Brecht, der Frauenversteher

Bertold Brecht schreib in seinem Tagebuch am 5. September 1920:

Neun Leute in Ottos Wohnung füllen sich nachmittags langsam mit Tee und Alkohol. Dann werden Witze gemacht, nicht mit dem Maul, sondern mit den Händen. Es sind vier Mädchen da, ich singe, aber dann schmeiße ich die Klampfe weg und reiße Otto ein Mädchen heraus (Hansi Haase), trage sie in das dadaistische Kabinett. Otto zerrt an mir herum, ich muß kämpfen wie ein Neger, dabei schlägt ihr Kopf an einen Stuhl, wummert an einen Schrank, haut an eine Holzwand, auf die Ottomane, wo ich die Flecken küsse, es ist dunkel, sie ist weich, warm, hübsch, wir balgen, aber sie mag nicht, es gehen Leute durch, ein Mädchen sagt: „Sie haben ein Gesicht wie ein Orang-Utan.“ Ich singe wieder, ein klein wenig betrunken, im Zylinder, sehe gemein aus, es ist eine Lästerhöhle, gefilmt wurde schon, wir stehen herum, ich fange an, unter den Salven des Klaviers, einen Monolog Malis auf ein Zeitungspapier zu schmieren, da verpatzt mir Das die letzten Möglichkeiten, indem er, mit Vergröberung, meine Leistung nachahmt, das Mädchen orang-utanhaft umschlingt, sie biegt, daß alles kracht, an die Wand schmeißt, ihr die Knochen entzweibricht, kurz: sie erzieht. Er hat keinen Erfolg, er pfuscht nur, sieht lakaienhaft aus, trüb, gefaltet, urninghaft, stammelt künstlich, mimt Naivität, mimt Brutalität, knirscht mit den Zähnen, hörbar in fünf Meter Umkreis, mahlt mit den Backenknochen, dampft von Vitalität, ist aber nicht beir Sache. Otto liegt, halbvoll, hinter dem Schreibtisch mit einer Maid und arbeitet hart. Er hat gut gefilmt, gut gesoffen, er sieht gut aus. Die Frauen sind dumm, ohne Rasse zumeist, ein dicker, schleimiger Jude sitzt da, die Müllegger im Arm, die ich brachte, die ich nie anrede, sie soll sehen, wie sie auf die Rechnung kommt, ich bin keine Kinderfrau, hinterher tut sie mir leid. Aber ich kann nichts machen gegen meine Abneigungen. Ottos Wohnung gleicht einem Trödelladen.

Kommentare

  1. Germanikus meint:

    Mich würden deine weiteren Überlegungen zu diesem Zitat noch interessieren…

  2. Roderich meint:

    @Germanikus,
    zunächst mal ein Zitat, das den linken Säulenheiligen Brecht nicht gerade in ein positives Licht rückt…

  3. @Germanikus:
    volle Zustimmung.
    Mich auch.
    ????

  4. @Germanikus u. Jutta: Ich lese gerade die Tagebücher von Brecht und bin dabei auf diese Stelle gestoßen. Ich finde, um es euphemistisch zu sagen, das Frauenbild, das hier vermitteln wird, entsetzlich erniedrigend. Brecht bereitete es Vergnügen, die Freunde mit „Frischfleisch“ zu versorgen.

    Liebe Grüße, Ron

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