Die beängstigende Leere unserer Kultur

Mario Vargas Llosa schreibt (Alles Boulevard, 2013):

Der Massenkonsum von Marihuana, Kokain oder Ecstasy, von Heroin, Crack und sonstigen Drogen findet in einem kulturellen Milieu statt, das Menschen in den Wunsch nach schnellem und leichtem Vergnügen treibt, einem Vergnügen, das sie immunisiert gegen Sorgen und Verantwortung; denn nicht die Begegnung mit sich selbst ist das Ziel, nicht das Nachdenken und die Innenschau, hochgeistige Tätigkeiten, die der launischen und verspaßten Kultur langweilig erscheinen. Der Wunsch, der beängstigenden Leere zu entfliehen, die das Gefühl hervorruft, frei zu sein und entscheiden zu müssen, was man mit sich und der Welt ringsum tun soll – zumal wenn sich die Welt dramatischen Herausforderungen gegenübersieht –, dieser Wunsch ist es, der das Bedürfnis nach Zerstreuung schürt, ist die treibende Kraft der Zivilisation, in der wir leben. (P. 377–385)

Kommentare

  1. schandor meint:

    Was mich nicht im Geringsten wundert. Denn der Einzelne ist der Ohnmächtige, dem nur noch die Zerstreuung angesichts der grauenvollen Aussicht unserer Zeit bleibt. Nicht faul ist er, nicht ich-süchtig, nicht weltfremd, im Gegenteil: Zu wach sieht er, dass er mit sich und mit der Welt gerade nichts mehr anfangen kann, da sie eingeflochten ist in einen stream of business, dessen Zahnräder gnadenlos ineinandergreifen und das Individuum maschinell zermahlen. Die Perspektivenlosigkeit und das unausgesetzte Auf-sich-zukommen-sehen des Unglücks lässt das Individuum seine letzte Hoffnung in kurzweiligen, Weltschmerz tötenden Handlungen suchen, seien es nun Drogen, Konsumismus oder Unterhaltung. Der Einzelne will sich nicht mehr begegnen, will der fürchterlichen Leere in sich nicht mehr entgegentreten. Nicht langweilig ist die Beschäftigung mit dem Selbst, sondern beängstigend. Die Laune der „verspaßten“ Kultur verdankt sich nur zum Teil dekadenter Trägkeit (das einzige Gesetz, gegen das der Mensch nicht verstößt), sondern ist das Ergebnis bewusster Manipulation gewisser Elemente, die genau das zum Ziel haben: Zerstörung der Seele. Man muss den Thinktanks der (Un)Sozialingenieure konzedieren: Das ist ihnen gelungen. Die Entertainment-Kultur des Westens sucht nach seichtem Vergnügen, da ihnen wahres Vergnügen nicht zugänglich ist, ja, da sie es gar nicht kennt. Es ist der Schmerz, was sie die Flucht ins „leichte Vergnügen“ nehmen lässt. Wenigstens dies ist noch zu haben in einer Welt, die der totalitären Diktatur der Dummheit entgegenrast. Umkehr? Am point of no return gibt es keine mehr. Alles strebt zur Totalität: Die Herrschaft, das Vergnügen, die Respektlosigkeit, die Gewalt, die Gier nach Geld, die Politik, die Süchte, das Verlangen nach instantaner Befriedigung.

  2. Heums meint:

    Unsere Geselschaft ist durch und durch verdorben, von wegen schönere, besser Welt. Stattdessen sieht man nur das verdorbene Spießbürghertum, dass es mit dem Sozialem ein bisschen zu dick aufträgt.

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