Der Nation die Ehre zurückgeben?

Sarah Palin rief am Wochenende vielen Tausenden Demonstranten zu: »Wir müssen Amerika erneuern, wir müssen die Ehre Amerikas wiederherstellen«. Organisator der Veranstaltung war der ultra-konservative TV-Moderator Glenn Beck. Der Mormone stand vor dem Lincoln Memorial und rief Amerikas Christen zur Erweckung auf: »Heute beginnt Amerika damit, sich wieder Gott zuzuwenden.«

Russel D. Moore hat die bizarre Kundgebung treffend kommentiert:

Rather than cultivating a Christian vision of justice and the common good (which would have, by necessity, been nuanced enough to put us sometimes at odds with our political allies), we’ve relied on populist God-and-country sloganeering and outrage-generating talking heads. We’ve tolerated heresy and buffoonery in our leadership as long as with it there is sufficient political »conservatism« and a sufficient commercial venue to sell our books and products.

Too often, and for too long, American »Christianity« has been a political agenda in search of a gospel useful enough to accommodate it. There is a liberation theology of the Left, and there is also a liberation theology of the Right, and both are at heart mammon worship. The liberation theology of the Left often wants a Barabbas, to fight off the oppressors as though our ultimate problem were the reign of Rome and not the reign of death. The liberation theology of the Right wants a golden calf, to represent religion and to remind us of all the economic security we had in Egypt. Both want a Caesar or a Pharaoh, not a Messiah.

Hier der vollständige Text: www.russellmoore.com.

Kommentare

  1. Andreas meint:

    “ What concerns me is about what this says about the Christian churches in the United States. […] In order to be this gullible, American Christians have had to endure years of vacuous talk about undefined “revival” and “turning America back to God” that was less about anything uniquely Christian than about, at best, a generically theistic civil religion and, at worst, some partisan political movement.“

    Leider zu wahr! Man muss sich nur die Debatte um den Bau eines islamischen (sehr gemäßigt, soweit ich das verstanden habe) Gemeindezentrums nahe Ground Zero anschauen. Da wird ernsthaft darüber geklagt, dass „Holy Ground“ entweiht werden soll. Heiliger Boden? Heilig nach welchem Maßstab? Nach einem biblischen Maßstab bestimmt nicht! Und Barak Obama ist natürlich ein Muslim: „Among evangelical Christians, 29 percent believe Obama is a Muslim, but only 27 percent think he is a Christian.“ (http://blog.beliefnet.com/jesuscreed/2010/08/how-can-this-be.html) Ich möchte mich nicht zur Korrektheit der christlichen Theologie Obamas äußern müssen, da liegt sicherlich vieles im Argen, aber für einen Muslim sollten ihn doch wohl v. a. radikale Muslime halten (Geburt von einem muslimischen Vater macht zum Muslim), bzw. dann für einen Apostaten. Überspitzt gesagt: Leichtgläubige Evangelikale posaunen radikal-islamisches Gedankengut heraus. Halleluja!

    Am meisten besorgt macht mich, wie viele „evangelikale, wiedergeborene, bibeltreue, etc.“ Christen, diesem Zeugs aufsitzen. Hier wird das Evangelium als politische Geisel gehalten und kaum einer merkt es…

    Ich weiß, dass wir europäischen Evangelikalen auch unsere blinden Stellen haben und das vermutlich nicht zu knapp, aber was zur Zeit in den USA mit der Tea-Party und Sarah Palin & Co. abgeht geht mir zutiefst aufs Gemüt.

    Danke, Ron, dass Du darauf aufmerksam gemacht hast, dass es tatsächlich Christen in den USA gibt, denen auffällt wie krank das ist, und die sich auch noch trauen, es auszusprechen.

    Grüße,
    Andreas

  2. Roderich meint:

    Hm, ich denke dass bei konservativen Christen die Hoffnung dahinter steht, dass so eine Rhetorik wenigstens ansatzweise in die richtige Richtung fuehrt – und dass vielleicht spaeter eine „richtige“ Erweckung (von unten nach oben, d.h. bei der Bevoelkerung anfangend) kommt, oder dass spaeter, wenn es weniger „illegal“ ist, von Jesus Christus zu reden in der Oeffentlichkeit, wieder Politiker das eigentliche sagen duerfen.
    Im Moment muss man als Christ im „Feindesland“ (also bei einer feindlich gesinnten intellektuellen Elite und antichristlichen Medien) gewisse „Chiffren“ verwenden, sonst wird man vermutlich sofort abgeschossen. Man muss „annaeherungsweise“ gewisse Slogans verwenden, die bei einer eher breiten Mehrheit von Christen und Halbchristen einigermassen ankommen.

    Die Frage ist, was ist die Alternative? Sollte man so etwas gruenden wie die PBC, wo man staendig biblische Slogans benutzt, damit aber kaum fuer eine Mehrheit waehlbar wird?
    Wie genau sollte der Einsatz der Christen sein, um besser zu wirken? Ich waere auf konstruktive Vorschlaege gespannt.
    Ich denke, besser Palin und Teaparty und Glenn Beck als die (kulturell liberalen und oekonomisch linken) Demokraten.
    Ich sage damit natuerlich nicht, dass unter Konservativen alles in Ordnung ist. Aber bei vielen sehe ich doch ein ehrliches Bemuehen, sich fuer Gott einzusetzen.

  3. Andreas meint:

    Das Problem beginnt m. E. schon mit der Rhetorik, denn die ist bestenfalls oberflächlich mit einer dünnen Schicht frommen Lacks versehen: Gott, Umkehr, Glaube, Werte. Darunter steckt ganz viel politischer Erzkonservativismus, der sich um Gott, Umkehr, Glaube und Werte im biblischen Sinn kaum zu scheren scheint. Wieso sonst verbreitet man Lügen (Obama ein Muslim, Obama ein Rassist, Obama ein kommunistischer Faschist [was auch immer das ist; siehe die Plakate gegen die Krankenversicherung]), schürt Hass und Angst mit Polemik tief unter der Gürtellinie (hast Du schon mal Glenn Beck auftreten sehen?); und warum feiert man einen Mormonen, der nicht einmal den gleichen Gott meint, wenn er zu Umkehr zu Gott aufruft? Ich bin bei weitem kein bedingungsloser Anhänger Obamas und stehe gerade gesellschaftspolitisch in vielen Bereichen konservativ bzw zumindest deutlich konservativer als Obama, aber die Art wie die politische Rechte in den USA zur Zeit Politik betreibt, nämlich im Wesentlichen durch Hetze und das Schüren von Furcht, und das dann auch noch christlich verbrämt, treibt mir wechselweise die Scham- und Zornesröte ins Gesicht. Ich kann nicht guten Gewissens sagen, dass mir Palin, Beck und die Tea Party lieber sind als Obama und die Demokraten. Auf beiden Seiten gibt es Inhalte, die ich richtig finde, und Inhalte, die ich zutiefst falsch finde. (Und manchmal sind mir offen unchristliche Linke lieber als pseudochristliche Rechte, die im Namen ihres (unseres) Glaubens Sachen vertreten bei denen mir graut. Bei den unchristlichen Linken weiß man zumindest woran man ist und wogegen man ggf. ist.)

    Nur nebenbei, „illegal“ in der Öffentlichkeit von Jesus Christus zu reden?

    Grüße,
    Andreas

  4. Roderich meint:

    @Andreas: In der Tat, Hetze und Schueren von Furcht sind abzulehnen. Und die Rhetorik ist natuerlich oberflaechlich.

    Auch muss man natuerlich vorsichtig sein, vom Evangelium zum „Erzkonservatismus“ eine allzu eindeutige Linie zu ziehen. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten – und ich wuerde mich freuen, wenn man „Erzkonservatismus“ (so undefiniert) hier nicht als Schimpfwort verwendet.
    In Amerika gibt es nun mal eine andere Staatstheorie als in Europa. Dort ist man im allgemeinen viel besorgter, dass die Obrigkeit dem Buerger die Freiheit wegnimmt. Man mag das anders sehen. Man soll aber auch beachten, dass man dies z.T. auch biblisch begruenden kann: Wegen der Gefallenheit des Menschen ist es gut, Macht in der Obrigkeit zu begrenzen, u.a. durch Foederalismus oder Gewaltenteilung. (In der Obrigkeitsskepsis gehen Amerikaner – sei es aus historischen Gruenden oder theologischen Gruenden – nun mal weiter als wir Europaer).
    Wenn man Sozialismus als gegen Gottes Willen ansieht, ist ein „weniger an Sozialismus“ durchaus vereinbar mit dem Bestreben, Gottes Willen zur Geltung zu verhelfen. Ich kann daher vieles, was sog. „konservative“ Gruppen in den USA befuerworten, fuer gut halten.
    Ich wuerde aber sagen, man muss zwischen einem atheistischen Konservatismus (wie dem „Neokonservatismus“ von Irving Kristol) und einem christlichen Konservatismus (Siehe Russel Kirk, Edmund Burke etc.) unterscheiden.

    Obama kommunistisch: das ist natuerlich uebertrieben. Aber wenn Du mal seine Beziehungen zum Gedankengut von Saul Alinsky betrachtest, dessen Lehren er ja selber verbreitet und gelehrt hat, wirst Du viele Gemeinsamkeiten finden. Obama hat sich offenbar in seinem Abstimmungsverhalten lange Jahre als einer der „linkesten“ Senatoren geoutet.

    Barack Hussein Obama ein Muslim: das ist in der Tat unbewiesen, aber das Gegenteil ist auch noch nicht bewiesen. Ob er frueher ein Muslim war? Man weiss es nicht. (Es wuerde ja auch vollkommen reichen, mehr ueber seinen frueheren Prediger „Wright“ zu schreiben, der ja tatsaechlich eher extremistisch war).
    Es ist sicher unehrlich, diese unbewiesene Aussage, Obama sei Moslim, zu verwenden, um gegen ihn Wahlkampf zu machen. Christen sollten nicht einfach genauso verlogen vorgehen, wie Nichtchristen es in der Ideologischen Auseinandersetzung tun. Als Christen sollen wir an Wahrheit interessiert sein. Da mangelt es wohl etwas an Juengerschaft.

    Russel Moore hat schon Recht, eine Erneuerung muss von den individuellen Kirchen ausgehen. Von einer Rueckkehr zum Evangelium.

    (Nein, „illegal“ war ja in Anfuehrungszeichen gesetzt, ich meinte damit, Jesus Christus ist in der Oeffentlichkeit / der Intellektuellen Elite eine „persona non grata“.
    Illegal ist es sicher noch nicht, als Privatperson „Jesus Christus“ zu sagen, auch wenn im allgemeinen Bestrebungen gibt, das Christentum zu kriminalisieren. (Siehe das sehr gute Buch „The Criminalization of Christianity. Read this before it becomes Illegal“ von Janet Folger). Und immer mehr wird es auch verboten, in Schulen, Gerichten, etc. den Namen „Jesus Christus“ zu nennen. – Aber das ist ein anderes Thema.)

  5. Roderich meint:

    Noch ein Beitrag: Das, was ein amerikanischer Prediger mal zu recht kritisierte, ist „pie crust christianity“ (vergleichbar einem Kuchen, der nur oben eine duenne schoene Kruste hat, die aber gleich in sich zusammensackt, wenn etwas Druck darauf ausgeuebt wird) – ein oberflaechliches Christentum in den Gemeinden, und gleichzeitig wollen Christen das Land „erobern“ mit christlicher Politik. Das wird nicht funktionieren.

    Politik kann nur kurzfristig ein Land aufbauen bzw. Dinge veraendern. Langfristig kann nur eine neue Durchdringung des Landes mit dem Evangelium eine positive Veraenderung bringen.

    Das paradoxe ist, dass ein Einsatz in Politik fuer Christen trotzdem sehr wichtig ist.

    Denn auch wenn Politik die Menschen nicht veraendern kann (es sei denn, man haelt die „Befreiungstheologie“ fuer wahr), so kann doch Politik durchaus viel Schlechtes bringen, etwa eine anti-christliche Gesetzgebung, die Anreize bietet, gegen Gottes Gebote zu handeln.

    Zwar kann die Obrigkeit den einzelnen nur „versuchen“, und es ist der Einzelne, der dann suendigt, oder eben nicht suendigt, und stattdessen Gott von ganzem Herzen sucht. Aber besser, es gibt diese Versuchung erst gar nicht. Daher sollte man sich durchaus – auch als christliche Minderheit – fuer moeglichst christliche Gesetzgebung einsetzen.

    (Hoffentlich werden es in USA und BRD und andernorts mehr, die letzteres tun… Gott von Herzen zu suchen. Damit muss jede Wendung zum besseren beginnen. (Also nicht PRIMAER bei der Politik). Und doch ist – als nachgeordnete Prioritaet – der Einsatz in der Politik wichtig).

    Angenommen, die Obrigkeit „verfolgt“ sogar die Christen. Im besten Fall bleiben alle Christen ihrem Herrn treu, und vermehren sich durch die Verfolgung eventuell sogar noch. Im schlechtesten Falle fallen die Christen aber vom Glauben ab. Man kann sagen: das ist ja nur, weil sie nicht gefestigt waren, und ihnen andere Dinge (Leib, Hab und Gut, angenehmes Leben) wichtiger waren als Gott.

    Angenommen, die Obrigkeit erlaesst Gesetze, die Pornographie vollkommen legalisiert, einfache Scheidung ermoeglicht und Single Dasein steuerlich beguenstigt, etc. Im besten Falle stoert sich keiner daran, weil alle „freiwillig“ Gottes Willen versuchen zu befolgen. Im schlechtesten Falle werden diese Gesetze zur Versuchung fuer die Bevoelkerung, und die Leute werden dadurch in ihrem Verhalten immer Gottloser. Natuerlich kann man dann wieder einwenden: dann war die Gottlosigkeit „in den Herzen“ schon vorhanden.
    Also, man kann im Nachhinein immer sagen: die Einzelnen waren schuld, die nicht Gott von Herzen gesucht haben. Und nicht die Politik. Aber die Politik kann eben ein „Katalysator“ sein, auch und gerade fuer Werte.

    Und im Normalfall sind nicht alle Menschen einer Gesellschaft „erweckt“ oder keine „gluehenden Christen“. Daher: das eine tun (fuer Erweckung beten), das andere nicht lassen (sich als Christ einsetzen in der Politik).

  6. Ich bin recht besorgt, wenn ich die Entwicklungen in den USA sehe. Das ist eine ganz gefährliche, ideologische Bewegung, die militärisch-nationalistisches Gedankengut unter christlichem Deckmantel verbreitet. Christus wird hier benutzt, um eine Ideologie zu transportieren. Das ist ganz gefährlich, wie die Geschichte beweist. Die Anliegen mögen nachvollziehbar und teilweise(!) vielleicht auch berechtigt sein, aber die Methode und die Sprache und viele der Nebentöne gefallen mir gar nicht.

    Amerika braucht ein entschiedenes Barthianisches „Nein!“ zu diesen Entwicklungen, die Gott auf ihrer Seite meinen. Wer Gott für seine Agenda vereinnahmt ist ganz weit weg von Gott.

  7. Excuse me..Glenn Beck was honoring the American Military. It was not „religious“ or a „revival“ nor does he pretend to be a theologian or a minister.
    He is a person who refers to God in his daily life.
    Now…to the heirs of Luther and Calvin..I would like to know exactly which „protestant pope“ can correct or take umbrage with another man’s simple faith?

  8. Roderich meint:

    @kapeka,
    ich denke, Du meinst den Militarismus der (atheistischen) NEOKonservativen, bei denen die Christen leider gelegentlich etwas mitmachen, da Neo-konservative in manchen oekonomischen und kulturellen Dingen einigemassen nahe am Christentum zu stehen scheinen.
    Patrick Buchanan kritisiert diesen Neokonservatismus ganz gut.

  9. Naja, auch bei dieser Tea-Party Veranstaltung wurden die Soldaten geehrt und der Krieg und Kampf gegen den Terrorismus etc. betont, was jetzt ganz vorsichtig ausgedrückt ist. Die Tea-Party Bewegung ist für mich eine ungesunde Mischung aus Religion, Nationalismus, Militarismus und wirtschaftlichem Liberalismus.

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