Die Johannesoffenbarung

eva_cover_978-3-374-02879-5.jpgIn der Evangelischen Verlagsanstalt ist gerade ein neues Buch über die Johannesoffenbarung erschienen:

  • Martin Karrer, Michael Labahn (Hrsg.): Die Johannesoffenbarung: Ihr Text und ihre Auslegung, Evangelische Verlagsanstalt, 2012, 496 S., 64 Euro.

Der Verlag schreibt über das Buch:

In der aktuellen Forschung finden die Johannesoffenbarung, ihre Text- und Auslegungsgeschichte wieder stärkere Beachtung. Der Sammelband nimmt diese Entwicklung auf und legt Vorträge einer Tagung an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, ergänzt durch weitere richtungsweisende Beiträge, vor. Die Schwerpunkte Textgeschichte und Auslegung ermöglichen, mit Hilfe unterschiedlicher methodischer Zugänge wesentliche Forschungsfel­der abzuschreiten: Textüberlieferung und Schriftrezeption, religionsgeschichtliche Problematik, Bilderwelt, Aspekte der Hermeneutik sowie der Auslegungs- und Wirkungsgeschichte, der literarischen Struktur und ihrer sprachlich-theologischen Konzeption sowie das Wechselspiel von Text und Rezipient unter tiefenpsychologischer Perspektive. Die Beiträge belegen, dass die beständige Überprüfung bisheriger Annahmen der Exegese notwendig und lohnenswert ist, und vertiefen das Verständnis der Johannes­offenbarung.

Das Buch enthält zahlreiche Aufsätze zur Textkritik und -geschichte. Am Schluss gibt es einen Beitrag mit dem Titel „Die Johannesoffenbarung in den grossen Bibelkodizes“, der Übersetzungen unterschiedlicher Manuskripte (Sinaiticus, Alexandrinus etc.) sowie eine Einführung von Martin Karrer anbietet.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Ein weiteres „hilfreiches“ Werk zum Verständnis der Offenbarung, zweifellos.

    Aber ob der Leser der Offenbarung nicht lieber wissen will: Was bedeutet sie? Was ist der Sinn? Sagt sie etwas über unsere Zukunft aus oder über die Zukunft der Erstleser?

    Ist ein solches Buch nicht wieder der Versuch, über die Tatsache hinwegzusehen, dass wir letztlich nicht genau angeben können, was die Offenbarung wirklich ist?

    Aufgrund der Tradition haben sich gewisse Anschauungen zur Offenbarung soweit verfestigt, dass man sich grundsätzliche Fragen gar nicht mehr stellt. Fragen wie: Wäre es möglich, dass die Offenbarung in erster Linie gar nicht uns Heutigen etwas zu sagen hat, sondern den Frühchristen? Die Frage ist von den meisten Christen ganz schnell beantwortet: „Nein. Punktum“.

    Abgesehen davon, dass das Buch viel zu teuer ist, dürfte es – wie die Inhaltsangabe schon verrät – für die meisten nicht einfach zu lesen sein.

    Nach ungezählten „Auslegungen“ zur Offenbarung, die ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten las, bin ich nun bei David Chiltons „The Days Of Vengeance“ angelangt. Noch nicht ganz überzeugt von seiner Interpretation, halte ich sie jedenfalls für die plausibelste Auslegung zur Offenbarung. Bitte um Vergebung, wenn ich OT bin.

    LGS.

  2. Hans-Jörg Ronsdorf meint:

    Wo finde ich denn das Inhaltsverzeichnis?

    Habe gerade „Die große Trübsal“ von Chilton gelesen. Auf den ersten Blick für „geborene Prämills“ erschlagend. Habe aber wirklich große Mühe mit einigen entscheidenenden Punkten.
    Das Beste bislang ist Beals Kommentar, der mir in die Finger kam, obwohl ich wie gesaht kein Amill sondern Prämill bin (kein Disp). 🙂

  3. Schandor meint:

    @Hans-Jörg

    Welche „Punkte“ sind das? Das interessiert mich.

  4. Hans-Jörg Ronsdorf meint:

    Dass Christus im Jahre 70 erschienen ist, kann ich trotz aller Bemühung nicht nachvollziehen. Weiterhin vermisse ich eine Eschatologie für mich heute. Was bedeutet die Offenbarung für den größten Teil der Christen heute?
    Dazu kommt, dass es für diese Auslegung der Offb eine Frühdatierung geben muss. Sie ist möglich, aber nicht zwingend.

  5. Schandor meint:

    @Hans-Jörg Ronsdorf

    Dass Christus im Jahre 70 erschienen ist – das wird verschieden gesehen.
    Der Hyperpräterismus versteht es so wie Du das nicht verstehen willst (und ich auch nicht).

    Aber: In Jesaja 19 heißt es beispielsweise: „Siehe, der Herr fährt auf einer schnellen Wolke einher und kommt nach Ägypten!“ Ich wüsste nicht, dass jemand das wörtlich verstanden hat (Dispensationalisten ausgenommen).

    Christus kam 70 n. Chr. zum Gericht über Israel wieder (das lässt sich anhand einiger Bibelstellen erhärten). Seine Wiederkunft am Ende der Welt steht freilich noch aus.

    Was bedeutet die Offenbarung für den größten Teil der Christen heute?
    Was bedeutet der Epheserbrief für den größten Teil der Christen heute?
    Was bedeutet der Römerbrief für den größten Teil der Christen heute?

    Ich selbst halte Chiltons Auslegungsansatz für den plausibelsten. Die Datierung der Offenbarung auf ca. 95 n. Chr. stützt sich mW auf eine einzige (!), etwas vage Aussage eines KV (Irenäus). Die Argumente gegen diese Datierung finde ich überzeugend.

    Ich empfehle Chiltons Buch „The Days of Vengeance“ („Die große Trübsal“ dürfte viell. so etwas wie eine gekürzte Version darstellen.)

    Chilton erklärt in der Einleitung zu diesem Buch seine Auslegungsmethode. Und die erscheint mir wesentlich (!) plausibler als die Methoden der Historisten, Futuristen u. Endzeitkatastrophilen.

  6. Hans-Jörg Ronsdorf meint:

    Das vorab: Ich bin ein Futurist und endzeitkatastrophil (wie übrigens die meisten Kommentatoren der Offenbarung).
    Wenn ich frage, was die Offenbarung nach Chiltons Modell für die weitaus mehr Christen als damals noch bedeuten soll, was hat das mit Römer u. Epeheser zu tun? Meinst Du die Eschatologie dieser Briefe, oder ist das eine rethorische Frage?
    In einer neueren Dr Arbeit hat sich Hitchcook mit der Datierungsfrage auseinandergesetzt mit Ergebnissen, die eher das späte Datum favorisieren. Kann ich bei Interesse mailen.
    Bin gerade in ausgibiger Diskussion über eine Vorentrückung, die ich ablehne als 2-Kommen Theorie. Es gibt nur ein zukünftiges Kommen des Messias. Auch bei Chilton gäbe es eine 2-Kommen Theorie, die ich im NT (u. im AT) nicht finden kann.

  7. Schandor meint:

    @Hans-Jörg Ronsdorf

    Wie Du es sagst. Die meisten Kommentatoren sind Futuristen. Ganz wie damals, als die meisten Kundschafter gesagt haben: Wir können das Land nicht einnehmen. Das ist symptomatisch für eine Zeit, die versucht, Offenbarung im Lichte der aktuellen Geschehnisse zu interpretieren.
    Die ZJ sind daran gescheitert, der Dispensationalismus tut es gerade. Und will es nicht wahrhaben.

    Aber eine Frage noch: Weshalb sollte Gott nach nur 2000 Jahren Kirchengeschichte schon Schluss machen mit der Menschheit? Für einen Gott ist das doch gerade Mal – ein Anfang?

    Liebe Grüße, Schandor

  8. HJ Ronsdorf meint:

    OK, Du möchtest das Land einnehmen. Du willst also das Millenium aufrichten. Das sieht tatsächlich die Mehrheit der „Kundschafter“ nicht so. Die Frage ist nur, ob diese nicht Unglaube, sonder Glaube ist 🙂

    Mein alter Freund Max Weremchuk sieht es auch so, siehe sein Buch „Weil ihr aber Söhne seid“. Er kommt auch von Dispis und ist jetzt Präterist. Hab kein Problem damit, es kommt ohnhin wie Gott es will und nicht wie wir es wollen. Ein banaler Gedanke, und doch soo richtig.

    Sage mir noch, warum die Dispis gerade scheitern? Das interessiert mich.

    Ich habe den Disp gerade aufgegeben, aber bleibe Futurist und interpretiere die Offb n i c h t im Lichte des Zeitgeschehens.

    Du hast Recht, es kann noch lange dauern, so ist es. Aber es wäre doch schön, wenn Christus bald kommt, und alle ihn sehen, ihm dienen und ehren, oder nicht??

  9. Alexander meint:

    Weil ich’s gerade selbst (nochmal) lese und weil es (wie mir scheint) hierzulande kaum jemand kennt: Ein (relativ) leicht verständliches einführendes Buch zur Johannes-Offenbarung (wenn auch leider mal wieder auf Englisch): Graeme Goldsworthy, The Gospel in Revelation. Bei eurobuch.com zu bekommen als Einzelbuch oder als Teil der ‚Goldsworthy Trilogy‘. Vielleicht ein Buch für den 3L-Verlag.

  10. Schandor meint:

    @HJ

    Ich will kein Millennium aufrichten, das überlasse ich lieber den Dominionisten 😉 Und gleich vorweg an meine dispensationalistischen Geschwister: Meine – zugegebenermaßen starke – Abneigung gegen dieses Gedankengebäude hat biographische Ursachen, und zwar sehr begründete.

    Es ist nur einfach so, dass sich viele Pessimillennialisten kaum vorstellen können, die Offenbarung könne primär an andere Menschen gerichtet sein als sie, könne sich etwa an eine andere Zeit als die ihre, die sie fraglos als „End-Endzeit“ identifizieren. Und welche Zeit hat sich nicht vorgestellt, am Zenit der Zeit, an der Singularität der „Endzeit“ zu stehen, inklusive die Zeit um Paulus?

    Die Offenbarung war – das liest man schon im 1. Kapitel – an sieben Gemeinden in Kleinasien gerichtet, die heute nicht mehr existieren. Bald schon sollen die geschilderten Ereignisse eintreten, so heißt es im ersten, und sicherheitshalber auch noch im letzten Kapitel dieses symbolträchtigen Buches. Da allerdings für den Futurismus und seiner kataklystischen Millenniumserwartung (blutiger, politischer Umsturz der bestehenden Ordnungen durch einen in Blut watenden Messias) kaum vorstellbar bleibt, dass Gott auch heute noch nicht unbedingt mit Macht und Kraft, sondern durch seinen Geist erreichen kann, was er ungezählte Male im AT verheißen hat, zeugt dies symptomatisch für den kryptopolitischen, endzeitkatastrophilien Kulturpessimismus, der sich als „opinio judaica“ in weiten Kreisen des Christentums seit den Umbrüchen des blutigsten aller Jahrhunderte breit zu machen verstand.
    Wie die Juden von einst, so wollen es auch Dispensationalisten und andere Prämillennialisten: Jesus soll wiederkommen und in der Art eines Tyrannen eine Blutherrschaft errichten (denn was ist das anderes, was in Offb 19 beschrieben wird, nicht wahr?). Nach tausend Jahren soll der Zauber vorbei sein, um der Ewigkeit Platz zu machen.

    Es ist etwas ruhiger geworden in Dallas, jener ehemaligen Hochburg des Dispensationalismus; deren Protagonisten (Lewis Sperry Chafer, Walvoord, Pentecost, Ryrie u.a.) seit 1988 (dem Verstreichen jener ominösen Generation seit der Staatsgründung Israels) nicht mehr eingefallen ist, welche Erklärungen sie für das unverständliche Ausbleiben des letzten ekklesialen Exodus sie noch ins Feld führen sollten, um nicht noch stärker an Glaubwürdigkeit zu verlieren, als das – in Deutschland vielleicht noch weniger – bereits geschehen ist. Aber da renne ich vermutlich offene Türen bei Dir ein.

    Ich selbst habe mich nach dem eifrigen Lesen jener einseitigen und vor allem obskurantistischen Lektüre dispensationalistischer Schwarzmalerei belogen und betrogen gefühlt, nachdem ich den ungeheuren Schwindel entdeckt hatte, den Cyrus Scofield zwischen Offb 3 u. 4 entdeckt haben will – jene trügerische Endzeithoffnung einer verborgenen Entrückung, mit welcher „Hoffnung“ noch heute ich weiß nicht viele Christen getäuscht werden.

    David Chilton hat in seiner Einleitung zu „The Days of Vengeance“ mE hinlänglich gezeigt, weshalb der futuristische Ansatz zur Offenbarung nicht nur haltlos, sondern geradezu absurd ist – und ich muss sagen, sehr überzeugend. Chilton ist freilich bei Weitem nicht der einzige in dieser Hinsicht zu erwähnende Autor (er selbst neigte in späteren Jahren dann dem Hyperpräterismus zu, einer Entwicklung, die ich nicht nachvollziehen kann).

    Ich persönlich finde nur eine einzige Sichtweise unpessimistisch – die zwar, dass Gott die bösen Mächte dieser Welt besiegt, ganz ohne kataklysmischen Einbruch in unsere Dimension. Denn Christus sitzt zur Rechten Gottes und muss so lange herrschen, bis ALLE seine Feinde unter seine Füße getan sind. Erst dann kommt er, um den letzten Feind zu vernichten – den Tod.

    Der Prämillennialismus muss sich übrigens gleich auf mehrere Prämissen stützen, um überhaupt bestehen zu können. Das AT redet viel von Sieg und künftiger Dominanz des Himmelreichs – wie wohl kein Prämillennialist bestreiten wird. Nur eines fehlt dabei immer: jene Zäsur, die das Einbrechen aus der himmlischen Dimension beschreibt, das als Wiederkunft Christi bekannt ist. Das findet der Prämillennialismus erst in Offb 20, einer höchst umstrittenen Stelle, die so gut wie alle (den idealistischem Ansatz vielleicht ausgenommen) Sichtweisen für sich in Anspruch nehmen.

    Es gäbe noch viel zu sagen …

    Liebe Grüße, Schandor

    ps: Eine Meinungsänderung durch einen in einem Blog veröffentlichen Kommentar freilich halte ich allerhöchst unwahrscheinlich … 😉

  11. Hans-Jörg Ronsdorf meint:

    @Schandor: OK, da aus Dallas wirklich nicht viel bzw. garnichts neues kommt werde ich in Zukunft deinem präferierten Modell mehr Aufmerksamkeit schenken. Deshalb ist auch dieser Austausch hilfreich. Es gäbe in der Tat noch viel zu sagen.
    Bis bald mal wieder, herzlicher Gruss, HJ

  12. Schandor meint:

    @Hans-Jörg

    Immer gerne!

    Hier zur Kostprobe noch ein äußerst erheiternder Text meines Lieblingkabarettistosophen, der – mutatis mutandis – als Anamnese des D. gelesen werden kann:

    „Die Apokalyptiker erfinden eine Ironie, die tiefer reicht als die sokratische. Sie wähnen sich im Einverständnis mit einem Gott, der es mit der Welt insgesamt anders meint, als die Weltkinder glauben möchten. … Aus dem apokalyptischen Empfinden folgt das Aufhören jeglicher spirituellen Investitionen in ‚diese Welt‘ [was John Stott dem D. übrigens ebenfalls vorgeworfen hat]. … Nachdem der Gläubige seine affektiven Einlagen aus der Welt zurückgezogen hat, überläßt er sie ihrem vermeintlich unaufhaltsamen Lauf – dem nahe bevorstehenden Ende entgegen. … Unter allen möglichen Schauspielen ist der Weltuntergang das einzige, bei dem man sich nicht eigens um einen Vorzugsplatz bemühen muß. Es genügt, in die Endzeit geboren zu sein und zu wissen, da´es sich um die Endzeit handelt, um ständig in der ersten Reihe zu sitzen. …
    Die Hoffnung der Apokalyptiker ist auf eine einfache und überschwengliche Annahme zurückzuführen: daß sie sehr bald oder etwas später, in jedem Fall noch zu ihren Lebzeiten, den Untergang ‚dieser Welt‘ erleben dürften. … Aus dieser Disposition entsteht das endzeitdiagnostische Denken (sic!), das Dinge in Zeichen und Zeichen in Vorzeichen umwandelt … . Das Lebensgefühl der Apokalyptiker ist dominiert vom Naherwartungsfieber (sich) und der frohen Schlaflosigkeit derer, die für die Welt die Vernichtung, für sich selbst die Verschonung erträumen.“ (Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, S. 147f)

    Inwiefern diese Zeilen auf alle Futuristen anzuwenden sein könnte, möchte ich hier nicht entscheiden.
    🙂

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