Calvins Bibel- und Gesetzesverständnis

201105191603.jpgReiner Zimmermann schreibt in:

  • Reiner Zimmermann: Calvinismus in seiner Vielfalt: Die Bedeutung des Reformators für die evangelische Christenheit, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft, 2011, S. 98

Calvin wusste sich – wie wir sahen – durchaus als Schüler Luthers. So konnte auch er sein »Sola scriptura« anerkennen. Aber Calvin glaubt nicht, dass Gott die Absicht habe, alle Menschen zu erlösen, im Mittelpunkt seines Bibelverständnisses steht Gottes Ehre, die die Erwählten durch ihren Glauben und Gehorsam bekennen und verkünden sollen. Calvin vertritt, wie auch Zwingli, die Verbalinspiration aller biblischen Bücher: »Die Theologie soll darstellen, was in der Bibel niedergelegt ist. Der Gedanke der Inspiration der Schrift wird damit zur Lehre vom Diktat des Heiligen Geistes, unfehlbar von jenen Menschen vermittelt, die die Worte der Schrift niederschrieben.« Dementsprechend galten auch bei den Puritanern – als Schülern von Knox und Calvin – alle Texte der Bibel als gleichwertig, die alttestamentlichen wie die des Neuen Testaments, es sei denn, alttestamentliche Ordnungen wurden ausdrücklich von Jesus oder den Aposteln für nicht mehr gültig erklärt. »Das Alte Testament nimmt bei Calvin eine andere Stellung als in der lutherischen Theologie ein: Das zeremonielle Mosaische Gesetz ist mit dem Erscheinen Christi abgeschafft. Dagegen gilt das alttestamentliche Moralgesetz auch für die Christen. Sie stehen unter seiner Verpflichtung und sollen ihren Wandel nach den Vorschriften führen, die man der Gesetzesverkündigung der Schrift entnehmen kann. Desgleichen soll das gesellschaftliche Leben nach der Richtschnur des biblischen Gesetzes gestaltet werden.«

 

Kommentare

  1. Alexander meint:

    Hat Calvin wirklich vom „Diktat des Heiligen Geistes“ gesprochen oder überzeichnet Zimmermann hier nicht doch?
    Mindestens unglücklich formuliert erscheint mir auch der folgende Satz:
    „Das Alte Testament nimmt bei Calvin eine andere Stellung als in der lutherischen Theologie ein: Das zeremonielle Mosaische Gesetz ist mit dem Erscheinen Christi abgeschafft.“
    Das Zeremonialgesetz sehen auch die Lutheraner als abgeschafft an. Was soll überhaupt das „zeremonielle Mosaische Gesetz“ sein? Meint Zimmermann das ganze Mosaische Gesetz sei „zeremoniell“?

  2. @Alexander: Das Diktat bezieht sich wahrscheinlich auf die 40 „dictare“-Vorkommnisse bei Calvin. Das wird freilich verschieden interpretiert.

    Zum Gesetz: Du musst die beiden Sätze hinter dem Doppelpunkt zusammenlesen: „Das zeremonielle Mosaische Gesetz ist mit dem Erscheinen Christi abgeschafft. Dagegen gilt das alttestamentliche Moralgesetz auch für die Christen.“ Das ist in der Tat eine speziell reformierte Auffassung vom Gesetz. Gemeint ist der dritte Gebrauch (tertius usus legius), demnach der gerechtfertigte Sünder aus Dankbarkeit sein Leben am moralischen Willen Gottes ausrichtet.

    Liebe Grüße, Ron

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