Das Ende von Schuld und Sühne?

Kann man Schläger oder Mörder für ihre brutalen Taten verantwortlich machen? Noch setzt die Rechtsprechung voraus, dass Kriminelle (mehr oder weniger) für ihre Taten verantwortlich sind. Hirnforscher Gerhard Roth zweifelt am Sinn des Schuldprinzips und fordert ein neues Strafrecht. Markus Schulte von Drach schreibt dazu in der Süddeutschen Zeitung:

»Aus psychologischer Sicht kann man uns eine Handlung nur dann als unser Handeln zuschreiben, wenn es von unseren Motiven bestimmt wird«, so Roth. In der Strafrechtstheorie werde aber das genaue Gegenteil als Grundlage für Willensfreiheit angesehen: die Fähigkeit, sich von der Bedingtheit durch Motive zu befreien.
Unterstellt wird seit Kants Vorstellung eines inneren Sittengesetzes, dass grundsätzlich alle Menschen motiviert sein müssten, moralisch-rechtstreu zu handeln oder Strafe zu vermeiden. Allerdings hatte Kant die Frage nach Sittlichkeit, Schuld und Gewissen in die Metaphysik verlagert.
»Unser Rechtsgewissen ist aber das Produkt unserer Erziehung oder Lebenserfahrung und unterliegt wie alle Motive der Persönlichkeitsentwicklung«, sagt Roth. »Ich kann mich nicht außerhalb meiner Persönlichkeit und ihrer Geschichte stellen.«
Ähnlich sehen es auch Wissenschaftler wie der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer und der Leipziger Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz, aber auch bekannte Philosophen wie der Amerikaner Daniel Dennett oder sogar Arthur Schopenhauer.
Es wäre demnach an der Zeit, sich von Begriffen wie Schuld und Sühne zu lösen und sich von der Vorstellung von Gut und Böse an sich zu verabschieden, wie es unter anderen der Philosoph Michael Schmidt-Salomon energisch fordert.

Nach der Lektüre des umfänglichen SZ-Artikels »Solln und Sühne« empfehle ich besonders die Abhandlung des Philosophen Daniel von Wachter: »Hat die Wissenschaft festgestellt, dass der Mensch nicht frei ist« sowie meinen Beitrag »Die Entwertung des Menschlichen«.

Kommentare

  1. Hier mein Leserbrief an die SZ:

    Liebe Redaktion der SZ,

    danke für den informativen Artikel über G. Roths Vorschläge, zumal auch Gegenpositionen mit erwägenswerten Argumenten zum Zuge kommen. Die philosophische Ebene wird in diesem Versuch, das „Schuldprinzip“ abzuschaffen, aber nicht erreicht.

    Ich sehe hier die utopische Sehnsucht einer Überwindung der Trennung von Natur und Zivilisation, von Wille und Recht am Werke. Mit naturwissenschaftlich-empirischen Methoden den freien Willen nachweisen oder widerlegen zu wollen ist dabei eine scientistische Naivität, ja Dummheit. Solches „dahinter“-Wissen ist konstruiert: Der weltanschaulich vorausgesetzte Naturdeterminismus wird in die Ergebnisse hinein projiziert.

    Vielmehr ist die Unterstellung des eigenen freien Willens durch jeden Akteur die Bedingung von Zivilisation überhaupt, und damit Bedingung für die Anstrengung jedes Einzelnen, sich zivilisiert zu verhalten. Wo immer Lebenswelt aktiv gestaltet wird, ist die in Anspruch genommene Willensfreiheit implizite Voraussetzung. Das Vertrauen in die eigene Freiheit (wieder) herzustellen ist ja auch der Kern jeder sinnvollen Therapie.

    „Psychiatrisierung statt Kulpabilisierung“ wird hier naiv gefordert. „Ohne Schuld keine Freiheit, keine Gesundheit“ läge näher bei der Wahrheit. Wenn die Naturbefangenheit absolut nicht überwindbar wäre, würde die schreckliche Folge der Psychiatrisierung sehr schnell für alle „Abweichler“ – auch die politischen – gelten müssen. Denn mit der Würde der Schuldfähigkeit (Immanuel Kant) wäre auch das Recht zur kreativen Individualität – also die persönliche und politische Freiheit, die auf der Unterstellung der Willensfreiheit beruht! – gegenstandslos. Dann wäre nur noch eine Kategorie von Menschen frei: Die Therapeuten, die beanspruchen, alle anderen zu therapieren, welche sie per definitionem für freiheitsunfähig halten.

    Fazit: Die Trennung von Natur und Zivilisation kann nur von der freien Person selbst vermittelt werden, niemals aber durch Abschaffung von Freiheit und Schuld.

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