Das wahre Drama des begabten Kindes

Ich erinnere mich noch an lebhafte Diskussionen über Alice Millers Buch Das Drama des begabten Kindes in den 80er Jahren. Das Werk über die narzisstische Störung, das inzwischen in der 28. Auflage erschienen ist, gilt als ein Schlüsselwerk der Erziehungsliteratur, prägte eine ganze Generation von Eltern und Therapeuten.

Das Drama des begabten und sensiblen Kindes bestehe laut Miller darin, dass es schon früh die Bedürfnisse seiner Eltern spüre und sich ihnen anpasse. Es lerne, seine intensivsten aber unerwünschten Gefühle nicht zu fühlen. Das führe zur Abspaltung von starken Emotionen. Der vitalste Teil des „wahren Selbst“ werde nicht in die Persönlichkeit integriert, was den Selbstverlust zur Folge hat, der sich in Depressionen ausdrücke oder aber durch Grandiosität abgewehrt werde.

Martin Miller, der Sohn von Alice Miller, hat nun in seinem Buch Das wahre ‚Drama des begabten Kindes‘: Die Tragödie Alice Millers die eigene wie auch die Geschichte seiner Mutter schonungslos offenlegt. Die Kulturzeit von 3sat hat einen Beitrag über Miller produziert und schreibt dazu:

Von Martin Miller gibt es keine Kindheitsfotos. Die Mutter hat sie vor ihrem Tod vernichtet. Sie hat größtmögliche Kontrolle ausgeübt: über Bilder und über das, was die Öffentlichkeit von ihrem Privatleben und über ihren Sohn erfahren durfte. „Dass für mich das Weggehen von Zuhause in ein katholisches, strenges Internat eine Befreiung war, lässt tief blicken“, sagt Martin Miller. Jetzt hat sich Martin Miller losgeschrieben, seine Wahrheit über eine Frau verfasst, die sein Leben zeitweise unerträglich gemacht hat. „Mit dem wahren Drama meine ich das Drama, wenn man die Diskrepanz realisiert: Da ist jemand, der einerseits Theorien beschreiben kann, die auf der ganzen Welt stimmen und beliebt sind, und andererseits tritt er sämtliche dieser theoretischen Prinzipienmit Füßen. Man sagt und macht das Gegenteil.“

1979 erscheint das Buch, das Alice Miller mit einem Schlag berühmt macht. „Das Drama des begabten Kindes“ ist ein kluges, radikales Plädoyer gegen körperliche und psychische Gewalt an Kindern. Gerade sensible, begabte Kinder, würden besonders unter dem Missbrauch von elterlicher Macht leiden. Kinder müssten stattdessen in ihrer Eigenart gestärkt und ernstgenommen werden. Auf den eigenen Sohn jedoch überträgt sie ihr Gift – so die These von Martin Miller. Doch er klagt nicht einfach nur an. Er sucht nachErklärungen und findet sie in ihrer Vergangenheit. „Sie hat nie gesagt: ‚Schau, du bist jüdisch und ich habe dies erlebt und das.‘ Es gab diese Vulkanausbrüche“, erinnert sich Martin Miller. „Und gleichzeitig spürte man unbewusst, da hat jemand eine grauenhafte Geschichte erlebt.“

Hier geht es zu den Filmaufnahmen in der Mediathek (ab 00:30):  www.3sat.de.

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