Das Königreich Gottes und die Transformation der Welt

Dem Neo-Calvinismus wird oft eine triumphalistische Sichtweise im Hinblick auf die Transformation der bestehenden Verhältnisse unterstellt. Herman Bavinck (1854-1921), ein Schüler von Abraham Kuyper (vgl. hier), hat sich jedoch deutlich zu den Prioritäten geäußert.

Hanniel hat sich kürzlich dieser vermeintlichen Spannung angenommen:

Auch wenn sich Bavinck dankbar über all den Fortschritt äussert, erinnert er an die Prioritäten. Das Reich Gottes ist und bleibt das höchste Gut. So beginnt er die Vorlesung über die Offenbarung Gottes und die Zukunft mit der Feststellung, dass, obwohl die christliche Religion nicht prinzipiell mit der Kultur in Feindschaft stehe, die Güter dieser Erde von untergeordnetem Wert seien. Verglichen mit dem Königreich Gottes, der Vergebung der Sünden und dem ewigen in Gemeinschaft mit Gott habe die ganze Welt zweite Priorität. Deshalb stehe die christliche Religion in direktem Widerspruch zur Prioritätensetzung des modernen Menschen. Diese programmatische Aussage steht an einer wichtigen Stelle des Werkes, nämlich am Anfang seiner Aussagen über die Zukunft. So ist das Evangelium der wahre Standard, an denen die Phänomene und Ereignisse gemessen werden müssen. Diese Botschaft ist der Führer “durch das Labyrinth der gegenwärtigen Welt”. Es erhebt uns über diese gegenwärtige Zeit hinaus und zeigt uns die Dinge vom Standpunkt der Ewigkeit her.

Auch an anderen Schlüsselstellen seines Lebens kommt Bavinck auf diese Rangordnung zurück. In seiner Rede vor dem Zentralkomitee der Antirevolutionären Partei (ARP) nach der Wahlniederlage von 1905 merkt er an, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe. Das Evangelium Christi sei der grösste Schatz. Er verwendet seine Standardmetapher und spricht vom Reich der Himmel als der Perle, die alles Materielle in ihrem Wert weit übersteigt. Im Übrigen, fügt er hinzu, sei die christliche Beteiligung an der Regierung eines Staates eine “heilige Aufgabe”.

Bavinck ist, um ein anderes Beispiel zu nennen, bestürzt über die Entfremdung vom Glauben, die viele reformierte Familien erfasste, welche ihre Söhne an die Hochschulen schickte. „Ganze Familien sind auf die Seite unserer Gegner übergelaufen.“ Deshalb ist er der Überzeugung, dass es dringend reformierte Einrichtungen brauche, um die Bildung mit einer christlichen Weltanschauung zusammen zu bringen.

Mehr: www.hanniel.ch.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Mir will manchmal scheinen, Christen seien überhaupt skeptisch, wenn jemand sagt, es könnten vielleicht einmal bessere Zeiten hereinbrechen. Die Welt muss im Chaos versinken, es muss ein Antichristus (oder gar „der“ Antichrist) her, bevor …

    Viele trauen dem Geist Gottes nicht einmal zu, ein einzelnes Herz wirksam zu sich zu ziehen (dazu muss der Mensch erst sein Einverständnis geben!). Dann traut man ihm auch nicht zu, dass er tausende oder gar Millionen Menschen „auf seine Seite“ zieht. Dem Teufel dagegen traut man so Manches zu.

    Der Stein, der ohne Zutun von Menschenhand losgebrochen worden ist — wird der die Erde erfüllen oder nicht?

  2. Dieser Stein bedeutet aber nicht, dass die Welt immer besser wird.
    Ich halte es auch für kritisch, wenn man die Vergangenheit schön redet und die Zukunft schlecht. Aber das Reich Gottes ist kein Reich von dieser Welt, kein politisches, sondern ein Reich in dem Menschen, dass in die göttliche Welt hineinreicht.
    Der Himmel auf Erden (das Reich Gottes in seinem vollen Ausmaß) wird es erst nach der Wiederkunft von Jesus geben, dann richtet Jesus sein Reich auf.

  3. Schandor meint:

    @Johannes T.

    Ja, Du hast Recht: Das Reich Christi ist nicht von dieser Welt, aber es ist FÜR diese Welt. Der Stein wird zum Berg (=Macht), der die ganze Erde erfüllte. Das ist ein progressiver Verlauf, der sicher mit Jesu Wiederkunft seinen Gipfel erreicht.

    Die ersten Christen wurden verfolgt, weil sie ein politisches Bekenntnis abgaben: Sie nannten nicht den Kaiser, sondern Jesus Christus „Herr“ (Offenbarung Kapitel 1!) – deshalb wurden sie verfolgt. Hätten sie – wie heutige Christen auch – das Reich Christi nur ein Reich „des Herzens“ sein lassen, wären sie vermutlich nicht verfolgt worden, sondern als Spinner oder ähnliches verschrieen worden. Nein, nein, das Reich Christi ist (und darum geht es ja in diesem Artikel) in erster Linie eine Sache der Ewigkeit. Doch das wird sich nicht auf das Jenseitige beschränken. Jesus Christus hat sich diese Welt erkauft (so verstehe ich das); es liegt bei ihm, wann er sie sich vollkommen unterwirft. Schon jetzt weidet er die Völker mit eisernem Stabe (=Geschichtsverlauf), denn schon jetzt ist er der König der Könige und der Herr aller Herren! Seine Macht ist nicht begrenzt; sehr wohl aber die Macht Satans (der jetzt gebunden ist, so dass er den weltweiten Lauf des Evangeliums nicht verhindern, noch die Völker gegeneinander aufbringen kann).

  4. Roderich meint:

    William Carey hat wohl so gedacht – siehe das Buch von Vishal Mangalwadi: „William Carey. A Model for the Transformation of a Culture“.
    (Da handelt es sich dann mal um eine biblische Version von Transformation, zumindest hat Carey die Bibel stets als höchsten Maßstab angesehen und die biblische Botschaft nie verwässert.)

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