Die Inflation der ADHS-Diagnosen

Ritalin ist eine Pille gegen eine erfundene Krankheit, gegen die Krankheit, ein schwieriger Junge zu sein. Immer mehr Jungs bekommen die Diagnose. Die Pille macht sie glatt, gefügig, still und abhängig.

Christiane Hoffmann und Antje Schmelcher haben sich für die FAZ kritisch mit dem ADHS-Wahn auseinandergesetzt:

Jeder zehnte Junge in Deutschland ist krank. Zu wild und zu laut. Er testet ständig Grenzen. Er kann in der Schule nicht stillsitzen, ist ungeduldig, kann sich nicht konzentrieren, er wird wütend und aggressiv. Er stört. Er provoziert, obwohl er es nicht will, er fühlt sich missverstanden. Er bekommt schlechte Noten. Er ist schwierig und anstrengend für Eltern und Lehrer, so schwierig, dass er irgendwann beim Kinderarzt sitzt und die Diagnose bekommt: ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom. Dann ist der Junge nicht mehr schwierig, sondern krank.

Für ein schwieriges Kind gibt es Gründe: überforderte Eltern, eine kaputte Familie, unfähige Lehrer, zu viel Computerspiele und zu wenig Kletterbäume. Wenn ein schwieriges Kind für krank erklärt wird, braucht sich niemand verantwortlich zu fühlen: Krankheiten können genetisch veranlagt sein oder Schicksal oder beides. Keiner kann etwas dafür. Nicht der Junge, nicht Eltern, nicht Lehrer, nicht Umstände. Wer krank ist, bekommt Medizin. Eine Pille, die gesund macht. Für die wilden Jungs gibt es eine Pille, die sie still und aufmerksam macht: Ritalin.

Hier: www.faz.net.

Kommentare

  1. Dem Artikel stimme ich nicht zu! Einer von unseren vieren ist so ein „Schwieriger“. Ich würde mal sagen: Schlecht recherchiert – oder aus dem Zusammenhang gerissen. Wir haben es uns bestimmt nicht leicht gemacht…
    Aber wahrscheinlich ist ein Kommentaraustausch hier (wie so häufig) nicht zielführend.

  2. @Steffen: Ein befreundeter Therapeut würde das ähnlich sehe wie in diesem Artikel. Nicht nur er. Allerdings ist es riskant, Pauschalurteile zu fällen. Natürlich kann die Diagnose ADHS hilfreich sein.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Schandor meint:

    ADHS – ein gelungener Versuch, ein ethisches Problem in ein medizinisches zu verwandeln.

    Das Phänomen existiert jedenfalls. Will man es ethisch weiterführen, sagt man „Zappelphilipp“ dazu, im schlimmsten Fall „ungezogen“ oder „verzogen“.

    Ganz ehrlich: Seien wir froh, dass die Gesellschaft so manche Satansbraten mit Drogen ruhigstellen kann! Konsequent umgesetzt – das hat mW Aldous Huxley in einer Studie versucht – bedeutet das die Fortsetzung der Pädagogik mit anderen Mitteln. Vielleicht hätte uns die rechtzeitige Applikation Erlangen erspart?

  4. Peter Geerds meint:

    Meine Sicht als Lehrer (der schon etliche Kinder mit AD(H)S-Diagnose hatte):
    Es gibt das Phänomen. Kinder können es haben. Viele andere Kinder zeigen die gleiche oder ähnliche Symptomatik und werden fälschlicherweise mit Medikamenten behandelt. Die Ursachen liegen oft in einem anderen Bereich (psycho-soziale Erfahrungen, Traumata …).

    Gruß
    Peter

    PS: Ich empfehle gerne das Buch: „Ach du Schreck! ADS. Vom Chaoskind zum Lebenskünstler“ Das ist die Autobiografie von Arno Backhaus.

  5. @Peter: So sehe ich das auch. Es gibt gute Diagnostiker. Aber davon gibt es zu wenige. Es ist so ähnlich wie bei der Verordnung eines Breitband-Antibiotikums.

    Liebe Grüße, Ron

  6. Ich wäre als Schüler heute wahrscheinlich mit ADHS diagnostiziert worden. Als Ursache scheint mir in meinem Fall wahrscheinlich:
    * Meine Eltern haben mich oft lange schreien lassen. Das betrifft die ersten zwei Lebensjahre.
    * Meine Eltern haben zu wenig seelische intensive Aufmerksamkeit auf mich gerichtet. Das betrifft die Lebensjahre 3 bis 16.
    * Ich wurde zu wenig bestraft.

    Heute bestehende, weitere ADHS meiner Einschätzung nach fördernde Faktoren:
    * Viele Mütter gehen arbeiten.
    * Hoher Zuckerkonsum.
    * Fernsehen
    * Videospiele

  7. Bzgl. des Fernsehens in puncto möglicher ADHS-fördernder Faktoren ist dieses Video aufschlussreich:

    http://www.youtube.com/watch?v=BoT7qH_uVNo

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