Die destruktive Macht der Pornografie

Sexualität besitzt – wie Drogen und Alkohol – die Macht, uns von jenen Prioritäten abzulenken, an die wir aufrichtig glauben. Ein Teil unserer Libido muss unterdrückt werden, meint der in London lebende Alain de Botten. Der Schriftsteller warnt davor, die Macht der Pornografie zu unterschätzen.

Ein Teil unserer Libido muss unterdrückt werden; Repression ist nicht bloß etwas für Katholiken, Muslime und Viktorianer, sie hat in alle Ewigkeit zu uns zu gehören. Da wir zur Arbeit gehen, unsere Beziehungen pflegen, für unsere Kinder sorgen und unseren Verstand erforschen müssen, dürfen wir es unserem sexuellen Verlangen nicht erlauben, sich uneingeschränkt auszudrücken, ob im Internet oder anderswie: Es würde uns vernichten. Die Sexualität ist eine Kraft, von der wir realistischerweise weder erwarten noch wünschen dürfen, dass sie jemals gänzlich befreit sei.

Hier der Artikel aus der WELT: www.welt.de.

Kommentare

  1. Roderich meint:

    … diese gewisse „Repression“ ist wohl auch wichtig für den Erhalt der Demokratie.
    Und: die total freigesetzte (gar nicht mehr unterdrückte) Sexualität ist wohl ein Weg in die Grausamkeit.

    Zitat aus Günter Rohrmoser, „Deutschlands Tragödie. Der geistige Weg in den Nationalsozialismus“, S. 204 (Text und Fußnote):

    Das gilt auch für die Demokratie und den Rechtsstaat. Wenn dieses Gemüt nicht angesprochen und geplegt wird, dann kann auf die Dauer auch die Demokratie und das zwischenmenschliche Leben nicht funktionieren. Dann herrscht nicht die Humanität, sondern die Kälte und vielleicht sogar die GRAUSAMKEIT. Die Grausamkeit ist das Ergebnis unvermittelter Triebbefriedigung – ohne die Vermittlungskraft von Gemüt und Herz. (*Fußn.)
    Nietzsche hat das ähnlich gesehen. Er war eben doch noch ein typisch deutscher Genius, der unter dem drohenden Verlust von alledem gelitten hat. Er sah für den Fall, daß die niedergehende bürgerlich-christliche Kultur nicht durch eine neue Kultur, die sich aus dem Geist der Antike nähren sollte, ersetzt wird, nicht die Humanität, sondern die Barbarei aufkommen.

    (*Fußnote im Buch, selbe Seite): Darum hat einer der größten Autoren im 20. Jahrhundert, nämlich Robert Musil, einmal gesagt, daß die Sexualisierung der zwischenmenschlichen Verhältnisse die Kehrseite der Militarisierung der Gesellschaft sei. Musil hat die Entfesselung der Sexualität mit dem Dröhnen der Panzer in Verbindung gebracht. Es ist daher einer der großen Irrtümer, zu glauben, daß die Befriedigung der Sexualität ein Mittel zur Befriedigung der Menschen ist. Nein, die freigesetzte und in den Dienst des Verstandes genommene Triebbefriedigung ist auch eine Form der GRAUSAMKEIT“.

    Pornographie erlaubt ja die unmittelbare Triebbefriedigung. Wenn ich Rohrmoser und sein Zitat von Musil richtig verstehe, ist unser „Gemüt“ so eine Art „Pufferzone“, die uns vor zu großer Barbarei bewahrt. Ein barbarischer Impuls (z.B. „Den Idioten bring ich um“), den wir ja alle so hin und wieder haben – z.B. gegenüber dem Schiedsrichter auf dem Fußbalfeld, im Auto gegenüber dem langsamen Autofahrer vor einem, oder dem Kollegen – dieser schlechte Impuls wird durch unser Gemüt, unsere Gefühle, unser Gewissen, etc. abgefedert.

    Der regelmäßige Konsum von Pornographie müßte dann diese „Pufferzone“ zwischen den barbarischen Instinkten des Menschen (Morden, Stehlen, Schlagen, Betrügen, Lügen, Vergewaltigen) so nach und nach „abtragen“. Bzw. man trainiert sich selbst dahin, dass aus einem Impuls schneller eine Tat wird. Wenn dann die Versuchung bzw. die Gedanken zu solchen schlechten Taten kommen, ist die Pufferzone weg, und man wird die Tat eher ausführen.

    Dann wäre dies wie wenn man an einem Auto die Bremsbeläge wegmacht. Man kann dann viel schlechter bremsen im „Ernstfall“.

    Das merkt man als „Gesellschaft“ natürlich noch nicht, so lange wir noch relativen Wohlstand haben (der natürlich auf Kosten der nächsten Generationen finanziert wird und sich nicht lange wird aufrechterhalten lassen können).
    Wieviel „Pufferzone des Gemüts“ bei uns in Europa oder USA noch vorhanden ist, wird man eher dann merken, wenn der Wohlstand wegfällt.

  2. Schandor meint:

    „Die Sexualität ist eine Kraft, von der wir realistischerweise weder erwarten noch wünschen dürfen, dass sie jemals gänzlich befreit sei.“

    Vielleicht erkennt man unsere prinzipielle Gefallenheit nirgendwo besser als daran: Wir sind Gejagte unserer Triebe. Irgendwie – und hier darf man sich an Kierkegaard erinnern – scheint die Klimax ausgelebter Trieb(ab)gründe sich allzu gerne mit dem zu verbinden, was die Bibel „Sünde“ nennt – und dieses Verhalten entspricht der menschlichen Natur, oder besser gesagt: ist Teil dieser Natur.

    Ich finde den obigen Satz sehr treffend; ich habe nie an die Mär von der angeblichen Möglichkeit „befreiter“ Sexualität geglaubt. Und was soll das überhaupt sein: befreite Sexualität? Die Sexualität ist dort befreit, wo man weder freit noch heiratet, und dort ist auch nicht die Sexualität befreit, sondern wir von ihr – Gottseidank!

    Das kann manchen verstimmen: Was ist denn das für eine Leibfeindlichkeit? Aber so meine ich es gerade nicht!
    Durch den Sündenfall sind wir von jenem Wesen abgekoppelt worden, das all unsere Bedürfnisse gestillt hat. Die dadurch entstandene Wunde, die sich von Generation zu Generation weitervererbt, ist jene Ursehnsucht, die wir durch ungezählte Interimsbefriedigung zu stillen suchen: Alkohol, Spielsucht, Sexsucht, xy-sucht. Jede dieser Süchte erinnert uns daran: Einst muss es etwas gegeben haben, was uns nun fehlt. Und erst wenn dieser Zustand wiederhergestellt ist, hören diese Teilsüchte auf, oder besser: münden ein in jene Sehnsucht, die nur der erfüllen kann, der uns gemacht hat. Das verstehe ich unter Befreiung.

    Es gibt sie allerdings, diese lustlosen, leidenschaftslosen und schon zu Lebzeiten ultraheiligen Sonderchristen – vorzugsweise donnern sie uns ihr „Jagt der Heiligung nach!“ entgegen oder schreiben Bücher. Dass sie selbst bloß „mittelmäßige Patrone“ (auch Kierkegaard) sind, entgeht ihnen dabei. Oder dass sie sich mitunter statt animalischer Sünden diabolischer Sünden schuldig machen (C. S. Lewis).

    Wie aber, außer durch massive Bewusstseinsveränderung, soll im Zeitalter der maschinellen Pornografie der Mensch vor derlei Bedrohungen bewahrt werden können? Ich frage mich: Ist all das nicht bereits jenseits des „Points of no return?“ Sind wir am Ende als Gesellschaft schon irreversibel geschädigt? Antwort: Ich weiß es nicht.

  3. Roderich meint:

    Lieber Schandor,
    Ich finde, man kann durchaus aufrufen und Bücher schreiben zum Thema „seid heilig“. Es ist ja eine biblische Forderung.
    (Heuchelei ist nie gut. Die Viktorianische Gesellschaft wird heute rundheraus verurteilt, weil dort gewisse Moralmassstaebe hochgehalten wurden, obwohl sich viele nicht dran hielten. Das ist aber zu kurz gedacht. Menschen bleiben Sünder, auch Christen, aber bestimmte gesellschaftliche Standards, oder moralische Standards in der Gemeinde, bewahren die Gesellschaft vor dem TOTALEN Verfall. )

    Hebr. 12,14 „Strebt nach der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird“ – wenn’s nach Dir ginge, dürfte man das nicht mehr zitieren, oder man wäre ein „lustloser, leidenschaftsloser ultraheiliger Sonderchrist“.

  4. Schandor meint:

    @Roderich

    Du unterstellst mir hier – sicher ohne es zu wollen – ein Schwarz/Weiß-Denken, das ich aber nicht habe. Du unterstellst mir, ich wolle, man dürfe Hebr 12,14 nicht mehr zitieren – zu Unrecht freilich, wie Du aber sicher selbst wissen wirst. Warum nur? Hast Du die Pointe verpasst?

    Nicht darum geht es, dass man einem Christen nicht mehr die Aufforderung zurufen dürfe, heilig zu leben, sondern darum, dass gerade die lustlosesten, leidenschaftslosesten und schon zu Lebzeiten ach so heiligen Christen anderen Christen unentwegt zurufen … na, Du weißt schon. Von ihnen hab ich gesprochen (sie sind das Subjekt des Absatzes). Vor ihnen hüte dich, Christ, denn das sind Menschen, die schon vollständig mit der Sünde gebrochen haben. Und ja: es gibt sie, es gibt sie!

    Dein Kommentar trifft mich insofern garnicht.

  5. Roderich meint:

    Hallo Schandor,
    OK, dann verstehe ich Dich jetzt besser, danke !

    @ allgemein:

    Hier noch eine gute Fußnote in Rohrmosers Buch „Deutschlands Tragödie“ (allein für die Fußnoten würde sich das Buch schon lohnen!): (Aus Fußnote 61, S. 190). Der Abschnitt bezieht sich auf die Sexuelle Revolution, also die durch die 68er.
    Die Sexuelle „Befreiung“, bzw. die Schrankenlosigkeit, die ja von der sexuellen Revolution gefordert wurde, ist ja bei der Pornographie noch viel mehr durchgesetzt, da sie ja universal und unbeschränkt zugänglich ist.

    „Früher“ mußten die „revolutionären Studenten“ immerhin erst noch eine unschuldige Dame zum Akt überreden… Heute heißt es: „ein Klick genügt“.

    Die Ausführungen von Rohrmoser sind also durchaus sehr passend auf das Problem der universalen Verbreitung der Pornographie:

    Das waren noch schöne Zeiten, als Nietzsche noch auf die revolutionäre Jugend setzen konnte. Dieses revolutionäre Feuer der Jugend scheint heute offensichtlich erloschen zu sein, und zwar aus dem schlichten Grunde, weil es nichts mehr zu entfesseln gibt. Es sind keine Fesseln mehr da, von denen sich die Jugend befreien müßte. Die Jugend ist im Grunde genommen durch die SEXUELLE REVOLUTION korrumpiert worden. Die Sexualität ist das Letzte gewesen, was man der Jugend wie einen Köder unter die Nase gehalten hat. Und da hat sie zugeschnappt und sie hat das sogar für revolutionär gehalten. Die Transformation der politischen, kulturellen und sozialen Revolution in eine sexuelle Revolution bedeutet das Ende von Revolution überhaupt, weil damit die Revolutionsfähigkeit des Subjektes zerstört wird. Heute zeigt sich, daß die Sexualität ein integrierter Industriezweig der modernen kapitalistischen Gesellschaft geworden ist. Diese Jugend ist nun nicht mehr zur Revolution fähig. Sie tanzt nur noch, vollgetankt mit Ekstasy stundenlang in der Disco herum. Diese Jugend will gar nicht mehr die Welt verändern, sie will auch nicht mehr sich selbst verändern, sondern sie will nur von sich selbst loskommen. Sie will sich in der Ekstase selbst vergessen. Es ist eines der subtilsten Manöver in der Geschichte der Revolutionen gewesen, die Jugend zur sexuellen Revolution zu stimulieren. Die Studentenrevolte hat nicht begriffen, daß sie damit die Jugend als revolutionäres Subjekt liquidiert hat. Übrig blieb dann das Paradigma des Playboys als das primitivste und erbärmlichste Produkt des Spätkapitalismus. Aber selbst damit holt man heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Denn mittlerweile ist auch der Eros getötet. Derjenige, der das genauso gesehen und befürchtet hat, war kein geringerer als Max Horkheimer. Es war seine größte Sorge, daß mit der Beseitigung der bürgerlichen Autorität und den Entsagungen, die der Vater der heranwachsenden Generation auferlegt, letzten Endes der Eros sterben wird. Wenn die Romantik verschunden ist, so kann man das geistesgeschichtlich beschreiben, dann verschwindet auch der Eros. Was bleibt dann noch über? Ein physiologischer, somantischer Entladungs- und Entlastungsvorgang. Nachdem der Eros getötet wurde, ist man nun dabei, auch die Sexualität selbst noch zu töten. Das Ganze wird damit enden, daß den Leuten die Sexualität zum Halse heraushängt. Es ist vielleicht das einzig erfreuliche Symptom anzusehen, daß die Jugend an der Sexualität die Lust zu verlieren beginnt. Die bürgerliche Gesellschaft, soweit man davon noch reden kann, ist daher völlig falsch orientiert, wenn sie meint, mit moralischen Appellen der Jugend die Lust an der Sexualität austreiben zu können. Die moralische Strafpredigt ist im Gegenteil das Einzige, was noch Lust erzeugt. Dialektisch formuliert, müßte man die Jugend eher ermuntern, die Logik des Triebes zu vollziehen, denn dann sackt diese Bewegung von alleine in sich zusammen.

    Das ist natürlich eine etwas zu zynische Schlußfolgerung 🙂

    Durch die technische Neuerung des Internets erübrigt sich diese Diskussion zum Teil, und solange die Pornographie in EINEM Land der Welt legal bleibt, kann man sie sich ja von jedem anderen Land der Welt herunterladen.
    Und doch könnten die Behörden besser dagegen vorgehen; es könnte wenigstens national Gesetze dagegen geben. (In China werden solche Seiten ja noch geblockt, denn da läuft der Internetverkehr in´s Land über einen zentralen Knotenpunkt).

    Wie Rohrmoser sagt: „Die Studentenrevolte hat nicht begriffen, daß sie damit (mit der sexuellen Revolution) die Jugend als revolutionäres Subjekt liquidiert hat.“
    Also, „Revolutionen“ gibt es heute wohl keine mehr. Heißt das auch, dass es mit einer sexuell befreiten Jugend auch keine REFORMATION mehr geben kann?

    Denn für eine Reformation, für eine Bewegung, bei der mit viel Dynamik die Menschen zu Gott umkehren, und auch die Welt umkrempeln, braucht man dazu auch auch ein „revolutionäres Subjekt“? (Nur um das mal – etwas undurchdacht – als Gedanken aufzubringen).

  6. Johannes G. meint:

    @Roderich

    Und doch könnten die Behörden besser dagegen vorgehen; es könnte wenigstens national Gesetze dagegen geben. (In China werden solche Seiten ja noch geblockt, denn da läuft der Internetverkehr in´s Land über einen zentralen Knotenpunkt).

    Ich hoffe du möchtest damit nicht die chinesische Zensur / staatliche Kontrollmechanismen für Deutschland einfordern… 😉

    Liebe Grüße
    Jo

  7. Roderich meint:

    @Johannes,
    bei Pornographie wäre es eine Überlegung wert. Z.B. gab es ja die Überlegung, alle Pornographieinhalte auf Domains mit der Endung .XXX zu verbannen – dann ließe es sich leichter sperren. Jedoch wäre erstens die Durchsetzung, dass alle dorthin „umziehen“, schwierig, und zweitens: sobald man dem Staat prinzipiell zubilligt, die Internetseiten zu zensieren, entsteht Streit darüber, wer bestimmt, was zensierungswürdig ist und was nicht.
    Der Schwulen- und Lesbenverband würde z.B. bestimmt gerne alle christlichen Seiten verbieten lassen, wenn dort steht „Homosexualität ist nicht gemäß der Schöpfungsordnung Gottes“ oder so ähnlich.
    Auf Dauer wird das Internet aber nicht frei bleiben, denn es wird von Bloggern zu viel Wahrheit geschrieben, die bestimmten Regierungskreisen bzw. Establishments (etwa das „Humanistische“ oder „Sozialdemokratische Establishment“) nicht gefallen.

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