Das Schleifen der Tabus

Leszek Kolakowski (1927–2009) gehörte in den 1960er Jahren zu den führenden Reformmarxisten; 1968 erteilte ihm die Kommunistische Partei Polens Lehrverbot, er emigrierte und lehrte ab 1970 als Professor für Philosophie in den Vereinigten Staaten (u. a. am All Solls College in Oxford); 1977 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Leszek Kolakowski schreibt in Die Moderne auf der Anklagebank (Zürich 1991, S. 68) über das Aufbrechen der letzten Tabus:

Gewiss wäre es verfehlt, tout court «für» oder »gegen« die Moderne zu sein; nicht nur weil es sinnlos wäre zu versuchen, die Entwicklung von Technik, Wissenschaft und ökonomischer Rationalität aufzuhalten; sondern weil beide, Moderne und Antimoderne sich in barbarischen und unmenschlichen Formen ausdrücken können. […] Wenn ich dennoch versuchen soll, die gefährlichste Seite der Moderne zu bezeichnen, würde ich meine Sorgen in einem Schlagwort zusammenfassen: das Verschwinden der Tabus. Wir können nicht zwischen «guten» und «schlechten» Tabus unterscheiden und die einen künstlich aufrechterhalten, während wir die anderen beseitigen. Wenn wir ein Tabu abschaffen, bringen wir in einer Art «Domino-Effekt» die anderen zu Fall. Die meisten sexuellen Tabus sind abgeschafft worden, und die wenigen verbliebenen, wie das Verbot von Inzest und Pädophilie, liegen unter Beschuss; es reicht zu sehen, dass in verschiedenen Ländern Gruppen offen ihr «Recht» auf sexuellen Verkehr mit Kindern (d. h. ihr Recht sie zu vergewaltigen) einklagen und, bislang ohne Erfolg, die Abschaffung der entsprechenden Sanktionen fordern. […] Die verschiedenen traditionellen menschlichen Bande, die ein Leben in Gemeinschaft erst möglich machen und ohne die unsere Existenz nur noch von Gier und Furcht regiert würde, werden wohl kaum ohne ein System von Tabus überleben; es ist vielleicht besser, an die Gültigkeit selbst offensichtlich törichter Tabus zu glauben, als sie alle preiszugeben.

Quelle: IdaF.

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