Schneider: Kern des Evangeliums

Präses Nikolaus Schneider hat sich in einem Chat kritischen Fragen gestellt und dabei mitgeteilt, was für ihn Kern des Evangeliums ist. Chatten läuft sehr hektisch ab und niemand sollte erwarten, dass bei so einem Interview theologisch reife Erklärungen abgegeben werden. Aber was Präses Schneider hier über das Evangelium gesagt hat, eignet sich als Beleg dafür, dass das Evangelium unserer Tage gründlich vom therapeutischen Moralismus zur Stärkung des Selbstwertgefühls imprägniert ist. Ein Evangelium ohne Sünder, ohne Gericht, ohne Christus, ohne Kreuz. Was würde wohl Martin Luther dazu sagen?

Hier der Auszug aus dem Interview-Protokoll:

atemhaus: Sehr geehrter Präses Schneider, wir leben in einer Zeit kurzer prägnanter Botschaften. Wie würden Sie den Kern des Evangeliums kurz umschreiben?

PraesesSchneider: Kurz und knapp: Du bist ein von Gott geliebter Mensch, musst Dir Deine Würde nicht erarbeiten und kannst sie auch nicht verlieren. Das gilt auch für das Himmelreich! Gott ist in allenHöhen und Tiefen des Lebens an Deiner Seite.

kpuschmann: Das ist ja mal eine Prima Aussage präses Schneider. Wenn Sie nicht dagegen haben nehme ich selbige für die Nächste Sitzung im beschäftigungsfonds als Alternative zur Tageslosung

atemhaus: @Präses Schneider: Danke für diese wunderbare Formulierung. Ich glaube es lohnt sich, Menschen dazu zu ermutigen, das in und an ihrer eigenen Lebensgeschichte durchzubuchstabieren – und das natürlich auch selber zu tun.

Kommentare

  1. Und schon haben wir einen tagesaktuellen Aufhänger für GudH – gut gemacht 😉

  2. Kern des Evangeliums?

    „Meine ganze Theologie ist auf vier Worte zusammengeschrumpft: Jesus starb für mich!“

    Charles H. Spurgeon (1834 – 1892, englischer Baptistenpastor)

    „Der Tod Christi „an sich“ hat keine Qualität. […] Gott braucht kein Sühneopfer“

    Präses Nikolaus Schneider (23.03.2009, Theologe, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland – EKD, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), Präses Schneider: Gott braucht keine Sühneopfer, Interview Präses Schneider in „chrismon plus rheinland“ 4/2009, http://www.ekir.de)

  3. Och joah… Ich will jetzt nicht behaupten, dass deine Einschätzung falsch ist. Aber richtig ist sie auch nicht. Der Präses hat offenbar versucht, das Evangelium so anschaulich wie möglich OHNE die Verwendung theologischen Vokabulars wie Sünde, Gericht, Kreuz und so weiter zu verdeutlichen. Dafür ist ihm das gar nicht so schlecht gelungen, finde ich.

    Das Christus fehlt, finde ich entscheidender. Den muss man mE nicht theologisch übersetzen, wäre also auch in dieser Aussage ohne weiteres erwähnbar gewesen.

  4. @Johannes: Ich kann Dir nicht zustimmen, leider. Dieses Interview steht in Kontinuität mit dem, was Schneider sonst über das Evangeliums sagt. Es ist ein Evangelium mit Kreuz light:

    http://www.scribd.com/full/14756582?access_key=key-7upqh1s83q5k2q6gmgo

    Liebe Grüße, Ron

  5. Es war ja vielleicht zu erwarten, dass Präses Schneider für solche Formulierungen keinen Beifall bekommt – wobei bezeichnend ist, dass hier auch hauptsächlich kritisiert wird, was gefehlt habe…!
    Nun hat er also versucht, in einem CHAT(!) den „Kern “ des Evangeliums kurz zu „umschreiben“. Ob das gelungen ist, darüber kann man streiten. Darin aber einen „therapeutische(n) Moralismus“ zu sehen, ist nicht nachvollziehbar und gar ein „Evangelium ohne Sünder, ohne Gericht, ohne Christus, ohne Kreuz“ zu diagnostizieren?? Ehrlich: was soll das?

    Hätte Schneider also altbekannte Formulierungen (um nicht zu sagen: Hülsen) verwendet, wären alle wohl zufrieden gewesen. Gleiches gilt im Übrigen für die „Sühneopfer“-Debatte…

  6. @Ernst: Zu schauen, was jemand nicht sagt, gehört nun mal zur Analyse von theologischen Bekenntnissen. Das, was er sagt, entspricht dem therapeutischen Moralismus (oder vielleicht auch therapeutischer Deismus) zur Stärkung des Selbstwertgefühls.

    Wer sagt denn eigentlich, dass Präses Schneider dafür keinen Beifall bekommt. Das Gegenteil ist der Fall. Es schmeckt den Leuten. Dafür lassen sie glatt ihr Losungsheft stehen.

    Ich lasse mich gern widerlegen.

    Liebe Grüße, Ron

  7. Johannes Strehle meint:

    Niemand wird eine Chat-Äußerung überbewerten.
    „Chatten läuft sehr hektisch ab und niemand sollte erwarten, dass bei so einem Interview theologisch reife Erklärungen abgegeben werden.“(Ron)
    Doch wenn man Schneiders „Evangelium“ kennt,
    wird man den Kern – und danach war gefragt – darin wiedererkennen.

    Auf der Titanic spielt die Musik bekanntlich bis zum Untergang,
    und bis zum letzten Moment wird danach getanzt.
    Wenn man als Cheforganisator der Rettungsaktion
    von einem Passagier nach dem Kern der guten Nachricht gefragt wird,
    wird man in Chat-Kürze doch sagen müssen:

    „Zuerst die schlechte Nachricht:“ (die keiner hören will) „Das Schiff geht unter.
    Die gute Nachricht:“ (die ohne die schlechte Nachricht keine gute Nachricht ist)
    „In den Rettungsbooten ist noch Platz.
    Sie sollten einsteigen, wenn Sie nach New York wollen,
    das zweifellos eine Reise wert ist.“

    Oder im Stil von Schneider:
    „Du bist ein von Gott geliebter Mensch, musst Dir Deine Rettung nicht erarbeiten,
    wirst aber Dein Leben verlieren, wenn Du Dich nicht retten lässt.
    Das gilt auch für das Himmelreich!
    Du musst Dich zwischen dem Leben mit Gott (zunächst unter widrigen Bedingungen) und den Tiefen des Todes entscheiden.“

    „Die Welt wird untergehen unter dem allgemeinen Jubel der witzigen Köpfe,
    die der Meinung sind, es handle sich um einen schlechten Scherz.“
    (Sören Kierkegaard)

  8. Sollten wir uns nicht eher fragen, was Jesus statt Martin Luther, Spurgeon & Co. dazu sagen würde?
    Und was würde Jesus wohl von „theologisch reifen Erklärungen“ halten?
    Liebe Grüsse
    Markus

  9. @ Ron:
    „Ich lasse mich gern widerlegen.“ –
    1. DAS glaube ich nicht 😉
    2. Und was bringt es, mit solchen Begriffen zu hantieren, wie dem „therapeutischen Moralismus“ oder dem „therapeutische(n) Deismus“ oder sonstwas – das vernebelt alles mehr als dass es hilfreich wäre, um es mal dezent zu sagen.

  10. @Ernst: Was wird denn da vernebelt? Was ist unverständlich?

    Liebe Grüße, Ron

  11. NAchtrag: Präses Schneider am 4.April 2010:

    „(…) Es kommt darauf an, den Begriff „Sünde“ richtig zu verstehen: Nach biblischem Verständnis meint „Sünde“ ganz grundsätzlich die Entfremdung und Trennung des Menschen von Gott.
    In Sünde, also verstrickt und gefangen in sich selbst, ist der Mensch unfähig, die Liebe Gottes zu erkennen, zu glauben und anzunehmen. Die Macht der Sünde trennt den Menschen von der Liebe und Gnade Gottes, die er doch braucht, um gesegnet zu leben und getrost zu sterben.
    Sündiges Leben, also liebloses, zerstörerisches und lebenswidriges Denken, Reden und Handeln entspringen nach dem biblischen Verständnis dieser Sünde der Gottesferne und Gottlosigkeit des Menschen.
    Um uns Menschen aus diesem „Teufelskreis“ von Sünden-Macht und Sünden-Leben zu befreien, um uns der Nähe und Gegenwart Gottes in allem, was wir tun und erleiden zu vergewissern, um Gottes Gemeinschaft mit uns sündigen Menschen neu zu ermöglichen, dazu ist Jesus Christus für uns am Kreuz gestorben.
    Im Glauben an den Gekreuzigten kommt Gott uns nahe, rechnet Gott uns unsere Sünden nicht zu, schenkt Gott uns immer wieder neu Vergebung und Neuanfang.
    Denn: Jesus Christus starb für unsere Sünden!“

  12. @Ernst: Na, jetzt leuchtet ja schon etwas Evangelium auf. Ein Anfang ist gemacht. 😉 Die Rebellion gegen Gott, dass „nicht wollen, dass Gott Gott ist“ (Luther) und über unser Leben bestimmt, muss auch gesagt werden, wie eben auch, dass Christus für die ihm Vertrauenden das Gericht trug.

    Liebe Grüße, Ron

  13. Die Sache ist doch klar, wenn man die Bibel nimmt, wie sie dasteht (L’84):

    Offb 5, 9: „… denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen …“

  14. @ Martin:
    Was soll klar sein? Kannst Du Dich mal ´klarer´ ausdrücken? Anstatt irgendein Bibelzitat zu präsentieren?

  15. Dass Gott die Menschen liebt ist nur eine Seite der Medaille. Ja, er nimmt den Menschen an, so wie er ist, aber er lässt ihn nicht so. Wer vom Evangelium ergriffen wird, ist auf einen Weg gesetzt und wird auf diesem Weg wachsen und erzogen werden. In anderen Worten, Gotteserkenntnis bedingt gleichzeitig die Selbsterkenntnis und das allein ist schon ein Wandel. Die Nachfolge Christi bedingt auch, das Wort Gottes auf sich selbst anzuwenden. Das tun aber die wenigsten. Wer also genauso weiterlebt wie vorher, hat wohl irgendwas nicht mitbekommen, oder? In unseren Breiten, lebt man doch eher das Wohlstandsevangelium, mein BMW läuft gut, also geht es mir auch gut und dann kann ich auch glauben. Solche Leute bevölkern auch Hauskreise und alternative Gottesdienste. Wenn uns die Botschaft nicht gefällt, dann schreiben wir uns selbst einen Text. Das Christentum ist kein moralisierender Sozialverband, auch wenn sich die protestantische Kirche in Deutschland als polemisierender Sozialverband verhält.

  16. @ernst:

    Mir und vielen anderen sind die Aussagen der Bibel sehr klar, daraus spricht Gott unmittelbar zu uns. Ich bitte Gott immer darum, mir die Bibel und deren Aussagen zu erklären, und der Heilige Geist erledigt das – wie in der Bibel versprochen – meistens gleich. Eins bleibt einem gabei aber nicht erspart: man muß die Bibel wirklich im Zusammenhang lesen.

    Hier ist es aber einfach, weil es noch weitere Bibelstellen gibt, die in dem andiskutierten Sinne selbsterklärend sind, weil das Gesuchte wörtlich dasteht:
    1. Petrus 3, 18: „Denn auch Christus hat ‚einmal‘ für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte, und ist getötet nach dem Fleisch, …“
    Römer 5, 8: „Gott … erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“

  17. Schandor meint:

    Sehr klar… hm. „Denn auch Christus hat …“? Auch Christus? Wer denn noch? „getötet nach dem Fleisch“ (Übersetzung: „ist ermordet worden, wenigstens körperlich“. Klar ist die Aussage, die „Übersetzung“ dagegen nicht.
    Sehr unklar ist die zweite Aussage:
    „Gott … erweist seine Liebe … als wir noch Sünder waren“? Ich möchte anfügen: Gott hat seine Liebe zu uns erwiesen, als wir noch nicht einmal geboren waren — also können wir auch noch keine Sünder gewesen sein, oder?
    Merkwürdige Aussage, auf uns bezogen!
    Deiner Auslegung harrend, Martin, verbleibe ich neugierig.

  18. @Ron: Mit dem Begriff „therapeutischer Moralismus“ kann ich tatsächlich auch überhaupt nichts anfangen. Aber das mag auch an meiner Unkenntnis liegen. Soweit ich das verstehe scheint das aber etwas anderes zu sein als eine Unterbestimmung der Bedeutung des Kreuzes. Dass das durchaus gegeben sein mag, habe ich ja bereits angedeutet.

    Anstatt populäre Medien zu zitieren, empfehle ich die Lektüre des Artikel von Nikolaus Schneider „Was bedeutet der Kreuzestod Jesu?“ in ThBeitr 2010, S. 348-353.

  19. @Johannes: Die Begriffe stammen aus der Soziologie (z.B. Christian Smith) . Sie werden nicht immer exakt benutzt. Bezeichnen sollen sie einen Missbrauch des Evangeliums zur Stärkung des Selbstwertgefühls. Ich habe hier irgendwo eine Dissertation stehen, in der eine Frau die Predigten in den USA in verschiedenen Gemeinden untersucht hat. Das Ergebnis: therapeutischer Deismus etc.

    Hilfreich dazu Michael Horton: http://www.youtube.com/watch?v=OfnJ9lW8XxM und sein Buch: http://theoblog.de/die-albernheit-der-kirche/989/. Siehe auch das Buch von Dean und die Kommentare dazu:

    http://theoblog.de/der-gefalschte-glaube/9315/

    Liebe Grüße, Ron

  20. Johannes Strehle meint:

    @ Johannes

    Mit welchem Link kann ich den Artikel aufrufen?
    http://www.theologische-beitraege.de/index.php?id=3249
    verweist auf das nächste Heft.

    @ ernst

    „Nachtrag: Präses Schneider am 4.April 2010“
    Aus welcher Quelle stammt das Zitat?

    @ Markus

    „Sollten wir uns nicht eher fragen,
    was Jesus statt Martin Luther, Spurgeon & Co. dazu sagen würde?“
    („kurz“, „prägnant“, „Kern des Evangeliums“)

    Mein Vorschlag, was Jesus dazu sagen würde:
    „Denn so hat Gott die Welt geliebt,
    dass er seinen einziggeborenen Sohn gab,
    damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht,
    sondern ewiges Leben hat.
    Geht durch das enge Tor!
    Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt,
    und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm.“

    „Charles H. Spurgeon (1834 – 1892, englischer Baptistenpastor)“

    Auch wenn das kaum ein Baptist weiß:
    Spurgeon ist im Zuge der „Down-Grade-Kontroverse“
    aus der Baptistenunion ausgetreten.
    Die Resolution, die seine Trennung von der Baptistenunion besiegelte,
    wurde begeistert mit 2000 : 7 Stimmen angenommen.
    „Ein Befürworter der „Neuen Theologie“ … brachte die Versammlung dazu,
    das Kompromisspapier anzunehmen.
    Er benutzte die Gelegenheit, ein leidenschaftliches Plädoyer
    für die liberalen Ideen zu halten.“
    (Aus der Zusammenfassung der „Down-Grade-Kontroverse“
    von John F. MacArthur Jr.)
    Die „Down-Grade-Kontroverse“ ist ein Lehrstück für Evangelikale.

  21. genau, und was denken wir einfachen Leute uns dabei?

    Ab in die Rettungsboote!

    Hin zu Jesus, er erwartet uns schon.

    Mit offenen Armen.

  22. Nikolaus Schneider: „Die Vorstellung vom stellvertretenden oder Sühne-Tod Jesu und damit von der Heilsbedeutung des Kreuzestodes Christi blieb durch die Geschichte des christlichen Glaubens hindurch nicht unbestritten.

    Kein geringerer als Friedrich Schleiermacher, ein wichtiger protestantischer Theologe der Aufklärungszeit, hat versucht, diese Vorstellung aus der christlichen Glaubenslehre zu entfernen. […]

    Er steht damit in der Tradition Kants: Ein stellvertretender Tod Jesu für die Sünden der Menschen ist nach Kant eine entwürdigende Vorstellung. Die Schuld eines Menschen und ihre Folgen könnten nicht von einem anderen stellvertretend übernommen und gesühnt werden. Die Würde des Einzelnen, die nicht zuletzt in seiner Fähigkeit besteht, Verantwortung zu übernehmen, wird dadurch verletzt.

    Das ist eine Sicht, die bis in das letzte Jahrhundert die protestantische Theologie – etwa die von Rudolf Bultmann – beeinflusst hat.“

    (Präses Nikolaus Schneider, 10.6.2009, Theologe, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland – EKD, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), Was bedeutet der Kreuzestod Jesu. Vortrag beim Jahresempfang der Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland, http://www.orthodoxie.net)

    „Besser ein Patient Christi als ein Doktor der Theologie.“

    (Bodo Riedel, 2003, Pädagoge, Bremen)

  23. Nur weil ich es heute morgen „zufällig“ gesehen habe:

    1. Kor. 15, 3: „Denn als Erstes habe ich Euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: daß Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift …“ (L’84)

    Es fällt schwer zu verstehen, wie man angesichts solch eindeutiger Aussagen noch Raum für Interpretationen sehen kann. Wahrscheinlich findet man dutzende gleichlautende Aussagen nicht nur im NT, sondern auch im AT.

  24. @Johannes @Ron Der Aufsatz aus den Theologischen Beiträgen ist (fast?) der gleiche, der auf der von Michael bereits genannten Tagung gehalten wurde: http://www.orthodoxie.net/de/Texte/Texte_Varia/Schneider_KreuzestodJesu_De.htm
    Ich glaube nicht, dass Schneider das Evangelium therapeutisch meint.

  25. @Johannes: Denke mal darüber nach, weshalb Schneider Bestandteile der traditionellen Sühnetheologie ablehnt und welche Bestandteile er ablehnt. Warum kann er die Liedtexte von Paul Gerhard oder Jochen Klepper nicht so nehmen, wie sie gemeint waren? Nach Schneider braucht Gott keine Sühne und kein Sühneopfer (vgl. Chrsismon 4/2009). “Der Tod Christi “an sich” hat keine Qualität” (ebenda, S. 46). Jesu Sterben ist Ausdruck für Gottes Nähe auch in unseren Todeserfahrungen und ein Interpretationsrahmen für unseren eigenen Tod usw.

    Stuhlmacher sagt dagegen zurecht: “Ohne die Rede vom Lösegeld, vom stellvertretend leidenden Gottesknecht und von der von Gott selbst durch Jesu Blut ein für allemal erwirkten Sühne war und ist das neutestamentliche Zeugnis von Jesus Christus als Retter und Herrn nicht zu haben” (Peter Peter Stuhlmacher, Was geschah auf Golgatha?, S. 34.).

    Ich vermute übrigens, dass Martin genau diesen Aspekt des Loskaufs im Sinn hatte, als er Offb 5, 9 zitierte. Kant und Co. passt so etwas nicht. Sie erklären: das geht nicht. Ich bin froh, dass das NT das anders sieht und habe mir die Stelle gleich notiert.

    Liebe Grüße, Ron

  26. @Ron: Danke, dass du dir die Zeit genommen hast für den ausführlichen Kommentar. Über das „Warum?“ kann ich nur spekulieren. Vielleicht kommt es daher, dass Schneider aus einer protestantischen Tradition kommt, die Probleme mit Gewissen Worten und Vorstellungen hat, bzw. die mit ihrer Verstandeskraft bei manchen Begriffen an ihre Grenzen kommt. Dass er gewisse Begriffe vermeidet, muss also nicht heißen, dass er den zugrundeliegenden Sachverhalt tatsächlich einseitig versteht bzw. das Verständnis nicht vielleicht auch korrigieren kann:

    “Der Tod Christi “an sich” hat keine Qualität” vs. „Das Kreuz Christi ist für mich Zeichen und Erweis der Menschenliebe Gottes. Der Weg der Liebe Gottes ist schwer. Wer diese Last der Liebe umgehen oder ausklammern will, verkennt deren Notwendigkeit […]“ ThBeitr 41 (2010), S. 352

    und „Deshalb glaube und bekenne ich: Nicht „für Gott“, sondern „für uns“ und „für mich“ ist Jesus Christus am Kreuz gestorben. Gott brauchte das Opfer Jesu zu seiner Versöhnung mit der Welt nicht „für sich“. Aber: Gott eröffnet für die Welt und für alle Menschen durch Jesu Leben, Sterben und Auferstehen einen Weg, selig, d.h. von Gott begleitet zu leben und zu sterben. Also gilt: […] Ja, das Evangelium von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi ist die frohe Botschaft von der Erlösung für alle Menschen.“ a.a.O., S. 353

    Das hinter dem Begriff „Sühne“ stehende Problem hat Prof. Eckstein m.E. richtig aufgewiesen: Die historisch-kritische Forschung hat Jesus zu einem (reinen) Menschen gemacht, den Gott nun für sich sterben lässt. Damit bekommt die Satisfaktionstheorie Anselms eine neue Brisanz. Die Problematik des Sühne-Begriffs umgeht, wer Jesus, den Christus, trinitätstheologisch richtig erfasst und sieht, dass Gott sich am Kreuz selbst gibt. Darauf weist Schneider aber in seinem Aufsatz sogar kurz hin.

    Viele Grüße,
    Johannes

  27. @johannes: http://www.ekd.de/predigten/schneider/100404_schneider_ostersonntag.html
    (Deinen Ausführungen zum ´Sühne´-Problem stimme ich zu.)

    @martin: Wie schön für Dich! Du schreibst:“Ich bitte Gott immer darum, mir die Bibel und deren Aussagen zu erklären, und der Heilige Geist erledigt das – wie in der Bibel versprochen – meistens gleich.“ – Dass Gott sozusagen Gewehr bei Fuß verfügbar sei, Antworten im Schnellverfahren, Gewissheit on demand, das macht mich jedenfalls sprachlos. Demnach dürfte es ja keinerlei theologischen Fragen oder Probleme der Textauslegung geben: die gesamte Kirchengeschichte zeigt uns aber etwas anderes. Und nirgends ist uns verheißen, dass wir auf jede Frage eine Antwort bekämen.
    Eine solche „Gewissheit“ ist nichts als Selbsttäuschung.

  28. Hans Otto Syogard meint:

    @ernst
    Das hab ich zunächst auch so verstanden, bis ich gemerkt habe, dass Martin einen Witz lancieren wollte — und der ist, wie man sieht, gut gelungen 🙂
    Außer, er wäre (Konjunktiv!) Visionär, Charismatiker oder Angehöriger einer Gruppe, die sich gewisser Privatoffenbarungen- und assistenzen des Heiligen Geistes erfreuen darf…
    Ach, auf diesem Blog läuft es ohnehin viel zu humorlos ab, da wird das doch noch erlaubt sein 🙂 Die sprichwörtliche Humorfreiheit des Deutschen wird hier erfolgreich durchbrochen, und dafür sei Martin Dank!
    H-O

  29. @Johannes: Das ist eben nicht das biblisch-reformatorische Sühneverständnis, welches Du hier beschreibst. Da liegt doch das Problem. Ich zitiere mal einen Theologen aus der Bekennenden Kirche, Alfred Quervain. Er hat selbstverständlich historisch-kritisch gearbeitet, hatte aber keine Probleme damit, folgendes zu sagen (Alfred de Quervain: Die Heiligung: Ethik, Zollinkon-Zürich: Evangelischer Verlag, 1946, S. 97):

    Christus stirbt nicht nur als der Erfüller aller Gerechtigkeit, als der, der an unserer Stelle den Zorn Gottes trägt, der in der Versöhnung, in diesem Tausch, den er zu unserem Heile eingeht, die Liebe des Vaters zu seinem eingeborenen Sohn uns bringt. Er stirbt – und das ist in diesem Tausch mit eingeschlossen –, um die Seinen der Herrschaft der Sünde zu entziehen

    Jesus Christus, der den Zorn Gottes trägt (den wir eigentlich verdient haben)? Das ist z.B. ein Aspekt, mit dem Schneider nichts mehr anfangen kann. So etwas will man heute eben nicht mehr denken (und macht sich damit selbst etwas vor).

    Zur unseligen Rede vom Menschenopfer lies bitte den Artikel von D. Facius in GuDh 2/2010.

    Liebe Grüße, Ron

  30. @Ernst:

    Spr. 3, 5-6: „Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen. “ (L’84)

    Das ist eine Aufforderung (von vielen gleichen anderen) zur konkreten 2-way-relationship mit Gott. Zum Mut zum Glauben mit allen Konsequenzen.

    Wenn das nicht in der Praxis funktionieren würde, dann stünde es nicht so da.

    Zwar kein Witz, nichtsdestotrotz ein gewaltiger Grund zur Freude.

    Und das Beste ist, es funktioniert nachweislich.

    Ich sollte mich bei meinen Wegen noch viel öfter voll auf ihn verlassen.

  31. Schandor meint:

    @Hans Otto:

    Er hat es ganz offensichtlich nicht als Witz gemeint, wie du annimmst. Hast du das ernst gemeint?

    „It is impossible to study any theological subject adequately in a historical vacuum. In order to gain a proper (!) perspective, we must examine what those who have gone before us have written. For almost two thousand years, God has given the church gifted teachers whose insights into Scripture are invaluable. To neglect what these giants of the Christian faith have said is not only presumptuous, but foolish“ (Keith A. Mathison)

    Blindwütiger Biblizismus zeugt nicht von „Vertrauen“ im Sinne von Spr. 3,5-6, sondern im besten Fall von Naivität. Aber damit hat Gott auch kein Problem 😉

  32. @ Martin – schon recht: Gott will uns leiten und -ja!- Jesus ist der gute Hirte! Aber auch wenn wir uns nicht auf den Verstand ´verlassen´ sollen, so heißt das noch lange nicht, ganz auf ihn zu verzichten oder ihn gering zu achten! Du verlässt Dich ja auch in unglaublich vielen Alltagssituationen auf ihn…
    Und ´Mut zum Glauben´ brauchen wir ja auch deshalb, weil Gott eben nicht alle Fragen beantwortet und manchmal in seinem Handeln verborgen ist.
    Gott ´funktioniert´ nicht ´einfach so´ und eben mal gerade dann, wenn wir es aktuell für nötig erachten! (Ganz egal, was ´2-way-relationship´ auf Deutsch bedeuten soll oder mag.)

  33. @Ron: Den von dir genannten Artikel werde ich gerne lesen und mich ggf. nochmals darauf melden.
    (Meine Kritik zum Sühnegedanken bezog sich in erster Linie auch nicht auf die historisch-kritische Arbeitsweise, sondern darauf Jesus zu jemandem „zu machen“.)

    Ich tendiere dazu, deiner grundsätzlichen Auffassung zuzustimmen. Deine Aussage, dass man etwas nicht denken _will_, finde ich jedoch etwas zu pauschal-polemisch. Es geht doch darum, dass Schneider und Co. es nicht denken _können_. Und gewisse Einwände sind durchaus berechtigt, die doch geklärt werden sollten: Stirbt Jesus aus Zorn Gottes? Ich dachte Jesus stirbt aus Liebe? Wenn Gott nun zornig ist und Jesus liebt – ist Gott keine Einheit, oder shizophren? Und was ist denn nun Sühne und wieso erfordert Sühne, dass Gott mir zürnt? Ich dachte, er liebt die Menschen trotz ihrer Sünde? Diese Einwände lassen sich nicht nur mit dem einfachen Zitieren von Bibelstellen oder der Wiederholung orthodoxer Dogmatik klären.
    Darauf weist auch Michael Herbst hin und versucht angemessene Antworten zu finden in einem, wie ich finde, sehr guten Aufsatz unter dem Namen „Passionierte Predigt: Den Gekreuzigten vor Augen malen. Systematische und praktische Überlegungen zu einem umstrittenen Thema“, ThBeitr 41 (2010), S. 314-334.

  34. @Ron: Mittlerweile habe ich den Aufsatz von Daniel Facius gelesen. Ich finde ihn gut, als dass was er ist, nämlich offensichtliche Apologetik, sogar sehr gut. Diese Form der Apologetik hilft aber (wieder einmal) nur der Stärkung der eigenen Position nach innen und richtet nach außen nichts aus, weil sie den Gegner für blöd erklärt. Die Gegner kennen die zitierten Bibelstellen und dogmatischen Symbole doch genauso gut, wie der Autor. Warum denken sie trotzdem anders?
    Darauf nimmt Facius keinen Bezug, oder zumindest nicht direkt und kann darum anders Denkenden m.E. auch nicht weiterhelfen. Darin sehe ich den entscheidenden Unterschied zu dem Aufsatz von Michael Herbst.

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