meinst du solch ein Mensch wird nicht gerettet bzw. war nie Christ? (Ich denke die Frage nach der Verlierbarkeit des Heils muss ich Dir sicher nicht stellen 😉 ).

    Liebe Grüße
    Jo

  16. @Johannes G.: Ich glaube, dass ein Christ Christus und den Nächsten liebt, da der Heilige Geist diese Liebe stiftet (Röm 5). Diese Liebe wird Fragment bleiben, aber eben doch Liebe sein. Wenn ich von Liebe oder von Hass spreche, dann nicht im romantischen Sinne, sondern im neutestamentlichen. Liebe offenbart sich durch Tun, nicht durch Fühlen. Natürlich kann jemand, der Christus nachfolgt, emotionalen Schwankungen ausgesetzt sein oder auch „Kämpfe“ mit dem AT, NT oder mit Gott selbst ausfechten. Aber er will wissen, wer Christus ist. Er will Christus (dennoch) vertrauen. Wer ist Christus? Die Antwort gibt uns die Schrift (in Joh 7,38 dürfte in erste Linie das AT gemeint sein).
    Was für dich auf der Hand zu liegen scheint, nämlich dass ein Christ das AT überspringen oder zurücksetzen WILL, ist für mich – ähnlich wie für Bonhoeffer – unverständlich. Wenn es so etwas gibt, dann ist das eine Verfassung oder ein Notstand, die bzw. der zu überwinden ist.

    Liebe Grüße, Ron

  17. Johannes G. meint:

    @Ron

    kurze Antwort in der Mittagspause 🙂

    Was für dich auf der Hand zu liegen scheint, nämlich dass ein Christ das AT überspringen oder zurücksetzen WILL, ist für mich – ähnlich wie für Bonhoeffer – unverständlich.

    Naja, wie du darauf kommst, dass das meiner Einschätzung nach „auf der Hand liegt“ erschließt sich mir nicht wirklich. Zwischen „durchaus denkbar / nicht undenkbar“ und „auf der Hand liegend“ sehe ich schon noch einen gravierenden Unterschied. Deine Einschätzung zum schriftgemäßen Verständnis der Begriffe „Liebe und Hass“, teile ich. Meine Kritik war ja aber gerade, dass Bonhoeffer von „Empfindungen“ und nicht vom Tun schreibt!

    Wenn es so etwas gibt, dann ist das eine Verfassung oder ein Notstand, die bzw. der zu überwinden ist.

    Amen. Da sind wir uns wohl einig 🙂 Ich finde das Wort „Notstand“ trifft es exzellent. Ein Christ im „Notstand“ ist aber etwas ziemlich anderes als ein Nicht-Christ 😉

    Liebe Grüße
    Jo

  18. @Johannes G.: Dann mal eine Gegenfrage meinerseits. Kann jemand Christ sein, der das Gesetz Gottes über sich nicht gelten lässt? (Das anklagende Gesetz taucht natürlich auch im NT auf. Ich frage das aber, weil B. in dem Zitat darauf Bezug nimmt).

    Liebe Grüße, Ron

  19. Johannes G. meint:

    Lieber Ron,

    die Voraussetzung zur Erkenntnis der Erlösungsbedürftigkeit und zur Annahme von Vergebung muss meiner Einschätzung nach eine objektive Schulderkenntnis sein. Und objektiv kann diese nur sein, wenn ich ein allgemeines (moralisches) Gesetz außerhalb meiner selbst, dem ich nicht gerecht werde, akzeptiere. Zweitens muss man dieses Gesetz als im Wesen Gottes (und damit einem rationalen Bewusstsein) verankert sehen und nicht z.B. auf einen platonischen Ideenhimmel bzw. ein planotisches Ideal zurückführen. Andernfalls ist es sinnlos von jemand anderem Vergebung und durch jemand anderen Erlösung zu erhoffen.

    D.h. aufgrund dessen, dass man sich „schlecht fühlt“ und sich durch das Christentum eine Verbesserung seines Gefühlszustands erhofft (worin diese Hoffnung auch immer begründet sein mag) reicht sicher nicht aus. Wenn ich es möglichst kurz zusammenfassen sollte würde ich sagen, dass man Römer 1+2 zustimmen muss (was nicht heißt, dass man Römer 1+2 kennen muss, um Christ zu werden).

    Ich hoffe deine Frage damit befriedigend beantwortet zu haben. Falls noch etwas unklar sein sollte und / oder du das anders siehst, bitte einfach nachhaken 🙂

    Liebe Grüße
    Jo

  20. @Johannes G.: Danke! Stimme zu.

    Liebe Grüße, Ron

  21. …wobei gerade Römer 1+2 über Gottes Heiligkeit und Zorn lehren.

    Das ist es wohl auch, was Bonhoeffer betonen möchte.

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