Die Eingeklemmten

Ein bulgarischer Philosoph und ein österreichischer Historiker erklären, warum viele Osteuropäer dem Westen nicht mehr nacheifern wollen. In dem Gespräch, das Michael Martens für die FAZ geführt hat, weisen Iwan Krastew und Oliver Jens Schmitt darauf hin, dass in Westeuropa vom Mainstream abweichenden Auffassungen konsequent ausgegrenzt und pathologisiert werden. Zum Beispiel:

Schmitt: In Wien gibt es Fußgängerampeln, auf denen gleichgeschlechtliche Pärchen zu sehen sind. Die Initiatoren stellen die Entscheidung zur Aufstellung dieser Ampeln als Konsens dar, aber selbst in Österreich ist das nicht so. Wir kommen nun wahrscheinlich an das Ende einer Periode moralisierender Politik in Europa, in der Moral als Hauptinstrument politischer Einflussnahme eingesetzt wurde.

Hier: www.faz.net.

Kommentare

  1. Johannes Strehle meint:

    Ein sehr wichtiges Interview,
    in dem die Überheblichkeit des Westens und speziell der Führungsriege der EU,
    also speziell Deutschlands, kompetent angesprochen wird.
    In der Papierausgabe bzw. dem E-Paper
    wird das Interview auf der Titelseite mit der Schlagzeile
    „Hochmut des Westens“ angekündigt. Und:
    „Wie Osteuropa wirklich tickt und warum,
    das hat die Deutschen viel zu lange nicht interessiert.
    Zeit zum Umdenken.“ Metanoia …

    Ich hatte angenommen, die deutsche Überheblichkeit
    hätte sich seit der totalen Niederlage im zweiten Weltkrieg erledigt.
    Sie feiert aber unter und durch Angela Merkel ein munteres Revival
    in neuem Gewande, im europäischen.
    Und was europäisch ist, wird von Angela Merkel und ihrem Gefolge definiert.
    Im Interview ist die Rede
    vom „deutschen Tugendhochmut“ der Medien und Politiker,
    einer „Politik der Selbsterhöhung“.
    „Viele deutsche Meinungsführer setzen voraus,
    dass im sogenannten Osteuropa …
    bestimmte Werte widerspruchslos geteilt werden. Werte,
    die auch im Westen, Norden und Süden Europas keineswegs unumstritten sind.“
    „Ein Problem dabei ist, dass es im Westen eine Tendenz gibt,
    einseitig eine kulturelle und soziale Norm zu definieren und zu erwarten,
    dass diese diskussionslos übernommen wird.“
    Was nicht Konsens ist, wird „als Konsens dargestellt“.
    Auf dieser Grundlage wird ein europäischer Osten „konstruiert“,
    „dessen soziale Werte und kulturelle Perspektiven zurückgeblieben seien“.
    „Viele Westler denken, nur andere müssten sich ändern.“
    „Die Ablehnung bestimmter westlicher Vorstellungen
    entspringt nicht der Tatsache,
    dass dieses Land (Polen) gescheitert wäre bei dem Versuch der Integration,
    sondern es ist im Gegenteil der Erfolg der Integration, der die Ablehnung brachte.
    Nach 1989 begann in Osteuropa zunächst ein Zeitalter der Imitation. …
    Wie „europäisch“ die Osteuropäer waren, hing vom Urteil der Westeuropäer ab. …
    Die Polen sehen sich (inzwischen) nicht mehr deshalb als Europäer,
    weil sie den Westen imitieren, sondern weil sie für etwas stehen,
    was sie für die wahren europäischen Werte halten.“
    „Die Polen sagen: „Wir sind Polen, und weil wir Polen sind,
    ist die katholische Kirche für uns sehr wichtig
    – aber deswegen fühlen wir uns nicht unterlegen, im Gegenteil.
    Wir bestehen darauf, dass dies ein wichtiger Teil unserer Identität ist.
    Wir sind europäischer als die Deutschen,
    die ihr Deutschtum durch eine Art EUtum ersetzt haben,
    was nicht dasselbe ist wie Europäertum.“
    „Ist es nicht eine positive intellektuelle und politische Provokation,
    wenn wir als Ergebnis davon lernen,
    solche Meinungen wieder in den demokratischen Diskurs zu integrieren,
    der dann natürlich viel schärfer sein wird als der weiche Mainstreamdiskurs,
    den wir nun haben? …
    Es geht dabei auch um die Qualität der öffentlichen Debatte.
    Wie reagiert man auf abweichende Meinungen?
    In Deutschland gab es die Tendenz,
    solche Meinungen auszugrenzen oder zu pathologisieren.“

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