Das gefühlte (Pseudo)Evangelium

SentimentalDer Historiker Todd M. Brennemann hat ein Buch über den nordamerikanischen Evangelikalismus geschrieben. In:

beschreibt er die Evangelikalen als regressive Leute mit einem Hang zur Sentimentalität und zum Kitsch. Wie wahr!

Professor Jay Green hat für CT eine gute Rezension verfasst.

Homespun Gospel could very well launch a broad reinterpretation of contemporary evangelicalism. By placing sentimentality at its center, Brenneman challenges some long-standing assumptions about the movement’s contours and priorities. He argues that evangelicals’ “culture of emotionality” and “appeal to tender feelings” subtly shape both their beliefs about God and their manner of engaging the modern world. Sentimentalism elevates personal emotional needs—and their satisfaction through divine help—to evangelicalism’s highest priority.

Brenneman invites us to look closely at a popular yet understudied segment of evangelical discourse and commercial life. He focuses on the contributions of three celebrity pastors: Max Lucado, Rick Warren, and Joel Osteen. During the past 25 years, he says, these profitable “evangelical brands” have produced mountains of books and merchandise that reflect both the emotional and therapeutic appeal of evangelical teaching and the abiding popularity of sentimentalism.

Hier mehr: www.christianitytoday.com.

Kommentare

  1. Johannes G. meint:

    Das klingt sehr ähnlich wie das bereits etwas ältere Buch „The Scandal of the Evangelical Mind“ von Mark Noll. Bücher scheinen keine Lösung für das Problem zu sein, da diese wohl am wenigsten von jenen gelesen werden, an die sie adressiert sind…

    Liebe Grüße
    Johannes

  2. Roderich meint:

    @Johannes,
    man müsste „Wellness-Wochenenden“ machen, bei denen das Buch verlesen wird, während man im Whirlpool sitzt… 😉
    (Aber ich denke nicht, dass das Buch nichts bringt – es sind ja auch lesende Menschen von dieser modernen Wohlfühlideologie erfasst.

    Mal allgemein: Gefühle sind ja nicht unwichtig – aber eher nur eine Folge, nicht das Ziel.
    (Als „Ziel“ braucht man Dinge, die aus klarem Denken heraus definiert worden sind, bzw. aus dem klaren Verständnis des Wortes Gottes abgeleitet wurden, und die Handlung muss sich daran ausrichten.)

  3. ConfessorReformatus meint:

    Es mag sicherlich einiges wahres dran sein, an dem was Brennemann kritisiert, und auch ich bin kein Freund von Warren, Lucado oder gar Osteen. Dennoch sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten!
    Dass zuviel Gefühl in gewisser Weise einer evangeliumszentrierten Verkündigung & Theologie entgegensteht, ist ein in bestimmten „konservativ-evangelikalen“ Kreisen häufig zitierter Topos. Dennoch sind für neurologisch/psychosozial so geeicht, dass Gefühle wichtig sind, und auch für andere kognitive Funktionsweisen (zb. lernen) eine Rolle spielen.
    Wenn man in diesem Falle das Kind mit dem Bade ausschüttet, so wie es Brennemann zu tun scheint – er kritisiert, wie ich im Inhaltsverzeichnis& Leseprobe auf amazon lesen konnte, schon die Anfänge des Evangelikalismus und die gefühlsbetonten Predigten einiger Verkündiger – dann besteht die Gefahr, dass man einen postmoderne, gefühlsbetonte Theologie, durch eine modernistisch-aufgeklärte, rationalistische ersetzt. Ist das die Lösung? Was hat das Evangelium mehr verdunkelt – Romantik/Sentimentalismus oder Aufklärung? Mystik oder Rationalismus?
    Mich bitte nicht falsch verstehen, Wellness-Christentum, einen Gott der nur meine Wünsche erfüllen will – all das ist Quatsch und widerspricht teils der Bibel – aber Gefühle (und Erfahrung) sind wichtig, wir sollen ein Herz für die Verlorenen haben, wir sollen seufzen, wenn wir daran denken, wie viele Gott nicht kennen, wir sollen den Herrn anflehen , dies zu ändern…

  4. Ich möchte noch ein wenig tiefer in die Kerbe von ConfessorReformatus schlagen. Das Problem ist m.E. nicht, dass Predigten an sich gefühlsbetont sind, sondern dass sie es sich zu einfach machen und auf die falschen Gefühle abzielen. Das heutige „Wellness-Evangelium“ führt am Ende zu Gleichgültigkeit, weil es auf Gefühle abzielt, die den Zuhörer um sich selbst drehen lassen. Ich möchte hier auf einen dieser frühen Prediger hinweisen, der sich mit diesen Phänomenen sehr gut befasst hat. Sein Buch „Religious Affections“ ist auch für unsere Zeit äußerst wichtig. Dort schreibt er: „Statt glaubensmäßige Regungen ohne Prüfung zu schätzen und zu bewundern, verwirft und verachtet man sie ohne Prüfung. Hierin erkennt man die List Satans … Er weiß genau, dass er auf diese Weise alle Frömmigkeit zu einem rein äußerlichen Formalismus ohne jedes geistliche Leben machen und die Kraft der Gottseligkeit samt allen geistlichen Sachverhalten ausschließen kann. So wird allem wahren Christentum die Tür verschlossen.“ (Jonathan Edwards)

  5. rolf eicken meint:

    @Roderich – es kommt selten vor, dass ich beim Lesen im Internet so schallend lachen muß, wie bei Ihrem Whirlpoolsatz. Vor langer Zeit hatte ich mir mal eine Predigt eines dieser evengelikalen „Erzähler“ angehört und dieser sagte wörtlich: „Und Gott sagte zu mir“…..! Ich wusste gar nicht, dass Gott außer mit Mose noch persönlich mit einem Menschen gesprochen hat. Es mag sein, dass er auch in dieser Predigt bewußt die Gefühle ansprach, zumal die Menge der Zuhörer keinen hochgeistigen Endruck machten. Die Bildung des Durchschnittamerikaners soll ja nicht so toll sein. Vielleicht ist das auch ein Grund für die „Emotionalisierung“ der Darstellungen um Jesus. Aber wozu gibt es dann eine Apologetik o. wird die in den USA abgelehnt??

  6. Schandor meint:

    @Rolf

    … evangelikalen „Erzähler“ … Stimmt. Es kommt eben darauf an, wem man Gehör schenkt. Auf Ravi Zacharias habe ich Sie bereits hingewiesen. Seine Videos sind auf YouTube. Da haben Sie übrigens Bildung und Apologetik in einem 🙂

    Was das Sprechen Gottes anbelangt: Wer so spricht (also „Gott sagte zu mir …“) weiß entweder nicht, was er da sagt, plappert oder verwendet eine äußerst abgeschmackte Frömmelsprache. Damit verletzt er sogar so manch denkenden Christen, der meint, ihm entgehe offenbar etwas.

    Wie wär’s, wenn Sie sich doch noch mal überlegen, dem einen oder anderen Vortrag Ravi Zacharias’ (ja, bei mir gibts ihn noch, den Genitiv!) zu lauschen? 😉

  7. Die Problematik beim dem „Sprechen“ Gottes liegt m. E. daran, dass man denkt über Gott verfügen zu können. Das wünscht man sich ziemlich oft, weil man will, dass es so und so ist, obwohl der Herr um ein unvergleichliches Maß weiter denken kann als wir. Er erhört Gebet, aber er entscheidet auch wie: „Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ Wenn wir biblisch beten und dem Herrn gehorsam sind und nicht uns selbst gehorsam sind, dann stimmt auch der Wandel.

  8. Schandor meint:

    @Josef

    Die Problematik beim „Sprechen“ Gottes liegt m. E. daran, dass man sich was einbildet und dann daherfrömmelt, was eigentlich nur ekelhaft ist. Unreflektierte Christen frömmeln gerne. Ich stimme Dir aber inhaltlich zu. Nur: WAS das Gebet des Gerechten im einzelnen vermag, können wir nicht wissen. Biblisch beten? Was soll das sein? Dem Herrn gehorsam – wie denn, wenn ich der Gefangene meines eigenen Wesens bin, dessen sterblicher Leib der Herr Jesus erst erlösen muss? Du machst es Dir m. E. viel zu einfach. Gebetsherhörung bleiben oft aus, aus uns völlig unerfindlichen Gründen. Wir wissen nicht weshalb und können es auch nicht wissen. Da kann einer so „ernstlich“ beten, wie er will. Nein, wie gesagt: Da machst Du es Dir viel zu einfach.

  9. @ Schandor:

    Paulus erwähnt ja immer wieder in den Briefen zu beten. Ein ernstliches Gebet ist, wenn man vor Gott ein reines Gewissen hat. An der Bibel kann gut prüfen, ob es z. B. kein egoistisches oder gieriges Gebet ist. Jesus sagt ja: Wer mich liebt, der haltet meine Gebote (davon gibt es sehr viele im NT). Das ist Gehorsamkeit. Ich hatte schon oft Gebetserhörungen. Diese Gebete waren aber im entsprechend biblischen Rahmen. Aber nicht jedes Gebet wird erhört oder sofort erhört, weil wir entweder noch nicht so weit sind oder wir in manchen Dingen ungehorsam sind. Es ist immer ein Kampf zwischen dem was die Bibel fleischlicher und geistlicher Gesinnung nennt.

    Ich denke, eher dass du mich nicht verstanden hast. Vielleicht ist es jetzt besser.

  10. Schandor meint:

    @Josef

    Eigentlich nicht. Ein reines Gewissen kann niemand haben. Ein getröstetes oder geängstetes vielleicht. Aber „rein“ – nein, das glaube ich nicht. Jedes Gebet ist von Egoismus begleitet, und wer das nicht sehen kann, kann nicht weit genug in den Abgrund des eigenen Herzens blicken (was nicht unbedingt ein Fehler ist). Du machst das Evangelium zum Gesetz, denn wenn ich wieder nur auf der Bedingung meines Gehorsams erhört werde, bin ich verloren. Ich gehöre übrigens keiner Heiligungsbewegung an, denn dann könnte ich Dich gut verstehen. Auch erhört Gott Gebet, und manchmal eben nicht. Aber wenn Du meinst, er erhöres auf der Basis unseres Gehorsams, dann hat Du Gott zum Funktionär deiner Gesetzlichkeit gemacht. Gott erhört (oder nicht) aufgrund seiner Souveränität, nicht auf der Basis unseres Gehorsams. Er erhört sogar die, die ihn hassen, und schenkt ihnen Millionen. Seltsam, nicht wahr?
    Der letzte Punkt ist aber interessant: Es geht um Gesinnung (also nicht um Handlungen).

  11. Schandor meint:

    Zusatz: Was es mit jenen seltsamen Zeugnissen auf sich hat, die fest und steif behaupten, tatsächlich Jesus gesehen/gehört zu haben, kann ich nicht sagen. Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Das Zeugnis jenes Russlanddeutschen, der 5 Stunden tot war und auch heute ohne lebenswichtige Organe eigenlich gar nicht am Leben sein dürfte, ist schon unheimlich (YT). Also prinzipiell für ausgeschlossen kann ich ein Sprechen Gottes nicht halten, aber dort, wo es stattzuhaben scheint, scheint auch immer eine außergewöhliche Situation vorzuliegen. Ein einfaches auf Gemeindeebene dahergeplappertes „Gott hat mir gesagt“ halte ich einfach nur für überreizte Nerven (früher nannte man die Enthusiasten oder Schwärmer).

  12. Josef meint:

    @ Schandor: Wie verstehst du dann das Zitat mit dem ernstlichen Gebet? Oder „was ihr in meinem Namen bittet…“? Ich glaube an Jesus aus Überzeugung. Dem Herrn gehorsam sein, ist sehr wichtig. Es gibt Gebete (so sollte auch ein Gebet sein), dass nicht egoistisch ist, z. B. wenn betet, dass Menschen zum Herrn finden.

    Beides ist richtig. Gehorsam und Souveränität.

    Reichtum ist sehr gefährlich, aber es gibt klare Anweisungen dazu in der Schrift. Man soll sich ja Schätze im Himmel sammeln. Schwärmer gibt es immer noch.

  13. Josef meint:

    @ Schandor:

    Wenn man sich bekehrt, dann rettet ja der Herr (beides ist richtig). Man wächst immer weiter im Glauben (so sollte es zumindest sein) und das Herz wird immer mehr auf den Herrn ausgerichtet. Und ohne Heiligung kann man den Herrn nicht schauen.

  14. Schandor meint:

    @Josef

    Gut. Von unten nach oben. Ja, ohne Heiligung wird man den Herrn nicht sehen, genauso wenig, wie es keinen einzigen Christen im Himmel geben wird, der den Herrn nicht sehen wird.

    „Wenn man sich bekehrt“ – psychologischer Ausdruck
    „Wenn einen Gott bekehrt“ – theologischer Ausdruck.
    Wir kehren um, nachdem (!) uns der Herr zieht. Denn niemand kommt zu Jesus, den nicht der Vater zieht. Doch wenn der Vater zieht, dann kommen wir. Freiwillig und gerne (das bezeichnen wir dann manchmal mit „meine Bekehrung“, meine „Wiedergeburt“ udgl.).
    Zum Reichtum habe ich nichts zu sagen. Das kenne ich nur vom Hörensagen.
    Und ja, es gibt Gebete, die nicht egoistisch sind. Zum Beispiel wenn man betet, dass Menschen zum Herrn finden. Hm. Ist das aber nicht gleichbedeutend mit der Bitte an den Vater, diese Menschen zu ––– ziehen? 🙂 Du verstehst, was ich meine. Mir geht es weniger um die Sache (da sind wir uns ziemlich einig), sondern um die verkorkste, frömmelnde Sprache Kanaans, insbesondere vor Nichtchristen. Davor sollte man sich hüten wie der Teufel vorm Weihwasser, denn man verscheucht sie damit; man reichtert die „Torheit der Predigt“ mit seiner eigenen an – und das ist nicht nur lächerlich, sondern auch schädlich.
    Wenn mich Christen mit diesem Jargon ansprechen, versuche ich, Alltagssprache zu verwenden, mithin „normal“ zu sprechen. Gelingt das nicht (und es gelingt meistens), und mein Gesprächspartner frömmelt (sprachlich) weiter, mache ich ihn darauf aufmerksam. Das ist eigentlich alles.

  15. Josef meint:

    @ Schandor:

    Es liegt aber letztlich in der Verantwortung des Menschen dies und das tun, also „jage aber nach Gerechtigkeit, Gottesfurcht, Glauben, Liebe, Geduld, Sanftmut“. Das ist Heiligung bzw. Gehorsam. Und wenn man das nicht tut, wird man immer fleischlicher. Es ist letztendlich sehr sehr oft (nicht immer) eine Frage der Gesinnung. Denn man kann auch den Glauben an Jesus ja auch endgültig ablehnen (auch wenn das m. M. n. eher selten der Fall ist).

    Das mit dem Menschen retten ist ja nur ein Beispiel. Ein anderes Beispiel wäre z. B. um Bewahrung bei der Arbeit, also der Herr bewahrt, dass man überhaupt an der Grenze zum Abfall kommt.

    Ich denke, wir könnten noch lange darüber diskutieren:). Mir geht es darum, dass man aktiv glaubt, also z. B. nicht Faul ist und die Gaben, die der Herr gegeben hat auch einsetzt („Glaube ohne ist Werke ist Tod“) um das Evangelium in gottwohlgefälliger Weise zu verkünden. Denn gerade in schwierigen Zeiten zeigt es, wie wir wirklich zu Jesus stehen. Dieses Pseudoevangelium führt weg vom lebendigen biblischen Glauben. Ansonsten denke ich auch, dass wir ähnlich denken.

    Ich stimme dir zu, dass man mit Nichtchristen auf die Wortwahl achten muss. ABER es sollten Begriffe wie Bekehrung, Gottesfurcht, Sünde etc. fallen. Natürlich im richtigen Zeitpunkt. Ich denke als Christen sollten wir daher aber untereinander diese Begriffe verwenden.

  16. Schandor meint:

    @Josef

    Ich stimme Dir zu. Wir sind uns einig!

  17. Pastor Rick Warren mehrmals täglich mit eigener Weisheit auf Twitter, z.B. hier
    https://twitter.com/RickWarrenQT/status/464268819091816448

    Schlüsse daraus sind erlaubt.

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