Der Antisemit Wagner

Die Kritik an Richard Wagner bekommt viel zu wenig Raum, meint Matthias Küntzel und schreib über den Judenhass des Komponisten:

Seine Judenfeindschaft war brutal: 1869 schlug Wagner einer konsternierten Öffentlichkeit die „gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements“ vor. Er freute sich, als er von den antijüdischen Pogromen in Russland erfuhr, und äußerte „in heftigem Scherz“ – so der Tagebucheintrag seiner Frau Cosima – den Wunsch, „es sollten alle Juden bei einer Aufführung des ,Nathan‘ verbrennen“. Und seine Judenfeindschaft war rassistisch: Der geniale Komponist bestand auf naturgegebenen Unterschieden zwischen Nichtjuden und Juden, die er mit „Würmern“, „Ratten“, „Mäusen“, „Warzen“ oder „Trichinen“ verglich. 1881 schrieb er König Ludwig II., „dass ich die jüdische Race für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr halte“.

Vom Schriftsteller Arthur de Gobineau, der 1881 in Bayreuth weilte, übernahm Wagner zusätzlich das Phantasma von der arischen Rasse. Im selben Jahr notierte Wagner die Erkenntnis, „dass das menschliche Geschlecht aus unausgleichbar ungleichen Rassen besteht und dass die edelste derselben die unedleren wohl beherrschen, durch Vermischung sie aber sich nicht gleich, sondern sich selbst nur unedler machen konnte“. Er griff damit den Nürnberger Gesetzen „zur Reinhaltung des deutschen Blutes“ vor, die Adolf Hitler 1935 in der Stadt der „Meistersinger“ verabschieden ließ.

Richard Wagner gelang es wie kaum einem zweiten, diesen Rassismus und die fundamentale Entgegensetzung von „deutsch“ und „jüdisch“ im Bildungsbürgertum zu verankern. Er galt auch deshalb als einer der Gründungsväter der antisemitischen Parteien, die 1879 im Deutschen Reich an Boden gewannen, und rühmte sich dieser Rolle noch zu Lebzeiten mit Stolz.

Mehr: www.welt.de.

Kommentare

  1. „viel zu wenig Raum“ für Kritik an Wagner? Naja…
    Denn was diese einstmals bedeutende konservative Tageszeitung hier schreibt, ist doch alles kalter Kaffee! Lange bekannt und x-mal publiziert – heißt das nun, dass man sich korrekterweise die Musik Wagners versagen sollte?

  2. Ich halte die Fragestellung, ob „man sich korrekterweise die Musik Wagners versagen sollte“, an sich für falsch.

    1. Grundsätzlich ist jedem freigestellt etwas zu tun oder zu lassen, solange es niemand anderen schadet oder verboten ist.
    2. „Sich etwas korrekterweise zu versagen“ beinhaltet u. a. die Bedeutung, auf etwas Wichtiges, Notwendiges zu verzichten.
    3. Die geistige Schaffenskraft einer Person, ist von seiner geistigen Haltung schwerlich zu trennen.

    Insofern wüsste ich nicht, was einen Andersdenkenden dazu innerlich bewegen könnte, an den Werken einer solchen Person zu partizipieren, sich daran zu erfreuen.

    Es mag Ausnahmen geben… der 1. Mai wäre m. E. eine solche… Das aber auch nur, weil man diesen Tag inhaltlich anders füllen kann, dieser nicht mit den Werten der einführenden Person an sich verbunden ist.

  3. @ernst: Vielleicht wäre es ja mal an der Zeit, die steuerlichen Subventionen für den Wagnerkult zu überdenken?
    Liebe Grüße, Ron

  4. theologiaetmusica meint:

    Interessante Fragestellung: Lieber Ron, was meinst du mit steuerlichen Subventionen? Sollte man Wagner aufgrund seiner Einstellung von den Spielplänen der Opernhäuser streichen? Kannst du das kurz präzisieren?
    Ungeachtet seiner tatsächlich fatalen Geisteshaltung ist die musikgeschichtliche Bedeutung Wagners zu groß und seine musikalische Sprache zu einmalig, um sie aufgrund seiner Geisteshaltung zu zensieren. Das wäre in etwa so, Luthers theologische Leistung zu verachten, weil er durchaus sehr heftig die Juden verachtet hat. Und mal ehrlich, ein Reformationsjahr ohne Luther, das wollen wir ja auch nicht. Luthers Einstellung zu den Juden macht seine theologische Bedeutung nicht kleiner, relativiert aber jegliche Glorifizierung.
    Nebenbei stehen wir als Musiker durchaus immer wieder in dem ethischen Konflikt, Musik zu spielen, die in ihrer ursprünglichen Intention eine fatale Philosophie vermittelt (nicht jeder Musiker kann sich dabei aussuchen, ob er es spielt oder nicht).
    Das gilt nicht nur für Wagner sondern auch für z.B. Richard Strauss. Sinnvoller als eine Abschaffung der Musik erscheint mir eine kritische Reflexion, die Opernregisseure und Konzertprogrammatiker zu leisten haben. Es darf nicht vergessen werden, dass Musiker wie der Jude Daniel Barenboim (der sich vehement für die Völkerverständigung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt) inzwischen sogar Wagner nach Israel importiert haben.
    Ich bin auch gegen den Wagnerkult und habe tiefstes Verständnis dafür, dass manche Musiker und Hörer sich seiner Musik versagen, das ändert aber nichts an seiner bedeutenden musikgeschichtlichen Stellung und seinen prägenden Einfluss auf die Kompositionsweise vieler ihm folgenden Komponisten. Ich bewundere Wagner als Musiker, seine antisemitische Einstellung verachte ich zutiefst. Ich bewundere Luthers theologische Leistung, seinen Antisemitismus verachte ich ebenfalls.
    Herzliche Grüße
    Daniel

  5. @Daniel: Ich denke an die Festspiele von Bayreuth, die jährlich mit 7 Mill. Steuern subventioniert werden und letztlich doch nur von einer wohlhabenden Elite besucht werden können. Das mit Wagner in Israel lief, soweit ich mich erinnere, nicht besonders glücklich.

    Im Übrigen stimme ich Dir zu.

    Liebe Grüße, Ron

  6. theologiaetmusica meint:

    Beim Publikum kam Barenboims Versuch durchaus an, politisch war der Widerstand größer, siehe hier: http://www.spiegel.de/kultur/musik/barenboim-im-interview-wagner-war-antisemitisch-seine-musik-nicht-a-145239.html .
    Bayreuth ist sicherlich zu kritisieren, nebenbei haben aber die Richard-Wagner-Verbände ein umfassendes Stipendiatenprogramm für junge Musiker, die auf ihre Kosten Bayreuth besuchen dürfen. Und im letzten Jahr gab es m.W. erstmals eine Liveübertragung im deutschen Fernsehen. Also ganz langsam öffnet sich auch Bayreuth ein wenig.
    Im Übrigen bleibt nicht nur Bayreuth, sondern jedes Opernhaus ein Subventionsgeschäft, vielleicht nur mit dem Unterschied, dass sich fast jeder eine Opernkarte leisten kann (dank Subvention), während das in Bayreuth nicht der Fall ist. Insofern kann ich deine Kritik nachvollziehen.
    Herzliche Grüße, Daniel

  7. Roderich meint:

    Sollte man sich denn dann nicht dafür einsetzen, dass gar keine atheistische, werterelativistische Kunst mehr gefördert wird?

    Ob eine Kunst nun sozialistisch, nationalsozialistisch oder humanistisch angehaucht ist – in allen Fällen ist die Wurzel (auf die es ja ankommt) antigöttlich. Was antigöttlich ist, zerstört auf die Dauer die Fundamente unseres Gemeinwesens.

    Um meine eigene Frage zu beantworten: Natürlich kann man „die Wurzel“ nicht als Maßstab nehmen, denn welcher Natur eine „Wurzel“ ist, ist nicht immer einsichtig (bzw. andere können es bestreiten), und dessen Interpretation hängt vielleicht wiederum von der Zustimmung zu anderen Prämissen ab. Außerdem kann man viel fordern, aber man muss wohl an gewissem „common ground“ (gemeinsam geteilten Prämissen) ansetzen, damit man auch gehört wird.

    So muss man sich also leider darauf beschränken, das Ende des Förderns von solchen Kunstwerken zu fordern, bei denen sich die Mehrheit der Bevölkerung einig ist, dass man die zugrundeliegende Weltanschauung ablehnen sollte – vorausgesetzt, man stimmt dem als Christ zufällig auch zu.

    Sollten Gottes Wort und der Zeitgeist (wie hier im Falle der Ablehnung der Wagnerschen Weltanschauung) mal übereinstimmen, ist das erfreulich.

    Andererseits muss man aber hier eine Schizophrenie feststellen: die Dawkinsche Weltanschauung, der heute wiederkehrende Materialismus, der ja auch durch bestimmte Strömungen der „Philosophie des Geistes“ verbreitet wird, würde ja genau so eine Weltanschauung wieder fördern, wie Wagner sie vertreten hat. Insofern weiss der Zeitgeist auch nicht, was er will. Bzw. auf der anderen Seite haben wir ein starkes linkes Establishment, welches eigentlich „alles, was rechts ist“, verwirft; andererseits kann der Darwinismus und der Materialismus, auf den sich die Linke beruft, auch jederzeit wieder zur Neubelebung rassistischer, eugenischer etc. Weltsichten führen.

    Wie dem auch sei, egal ob man gehört wird oder nicht: Für Christen bleibt Gottes Wort der Maßstab, den man auch vertreten muss.

  8. Alexander meint:

    Luther war kein Antisemit (es wird Zeit, diese Mär zu beerdigen). Wagner allerdings schon.

  9. theologiaetmusica meint:

    @ Alexander: wohl wissend, dass das Thema Luther und die Juden komplex ist, finden sich sehr wohl auch antisemitische Appelle in seinen späten Schriften (eine kleine Zusammenstellung bietet Raupp, Mission in Quellentexten). 1543 schreibt er etwa folgendes: „Ich will meinen treuen Rat geben: Erstens, daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke (…), zum anderen, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre ´(…) Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun wie die Zigeuner, auf daß sie wissen, sie seinen nicht Herrn in unserm Lande. Will das nicht helfen, müssen wir sie wie die tollen Hunde herausjagen…“
    Leider ist das kein Märchen, auch wenn der frühe Luther auch positiveres zu sagen hatte.

  10. Alexander meint:

    @theologiaetmusica: als Historiker erlaube ich mir den Hinweis, dass es keinen Zweck hat, einfach unkommentiert Zitate in den Raum zu stellen und zu behaupten, damit wäre bewiesen, Luther sei Antisemit. Die Zitate sind allbekannt, aber sie beweisen nicht, dass Luther Antisemit, also Rassist gewesen wäre. Es wäre furchtbar, wäre Luther Rassist gewesen, und wenn er es gewesen wäre, würde dies seine Theologie mit einem furchtbarem Makel beflecken. Er war – bei aller Problematik der Äußerungen – kein Rassist. Ich empfehle die Lektüre folgender Artikel-Serie:
    Luther and the Jews I: The problem
    Luther and the Jews II: The context
    Luther and the Jews III: Lessons

  11. @ Ron: MAn kann es drehen oder wenden, Wagner ist und bleibt einer der größten Musiker des 19.Jhs.: seine Musik ist einzigartig, deren Rezeption global. Wozu also der Hinweis auf Subventionen? Kunst muss subventioniert werden heutzutage (leider!), DsdS dagegen nicht.
    Wirfst Du Wagner vor, er sei zu elitär? Nur weil er heute keinen Massengeschmack bedient? Von ´Kult´ wird man heute kaum noch reden können. Und dass die Aufführungen nur einer betuchten Elite offenstünden, stimmt definitiv nicht! Es ist nur die Frage nach den Relationen und was mir wirkliche Qualität wert ist. (Wer eine Jahreskarte für den FCB/BVB erwerben kann, der kann auch an den Festspielen teilnehmen.) Dass die Zahl der Plätze sehr begrenzt ist, stimmt allerdings.

    @theologiaetmusica: Du schreibst: „Ich bewundere Wagner als Musiker, seine antisemitische Einstellung verachte ich zutiefst.“ – Genauso sehe ich es auch!

  12. theologiaetmusica meint:

    @ Alexander: Vielen Dank für den Hinweis auf die Artikel! Mir ging es nicht darum, einfach etwas in den Raum hineinzuwerfen. Antisemitismus ist bei Luther dann wohl ein unglücklicher Begriff, da keine rassische Begründung vorliegt (hier haben die Deutschen Christen Luther missbraucht). Wäre es in deinem Sinne treffender, von Antijudaismus bei Luther zu sprechen? Dieser Antijudaismus hat teils persönliche, teils theologische, teils historische Wurzeln. Dass diese Äußerungen Luthers sicher nicht essentiell für sein Denken sind, steht für mich auch außer Frage (hier besteht sicherlich ein qualitativer Unterschied zu Wagner).
    Jedoch ändert das meines Erachtens nichts daran, dass Luther hier offen zur Gewalt an Juden aufruft. Dass dieser Ton zu Luthers Zeit zum allgemeinen Umgang gehörte, entschuldigt die Sache an sich nicht, oder?
    Sowohl Wagner als auch Luther sind von den Nazis missbraucht worden. Denn auch für Bayreuth gilt m.W., dass bis zur NS-Zeit auch einige jüdische Künstler an den Festspielen beteiligt waren (und zum Teil sogar unter Führerprotektion während des 3. Reichs). Dass sich Wagner natürlich deutlich besser in die NS-Ideologie fügte, liegt auf der Hand.
    Genug der Worte, ich bin gerne bereit, von Historikern vom Fach mehr zu lernen, Korrektur ist mir herzlich willkommen!

  13. Alexander meint:

    @theologiaetmusica: Nein, natürlich ist Luthers Schrift nicht damit zu entschuldigen, dass der Ton seiner Zeit halt rauher war. Es bleibt ein beschämender Text. Allerdings muss man doch begrifflich und sachlich unterscheiden: War Luther Antisemit und damit Rassist und war dies ein integraler Bestandteil seiner Theologie? Oder war die späte Schrift von 1543 zwar antijüdisch, jedoch ’nur‘ eine schlimme Verirrung (so Trueman m.E. richtig), die den Kern seiner Theologie nicht berührt? Diese Unterscheidung (antisemitisch/antijüdisch) mag in unserer Zeit, die zu differenziertem Denken kaum noch in der Lage ist, kaum noch zu vermitteln sein (das richtet sich nicht gegen Dich, der Du dies offensichtlich verstanden hast) – historisch und sachlich ist sie allerdings von großer Bedeutung.
    Schöne Grüße!

  14. Roderich meint:

    @Alexander,
    die Artikel von Dr. Trueman sind sehr gut.

    (Ein kleiner Fehler in dem 1. Artikel („Luther and the Jews I: The problem“) ist aber vermutlich sein Hinweis, Rushdoony habe geleugnet, dass der Holocaust je stattgefunden habe. Meines Wissens hat Rushdoony „nur“ die Zahl von 6 Millionen bezweifelt. Auch das sicher nicht fein, aber es ist noch nicht ganz so schwerwiegend wie zu behaupten, der Holocaust hat nie stattgefunden). Aber das ist nur eine Nebensache.
    Insgesamt ist der Hinweis von Trueman, dass Luther definitiv kein Rassist war, sehr wichtig.

  15. Programmhinweis zum Thema:

    arte am Ostersonntag um 17.35 Uhr: Wagner und die Juden.

    Liebe Grüße, Ron

  16. theologiaetmusica meint:

    Vielen Dank, Ron! Die Dokumentation ist sehr aufschlussreich, momentan übrigens noch im Internet abrufbar.
    Liebe Grüße,
    Daniel

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