Der Weg der Versuchung

Nachfolgend ein Beitrag von Professor Bauder über die Versuchung:

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Der Weg der Versuchung

Kevin Bauder

Christen haben manchmal eine nicht ganz richtige Vorstellung von der Versuchung. Manche halten die Versuchung selbst schon für das Böse, als ob allein das versucht werden bereits eine Sünde sei. Auf der anderen Seite könnte man glauben, die Versuchung allein sei nur der ursprüngliche Auslöser, der letztendlich zur eigentlichen Sünde oder auch zur wiederholten Sünde führt. In Wahrheit aber sind die anfänglichen Stadien der Versuchung gar nicht so heimtückisch, wie manche glauben, während die späteren Stadien der Versuchung viel finsterer sind, als manche erahnen. Die Versuchung geschieht in mehreren Stadien und jedes einzelne davon beinhaltet schrittweise, zunehmende Verstrickung in der Sünde. In den folgenden Absätzen werde ich die Stadien der Versuchung zusammenfassen und erklären, wie man von einem Schritt zum nächsten immer mehr dem Objekt der Versuchung unterworfen wird.

Die erste Stufe der Versuchung ist die Neigung. Zu diesem Zeitpunkt begegnet ein Mensch dem Objekt der Versuchung und wird auf gewisse Art und Weise davon angezogen. Das Objekt oder dessen Anziehungskraft allein sind nicht unbedingt schon Sünde. Ein Mensch empfindet einfach ein Verlangen, das unter den gegebenen Umständen nicht rechtens befriedigt werden kann. Eine ganz und gar grundlegende Form dieser Versuchung finden wir in der ersten Versuchung Jesu: Er war hungrig und er war versucht, Brot zu erschaffen. Das Verlangen nach Nahrung war nicht falsch, aber es konnte unter den gegebenen Umständen nicht legitim befriedigt werden. Wird die Versuchung in diesem Stadium abgewehrt, so wurde keine Sünde begangen.

Wenn man der Neigung jedoch nicht widersteht und sie zurückweist, dann entsteht Erwägung. In diesem Stadium greift das Objekt der Versuchung mehr und mehr von dem Menschen Besitz. Es wird ständig vor das geistige Auge gehalten und die davon ausgeübte Faszination kann fast schon an Besessenheit grenzen. Anstatt vor der Versuchung zu fliehen, nähert man sich ihr an. Dies ist das Stadium, in welchem die Versuchung ein gewisses Element der Sünde beinhaltet, denn unsere Gedanken müssten sich nicht zwangsweise so sehr mit dem Objekt der Versuchung beschäftigen. Im richtigen Umgang mit Versuchung könnte man an dieser Stelle ein Signal sehen, die Gedanken auf andere Dinge zu lenken, die in der Tat unserer Erwägung wert sind.

Wird die Erwägung nicht unterbrochen, so führt sie zur Erlaubnis. Ab einem gewissen Punkt hält man das Objekt der Versuchung für so begehrenswert, dass man danach greift. Das eigentliche Delikt ist noch nicht geschehen und wird vielleicht sogar niemals Wirklichkeit werden, denn vielleicht findet der Mensch keine richtige Gelegenheit das Zugelassene auch in die Tat umzusetzen. Dennoch hat er, indem er innerlich bereits die Erlaubnis gegeben hat, seiner Entscheidung Ausdruck verliehen, die Tat bei der nächstmöglichen Gelegenheit zu verwirklichen. Hier und da kann auch eine weniger direkte Ersatztat gegen die eigentlich beabsichtigte und direkte Sünde ausgetauscht werden. Wie Jesus selbst klarstellte, üble Nachrede ist Mord, Lust ist Ehebruch, und schlüpfrige Rede ist Meineid. Ist die Entscheidung einmal getroffen, so ist der Mensch bereits in die Sünde verwickelt.

Die natürliche Folge der Zulassung ist die Teilnahme. Dies ist die unverhohlene Ausführung der Sünde (oder die Unterlassung der Pflicht), nicht länger als eine Überlegung im Herzen, sondern als eine willentliche Tat. Selbst bei Sünden der Gesinnung vollzieht sich ein gewisser Wandel zwischen der Erwägung und der Teilnahme. Es gibt einen Punkt, an welchem der Mensch aufhört, gegen die verbotene Gesinnung anzukämpfen und ihr stattdessen frönt. Sehr oft repräsentiert die Teilnahme einen Wendepunkt in dem Verhältnis zu der Sünde. Wenn man sich erst einmal willentlich, aktiv und vorsätzlich der Sünde befleißigt hat, so wird der Wille geschwächt und Wiederholtes sündigen wird leichter. Weiteres Verbleiben in der Sünde ist daher zu erwarten.

Im fortgeschrittenen Stadium der Teilnahme wandelt sich die Versuchung nun zur Gewohnheit. Um es mit den Worten von John Donne zu sagen [ein englischer Schriftsteller, der von 1572–1631 lebte, Anmerkung des Übersetzers], bleibende Gewohnheiten bilden sich infolge von Inkonsequenz. Jeder Genuss der Sünde schwächt den Willen und führt damit zu weiterer Hingabe. Letztendlich wird die Sünde ein beständiger Teil des täglichen Lebens. Je mehr sich der Mensch an die Sünde gewöhnt, umso normaler erscheint sie ihm. Sie verschmilzt mit seiner Umwelt. Sie wird derart durchsichtig, dass sie wie eine Linse funktioniert, durch die der Sünder seine Wirklichkeit wahrnimmt. In diesem Stadium ist der Sünder nicht einfach nur ein Sünder, sondern ein Sklave. Die Sünde hält den Sünder gefangen und beginnt allen Dingen einen neuen Anstrich zu verleihen.

Das letzte und schlimmste Stadium ist erreicht, wenn die Versuchung zur Identifikation wird. Die Sünde wird so sehr ein Teil des Lebens, dass nach und nach die Identität des Sünders durch sie geformt wird. Die Sünde erreicht einen Punkt, an welchem der Sünder sein eigenes Selbst nur noch vor dem Hintergrund des begehrten Objekts wahrnimmt. Es ist ein Teil von ihm geworden. Er kann sich das Leben ohne die Sünde nicht länger vorstellen. Verlöre er sie, so wüsste er nicht mehr, wer er wirklich ist. Die Sünde beherrscht nicht nur sein äußeres Verhalten, sondern auch die inneren Bezugspunkte. Sich zu diesem Zeitpunkt der Sünde noch zu entledigen kann dem Sünder so vorkommen, als müsste er sich selbst umbringen, denn die Sünde ist Teil der eigenen Identität geworden.

Es gibt noch ein anderes Stadium, das jedoch keinen bestimmten Platz in dieser Reihenfolge einnimmt. Es ist der Schritt der Legitimierung. Ein Mensch, der eine Sünde legitimiert, sieht sie nicht länger als Sünde an, sondern hat einen Weg gefunden, sie zu rechtfertigen. Dieses Stadium tritt nicht immer ein. Viele Sünder wissen genau, dass sie sündigen und geben es offen zu, selbst wenn sie bereits bis zum Stadium der Identifikation fortgeschritten sind. Andere jedoch versuchen, sich zu rechtfertigen, indem sie einen Weg finden, die Sünde neu zu definieren, so dass sie nicht länger sündig ist, zumindest nach ihrer eigenen Auffassung.

Jeder Versuchung muss man im frühestmöglichen Stadium begegnen. Wartet man ab, bis die späteren Stadien eingesetzt haben, so wird es um ein Vielfaches schwieriger, der Sünde noch zu widerstehen. Ebenso führt es dazu, dass man sich selbst immer mehr mit der Sünde befasst. Das erste Stadium, die Neigung, bringt nicht unbedingt gleich Schuld mit sich, aber jedes weitere Stadium beinhaltet eine mehr und mehr zunehmende Teilhabe an der Sünde. Es gibt übrigens kein Stadium, in welchem Gott nicht mehr in der Lage wäre, den Sünder aus Gnade zu erretten, aber es wäre eine unschickliche Prüfung Gottes, sich auf Errettung aus einem fortgeschrittenen Stadium der Versuchung zu verlassen, wo doch Jesus selbst eine derartige Prüfung Gottes zurückgewiesen hat. Dementsprechend muss jeder Christ Gott frühzeitig um Gnade ersuchen und alle Mittel einsetzen, die Gott zur Heiligung im Angesicht der Versuchung angeordnet hat.

Professor Dr. Kevin Bauder ist Professor für Systematische Theologie am „Central Baptist Seminary“ in Plymouth, Minnesota (USA). Wiedergabe des Artikels mit freundlicher Genehmigung, Übersetzung von Oliver Seitz. 

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Hier der Artikel als PDF-Datei:  Versuchung_1.0.pdf.

Kommentare

  1. Hallo,
    interessanter Artikel. Ich muss mich noch eingehender damit beschäftigen. Doch im Moment stelle ich mir die Frage ob er mit folgendem kompatibel ist:
    Jakobus 1:12 Glückselig der Mann, der die Versuchung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er den Siegeskranz des Lebens empfangen, den der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben. 13 Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht. Denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, er selbst aber versucht niemand. 14 Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. 15 Danach, wenn die Begierde empfangen hat, bringt sie Sünde hervor; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. (Rev.Elb.)

    Was meint ihr?

  2. Schandor meint:

    @Ron

    Danke für diesen großartigen Artikel! Ein Lob auch an den Übersetzer!

    Eine Frage stellt sich mir an dieser Stelle, dazu auch eine Anregung. Zunächst die Frage:

    „Hier und da kann auch eine weniger direkte Ersatztat gegen die eigentlich beabsichtigte und direkte Sünde ausgetauscht werden.“
    Klassisches Beispiel: Ich begehre eine bestimmte (verheiratete) Frau. Das ist – laut Jesus – bereits Ehebruch. Ich befinde mich lt. obiger Definition im Stadium der „Zulassung“, habe die Sünde also noch nicht tathaft begangen.

    GIBT es vor dem allerhöchsten Gerichtshof des Richterstuhles Christi nun einen Unterschied zwischen diesen beiden Sünden, oder hat sich jemand, der sich des gedanklichen Ehebruchs schuldig gemacht hat, vor Gott auf jeden Fall des Ehebruchs schuldig gemacht? Ich erinnere mich, in Schirrmachers Ehtik von einer klaren Unterscheidung gelesen zu haben, die Gott da trifft, finde die Stelle aber nicht mehr.

    Nun meine Bitte: Könnte jemand das Schema anhand eines Beispiels weiter exemplifizieren, möglichst nicht anhand des von mir genannten Beispiels?

    Wie verhält sich die Sache, wenn psychotrope Substanzen im Spiel sind, wenn jemand beispielsweise drogen- oder alkoholabhängig geworden ist? (Das passt ja vorzüglich: der Wille wird ja, wie oben gesagt, geschwächt).

    Liebe Grüße

  3. Schandor meint:

    Ein Zusatz:

    „Das Objekt oder dessen Anziehungskraft allein sind nicht unbedingt schon Sünde. Ein Mensch empfindet einfach ein Verlangen, das unter den gegebenen Umständen nicht rechtens befriedigt werden kann.“

    Das Objekt nicht, und auch nicht dessen Anziehungskraft, aber das Verlangen, das rechtens nicht befriedigt werden kann, ist das nicht – die concupiscentia? Und damit doch schon Sünde, weil „Sündigsein“? Das geht aus dem Bericht nicht eindeutig raus, ist aber wahrscheinlich gemeint, denke ich.

  4. Schandor meint:

    @Hartmut

    Lieber Hartmut, von ganzem Herzen: Ja, Gott erlaubt es nicht, mit der Sünde zu „spielen“. Johannes schreibt ja auch: Dies schreibe ich euch, damit ihr nicht mehr sündigt!

    Dass Du allerdings das Beispiel vom Weingärtner und von der Rebe bringst, ist nicht schön – vor allem deshalb nicht, weil es mE gerade nicht zur Thematik passt.
    Dein Gott ist ein gefährlicher Rächer, der nicht lange fackelt, wenn ihm eine Rebe nicht gefällt. Er schneidet sie ab und wirft sie ins Feuer.

    Doch Gott, Dein Vater im Himmel, ist in Wahrheit ganz anders: Er hat Dich doch teuer erkauft!? Seinen eigenen Sohn qualvoll leiden lassen, um Dich zu erlösen!
    Vielleicht bist Du ein Mensch, der wenig von Süchten gequält wird, kein großes „Suchtpotential“ hat. Vielleicht hast Du Deine Süchte auch besiegt. Bist Du dankbar dafür?

    Stell Dir folgendes Beispiel vor: Ein Vater geht mit seinem kleinen Sohn über eine sechzehnspurige Straße (die gibt’s übrigens wirklich – in Buenos Aires). Der Sohn sieht die vielen Autos, dreht sich danach um und zieht und zerrt sogar manchmal an der Hand des Vaters, um sich loszureißen.

    Nun, Hartmut: Meinst Du wirklich, der Vater würde sein Kind auf dieser vielbefahrenen, gefährlichen Straße auch nur einen einzigen Augenblick loslassen?
    Wenn Du das glaubst, dann, ja dann kannst Du auch glauben, dass eine echte Rebe auch verlorengehen kann.
    Ich empfehle zur Lektüre: Johannes Kapitel 6 – 8; das könnte Dich in dieser Hinsicht vor Einseitigkeit bewahren.

    Und das ist der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, daß ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern daß ich es auferwecke am letzten Tag. (Joh 6,39).
    Gelobt sei dieser Vater in alle Ewigkeit!

  5. @Charly
    So wie ich den Artikel verstehe, denke ich eher an Jakobus 1, 13 – 15.

    Stellt sich jetzt natürlich die Frage was Jakobus 1, 12 meint.
    Ganz einfach kann sicher gesagt werden, dass Jakobus Folgendes nie gemeint haben kann:
    Begib dich in die Sünde, dann wirst du besonders selig!
    Bist du in der Sünde, bleib in ihr …!
    Lass die Sünde zu, denn dann …!
    Das wäre der größte Unsinn, wenn man bedenkt, wozu Jakobus die Gläubigen aufruft und wogegen er sich ausspricht.

    Als Gedankenanstoß zitiere ich mal aus dem Kommentar Calvins
    (Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Übersetzung – Unter Mitwirkung zahlreicher Theologen herausgegeben von Karl Müller, Professor der Theologie in Erlangen, Verlag Neukirchen)
    fragmentartig dazu:

    Jakobus 1, 12: „Selig ist der Mann usw. Nachdem Jakobus mit dem eben gegebenen Trost den Schmerz derer besänftigt, die in dieser Welt schlecht behandelt werden, und andererseits die stolze Vermessenheit der Großen gedemütigt hat, zieht er nun den Schluss: die sind selig, die großen Sinnes Sorgen und andere Versuchungen ertragen und sich siegreich daraus hervorarbeiten. Unter der Anfechtung könnte man wohl auch die versuchliche, uns innerlich reizende Lust verstehen; aber ich halte dafür, dass hier die Tapferkeit im Unglück ihr Lob finden soll, so dass die überraschende Aussage entsteht, nicht die, welchen alles nach Wunsch gelingt, seien glücklich, wie man gewöhnlich meint, sondern die, welche vom Unglück sich nicht überwinden lassen. ….“

    Jakobus 1, 13: „… Hier ist nun zweifellos von einer andersartigen Versuchung die Rede. …
    Hier handelt sich´s also um die inneren Versuchungen, die nichts anderes sind, als die ungezählten Triebe, die uns zur Sünde reizen. …“
    Jakobus 1, 14: „ … Da Bewegung und Trieb zum Bösen innerlich sind, so sucht der Sünder vergeblich, vom äußeren Anlass her einen Vorwand zur Entschuldigung zu gewinnen, …“
    Jakobus 1, 15: „ …Er scheint aber den Begriff Sünde in uneigentlicher und von der Schrift sonst nirgends befolgter Weise auf äußerliche Werke zu beschränken, als wenn die böse Lust selbst an sich keine Sünde, als wenn auch verderbte Wünsche, die aber inwendig verschlossen und unterdrückt bleiben, nicht ebenso viele Sünden wären. Da aber der Gebrauch des Wortes vielfältig ist, so hat es nicht gegen sich, es hier für die Tatsünde zu nehmen, ähnlich wie an anderen Stellen auch. … So nämlich schreitet er stufenweise aufwärts: der Vollzug der Sünde ist Ursache des ewigen Todes; die Sünde entsteht aus den unerlaubten Wünschen; die Wünsche haben schon ihre Wurzel in der Lust. Im ewigen Verderben ernten die Menschen also die Frucht, die sie selbst erzeugt haben. Unter der Sünde, die vollendet ist, verstehe ich daher nicht nur eine einzelne, vollbrachte Tat, sondern den zum Schluss gekommenen Verlauf der Sünde. …“

  6. Meine Lieben,

    Ich darf jetzt auch in Rons Auftrag und als Übersetzer dieses Aufsatzes kurz auf Eure Fragen und Kommentare eingehen und hoffe, dass es hilfreich sin wird.

    Zu Charlys Frage nach Jakobus 1, 12-15 würde ich die Kompatibilität der Verse mit dem Aufsatz von Professor Bauder durchaus gegeben sehen. Es ist ein sehr systematischer Aufsatz von einem systematischen Theologen. Es ist, als würde Prof. Bauder ein Vergrößerungsglas über Vers 14 legen und genau betrachten, welche Stufen man durchläuft, während man von seinen Begierden fortgezogen und gelockt wird. Auch ich habe das als sehr hilfreich empfunden. Bereits mehr als einmal seit dem Studium dieses Artikels habe ich mich in der zweiten Stufe der Abwägung ertappt und zur Ordnung gerufen. Das wäre mir vormals nicht so aufgefallen. Ich würde es wagen, zu vermuten, dass wahrscheinlich die Mehrheit unserer Sünden es nicht über das Stadium der Erwägung hinaus schaffen, da hält der Heilige Geist uns gnädig davon ab, denn wenn alles, was wir uns in unseren kranken Köpfen beizeiten ausmalen auch Wirklichkeit würde, dann gute Nacht, aber ich habe auch Sünden in meinem Leben identifiziert, die leider schon etwas weiter fortgeschritten sind. Darum habe ich den Artikel auch übersetzt und zur Verfügung gestellt, denn wenn man weiß, in welchem Stadium der Abwärtsspirale man sich befindet, so ist man eher bei der Hand, wenn es um Gegenmaßnahmen geht. Nicht umsonst sind wir auch in unserer Umwelt an allen Ecken und Enden von Skalen und Anzeigen, von Messlatten und Gradeinteilungen umgeben – sie erleichtern uns die Wahrnehmung und helfen uns bei unseren Entscheidungen.

    Nun zu der Frage nach der Ersatztat. Prof. Bauder schreibt: „Hier und da kann auch eine weniger direkte Ersatztat gegen die eigentlich beabsichtigte und direkte Sünde ausgetauscht werden.“

    Ich denke, das klassische Beispiel für eine Ersatztat ist der Pornografiekonsum. Die virtuelle und entpersonifizierte Erfahrung tritt an die Stelle der eigentlichen Tat. Aber man muss nicht lange suchen, um noch andere Beispiele zu finden. Wir sind als Menschen immer schnell bei der Sache, wenn uns Unrecht getan wird und reagieren schnell zornig, etwa im Straßenverkehr. Manchmal haben wir dabei wirklich ungewollt hochkochende dunkle Gefühle und Hassgedanken und würden dem Anderen gerne einen Denkzettel verpassen. Da das nicht geht, murmlen wir vielleicht Flüche und Verwünschungen.
    Jemand, der sich versucht sieht zu stehlen, es aber nicht kann oder wagt, wird dieses Verlangen vielleicht mit der Ersatztat von übertriebenem Geiz kompensieren.
    Wer das Hab und Gut seines Nachbarn begehrt, es aber nicht haben kann, wird sich vielleicht statt dessen diebisch freuen, wenn dem Nachbarn irgendein Ungemach wiederfährt.

    Wie wir ja alle wissen, sündigen wir, weil wir Sünder sind, nicht anders herum. Das Problem ist nicht was wir tun. Das Problem ist was wir sind. Selbst ein Mensch, der niemals eine reale Sünde begangen hat, stünde vor dem heiligen Gott nicht makellos da, wenn er in seiner inneren Natur ein Sünder ist. Und nun schlägt mir mein Herz höher, denn ich darf etwas über das herrliche Evangelium sagen: Ein Mensch, der eine Vielzahl von Sünden mit sich bringt, steht vor dem heiligen Gott als makellos da, wenn er in seiner inneren Natur kein Sünder mehr ist. Und diese innere Natur, obwohl sie eigentlich so unveränderbar ist, wie die Punkte des Leoparden oder die dunkle Haut des Äthiopiers, die kann erneuert werden. Nichts anderes ist gemeint mit der „neuen Kreatur“ aus 2. Korinther 5,17. Das ist die gute Nachricht.

    Aber wie sollen wir merken, dass wir bedürftig sind und diese Erneuerung mehr brauchen als alles andere? Was, wenn wir versucht sind, uns darauf zu verlassen, dass wir ja eigentlich gar nicht so schlecht sind? Darum verfährt der Herr Jesus so hart mit uns wenn er sagt, dass unsere Neigungen uns bereits entlarven als das, was wir sind. Es gibt neutrale Neigungen, die auch der Herr Jesus als sündenloser Mensch hatte, z.B. nach Nahrung, Wasser, Schlaf. Wie viel hat der Herr Jesus gegessen? Wie viel Wein hat er getrunken? Wie lange schlief er? Eben nur so viel, bis noch ein weiterer Bissen, ein weiterer Schluck und weiteres Stündchen im Bett Sünde gewesen wäre. Wir haben solches Maß nicht in unserer Natur. Diese neutralen Bedürfnisse finden sich in Jesus Herz und auch in unserem Herz. Aber dazu finden sich in unserem Herz noch so manch andere Neigungen, die Jesu Herz nicht beherbergte. Denn von innen, aus dem Herzen des Menschen, kommen die bösen Gedanken hervor, Ehebruch, Unzucht, Mord, Diebstahl, Geiz, Bosheit, Betrug, Zügellosigkeit, Neid, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen heraus und macht den Menschen gemein (Markus 7,21-23).

    Diese bösen Neigungen sind da. Sie sind als Neigung an sich noch keine Sünde, solange sie nicht auch in Erwägung gezogen werden, aber sie zeigen, wie es in dem Menschen drin aussieht. Sie legen Zeugnis ab gegen den inneren Zustand, dem wir nicht entrinnen können. Darum ist allein die Lust nach der anderen Frau bereits Ehebruch, denn in uns drin kreucht und fleucht es nur so vor Ehebruch, auch wenn wir uns nach außen einigermaßen unter Kontrolle haben und Gott ist darüber zu Recht erzürnt. Wer das begreift, der wird fliehen vor dem kommenden Zorn und sich bei Christus verkriechen.

    Wenn es nun Errettung vor diesem, unserem unseligen Zustand gibt, so werden wir fürderhin der Sünde nach Kräften zu entfliehen und der Versuchung zu widerstehen suchen. Gerade weil die Sünde mir nun nichts mehr tun kann, will ich ihr auch nicht mehr so zu Diensten sein. Und eben dabei kann ein besseres Verständnis der Versuchung hilfreich sein.

    Vielen Dank für Eure Rückmeldungen und Fragen.

  7. @Lutz
    Ich wäre jetzt nie darauf gekommen, dass Jakobus solch Seltsames zur Sünde jemals hätte meinen können. Von daher sind wir uns da wohl einig.

    Jakobus ist ja seiner Glücklichpreisung d’accord mit Petrus in 1.Petr.1:6+7. Ich verstehe diese Freude über die Versuchung als Freude im Hinblick auf das Lern- und Heiligungspotential welches darin steckt.

    Beim weiteren Gedanken komme ich gerade nicht mit. Ich lese schon ab Vers zwei von Jak.1 dass es um Versuchung und eben nicht um Anfechtung geht.
    Anfechtung ist etwas, was von Außen auf uns eindringt. Anfechtung bedarf Jemanden, der uns anficht und nicht einfach etwas.
    Versuchung, so führt uns ja Jakobus deutlich auf, ist aber etwas was aus unserem Inneren kommt – aus unserer eigenen Lust. Das was dem Einen eine Versuchung ist, lässt einen Anderen völlig kalt – eben weil er diese Lust nicht hat.
    Auch im Grundtext finden wir kein anderes Wort, welches hier Anfechtung und Versuchung unterscheiden würde.

    Bemerkenswert finde ich, welches Wort im griech. für „bringt hervor/gebiert“ verwendet wurde. Ein Wort, welches tatsächlich für das Gebären am Ende einer Schwangerschaft verwendet wird. Dies hebt für mich nochmal deutlich den Prozesscharakter aus dem Weg von der Versuchung zur Sünde und dem Tod hervor. Ein Weg, der viele Ausstiegsmöglichkeiten bietet.

  8. logan meint:

    Vielleicht hätte der Autor noch näher erläutern können, wie Identifikation und Legitimierung zusammenhängen. Oder ist das so offensichtlich, dass es nicht erwähnt werden muss?

    Am Ende der Identifikation steht ja die Identität. Während die Identifikation noch ein innerlicher Prozess ist, hat die Identität als ihr Ergebnis den Bezug zur Außenwelt. Die Sünde ist nun, wie der Autor es beschreibt, bereits so tief im Selbst verankert, dass nun auch gegenüber der Umwelt mit allen Mitteln Akzeptanz gesucht wird. Die Legitimierung tritt zwar in allen Stadien auf, bekommt aber durch die Identifikation eine ganz neue Qualität.

    Je manifester die Sünde im Menschen geworden ist, je stärker die Sünde mein Selbstverständnis prägt, desto einfacher ist es, sie gegenüber der Außenwelt zu legitimieren.
    Für den Betroffenen ist es einfacher, weil er, wie der Text es beschreibt, das Gefühl hat, andernfalls sein Selbst zu verlieren. Für die Außenwelt wird die Ablehnung schwieriger, weil sie angesichts des potentiellen seelischen Leids des Betroffenen inhuman erscheint, so nach dem Motto: Ich kann doch nicht allen Ernstes anderen Menschen ihre „Identität“ absprechen.

    Beim Thema Homosexualität sieht man das wunderbar. Diese wird bewusst als Identität konstruiert (zumindest kommt es mir bei der Lektüre mancher Bücher so vor), der Homosexuelle erhöht sie zum Zentrum seiner Gesamtidentität, er versexualisiert sich als Person vollständig, um so die Hemmschwelle zur Kritik von außen so hoch wie möglich zu setzen.

    Ich frage mich, ob die Identifikation immer ein natürlicher, rein innerlicher Prozess ist, oder manchmal eher doch intentional gesteuert ist, um sich, wie dargestellt, gegen Kritik von außen zu immunisieren.

    Wie gut, dass Jesus auch dieser völligen Integration der Sünde in das Selbst begegnet, wenn er die immer wieder so drastisch klingenden Worte der Selbstverleugnung benutzt.

  9. @Charly

    Dann sehe ich nicht, wo du hier „Kompatibilitätsschwierigkeiten“ vermutest.

    Es gibt viele Dinge, die von außen einwirken können. Dazu zählen die „Etwas“ ebenso wie „Jemand“.
    Eine Wirkung kann es doch dann nur haben, wenn das Innere „mitspielt“.
    Hier würde ich ja dann auch Ratschläge ansiedeln, dies und jenes zu meiden.
    Eine innere Lust ohne Bezugspunkt (auf etwas, oder auf jemand) kann ich nicht sehen. Der Bezugspunkt kann außen und innen liegen.
    Für die Wirkung ist es ziemlich unerheblich, ob sich der Anlass außen oder innen befindet.

  10. Schandor meint:

    @Hartmut

    Lieber Hartmut, bitte entschuldige, dass ich an dieser Stelle etwas überfragt bin. Wogegen richtet sich Deine Polemik eigentlich?
    Geht es Dir nicht um die Frage, ob ein Kind Gottes wieder verlorengehen kann oder nicht? Sorry, ich versteh Dich nicht – ich stimme Deinen Aussagen ja zu, verstehe aber nicht, wie bzw. zu welchen Schlussfolgerungen Du kommst. *hilflos* *achselzuck* ??

  11. @Lutz
    Die Frage nach Kompatibilität fragt nicht unbedingt nur nach Differenzen, sondern auch nach Deckungsgleicheiten und Ergänzungsmöglichkeiten. Und dahin ging meine Frage. Offensichtlich gibt es hier ja Deckungsgleicheiten. Wie groß die sind, interessiert mich.

    Ich verstehe Anfechtung als etwas, was aktiv von außen her geschieht. Ein „Etwas“ kann mich aber nicht aktiv angehen, es ist einfach und ich reagiere darauf. Das ist in meinen Augen dann aber Versuchung.
    Eine Anfechtung durch Jemanden hat auch dann Wirkung auf mich, wenn es kein inneres Entsprechen hat. Verfolgung, körperliche Verletzung, Inhaftierung, etcpp. braucht keine innere Entsprechung.
    Ich denke mal, diese beiden Begriffe sind zu unscharf unter uns Christen definiert – was dann ja auch in die Übersetzungen ebenfalls unscharf eingeht 🙁

  12. @Charly
    Ja, Definitionsschwierigkeiten …
    Deine ausgefeilten Begriffsanwendungen kannst du in der Tat nicht auf meine anwenden, bei Calvin wäre mir das auch nicht bekannt.

    Die größte Gemeinsamkeit in der Groblinie würde ich dann also in der Darstellung des Prozesscharakters ansiedeln (Jakobus 1, 15).

    Was mich angeht, habe ich mit dem ganzen Artikel erhebliche Probleme, wenn ich Jakobus 1, 14 anlege zuzüglich dieses: „Lass dich nicht gelüsten!“ und dann noch Römer 7.
    Hier komme ich gar nicht zurecht, egal welchen Absatz des Artikels ich mir vornehme. Es kommt immer Unsinn heraus …
    Aber gut, vielleicht liegt es auch daran, dass ich irgendwie auf dem Schlauch stehe … vielleicht muss ich damit einfach nur mal Pause machen ….und dann neu ansetzen …

  13. Schandor meint:

    @Hartmut

    Was ist denn ein „sündloser Leib“? Oder anders gefragt: Was am Menschen ist denn das Sündige? Könntest Du Deine Sichtweise darlegen? Du schreibst:

    „Um aus dem Grab heraus zu können, brauchte Jesus noch die Mithilfe der Engel.“

    Johannes 10 steht: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen.

    Wie darf man das Deiner Meinung nach verstehen? Wenn Deine Aussage stimmt, dann hat Jesus zwar die Macht gehabt, von sich aus von den Toten aufzuerstehen, konnte dann aber ohne Hilfe der Engel keinen einfachen Stein zur Seite rollen? Merkwürdig … vielleicht „ökumenisch“? 😉

  14. Schandor meint:

    @Oliver

    Interessanter Kommentar!

    Dazu zwei Anmerkungen:

    Der gedankliche Ehebruch muss etwas anderes sein als der reale. Andernfalls hätte ein Stop! keinen Sinn und keinen Zweck.

    An eine sündige „Natur“ kann ich seit der wiederholten Lektüre dessen, was Eduard Böhl über die Gefallenheit des Menschen/Erbsünde schreibt, nicht mehr so recht glauben.

    @Hartmut
    Jesus habe eine sündige Natur gehabt — dass man das hier einfach so hinschreiben kann, verblüfft mich doch nicht wenig.
    Und was Du über die Macht Jesu alles weißt, ist erstaunlich, für mich jedenfalls unglaublich.

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