Das Gift macht uns hässlicher

Die Shitstorm-Mentalität ist längst kein Phänomen des Internets mehr. An bekannten Leuten tobt sich die Masse ziemlich ungehemmt aus. Ein Phänomen, dass sich unverhohlen auch in der christlichen Szene breitmacht. Als vor einigen Tagen bekannt wurde, dass sich der 27 Jahre alte Sohn von Rick Warren das Leben nahm, löste das ein unerträgliches Gebrüll aus. „Wer Kirche mit Mission liest, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich das Leben zu nehmen“,  las ich irgendwo.

Malte Welding schreibt in der FAZ über die Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre explodierende Celebrity-Kultur. Der Hass, der sich in dem Phänomen zeigt, war schon im Römischen Reich bekannt und ein Zeichen des Niedergangs:

Der Hass auf Prominente ist ein gesellschaftliches Gift. Ende des achtzehnten Jahrhunderts schrieb der englische Historiker Edward Gibbon in seiner „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“: „Die Entwicklung eines übermäßigen, obsessiven Interesses an Sport und Berühmtheiten war einer der Faktoren des Kollapses der größten Zivilisation, die die Menschheit je gekannt hat.“ Nichts mehr war übrig geblieben vom römischen Virtus, dem Vierklang aus Besonnenheit, Gerechtigkeit, Selbstkontrolle und Mut.

Mehr: www.faz.net.

VD: JS

Kommentare

  1. schandor meint:

    Wer Kirche mit Mission liest …

    unterste Schublade.

    Man merkt das bei den Jugendlichen: Diese unendliche Verachtung, der leicht erregbare Hass, die Gewaltbereitschaft schon bei allerkleinsten Dingen — das ist beängstigend.

  2. Bettina Klix meint:

    „Heute aber erleben wir eine Diktatur der Öffentlichkeit. Alles wird hinausgezerrt, hinausgeschrien. Zeitung, Radio, Photographie und Berichterstattung in allen Formen machen jede Vorbehaltenheit unmöglich. Es wird vom Recht des Menschen auf Sensation gesprochen; Sensation aber ist die Erregung, die sich einstellt, wenn in Blick und Wort gelangt, was geborgen und verschwiegen sein sollte. Je ungemäßer, je beschämender die Veröffentlichung, desto größer die Sensation, desto tüchtiger jener, der sie vollzieht. Desto tiefer aber die Zerstörung, die sie bewirkt, denn sie bringt nicht nur die Scham, sondern die Standkraft der Person zum Verfall. Das weiß die Diktatur. Kein besseres Mittel, den Menschen zu brechen, als die Veröffentlichung des Daseins.“ (Romano Guardini, 1956)

  3. Roderich meint:

    @Bettina,
    ein sehr interessantes Zitat, danke!

    Kein besseres Mittel, den Menschen zu brechen, als die Veröffentlichung des Daseins.

    Theoretisch könnte man sagen: ein Christ hat ja eigentlich nichts zu verbergen. Wenn aber selbst ein Heiliger wie Augustinus zum Schluss kam, dass er, je mehr er Gott erkannte, um so mehr seine eigene Schlechtigkeit erkannte, dann muss man daraus schließen: der Mensch hat eine Neigung zum Bösen – und Gott geht mit jedem Menschen einen Weg zwischen Selbsterkenntnis (die eigentlich nur angesichts der Gnade Gottes und wenn man Gottes Liebe kennt, zu ertragen ist) und „Erziehung“. Wenn nun einzelne Elementen dieses „Weges“ einer Öffentlichkeit zugetragen werden, die den Kontext nicht kennt und viel gnadenloser urteilt als Gott, muss das schädlich sein.
    Das Einzige, was die Veröffentlichung aller Privatsphäre nutzen könnte ist eine Verbreitung der Erkenntnis: der Mensch ist schlecht, ja, alle Menschen sind schlecht, und haben die Buße und Umkehr zu Gott nötig. Aber eigentlich konnten wir in der Geschichte dazu schon genügend empirische Hinweise sammeln…

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