Bultmann und das Reich Gottes

Der Theologe Rudolf Bultmann ist mit  einer liberalen Theologie aufgewachsen, die die Geschichtlichkeit der Heiligen Schrift und die christliche Nächstenliebe in den Mittelpunkt stellte (vgl. hier). Bei dem großen Albrecht Ritschl (1822–1889) kulminierte dieser Ansatz in dem Anspruch, durch ein sittlich an Jesus Christus orientiertes Leben das Reich Gottes im Hier und Jetzt zu bauen.

Bultmann erkannte, dass diese Theologie vom Menschen und nicht von Gott handelt. In seinem Vortrag „Die liberale Theologie und die jüngste theologische Bewegung“ beschreibt er die Tragik der liberalen Theologie und fordert deren Überwindung (Glauben und Verstehen, Bd. 1, 1961, S. 3):

Wohin führte der Weg der historisch-kritischen Theologie? War er anfangs geleitet von dem Vertrauen, daß die Kritik von der Last der Dogmatik befreit und dahin führt, das echte Jesusbild, auf das der Glaube sich gründen kann, zu erfassen, so ward diese Meinung schnell als Wahn offenbar. Die Geschichtswissenschaft kann überhaupt nicht zu irgendeinem Ergebnis führen, das für den Glauben als Fundament dienen könnte, denn alle ihre Ergebnisse haben nur relative Geltung. Wie verschieden sind die Jesusbilder der liberalen Theologie, wie unsicher das Bild des historischen Jesus: Ist er überhaupt noch für uns erkennbar? Mit einer großen Frage endigt hier die Forschung – und soll sie endigen!

Mit der „jüngsten theologischen Bewegung“ bezeichnet Bultmann die „Wort Gottes-Theologie“, die in den 20-er Jahren maßgeblich von Barth, Thurneysen Gogarten und mit Einschränkungen auch von Brunner vorangetrieben wurde. Zaghaft solidarisierte sich der Marburger Professor mit der neu aufkommenden „Offenbarungstheologie“.

Karl Barth war sehr neugierig und wollte möglichst aus erster Hand hören, was Bultmann über die neue Strömung, die damals großen Widerstand ertragen musste, denkt. Deshalb besuchte er am 6. März 1924 – damals in Göttingen lehrend – zusammen mit zwölf Studenten incognito Marburg. Er lauschte Bultmanns Vortrag und war sehr beeindruckt. Seinem Freund Eduard Thurneysen erklärte er, dass Marburg „wieder zu einem der Punkte auf der mitteleuropäischen Karte geworden“ sei.

Bultmanns Vortrag ist heute noch erhellend. Über die Reich Gottes-Theologie der Ritschlianer sagte er (Glauben und Verstehen, Bd. 1, 1961, S. 15):

Wenn man meint, daß soziale Arbeit als solche, d. h. Arbeit, die sich — ob sozialistisch orientiert oder nicht — um die Schaffung menschenwürdiger sozialer Zustände müht, als solche Reichsgottes arbeit, christliches Tun sei, so kennt man das σκάνδαλον des Wortes Gottes nicht. Und das σκάνδαλον ist um so größer, um so deutlicher, als hier gegenüber solchem Tun, das an sich pflichtmäßig, ehrenwert, bitter notwendig ist, hart gesagt wird: es ist kein christliches Tun. Denn es gibt kein Tun, das sich direkt auf Gott und sein Reich beziehen könnte. Jede Form menschlichen Gemeinschaftslebens, die schlimmste wie die idealste, steht in gleicher Weise unter dem göttlichen Gericht.

Leider konnten uns weder Bultmann noch Barth nachhaltig aus der Krise führen.

Kommentare

  1. Theophil Isegrim meint:

    Seltsame Worte von Bultmann. Später hat er Dinge ganz anderer Natur geäußert.

  2. Ich empfehle zur Thematik: Christian Danz, Grundprobleme der Christologie (UTB).

  3. Johannes Strehle meint:

    „… es gibt kein Tun, das sich direkt auf Gott und sein Reich beziehen könnte.“
    (Bultmann)
    Das ist in dieser Verabsolutierung typischer pseudogeistlicher Bultmann-Nonsens.
    „Leider konnten uns weder Bultmann noch Barth nachhaltig aus der Krise führen.“
    Bultmann hat uns nicht nur nicht aus der Krise geführt,
    er hat uns in der Krise verankert.
    Er erkannte, dass sich die deutsche evangelische Theologie des 19. Jahrhunderts ihres Fundaments beraubt hatte. Diese Erkenntnis ist durchaus erhellend.
    Bultmann erkannte nicht, dass das Ergebnis dieser Theologie auf ihren eigenen nicht wissenschaftlichen Denkvoraussetzungen beruht, und übernahm es unkritisch. Er selbst formulierte das Ergebnis so: Wir wissen über den geschichtlichen Jesus nicht mehr als das „Dass seines Gewesenseins“.
    Seine „geniale“ Lösung: Es sei gerade das Wesen des christlichen Glaubens, dass er kein geschichtliches Fundament brauche. Nur das war für ihn „sola fide“. Schaeffer nennt das den Glauben an den Glauben. Diese Neudefinition des christlichen Glaubens ist ein anderes Evangelium. Statt den Weg in die Sackgasse zu revidieren, stellte Bultmann am Ende der Gasse ein Sprungbrett auf für den Sprung in die Irrationalität, wie Schaeffer das nennt.
    Bultmann war ein „frommer“ Mann, im Detail ein guter Exeget, von dem sich viele Evangelikale eine Scheibe abschneiden könnten. Deshalb ist es kein Problem, fromme und gute Sentenzen von ihm zu finden. Im Grundlegenden war und ist Bultmann einer der einflussreichsten falschen Lehrer und Nebelwerfer der Kirchengeschichte.
    Ich empfehle „Laiengeblök“ des Literaturhistorikers C. S. Lewis, einen Vortrag, den Lewis auf Einladung des Rektors vor Theologiestudenten hielt.

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