Die ferne Vision des N.T. Wright

Mark Seifrid kritisiert in der aktuellen Ausgabe des JETS die Rechtfertigungslehre von N.T. Wright scharf. Luther habe seit seiner reformatorischen Entdeckung das Rechtfertigungsverständnis zurückgewiesen, welches Wright vertritt. Wright steht für Seifrid in der Tradition des Tridentinums (1545– 1563).

As Wright’s recent work again makes clear, his vision of justification is predicated on a confusion of »faith« and »faithfulness.« On the one hand, Wright is able to speak in relatively traditional terms of Abraham’s faith as »the sign of a genuine humanity, responding out of total human weakness and helplessness to the grace and power of God.« On the other hand, he immediately follows this description with the assertion that: »›faithfulness‹ has all along (so it seems) been the thing that God requires from his people.« The divine plan »has been fulfilled by the Messiah’s faithfulness (pistis),« so that »the badge of the covenant people from then on will be the same: pistis, faith, confessing that Jesus is Lord. Faith of this sort is the true-Israel, true-human sign, the badge of God’s redeemed people.« Questions naturally arise out of this confusion. Is faith to be equated with faithfulness? If »faith« is to be equated with »faithfulness,« shall we say that we are »justified by faithfulness«? If so, how much »faithfulness« is necessary for us to be justified at the final judgment? It is hard to see any difference between Wright’s correlation of »faith« and »faithfulness« and the Thomistic and Tridentine emphasis on »faith formed by love« (fides caritate formata) that finally saves, in contrast to »unformed faith« (fides informis).

In joining »faith« to »faithfulness« Wright construes faith as fundamentally active. For this reason, »faith« for him serves as a »sign,« »emblem,« or »badge,« a visible mark of the Christian. Precisely here Wright sets himself at odds with the apostle, for whom faith remains fundamentally passive and hidden, even though it is operative in the whole of life. God alone sees the hidden Jew and the circumeision of the heart (Rom 2:29). The obedience of faith is an obedience of reeeption that no longer seeks to secure life and righteousness by Performance, but simply grasps the divine word that announces the Christ who is present in the Gospel. All distance between God and the human being, between our present state and final justification, has been spanned by the crueified and risen Lord. Ironically, in his active coneeption of faith that sets distance between the human being and God, Wright meets his bete noire, Rudolf Bultmann. While Bultmann internalizes faith in existential decision, Wright externalizes it in the outward badge of faith(fulness). For Paul, faith is God’s creation. Both Wright and Bultmann turn faith into a moral demand that must be actualized, and thereby lose God’s absolute, unqualified gift of himself to us in Christ. Consequently, neither of them has a taste for the cross as a »great pleasure of our existence.«

Der Artikel »The Near Word of Christ and the Distant Vision of N.T. Wright« (JETS, Vol. 54, No. 2) wird in Kürze hier für einige Monate einsehbar sein.

Kommentare

  1. that link takes us to 54.1. 54.2 isn’t even available (im a member and im logged in)

  2. @Jim: I know and therefore I have written: soon.
    Blessings, Ron

  3. schandor meint:

    Hat Wright maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Lehre? Inwiefern ist seine Lehrmeinung von besonderem Interesse verglichen mit anderen Sondermeinungsvertretern?

  4. @schandor: Das Thema wird seit vielen Jahren kontrovers diskutiert, so dass sich die letzte ETS-Jahreskonferenz mit dem Thema beschäftigt hat. Du findest z.B. die Vorträge von NTW und Schreiner derzeit noch unter dem oben angegebenen Link. In Deutschland siehe z.B. das Buch Worum es Paulus wirklich ging (Brunnen 2010).
    Liebe Grüße, Ron

  5. how’d you get ahold of the essay then?

  6. I have the printed Journal. 😉
    Blessings, Ron

  7. Christoph Heilig meint:

    Ich habe jetzt den Artikel von Seifrid nicht vorliegen, aber aufgrund dieses Auszugs scheint er den Rechtfertigungsbegriff bei NTW als soteriologische Kategorie aufzufassen. Auf dieser Grundlage hat man es natürlich dann leicht, irgend eine Spielart von Werkgerechtigkeit festzustellen. Das Problem ist, dass nach NTW Paulus‘ δικαιοω-Sprache keinerlei moralische Implikation hat, also sich gar nicht auf die Frage bezieht: ‚Wie werde ich Christ?‘ Ein ähnliches Missverständnis wäre es, wenn jemand den Standpunkt vertreten würde, die Heiligungs-Sprache beziehe sich einzig und allein auf den Fortschritt als Christ (und nicht das Christ-Werden), seine Aussagen aber so zu behandeln, als würde er sich zur Soteriologie äußern …
    Meiner Meinung nach sollte man diese beiden Diskussions-Ebenen stets sauber getrennt handeln: 1. die theologische: Wie wird man Christ? (unabhängig, welche Sprache man dafür verwendet) und 2. die exegetische: was bedeutet Paulus‘ Rechtfertigungs-Sprache?
    Eine Analyse dieser Fragen würde meiner Meinung nach zeigen, dass NTW im ersten Punkt gar nicht vom ‚orthodoxen‘ Verständnis entfernt ist. Der eigentliche Streitpunkt ist die zweite Frage. Uneinigkeit in diesem Punkt sollte jedoch nicht dazu führen, dass der Eindruck entsteht, im ersteren – wichtigeren! – Punkt habe man verschiedene Ansichten.

  8. @Christoph: Seifrid deutet das Rechtfertigungsverständnis von NTW als inkonsistent. Er meint damit nicht die Unterscheidung zwischen initiierender und eschatologischer Rechtfertigung (die sich auch bei den Reformatoren findet), sondern – in NTW Sprache ausgedrückt – die Rechtfertigung als Deklaration der Treue, die Gott in seinem Volk findet. Während also für NTW Rechtfertigung bedeutet, dass diejenigen, die treu in der Kraft des Geistes an JC glauben (wenn möglicherweise auch erst in der Zukunft), zu Bundesmitglieder erklärt werden, bedeutet für Seifrid mit Luther Rechtfertigung, dass Gott Menschen unabhängig davon gerecht spricht, wie es in ihrem Herzen (jenseits des Glaubens) aussieht. Gott spricht die gott- und treulosen gerecht (vgl. Rom 4,5). Wir könnten auch fragen: Werden wir allein aufgrund dessen gerechtfertigt, was Christus getan hat (extrinsic) oder beruht die Rechtfertigung auf etwas, was in uns passiert (intrinsic)? Während NTW nie sagen wollte, dass wir unabhängig vom vollendeten Werk Christi gerechtfertigt werden, besteht er doch darauf, dass das Werk in uns durch den Geist getan wird.

    Mir ist allerdings nicht klar, ob Seifrid NTW’s Vortrag JUSTIFICATION: YESTERDAY, TODAY, AND FOREVER berücksichtigen konnte. Dort spricht er, auch wenn nach wie vor für mich viele Fragen offen bleiben, davon, dass es ihm nicht um die konkreten Werke geht, sondern um die Richtung des Lebens.

    Liebe Grüße, Ron

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