Calvin und die Gotteserkenntnis

Der Reformator Johannes Calvin eröffnet seine Institutio bekanntlich mit einer Erörterung der Gotteserkenntnis.

All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfaßt im Grunde eigentlich zweierlei: die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Diese beiden aber hängen vielfältig zusammen, und darum ist es nun doch nicht so einfach zu sagen, welche denn an erster Stelle steht und die andere aus sich heraus bewirkt. Es kann nämlich erstens kein Mensch sich selbst betrachten, ohne sogleich seine Sinne darauf zu richten, Gott anzuschauen, in dem er doch „lebt und webt“ (Apg. 17,28). Denn all die Gaben, die unseren Besitz ausmachen, haben wir ja offenkundig gar nicht von uns selber. Ja, selbst unser Dasein als Menschen besteht doch nur darin, daß wir unser Wesen in dem einigen Gott haben (nihil aliud … quam in uno Deo subsistentia)! Und zweitens kommen ja diese Gaben wie Regentropfen vom Himmel zu uns hernieder, und sie leiten uns wie Bächlein zur Quelle hin.

Calvin spricht nicht nur zum Eingang der Institutio darüber. Die Frage der Erkenntnis Gottes ist eine für seine gesamte Theologie zentrale. Warum? Hier eine Antwort von John Frame (The Doctrine of The Knowledge of God, 1987, S. 2):

Woher hatte Calvin diesen bemerkenswerten Gedanken? Zweifellos gewann er ihn durch sein eigenes Studium der Heiligen Schrift. Wir neigen dazu zu vergessen, wie oft in der Bibel Gott seine großen Taten so ausführt, dass Menschen „erkennen“ werden, dass er HERR ist (vgl. Ex 6,7; 7,5.17; 8,10.22; 9,14.29f; 10,2; 14.4.18; 16,12; Jes 49,23.26; 60,16 etc.). Die Schrift betont oft, dass, obwohl in gewissem Sinne alle Menschen um Gott wissen (vgl. Röm. 1,21), in einem anderen Sinne das Erkennen ausschließliches Privileg der erlösten Menschen ist und in der Tat das ultimative Ziel des Lebens eines Gläubigen. Was könnte mehr „zentral“ sein als das? Aber in unserer modernen Theologensprache, ob orthodox, liberal, akademischen oder populärwissenschaftlich, kommen diese Worte nicht leicht über unsere Lippen. Wir sprechen viel lieber über gerettet sein, wiedergeboren sein, gerechtfertigt sein, angenommen sein, geheiligt sein, Geistestaufe, den Eintritt in das Reich Gottes, dem Sterben und Auferstehen mit Christus, den Glauben oder die Buße als über die Erkenntnis des HERRN. Für Calvin gab es diese Zurückhaltung nicht. Er war ganz zu Hause in der biblischen Sprache, er machte sie wirklich zu seiner eigenen. Damit hob er einen reichen Schatz der biblischen Lehre, gegenüber dem wir heute weitgehend ignorant sind.

Kommentare

  1. Joel213 meint:

    Endlich mal wieder Calvin hier aufm Blog, yeah! 🙂

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