Christozentrisch Glauben

Die jüngere ›christuszentrierte Bewegung‹ in Nordamerika ist ungefähr zwanzig Jahre alt. J.D. Greear, Trevin Wax und Greg Gilbert haben, durchaus selbstkritisch, über den Ansatz diskutiert. Mir gefällt besonders folgende Beobachtung:

“We’re able to easily say, ‘Hey, there’s something wrong with that guy’s preaching,’ or ‘There’s something wrong in that book,’ or ‘This guy’s confusing Gospel and implications and whatnot,’ but it’s not the beauty of the Gospel and the God of the Gospel that’s actually captivating our hearts, our affections, our emotions.”

Kommentare

  1. Katharina meint:

    Meine Mitbewohnerin und ihr Mann gingen in Raleigh Durham in die Summit Church und sind von J.D. Greear total begeistert. Ich war auch ein paar Mal mit, aber die Gemeinde war mir mit ca. 1000 Gottesdienstbesuchern zu riesig. Ich weiß noch, daß ich beeindruckt war, weil J.D. im Gottesdienst vor den Präsidentschaftswahlen ganz explizit gesagt hat, er werde keine Wahlempfehlungen abgeben – Hauptsache, man ginge wählen. Er hatte mit dem gesamten Mitarbeiterstab eine Vereinbarung getroffen, daß keiner von ihnen irgendwelche Fähnchen oder Aufkleber am Auto oder Haus hat und in irgendeiner Form Werbung für den einen oder anderen Kandidaten macht. Leider dringen immer nur Geschichten von solchen Pastoren nach Deutschland durch, die von der Kanzel aus massiv Wahlkampf machen, und verstärken so das Zerrbild, das man hierzulande von amerikanischen Evangelikalen hat…

  2. Roderich meint:

    @Katharina,
    danke, das klingt erst mal gut. Aber – um mal ein extremes Beispiel zu nehmen – haette man damals „gegen Hitler“ eine Wahlempfehlung abgeben duerfen? To ask the question means to answer it, Natuerlich JA.
    Also, man darf gegen Hitler, sicher auch gegen die Linkspartei, oder gegen die NPD etc. Wahlempfehlungen geben. Wo endet die „Erlaubnis“, Wahlempfehlungen zu geben? Wie ist es bei Abtreibung? Darf man einen Kandidaten empfehlen, der dagegen ist? Gleichgeschlechtliche Ehe etc.?
    Ich kann Dir soweit folgen, dass manche Pastoren sich _blind_ einer Partei verschreiben, ohne die Ideologie im einzelnen zu pruefen. (Nicht alles, was christlich aussieht, ist auch christlich). Aber andererseits wuerde ich nicht gerne grundsaetzlich den Christen die Urteilsfaehigkeit absprechen. Christus hat uns auch berufen, die Dinge der Welt anhand des Wortes Gottes zu pruefen, dazu gehoeren auch Parteiprogramme.
    Ein Pastor, der evtl. mehr Zeit hat, sich mit Ethik aus biblischer Sicht auseinanderzusetzen, und der evtl. die Gabe der Lehre hat (hoffentlich), kann sich auch dazu aeussern, welches Parteiprogramm unbiblischer und welches biblischer ist. Natuerlich kann er sich auch irren, und er darf seine Empfehlung deshalb nie als Gottes Willen verkaufen, oder behaupten, wer nicht seiner Meinung sei, sei ungeistlich etc. – bzw. er muss sehr vorsichtig sein, solche Aussagen zu machen; er muss sehr aufpassen, sein Amt nicht zu missbrauchen zur Verbreitung seiner eigenen politischen Ideologie, und muss auch immer offen sein fuer Korrekturen.
    Insgesamt glaube ich schon, dass die Republikaner (in den USA) Gott viel lieber sind als die Demokraten, welche ja in Lebens- und Familienrechtlichen Fragen sehr liberal / atheistisch sind. Man lese mal die Parteiprogramme, um den krassen Unterschied zu sehen. Aber mit einem Republikanischen Praesidenten (und sei er auch noch so christlich) ist noch laengst nicht alles gewonnen; der ganze Parteiapparat ist noch nicht notwendig christlich, und die beste christliche Politik kann nicht das Herz der Menschen veraendern. Das kann nur Christus; dafuer ist also die Kirche zustaendig, das Evangelium zu predigen, und nicht die Politik.
    Also: nix gegen Wahlkampf, aber wenn, dann bitte mit Demut. 🙂

  3. Roderich meint:

    …ergaenzend noch:
    – Man kann den Fehler machen, blind eine Partei zu empfehlen
    – Man kann den Fehler machen, nur aus Menschengefaelligkeit keine Kandidaten zu empfehlen, weil sich die Medien zu sehr beschwert haben, dass Pastoren Wahlempfehlungen machen, und man will gerne beliebt sein und als „neutraler, ausgewogener, nicht ideologischer Pastor“ zu gelten.
    Wie Churchill sagte: die heissesten Plaetze der Hoelle sind fuer die reserviert, die in Zeiten des Kampfes fuer „Neutralitaet“ sind.
    Und: ohne Hass auf das Boese ist keine Liebe zum Guten moeglich.

  4. Das ist sehr interessant. Von der katholischen Sicht her habe ich mal gelesen (ich bin keine Theologin, sondern liest halt ab und zu aus Interesse theologische Publikationen), daß das WORT immer vorrangig als Gottes Sohn bzw. die inkarnierte Zweite Person Gottes zu verstehen ist, und das Wort in der Bible ist nicht von dem Logos zu trennen.

  5. Oops, sorry, es soll heißen „lese“ (nicht liest).

  6. @ Roderich – Ich halte das für sehr fragwürdig, was Du schreibst:
    „Insgesamt glaube ich schon, dass die Republikaner (in den USA) Gott viel lieber sind als die Demokraten, welche ja in Lebens- und Familienrechtlichen Fragen sehr liberal / atheistisch sind.“
    Ich glaube nicht, dass Gott zwischen Rep. und Dem unterscheidet: der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an!
    Im übrigen gibt es eigentlich keine krassen UNterscheidungenn zwischen Demokraten und Republikanern, nach europäischen Maßstäben wären beide mehr oder weniger liberalen Positionen zuzuordnen.
    PArteiprogramme sind das eine, Menschen das andere. Und es gibt wohl in beiden PArteien Christen.
    Entscheidend ist, wer eine gute/ realistische Politik amcht, und nicht, wer am lautesten dieGesinnung vor sich her trägt.
    Parteien sind Gebilde dieser Welt, sie unter „biblisch/ unbiblisch“ zu summieren, ist, wie ich meine, nicht hilfreich, sondern gefährlich! Weil damit eine Unterscheidungsmöglichkeit postuliert wird, die in dieser Form so nicht gegeben ist. Aber natürlich kommt man als Reformierter hier ins Schwimmen: Luthers Unterscheidung der zwei Reiche ist da viel sinnvoller – und barmherziger!
    Anfang der 30er Jahre haben übrigens viele Christen die NS-Partei gewählt, und sie glaubten, das sei diejenige, die am ehesten für christliche „Werte“ (so würde man heute sagen) einträte. Es waren u.a. auch genau solche christlichen Kreise und Milieus, die sich als „biblisch“ bezeichneten und damals schon glaubten, richtiger als andere zu sein.
    Dass das ein verhängnisvoller Irrtum war, haben viele zu spät gemerkt.

  7. Schandor meint:

    Es gibt nur eine Partei in Amerika, die Partei des Geldes, und die hat zwei Flügel, einen rechten und einen linken (Gore Vidal).

  8. „Republocrat: Confessions of a Liberal Conservative“ von Carl Trueman kann ich zur aktuellen Diskussion sehr empfehlen. War eine meiner Sommerlektüren. Es ist sehr herausfordernd geschrieben – vor allem für solche, die sich eindeutig einem Lager zuordnen. Trueman ist Demokrat (und eigentlich Engländer – kein Amerikaner), es geht ihm aber nicht darum seine Leser von seiner Partei zu überzeugen, sondern zu zeigen, dass man als Christ vorsichtig sein sollte sich einer einzigen Partei zu verschreiben. Er zeigt auch sehr schön wie oft Christen auf plumpe Retorik hereinfallen statt Argumente zu prüfen. Es geht um den amerikatnsihen Kontext, aber vielleicht können wir als Deutshe hier vielleicht auch etwas lernen…? Das Vorwort ist übrigens von seinem Freund und Vorgesetzten (Präsident des Westminster Theological Seminary) Peter Lillback geschrieben, der überzeugter Republikaner ist.

  9. Roderich meint:

    @Ernst und allgemein: hier noch kurz die Links zu den Parteiprogrammen:

    Republikaner: http://www.gop.com/2008Platform/
    Demokraten: http://www.democrats.org/about/party_platform

    Im übrigen gibt es eigentlich keine krassen Unterscheidungenn zwischen Demokraten und Republikanern

    Da wuerde mich Deine Meinung nach Lektuere der Parteiprogramme interessieren.

    Sicher gibt es viele Punkte, wo man als Christ verschiedene Meinungen haben kann: Verkehrspolitik, Aussenpolitik etc.

    Wesentlich sind fuer mich zwei Punkte: F
    1.) Familienpolitik (Republikaner wollen die traditionelle Familie staerken, waehrend Demokraten sich besonders stark machen fuer die absolute Gleichstellung von Homosexuellenehe – und damit die Rolle der traditionellen Familie aushoehlen), und
    2.) Wirtschaft (Republikaner gehen von mehr Eigenverantwortung aus, waehrend Demokraten meist fuer „mehr Staat“ sind.)

    Natuerlich war George Bush mit seiner Fiskalpolitik auch kein konsistenter Konservativer – der Krieg im Irak hat Unmengen Geld verschlungen, und er hat das Budget weit weit ueberzogen.Und ueberhaupt ist die Frage der Berechtigung des Irakkriegs sehr schwierig zu beantworten, wenn man keine Einsicht in die Gemeindienstberichte hat. Also – keine Partei ist vor krassen Fehlern gefeit.
    Das heisst, es gibt nie eine 1:1 Entsprechung von Christentum und einer Partei. Aber man kann das kleinere Uebel waehlen. Die Republikaner sind aus meiner Sicht aber nicht nur das „kleinere Uebel“, sondern eine wirklich gute Partei, die in vielen Punkten christliche Werte vertreten.

    Aber nochmals: die entscheidende Umkehr (oder: eine neue Reformation) wird NIE aus der Politik kommen, denn der Staat kann keine Bekehrungen herbeifuehren. Kirchen muessen fuer Erweckung beten und dass die Menschen Busse tun und umkehren zu dem lebendigen Gott. Das ist die Basis fuer alle Erneuerung. (Politik kann natuerlich auch Erweckungen kaputtmachen, z.B. indem strukturell antichristliche Weltanschauungen gefoerdert werden; dann werden Erweckungen evtl. verpuffen; auch nutzt eine Erweckung herzlich wenig, wenn nicht auch die Medien umkehren und ihr anti-christliches „bias“ ablegen, und wenn Universitaeten nicht wenigstens neutral dem christlichen Glauben gegenueberstehen. Die beste Erweckung nutzt nix, wenn die Universitaeten dazu beitragen, dass Christliche Studenten vom Glauben abfallen, und wenn Universitaeten jedes Jahr Millionen von hochausgebildeten Humanisten als Absolventen ausspucken, die an der Uni gelernt haben, dass das Christentum eher schlecht ist fuer die Gesellschaft etc.

  10. Roderich meint:

    @Jakob, danke fuer den Buchtipp. Klingt interessant. Sicher muessen wir alle aufpassen, nicht auf Rhetorik hereinzufallen, sondern tiefer gehen; man sollte sich einlesen, wenn moeglich zunaechst die Parteiprogramme selber, aber auch in Geschichte, Politik, Recht, Aussenpolitik, Theologie und Philosophie, und vor allem die Bibel, und man sollte beten um Weisheit.

    Es stimmt, man sollte nicht unkritisch einer Partei zusprechen. Wenn das Buch aber (vielleicht gar aus der Versuchung, moeglichst „unparteiisch und abgehoben und weise ueber den Dingen stehend“ klingen zu wollen) meint, dass es gar keinen Unterschied zwischen den Parteien gibt, dann wuerde ich nicht zustimmen. Die Unterschiede sind meines Erachtens signifikant genug.
    Es ist aber viel bequemer, zu sagen: beide Parteien sind gleich schlecht / gut, dann erspart man sich Widerspruch und kann sich gleichzeitig als klueger waehnen.

  11. Schandor meint:

    @Roddi

    Der Unterschied, von dem Du sprichst, ist vom Wesen her irrelevant, das ist gemeint. Wenn es eine überparteiliche Instanz gibt – und die gibt es von Natur aus immer, weil es gar nicht anders sein kann heute –, die mächtiger ist als die Parteien, dann sind die Parteien eine Farce, die freilich in diversen untergeordneten volksnahen Fragen Unterschiede haben (das sieht jeder), aber vom Grundsatz her der höhergeordneten Instanz „verpflichtet“ sind, will heißen, von ihr abhängig sind. Ach so: Ich meine hier keine Geheimbünde (die gibt’s auch und die mischen auch recht viel mit), sondern die Wirtschaft: DIE machen die Politik, nicht die Politiker.

  12. @ Roderich – nun ja… Du hältst die Reps nur für die christlichere Partei, weil sie DEINEN Vorstellungen von ´christlich´ mehr entspricht. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Parteien; aber gemessen an europäischen Verhältnissen ist das ziemlich wenig.
    Das von dir angeführte Kriterium ´Wirtschaft´ ist sehr ambivalent: Willst Du hier die sog „Eigenverantwortung“ (was immer das auch sei) etwa als christlicher definieren? Hast Du etwa noch nichts von „christlicher Soziallehre“ gehört??
    Mag sein, dass heute in unserem Land mehr Eigenverantwortung not täte – aber dass der Staat bestimmte Aufgaben und Verpflichtungen an sich gezogen hat, war historisch gesehen notwendig (im wahrsten Sinne des Wortes) und richtig – auch weil die Kirchen oder die Christen, etwa bei der Lösung der ´Sozialen Frage´, versagt haben.
    Im übrigen möchte ich daran erinnern, dass bei der Entscheidung des Bundestages zur PID eine ganze Reihe von Mitgliedern der LINKEN und auch der GRÜNEN ´christlicher´ abgestimmt haben als viele Abgeordnete der CDU/CSU !
    Das zeigt, so meine ich, dass es keine christlichen Parteien gibt! Es gibt aber wohl Parlamentarier, die christliche Positionen vertreten (und manchmal sind das erstaunlicherweise sogar Atheisten).

  13. Roderich meint:

    @Ernst, das Subsidiaritaetsprinzip der Christl. (Kathol.) Soziallehre auf unsere Situation angewendet würde heissen, dass man sich für wesentlich weniger Staat einsetzt.
    Nach Roland Baader beträgt die Staatsquote heute (mit direkten und indirekten Steuern, also inkl. Eink.ST, Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer, und wenn alles abkassiert ist nochmal die Erbschaftssteuer etc., sowie die Lohnnebenkosten) etwa 70-80%.

    Sag uns lieber, wie wir von 70% wieder herunterkommen auf, z.B., 25% – 30%. Danach unterhalten wir uns wieder über Details. 😉

Ihre Meinung ist uns wichtig

*