Die anonymen Pelagianer

Martin Luther vom Feinsten, zu finden in seiner Auslegung zu Römer 14,1 (WA, Bd. 56, S. 502–504):

Im Wesentlichen aber ist der Kern dieses Irrtums die pelagianische Anschauung. Denn wenn es auch jetzt keine Leute gibt, die sich zum Pelagianismus bekennen und danach benennen, so sind doch die meisten in Wirklichkeit und ihrer Anschauung nach Pelagianer, auch ohne dass sie’s wissen, wie z.B. die, die glauben, wenn man nicht dem freien Willen das Vermögen zuerkenne, „das zu tun, was an einem ist“, schon vor der Gnade, dann würde man von Gott zur Sünde gezwungen und müsse notwendigerweise sündigen. Obwohl es der Gipfel der Gottlosigkeit ist, so zu denken, so glauben sie doch ganz sicher und dreist, sie würden, wenn sie nur eine „gute Meinung“ zustande brächten, ganz „unfehlbar“ die Gnade Gottes erlangen, die eingegossen werde. Alsdann gehen sie in größter Sicherheit ihres Weges dahin, dessen gewiss, dass die guten Werke, die sie tun, Gott wohlgefällig seien, und ohne dass sie sich fürderhin auch nur im geringsten ängstigen und darüber beunruhigen, dass man Gottes Gnade anflehen müsse. Denn sie fürchten nicht, dass sie eben damit vielleicht böse handeln könnten, sondern sind gewiss, dass sie recht handeln (Jes 44,20). Warum? Weil sie nicht begreifen, dass Gott die Gottlosen auch in ihren guten Werken sündigen lässt. Damit werden sie freilich nicht zur Sünde gezwungen, sondern sie tun nur, was sie wollen und zwar nach ihrer eigenen „guten Meinung“, wenn sie dies einsehen würden, so wandelten sie in der Furcht, in der Hiob lebte, und sprächen auch mit ihm: „Ich fürchtete alle meine Werke“ (Hiob 9,28); und abermals sagt ein anderer: „Wohl dem, der sich allewege fürchtet“ (Spr 28,14). Darum tun die, die in Wirklichkeit Gutes tun, nichts, ohne dass sie sich nicht immer dabei denken: Wer weiß, ob Gottes Gnade solches mit mir tut? Wer gibt mir die Gewissheit, dass meine „gute Meinung“ wirklich von Gott ist? Wie weiß ich, dass, wenn ich getan habe, was mein ist oder was an mir ist, es Gott wohlgefällt? Die wissen, dass der Mensch aus sich selbst heraus nichts tun kann. Ganz widersinnig und eine starke Stütze für den pelagianischen Irrtum ist daher der bekannte Satz: „Dem, der tut, was an ihm ist, dem gießt Gott unfehlbar die Gnade ein“, wobei man unter dem Ausdruck „tun, was an einem ist“ versteht: irgendetwas tun oder vermögen. Und so kommt’s, dass beinahe die ganze Kirche untergraben ist, nämlich durch das Vertrauen auf diesen Satz. Jeder sündigt mittlerweile unbekümmert darauf los, weil es ja jederzeit in seinem freien Willen steht zu tun, was an ihm ist und so auch die Gnade in seiner Hand liegt. Also gehen sie ohne Furcht ihres Weges dahin, nämlich mit dem Gedanken, sie würden schon zur rechten Zeit tun, was an ihnen ist, und also die Gnade erlangen, über sie sagt Jesaa (44,20): „Auch werden sie nicht sagen: vielleicht ist das Trügerei, was meine rechte Hand treibt“, und Sprüche 14,16: „Ein Weiser fürchtet sich und meidet das Arge. Ein Narr aber fähret hindurch trotziglich“, d. h. er fürchtet nicht, „dass es vielleicht Lüge ist, was seine rechte Hand treibt“. Er zittert nicht, dass sein Gutes vielleicht Böses sein könnte, sondern er ist voller Vertrauen und ist sicher. Warum gebietet dann auch der Apostel Petrus „Fürchtet Gott“? (1.Petr 2,17) und Paulus: „Wir reden den Menschen zu, Gott zu fürchten“ (2.Kor 5,11); und abermals: „Schaffet eure Seligkeit mit Furcht und Zittern“ (Phil 2,12). Und im Ps 2,11 heißt es: „Dienet dem Herrn mit Furcht und freuet euch mit Zittern.“ Wie kann aber einer Gott fürchten oder die eigenen Werke, wenn er sie nicht für arg oder verdächtig hält? Furcht nämlich kommt nur vom Bösen her. Darum schauen die Heiligen in banger Sorge aus nach der Gnade Gottes, die man ohne Unterlass anrufen muss. Sie bauen nicht auf ihre „gute Meinung“ oder auf ihren Eifer insgesamt, sondern sie fürchten noch immer, dass sie Böses tun. Durch solche Furcht gedemütigt trachten sie nach der Gnade und seufzen danach; mit dieser demütigen Bitte aber gewinnen sie sich auch Gottes Huld. Die größte Pest sind heutzutage die Prediger, die von Zeichen vorhandener Gnade predigen, um die Menschen sicher zu machen. Obschon doch gerade dies das deutlichste Zeichen von Gnade ist, wenn man in Furcht und Zittern lebt, und umgekehrt dies das offenkundigste Zeichen göttlichen Zornes, wenn man sicher ist und zuversichtlich auf sich selbst vertraut. Und doch lechzen alle gerade danach mit einer seltsamen Leidenschaft. So findet man nur durch die Furcht die Gnade und nur durch die Gnade wird der Mensch willig zu guten Werken, ohne sie aber ist er unwillig dazu. Durch solche – wenn ich so sagen darf – Unlustigkeit wird er ein Mensch ohne Furcht, hart und sicher, weil er nach außen hin in seinen eigenen Augen und vor den Menschen jene guten Werke vollbringt.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Großartiger Text!
    Aber sag das jemand, dann heißt’s gleich: Nein, die Liebe treibt die Furcht … man kennt ja die ganzen Platitüden.

  2. Johannes G. meint:

    „The dark side of Church history is a pathway to many doctrines some consider to be unorthodox.“

    „Original“: https://www.youtube.com/watch?v=05dT34hGRdg

    „Übertragung“: https://yoshuascribes.wordpress.com/2016/02/17/saved-wars-iii/

    Verblüffend, die Ähnlichkeit 😉

  3. Ich bin dann, wie Luther sagt, Pelagianer ohne es zu wissen. Wiederholt gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir nicht den Freien Willen haben. Die daraus abzuleitenden Konsequenzen wären zu gross.
    Nur zwei Beispiele:
    Gott will sicher keine Zombis.
    Das jüngste Gericht wäre eine Farce.
    Wie könnte Augustinus das widerlegen?

  4. Der Calvin meint:

    „Gott will sicher keine Zombis.“

    Wieso nicht? Für Calvinisten ist der Schöpfer umso ruhmreicher, je weniger seine Geschöpfe können.

  5. @RudolfDrabek

    Zu Luther und dem freien Willen sei Ihnen CA 20 gereicht:

    Artikel 18: Der freie Wille
    1Über den freien Willen lehren wir Folgendes: Der Mensch besitzt eine gewisse
    Willensfreiheit, sich in der Gesellschaft recht zu verhalten und Dinge,
    die der Vernunft unterliegen, zu entscheiden. 2
    Jedoch steht es ohne den
    Heiligen Geist nicht in seiner Macht, sich vor Gott recht zu verhalten. [Ohne
    den Heiligen Geist kann er nicht Gott fürchten, glauben oder seine angeborenen
    bösen Lüste aus dem Herzen werfen.] Die menschliche Natur
    erkennt nämlich nicht, was Gottes Geist gemäß ist (vgl. 1. Kor. 2,14). 3Nur
    dann wird ein Mensch zum rechten Verhalten vor Gott fähig, wenn der Heilige
    Geist durch das Wort in sein Herz kommt. 4Dasselbe hat Augustinus im
    dritten Buch Hypognosticon wortreich ausgeführt. [Damit man sieht, dass wir
    nichts Neues lehren, zitieren wir daraus.] Er schreibt: „Wir bekennen, dass
    alle Menschen in gewisser Hinsicht einen freien Willen haben und vernünftig
    entscheiden können. Zwar befähigt der freie Wille niemanden, hinsichtlich
    göttlicher Angelegenheiten wie Gottesliebe oder Gottesfurcht etwas an-
    zustreben und durchzuführen, wohl aber hinsichtlich guter oder auch böser
    Werke für dieses Leben. 5Mit guten Werken meine ich alles, was aus natürlichen
    guten Anlagen entspringt, wie der Wille, auf dem Feld zu arbeiten, zu
    essen, zu trinken, Freundschaften zu pflegen, Kleidung zu besitzen, ein Haus
    zu bauen, zu heiraten, Vieh zu halten, handwerkliche Fähigkeiten zu erwerben
    und was sonst noch an Gutem zum Leben in dieser Welt gehört. 6Freilich gibt
    es das alles nicht ohne Gottes Herrschaft; im Gegenteil: Von ihm her und
    durch ihn besteht es und hat seinen Ursprung. Mit bösen Werken meine ich
    zum Beispiel den Willen, einen Götzen zu verehren oder zu töten.“

  6. Schandor meint:

    @Rudolf Drabek

    Man muss zwischen Handlungfreiheit (die haben wir, das ist die umgangssprachliche „Willensfreiheit“) und der theologischen Willensfreiheit, die die Bibel klipp und klar leugnet, indem sie uns entweder Sklaven der Sünde oder Sklaven Christi sein lässt.

    Infrage steht ja immer nur die — wie soll ich sie nennen — „metaphysische Willensfreiheit“, und darüber sind nun mehr Bücher geschrieben worden, als nötig ist. Sie braucht uns in theologischer Hinsicht nicht zu kümmern. Manche leugnen sie, manche glauben an sie. Das mag doch jeder halten, wie er will.

    Problematisch wird es ja immer nur dort, wo ungebildete Christen Handlungsfreiheit mit „metaphysischer Willensfreiheit“ und/oder der theologischen Willensunfreiheit verwechseln. Da verlohnt der Streit aber nicht.

  7. Schandor meint:

    @Der Calvin

    Schön, dass Du Dich endlich als das entlarvst, was Du bist: Kein Calvinist, sondern ein Troll.

  8. Der Calvin meint:

    Sorry Schandor, meine Kommentare sind alle vorherbestimmt – nichts zu machen für mich an der Stelle. Inhaltlich liege ich aber nicht ganz falsch….

  9. Achtung: Die Kommentare vom 28. Februar, 2016 um 17:16 Uhr und vom 29. Februar, 2016 um 20:23 Uhr sind NICHT von mir. Bitte beachten! Da erlaubt sich jemand gerade einen Scherz.

  10. Tim-Christian meint:

    Ist mir schon länger aufgefallen. Zunächst lief der Fake-Calvin unter „Calvin“ bzw. „DerCalvin“ statt „Der Calvin“. Nun ist er an der fehlenden Verlinkung und den überspitzten Kommentaren zu erkennen. Ich vermute mal, der Kommentar vom 30. Januar, 2016 um 17:51 (http://theoblog.de/streit-entzweit-deutsche-evangelikale/27102/) stammt auch nicht vom echten „Der Calvin“ …;)

  11. @Tim-Christian
    Richtig, auch der Kommentar vom 30. Januar, 2016 um 17:51 Uhr stammt nicht von mir. Ich habe übrigens nie behauptet, dass nur Calvinisten Christen sein könnten!

  12. Danke für den Hinweis!

    Liebe Grüße, Ron

  13. Um noch ein paar wichtige Zusatzinformationen beizureichen past hierunser Artikel zu dieser Thematik in den Schmalkaldischen Artikeln Luthers:
    http://lutherischeslaermen.de/2016/02/05/dr-m-luther-warum-das-gesetz-nicht-v-a-ueber-unser-verhalten-sondern-ueber-unsere-identitaet-spricht-und-warum-das-evangelium-ein-kauf-eins-krieg-vier-angebot-ist/
    Zusammenfassend: Wichtig ist zu bedenken: Furcht ist nicht das Zeichen des Gläubigen sondern Teil der rechten Selbsterkenntnis. Es geht hier um eine ganz bestimmte Sicherheit, nähmlich die, die aus dem Gesetz kommt (wenn man meint, man könne es erfüllen). Die Verzweiflung an sich selbst, jedoch, treibt zu Christus. Doch dort wartet – gerade bei Luther – der Trost des Evangeliums und der Zuspruch der Gnade „Für Dich gegeben zur Vergebung der Sünden“. Denn nicht vergessen (und im Artikel zitiert): Die Sakramente sind bei Luther Teil des Evangeliums. Die Frage: „Bin ich gerettet/erwählt“ beantworten die Fragen: „Bist Du getauft?“ und „Glaubst Du dem Versprechen Christi: „Wer an mich glaubt und getauft ist“?“. Es ist die Aufgabe des Gesetzes alle Eigensicherheit zu zerschlagen (der Hammer Gottes) und den Menschen auf das Evangelium hinzutreiben.

  14. Schandor meint:

    @Der Calvin

    Dann bitte ich Dich in aller Form und Höflichkeit um Verzeihung!

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