Christus den Weg versperren

horton.jpgMichael Horton, J. Gresham Machen-Professor für Apologetik und Systematische Theologie am Westminster Theological Seminary (Escondido, Kalifornien), hat einen aufrüttelnden Artikel über das »Christentum ohne Christus« geschrieben, der demnächst in der Zeitschrift Glaube und Denken heute erscheinen wird.

Hier schon Mal ein Auszug:

Wir sind vollkommen abgelenkt rechts, links und in der Mitte. Kinder, die in evangelikalen Kirchen aufwachsen, wissen genauso wenig über die Grundlagen des christlichen Glaubens, wie Jugendliche ohne kirchliche Bindung. Sie bewohnen zunehmend eine kirchliche Welt, die aber immer weniger vom Evangelium durch christozentrische Katechese, Predigt und Sakramente (die Mittel, die Jesus einsetzte für die Jüngerschulung) geformt wird. Die Lieder, die sie singen, sprechen meist das Gefühl an, statt dazu zu dienen, »das Wort Christi reichlich unter ihnen wohnen« zu lassen (Kol 3,16). Und ihre privaten Andachten sind weniger von der Praxis gemeinsamen Gebets und Bibellesens geformt als in vergangenen Generationen. Auf dem Papier muss sich nichts verändern: Sie können noch immer »konservative Evangelikale« sein. Doch das spielt eigentlich keine Rolle mehr, weil die Lehre egal ist. Und das bedeutet, dass der Glaube egal ist. Es funktioniert – das ist alles, was für den Augenblick zählt. Also macht euch an die Arbeit!

So sind nun Menschen dazu aufgerufen, die »gute Nachricht« zu sein und die Mission Christi dadurch erfolgreich zu machen, dass sie »in Beziehungen« und »authentisch« leben. Wo das Neue Testament ein Evangelium verkündigt, das Leben verändert, ist nun unser verändertes Leben das »Evangelium«. »Wir predigen nicht uns selbst, sondern Christus« (2Kor 4,5) ist ausgetauscht worden gegen einen beständigen Appell an unsere persönliche und kollektive Heiligkeit als die Hauptattraktion. Der Guru des Kirchenmarketing George Barna ermutigt uns, auf die Menschen ohne kirchliche Bindung auf der Grundlage unseres Charakters zuzugehen: »Wonach sie suchen, ist ein besseres Leben. Kannst du sie zu einem Ort oder zu einer Gruppe von Menschen führen, die ihnen die Bausteine eines besseren Lebens liefern? Bringe nicht das Christentum als ein System von Regeln ein, sondern als eine Beziehung mit dem Einen, der durch Vorbild führt. Dann suche nach bewährten Wegen, um Bedeutung und Erfolg zu erreichen.« Ich unterstelle ganz und gar nicht, dass wir nicht dem Vorbild Christi folgen sollten oder dass die Kirche nicht Vorbilder und Mentoren haben sollte. Was ich aber nahe lege ist, dass Jüngerschaft bedeutet, andere zu lehren, und zwar sie so gut zu lehren, dass selbst dann, wenn wir als Vorbilder schwanken, die Reife ihrer eigenen Jüngerschaft nicht versagen wird, weil sie in Christus und nicht in uns gegründet ist.

Es ist egal, was wir über unseren Glauben an die Person und das Werk Christi sagen, wenn wir nicht ständig in diesem Glauben baden, dann wird das Endergebnis zu H. Richard Niebuhrs Beschreibung des protestantischen Liberalismus führen: »Ein Gott ohne Zorn brachte Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht durch einen Christus ohne Kreuz.« Laut Christian Smith, Soziologe an der Universität von North Carolina, ist die Religion der Teenager Amerikas, seien sie evangelikal oder liberal, kirchlich gebunden oder nicht, in der Praxis »ein moralistischer, therapeutischer Deismus«. Und die Antwort darauf ist laut vielen Megakirchen und Emerging Churches: »Tue mehr, sei authentischer, lebe transparenter.« Ist das die gute Nachricht, die die Welt ändern wird?

Kommentare

  1. Wieland Willker meint:

    Ich verstehe nur Bahnhof.
    Gibt es das auch als Version für Doofe?

  2. Lieber Wieland,

    nein, gibt es leider nicht. 😉

    Was ist Dir denn unverständlich?

    Liebe Grüße, Ron

  3. Wieland Willker meint:

    Was will der Artikel überhaupt aussagen?
    In einfachen Worten.

    „Was ich aber nahe lege ist, dass Jüngerschaft bedeutet, andere zu lehren, und zwar sie so gut zu lehren, dass selbst dann, wenn wir als Vorbilder schwanken, die Reife ihrer eigenen Jüngerschaft nicht versagen wird, weil sie in Christus und nicht in uns gegründet ist.“

    Also statt Taten mehr Lehre? Und was ist mit Lehre gemeint? Wie soll ich einen Christus Fernstehenden lehren?

    und:
    »Tue mehr, sei authentischer, lebe transparenter.«

    Was soll das aussagen?

  4. @Wieland:

    1. Abschnitt: Auch junge Menschen mit enger kirchlicher Bindung (sagen wir »konservative Christen«) wissen heute nicht mehr, was in der Bibel steht.

    2. Abschnitt: Die Verkündigung des Glaubens konzentriert sich heute meist einseitig auf Beziehungen, nicht auf Inhalte. Sie ist überbetont menschenorientiert (Menschen binden Menschen an sich).

    3. Abschnitt: Das Evangelium wird oft mit Echtheit verwechselt und auf einen bestimmten moralischen Lebensstil reduziert.

    Liebe Grüße, Ron

  5. Ein toller Beitrag! Das beunruhigt mich schon seit einiger Zeit: der Druck, dem junge Menschen ausgesetzt sind, wenn sie glauben, nur ihr „authentisches“ Leben sei verantwortlich dafür, ob Menschen zum Glauben finden oder nicht.
    Da hätte man fast Lust, als Gegengewicht dazu, „reformiert“ zu werden … 😉

    Moni

  6. Wieland Willker meint:

    „Die Verkündigung des Glaubens konzentriert sich heute meist einseitig auf Beziehungen, nicht auf Inhalte. Sie ist überbetont menschenorientiert (Menschen binden Menschen an sich).“

    Da ist was wahres dran. Sehe ich auch so.

  7. @Wieland: Ich denke, der ganze Artikel, der bald erscheinen wird, macht so manchen Gedanken von M. Horton verständlicher.
    Liebe Grüße, Ron

  8. Liebe Moni,

    herzlich willkommen! 😉

    Liebe Grüße, Ron

  9. Alexander Weiss meint:

    Ron,

    Danke für die Vorabveröffentlichung, ich bin gespannt auf den vollständigen Artikel. Etliche Sätze treffen ins Mark, vor allem der hier: „Wo das Neue Testament ein Evangelium verkündigt, das Leben verändert, ist nun unser verändertes Leben das »Evangelium«.“ (Den Druckfehler könnt ihr ja noch berichtigen.) Mit einigen Verallgemeinerungen wäre ich vorsichtiger und manche Probleme scheinen mir eher amerikanisch als deutsch. Ich glaube, man sollte „Beziehungen“ als Mittel der (Prä-)Evangelisation auch nicht gleich verteufeln. Aber die Mahnung, dass das Evangelium unabhängig vom menschlichen Vermittler gilt, der auch einmal (oder mehrmals oder 7x77mal) ein Versager sein darf, war dennoch treffend. Das Problem, dass die Lehrinhalte in evangelikalen Kreisen ziemlich dünn sind, treibt mich auch um. Aber andererseits ist das in Deutschland schon länger so und dennoch hat Gott ein kleines Häuflein übrig gelassen.

    Darf ich noch eine Bitte hinsichtlich der GuDh äußern? Könntet ihr Inhaltsverzeichnisse separat auf die Seite stellen? Und vielleicht könnte man die Artikel auch einzeln als html-Dateien abrufbar machen, so wie bei Themelios. Dann muss man sich nicht diese riesigen 5 MB-Dateien für die komplette Ausgabe runterladen.

    Gruß
    Alexander

  10. Das Thema „Christentum ohne Christus“ ist schon seit einiger Zeit Thema in M. Hortons wöchentlicher Radiosendung „White Horse Inn“. Obwohl er sich dabei ständig auf die „churches across America“ bezieht, hatte ich nie das Gefühl, das uns hier in Deutschland die Probleme, die er und seine „co-hosts“ besprechen, nicht betreffen. Ob das jetzt am starken Einfluss des amerikanischen Christentums auf das deutsche liegt, weiss ich nicht. Aber ich habe den Eindruck, dass zumindest in meiner Generation (ich bin 26) Jesus oft eher als das moralische Beispiel herhalten muss; als der beste Kumpel an unserer Seite, der so ist, wie wir gerne sein würden. Der „Erfolg“ dieser Beziehung wird dann an unserer moralischen Verbesserung gemessen, wobei die Idealvorstellung oft sehr stark vom kulturellen Umfeld geprägt ist. Das Evangelium wird leider oft nur noch als Botschaft für die Ungläubigen verstanden, damit sie „sich bekehren“.
    Im Übrigen finde ich M. Hortons sachliche und überlegte Art der Kritik wohltuend gegenüber so vielen Hau-Drauf-Evangelikalen, die oft nicht sehr konstruktiv sind. Wollte ich jetzt hier einfach mal sagen… 🙂

  11. Lieber Alexander,

    danke für deine Korrektur und die Anregungen! Was sind Inhalte ohne Beziehungen? Was sind Beziehungen ohne Inhalte? Natürlich geht es nicht um das entweder oder.

    Ich weiß nicht, ob wir mehr Zeit in die Aufbereitung von GuDh stecken können, wir sind auch nur ein kleines Häuflein, das chronisch überlastet ist. Aber verstehen kann ich Dein Anliegen sehr gut! Vielleicht gelingt es ja.

    Liebe Grüße ins außergewöhnlich schöne Sachsen, Ron

  12. Lieber Markus,

    danke!

    Liebe Grüße, Ron

  13. Zitat Moni
    Ein toller Beitrag! Das beunruhigt mich schon seit einiger Zeit: der Druck, dem junge Menschen ausgesetzt sind, wenn sie glauben, nur ihr “authentisches” Leben sei verantwortlich dafür, ob Menschen zum Glauben finden oder nicht.
    Da hätte man fast Lust, als Gegengewicht dazu, “reformiert” zu werden … 😉
    Moni

    Wir sind Botschafter an Christi statt und Röm. 12, 1-2 sagt uns auch: Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, angesichts der Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber darbringt als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer: das sei euer vernünftiger Gottesdienst! Und paßt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern laßt euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist.

    Wir sollen nicht leben wie die Menschen der Welt, sondern abgesondert, geheilgt, verändert an unseren Sinnen, nicht der Lust der Welt nachlaufen. An unserem Lebenswandel sollen auch die Menschen erkennen können, dass wir Kinder Gottes sind! Das sind ist der Glaube mit Werke, nämlich die Werke des Geistes zu vollbringen, nicht die Werke der Welt!

    Wer sich ein Christ nennt, und von sich behauptet, er habe die Wahrheit in Jesus Christus und sei durch IHN geheiligt, der muss sie auch leben, d. h. keine Lüge, keine Unreinheit mehr in seinem Leben dulden. Und das wird ihn automatisch von der Welt absondern.

  14. Liebe Gabriele,
    danke für Deinen Kommentar. Aber ich glaube, Moni wollte etwas anderes sagen. Ich jedenfalls habe sie so verstanden: Wir überfordern uns, wenn wir Gottes Wirken nicht von seiner Gnade, sondern von unseren Leistungen abhängig machen möchten. Das Wegschauen von uns muss, nicht bedeuten, dass wir unecht leben oder die Heiligung ausklammern.
    Liebe Grüße, Ron

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  1. […] Interesse weckte der vorab angeboten Auszug Christus den Weg versperren aus dem Artikel von Michael Horten. Hier noch ein weiteres Zitat aus seinem Aufsatz: In […]

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