Die Gefahren der Einseitigkeit

In diesem kurzen Video spricht der Neutestamentler Thomas Schreiner über seine eigene theologische Ausbildung und darüber, wie er sich heute als Professor weiterbildet. Er rät dazu, über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinauszuschauen. Sehr weise!

VD: DB

Kommentare

  1. Benjamin Marx meint:

    Vielen Dank, Ron Kubsch, für dieses Video!

    Ich finde es auch sehr wichtig mit den anderen Diziplinen zusammen zu arbeiten. Meine Zeit (ich gehöre zum Stamm der Neutestamentler) mit einem Dogmatiker waren immer sehr hilfreich. Ich hoffe dies wird auch in Zukunft wieder möglich sein.

    Natürlich bieten die „Two Horizons“ Kommentare, als auch die Konferenzen by St. Andrews „Scripture and Theology“, eine Brücke zweier Disziplinen.

  2. Kurz gesagt: wir sollen früh die biblischen Fremdsprachen lernen; ansonsten sollen wir lesen, lesen, lesen… und lesen. 🙂

    Schön, dass er gerade die vier Bände von Bavinck liest… da ist bestimmt viel Reichtum drin (Hanniel kann das gewiss bestätigen).

    Das Problem ist nur, um soooo viiiiiiieeeeel zu lesen, muss man andernorts sparen. Wer aber mehr „beziehungsorientiert“ ist, wird den Rat nicht so ganz befolgen können. Der Rat von Schreiner war wohl mehr etwas für intellektuell Interessierte, die außerdem recht schnell lesen.

  3. Naja, weiß nicht recht, was ich davon halten soll.
    Die Lektüre von Reformatoren kann auch zu Kosten der Kenntnis der Sekundärliteratur und der unvoreingenommenen und gewissenhaften Betrachtung des Primärtextes gehen. Zumindest habe ich den Eindruck, dass dies bei Schreiner im Hinblick auf seinen Galater-Kommentar der Fall ist. Mit dem bin ich eigentlich gar nicht zufrieden …
    Um auch ein paar Gründe zu nennen:
    Zuallererst: Wenn man den Kommentar als Ganzes liest, liest er sich als hätte sich jemand hingesetzt mit dem primären Ziel einen Kommentar zu schreiben – nicht den Gedankengang des Briefes als Ganzem zusammenzufassen, den der Autor durch mühevolle Kleinarbeit über Jahre ermittelt hat: Es wirkt als ob Schreiner einfach einen Vers nach dem anderen behandelt hat und parallel dazu den Kommentar schrieb, ohne groß vorauszuschauen, lediglich versuchend den jeweils vorliegenden Vers irgendwie abzuarbeiten. Ich finde der Kommentar evoziert daher den Eindruck einer exegetischen Hausarbeit, die versucht ein paar Verse in Isolation auszulegen ohne das Buchganze vor Augen zu haben …
    Ich denke aber, dass es nicht einmal einer besonders guten (nur langen) studentischen Arbeit entspricht: Schreiner kommentiert sehr willkürlich einen Vers nach dem anderen und scheint dabei sehr zufällig auszuwählen, welche Fragen er detaillierter bespricht und welche er schlichtweg ignoriert. Manchmal bespricht er fundamentale Probleme überhaupt nicht, manchmal gibt es riesige Exkurse zu Themen die, dem Argumentationsfluss des Textes selbst total fremd sind. Um auch mal ein Beispiel zu geben: Schaut man sich seine Anmerkungen zu 1,4 an und wie viel zu Gottes „call” schreibt, ist das erstaunlich. Es wird jedoch absurd, wenn man das in Verhältnis setzt zu dem was er zur apokalyptischen Lesart des Briefes nach Martyn und DeBoer in seiner Auslegung desselben Verses schreibt – nämlich praktisch nichts.
    Ein anderer – mit diesem Aspekt der Auswahl verbundener – Punkt ist Schreiners Verwendung des Hilfsmittels der Fußnoten. Er bringt definitiv viele Fußnoten – aber auch hier zwängt sich der Eindruck einer – eher mittelmäßigen – Studentenarbeit auf, nicht der eines Fachmannes, der die Literatur wirklich kennt und gewichten kann: Sehr häufig tragen die bibliographischen Angaben in den Fußnoten überhaupt nichts zum Argument bei (oder sind sogar ziemlich unpassend, wenn man sie überprüft). Und obwohl Schreiner so viele Angaben macht übersieht er einiges sehr wichtiges Material. Um wieder auf 1:4 zu verweisen: Wenn man einen Kommentar schreibt, der den Anspruch erhebt „the latest and best scholarly studies and historical information that help to illuminate the meaning of the text” zu enthalten, sollte man deutschsprachige Forschung vielleicht nicht ignorieren …
    Zuguterletzt: Es gibt Fehler im Kommentarteil, die den Eindruck vermitteln, dass er nicht mit der angemessenen Sorgsamkeit geschrieben wurde. Das hat nichts mit der Kompetenz Schreiners an für sich zu tun, aber mit der Achtsamkeit, mit welcher der Kommentar geschrieben wurde. Wieder ein Beispiel: Schreiners Übersetzung von 1,10 (εἰ ἔτι ἀνθρώποις ἤρεσκον, Χριστοῦ δοῦλος οὐκ ἂν ἤμην) lautet: “For if I were still attempting to please people I would never have become a slave of Christ.” Auch wer des Englischen nicht gut mächtig ist, sollte merken, dsas da etwas nicht stimmt: Schreiner übersetzt den Satz als hätte er vermischten Zeitbezug, obwohl das Verb sowohl der Protasis als auch der Apodosis im Imperfekt steht (was den Satz aller Wahrscheinlichkeit zu einem Irrealis der Gegenwart macht. Vgl. Gal 3,21 oder John 15,22 wo eine Übersetzung im Sinne Schreiners plausibel ist, aber wo wir verschiedene Zeiten gebraucht haben für beide Teile). Es scheint nicht so, als ob Schreiner irgendwelche großartigen Einsichten gehabt hätte, die ihn bewusst zu dieser Übersetzung geführt hätten, nein, er spricht es mit keiner Silbe an!

    Ein anderes Beispiel für schlechte Exegese (im Anwendungsteil) ist Gal 3:28. Dort schreibt er „In saying that all are one in Christ, the central issue is who belongs to Abraham’s family.“ (S. 261) Nun, man könnte positiv anmerken, dass er zumindest V. 29 nicht ignoriert (und hier auch mal vorausschaut 😉 ), aber meiner Ansicht nach ist dies ein total unsinniges Statement: Wie er selbst schreibt in seiner strukturierten Übersetzung (S. 254) ist V. 28 der “inference” von V. 27 (!). V. 28 gibt uns eine Innenansicht der Situation “in Christus”: Wie sieht es dort aus, was sehen wir, wenn wir in Christus eine andere Person betrachten? Antwort: Christus, mit dem wir bekleidet sind. (Zahn hat das sehr gut herausgearbeitet.) Ja, 28 ist vom Argumentationsfluss her nur eine Seitenbemerkung nicht das Ziel der Perikope, 29 ist die Klimax … aber aus demselben Grund wäre es eine Reduktion diesen Vers schlicht als eine Antwort auf die Frage “Wer gehört zur Familie Abrahams?” zu sehen.

    Und noch was, diesmal zum Anwendungs-Teil selbst, an dem ich den Kommentar jedoch nicht so sehr messen würde, wie an seiner exegetische Qualität: Zu 1,2 sagt er im Hinblick auf οἱ σὺν ἐμοὶ πάντες ἀδελφοὶ: “If we are propounding a view that has never been articulated throughout the history of the church, we are almost certainly wrong. If someone thinks he or she has discovered a new doctrine after two thousand years of church history, we can be quite confident that such a person is mistaken. … Therefore, we can be quite sure that a doctrine such as open theism is unbiblical. … The universal teaching of the church throughout history is a reliable guide that should not be jettisoned.”
    Solch ein Todschlagargument scheint ziemlich erstaunlich von der Hand eines Forschers welcher “a Reformation reading of a text” befürwortet und daher davon ausgeht, dass der Wahrheit der “reformatory discovery” Jahrhunderte der Ignoranz vorangingen …

    P.s.: Und nein, ich bin natürlich nicht dagegen, dass man sich auch fachfremd ständig weiterbildet. Auch Bibelwissenschaftler dürfen gerne Systematiker lernen, wenn sie trotzdem genügend Zeit haben ihre eigentliche Aufgabe zu erledigen. 😉 Wobei ich eher das Problem sehe, dass Systematiker sich mehr bibelwissenschaftlich informieren könnten …) Dass ein höherer philosophischer Kenntnisstand für alle Theologen nur nützlich wäre, ist sowieso klar.

  4. Ein schöner Impuls so kurz vor dem Wochenende – danke für’s Teilen!

  5. Noch eine verspätete Anmerkung: Für Pastoren ist dieses Vorgehen sicherlich sehr geeignet.
    Mein kritischer Kommentar war vor allem dadurch bedingt, da es darum ging „wie er sich heute als Professor“ weiterbilde und ich nicht glaube, dass das bei ihm sonderlich gut klappt bzw. dass es auf Kosten des für einen Professor nun mal wichtigen Spezialwissens (oder zumindest dessen sorgfältiger Vermittlung) geht.

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