Das Drama von Mossul (Teil 2)

Wie angekündigt hier die Fortsetzung (siehe auch hier) des Berichtes von Andrea, die derzeit im Nordirak für das Hilfswerk GAiN unterwegs ist:

Mittwoch, 30. Juli 2014

In den letzten Tagen hatten wir vor allem mit den Flüchtlingen in einem der Camps zu tun, für die wir ursprünglich hergekommen waren: Es braucht Zeit, viel Absprachen und Planung, um eine Verteilung von Hilfsgütern zu organisieren, und wir sind dankbar für das Dutzend einheimischer Mitstreiter, die diesen Einsatz möglich machen. Wenn wir für eine kleine Pause oder abends nach all dem Planen und vielen ermüdenden Begegnungen in „unsere“ Wohnung kommen, ist das Sofa neuerdings wieder mit zwei neuen Familien besetzt. Eine ältere Frau, die offenbar etwas inkontinent ist, aber im Moment weder Wechselkleider noch irgendwelche Einlagen besitzt, sitzt meistens dort, daneben drei ältere Herren in den traditionellen langen orientalischen Gewändern. Ab und zu huschen zwei junge Frauen durch den Flur, dazwischen springen zwei Kinder im Grundschulalter herum – die Zusammensetzung unserer WG ändert sich ständig, und es hat etwas Skurriles, mit völlig fremden Leuten aus einer völlig fremden und uns kaum begreiflichen Kultur auf so engem Raum zusammen zu leben. Unsere Neuzugänge sind einfache Menschen, keiner von ihnen kann Englisch; eine gemeinsame Bekannte erklärt uns die Grundzüge ihrer Geschichte: Sie sind erst von Mossul in eins der christlichen Dörfer im Umland geflüchtet und dann, als sie sich auch dort nicht mehr sicher fühlten, in unsere Stadt. Bekannte aus ihrem früheren Leben in Mossul organisieren nun das Nötigste und versuchen eine Wohnung für sie zu finden. So sitzen sie einfach den ganzen Tag dort, als warteten sie auf irgendetwas. Wenn wir durch den Flur gehen, folgen sie jeder unserer Bewegungen mit verwundeten, irgendwie hungrigen Blicken. Inzwischen scheinen auch die meisten christlichen Familien in unserer Stadt zu solchen Not-WGs mutiert zu sein. Einer unserer einheimischen Kollegen, der selbst vier kleine Jungs hat, konnte heute morgen bei der Andacht kaum aus den Augen gucken: Drei Verwandte haben sich mit ihren Familien bei ihm einquartiert, und in der Dreizimmerwohnung sind sie nun sechzehn Leute – davon zehn traumatisierte Menschen, die bis in die Morgenstunden hinein reden und beten möchten, um irgendwie über ihren Schrecken hinwegzukommen. Die Alteingesessenen tragen es alle mit Humor und viel Geduld, aber die Nerven liegen doch langsam blank. Dabei wissen sie, dass alle, die hier bei Familien unterschlüpfen können, es noch gut erwischt haben: Am Rand der Stadt haben wir auch einige Dutzend Flüchtlinge gesehen, die sich im Rohbau eines großen Gebäudes einquartiert haben, das vielleicht einmal ein Parkhaus oder ein Bürogebäude werden soll. In die Fensterhöhlen haben sie Tücher gehängt, sanitäre Anlagen gibt es nicht.

Am kommenden Freitag organisiert unsere Partnerorganisation ein Seminar zum Umgang mit traumatisierten Menschen, zu dem viele der der Leute kommen werden, die sich in den letzten Wochen um die Christen aus Mossul bemüht haben. Die Frau von M., dem Chef, ist Psychologin. Das Seminar wird auf Arabisch sein, aber wir könnten es eigentlich alle ganz gut brauchen. Das Verrückte ist, dass hier in unserer Stadt Tausende Vertriebener aufschlagen und daneben das Leben seinen gewohnten Gang weitergeht. Von einer Demonstration vor der UN letzte Woche abgesehen, wird die Situation der Christen aus Mossul gar nicht öffentlich wahrgenommen. Die irakischen und kurdischen Medien haben nur in einer Fußnote darüber berichtet, und die Bevölkerung lebt ohnehin mit der Bedrohung: Nur 50 oder 70 Kilometer entfernt sterben Kämpfer auf beiden Seiten, wenn ISIS irgendeine medizinische Einrichtung oder ein Dorf überfällt und die Peschmerga sie zurückschlägt.

Was ich in einem der von uns mit betreuten Flüchtlingslager unter den großteils muslimischen Flüchtlingen aus Syrien und südlicheren Regionen des Irak sehe, nimmt mich noch einmal auf eine andere Weise mit als das, was ich in den letzten Wochen von den Christen mitbekommen habe: Rund 340 Familien, 2200 Menschen existieren dort mitten in der Wüste vor sich hin, in Zelten, in denen man sich tagsüber bei 52 bis 60 Grad nicht aufhalten kann. Schatten gibt es nicht. Ihre müden Gesichter, die von all der Sonne fast blinden Augen mancher Kinder, die dünnen Gestalten, die mit UN-Essenspaketen bei 1800 Kalorien pro Tag am Leben erhalten werden… (Und sie haben noch Glück; in anderen Gegenden kann nicht einmal dieser Grundbedarf gesichert werden.) Menschenwürdig ist anders. Die schönen neuen Sandalen, die Hygieneartikel und Kindergeschenke, die wir verteilen, zaubern ein Lächeln auf manche Kindergesichter und bewirken ein dankbares Nicken bei ihren Eltern. Aber im Moment gibt es keine Perspektive für diese Menschen. Das Lager wächst; täglich kommen mehrere Familien hinzu.

Bewegend finde ich den Einsatz unserer Helfer: In der letzten Woche haben wir so viele Berichte von Christen gehört, die von muslimischer Seite – und irgendwann differenziert man da wohl auch nicht mehr – Schlimmes erlebt haben. Und ich weiß von einigen unserer jungen Leute, dass sie als frühere Muslime, die jetzt Christen sind, in ständiger Angst leben, aufzufliegen und von muslimischen Freunden und Nachbarn bedroht oder gar umgebracht zu werden. Es sind Realitäten, die ich auch nach der intensiven Zeit hier überhaupt nicht nachempfinden kann. Diese jungen Leute sind nun mit im Flüchtlingslager und opfern ihre Zeit, um muslimischen Flüchtlingen ein bisschen Liebe zu vermitteln. Einer hat eine Nachtarbeit gefunden, aber er hat es sich nicht nehmen lassen, den Tag mit uns zu verbringen. „Mein Herz bricht, wenn ich diese Menschen sehe, die keine Hoffnung haben“, sagt ein anderer von ihnen leise zu mir, als wir eine Weile den Strom der Leute an unseren Ausgabestellen beobachten.

Im Camp gibt es übrigens auch einige christliche Familien, aber sie kommen nicht zur Verteilung – sie haben es, so erfahren wir, schon zu oft erlebt, dass sie weggedrängt, bedroht oder angegriffen wurden. Wir finden Umwege, um auch diesen Familien die Sachen zu bringen, die ihnen zustehen, aber ein trauriger Nachgeschmack bleibt. Auf dem Rückweg besuchen wir eines der christlichen Dörfer, in das sich seit dem Ultimatum vorletzte Woche Christen geflüchtet haben: Vier Familien, 18 Personen, haben in einem vielleicht 60 oder 70 Quadratmeter großen Bungalow Zuflucht gefunden. Es gibt zwei Betten, einen Herd ohne Gas, eine Spüle, die nicht angeschlossen ist, eine Handvoll Holzmöbel und Essutensilien und sonst buchstäblich nichts. (Uns wird trotzdem ein Glas Wasser angeboten.) Die meisten schlafen auf dem Betonboden. Wir haben das Haus kaum betreten, als eine ältere, gehbehinderte Frau uns auf Englisch mit dem Satz anspricht: „Sie haben uns alles abgenommen.“ Jetzt sitzt diese hochgebildete Frau, die mehrere Sprachen spricht, mit einem Laken über den Beinen auf einem Holzstuhl , den sie nicht verlassen kann. Sie erzählt von dem Haus, das sie hinter sich lassen musste, und von den Schikanen am Kontrollpunkt, bei denen man ihr alles abgenommen hat, auch ihren Rollstuhl. Sie beginnt sofort zu schluchzen. Wir können nicht lange bleiben, die Gegend ist nicht sicher. Wir verabreden nur noch schnell, wer sich wie in den nächsten Tagen um diese Familien kümmern, Lebensmittel, Matratzen und Haushaltswaren bringen wird.

Kommentare

  1. Theophil Isegrim meint:

    Vor ein paar Wochen habe ich etwas an GAiN gespendet, obwohl ich sie nicht kenne. Aber da habe ich wohl die richtige Adresse erwischt.

  2. Alexander meint:

    Wer gezielt für die christlichen Flüchtlinge aus Mossul spenden möchte, kann dies über das allgemeine Spendenkonto von GAIN mit dem Verwendungszweck „Christen aus Mossul“ tun. Andrea teilte mir mit, dass das Geld in jedem Fall zweckgebunden verwendet wird und dort ankommt, wo es hin soll.
    Spendenkonto:
    Volksbank Mittelhessen
    Nr. 51 55 51 55
    BLZ 513 900 00
    IBAN: DE88 5139 0000 0051 5551 55
    BIC: VBMHDE5F

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