Die toten Seelen der Stadt

220px-Ivanov_gogol.jpgMichael Schischkin hat einen wunderbaren Artikel über Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809–1852) publiziert (FAZ, 11.02.2012, Nr. 36, Z1). Gogol umschreibt, so sieht es jedenfalls Schischkin, die Sklaverei der russischen Seelen im 19. Jahrhundert. „Die Heimat ist zu einem Gefängnis geworden, in dem Menschen mit einem Gefühl für ihre eigene Würde dem Tode geweiht sind.“ Was Schischkin in Anlehnung an Gogol dann über Petersburg schreibt, könnte bildlich über manch andere moderne Metropole gesagt werden:

Die Kowaljows und ihre Barbiere, Wachtmeister und Staatsrätinnen zertreten die Straßen Petersburgs, einer symbolischen Stadt, der Hauptstadt, erbaut auf den Sümpfen und den Knochen von Sklaven. Die Geister der Sümpfe vergeben nicht. Aber man hat sich an sie gewöhnt, denn die Einwohner sind selbst Geister der Sümpfe geworden. In der Stadt, die nach dem heiligen Petrus benannt worden war, dem Himmelswächter, erinnert sich niemand mehr, weder an den Himmel noch an Christus. In der Stadt herrschen seelische Leere und endlose Erniedrigung.

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