Die Jungfrau Maria und die halbblinde Bischöfin

Am 19. Dezember 2002 hatte Margot Käßmann, damals Landesbischöfin von Hannover, ein Interview verbreiten lassen, das aufhorchen ließ. Frau Käßmann erklärte, die Vorstellung der Jungfrauengeburt sei überholt. Angeblich habe die historisch-kritische Bibelforschung ergeben, dass es sich ganz einfach um eine junge Frau handelte. Die Vorstellung der Jungfrau sei erst aus der griechischen Gedankenwelt erklärbar und nur in einem Evangelium als Vorstellung belegt. Und die Auffassung von der Jungfräulichkeit Mariens sei eine Ursache der Sexualfeindlichkeit der Kirchen. Denn von da ab stehe Eva für die Verführung der Welt, Maria dagegen für die unbefleckte Empfängnis. Der Sinn der Weihnachtsgeschichte sei vielmehr, an Elend und arme Menschen zu erinnern. Die Geburt Jesu sei ein Geheimnis.

Der inzwischen wieder in die Katholische Kirche zurückgekehrte Neutestamentler Klaus Berger hat damals zu diesen skurrilen Thesen Stellung genommen. Seine Antwort finden Sie hier: berger-jungfrauengeburt.pdf.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Nicht umsonst gibt es so viele Gemeinden, die sich von der Landeskirche getrennt haben. Die Gegenreformation — ganz weit davon entfernt, der Vergangenheit anzugehören — leistet hier ganze Arbeit: Die subversive Tendenz überholt den Humanismus hier links: Wir brauchen ja auch heute mehr Anpassung an die Postmoderne und an das antichristliche Denken der Gegenwart als Authentizität — und darin ist die evangelische Kirche schon lange ganz groß.

    Klaus Berger schreibt: „Diese Deutung hat so extrem nur der dänische Protestant Sören Kierkegaard im neunzehnten Jahrhundert vertreten“ (sexuelle Verführung Evas)

    Ich hätte gerne gewusst, wo. Da ich Kierkegaard gerne gelesen habe („Der Begriff Angst“ etwa fünfmal), hätte ich wirklich gerne gewusst, so Kierkegaard das vertreten hat. In seinem Büchlein „Der Begriff Angst“ geht Kierkegaard mit hegelscher Dialektik (die er gerade bekämpfen will) genauestens auf den Begriff der Erbsünde ein. Dass er aber irgendwo sagt, die Verführung zur Sünde sei etwas Sexuelles gewesen, muss ich völlig überlesen haben…

    lieben Gruß
    Schandor

  2. @Schandor: Sexualität ist für K. Folge des Sündenfalls. Siehe besonders: Angst als Voraussetzung für die Erbsünde in „Der Begriff Angst“, wie er z.B. schreibt, „dass die Sünde in die Welt kam, und dass das Sexuelle gesetzt wurde, und das eine soll vom anderen nicht zu trennen sein.“

    Liebe Grüße, Ron

  3. Schandor meint:

    @Ron
    Ah, ja, danke. Soweit ich mich erinnern kann, sagt Kierkegaard aber, durch den Sündenfall sei das Sexuelle erst als Trieb gesetzt, nicht als Sexuelles an und für sich, aber da habe ich ihn möglicherweise nicht verstanden. Danke für den Hinweis!

    lg
    Ivo

  4. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr bei div. „Theologen“ grundlegende Kenntnisse zur Bibel – wie zB die Notwendigkeit der Jungfrauengeburt in Bezug auf „Sklaven der Sünde“ – entweder nicht vorhanden sind oder sich angesichts moderner Überlegungen skurril verdrehen.
    Das was Frau Käßmann da von sich gibt, mag zwar zZt „in“ sein, ist aber schlicht Unsinn. Aber solche seltsamen theologischen Aussagen sind bei ihr auch nicht neu.

    Solche „Ergebnisse“ der historisch-kritische Bibelforschung lösen bei mir regelmäßig Übelkeit aus. Zudem frage ich mich, wie man ernsthaft solchen Blödsinn ernst nehmen kann?

  5. AndreasA meint:

    In der Tat skuril! Die griechischen Parallelen sind davon so weit weg, dass es schon viel Phantasie braucht, sie hier mit reinzuziehen. In griechischen Mythen war z.B. keine von einem Gott heimgesuchte Frau danach noch Jungfrau; es ist gerade keine jungfräuliche Empfängnis! Und nur weil spätere Theologie diese Geschichte mittels schlechter Schriftauslegung zur Abwertung menschlicher Sexualität gebraucht hat, muss man sie nicht verwerfen. Abusus usum non tollit! Oder anders gesagt: Man kann die Evangelisten nicht für jede schlechte Auslegung ihrer Texte haftbar machen. War die Jungfrauengeburt zwingend nötig? M.E. nein, aber da Gott für die Inkarnation nun einmal diesen Weg gewählt hat, wird es auch der beste Weg gewesen sein. Wer sind wir, daran zu rütteln. Und vielleicht hatte Barth (war das Barth?) ja recht: Die Jungfrauengeburt ist ein Gericht Gottes über die Menscheit. Gott wirkt sein Heil für die Menschen allein, ohne unser Zutun, empfangbar nur im Glauben, den Maria exemplarisch bewiesen hat.

  6. Erstaunlich scheint mir allerdings auch, wie hier über Frau Käsmann geurteilt wird, ohne auch nur irgendeine Originalaussage des damaligen Interviews zur Hand zu haben!

  7. @Ernst: Das Interview ist keine Erfindung der Käßmann-Kritiker. Berger bezieht sich auf ihr dpa Interview 2002.

    Der ORF gibt Auszüge wieder:

    http://religion.orf.at/projekt02/news/0212/ne021219_jungfrauengeburt_fr.htm

    Liebe Grüße, Ron

  8. Nachdem ich mir heute morgen im Kreise meiner Familie die Gedanken von Frau Käßmann in NDR Kultur angehört habe (es ging um Gottesbilder, am Ende landete sie beim interreligiösen Gebet und „Jesus als der Weg zu Gott für mich“), wundert mich diese Aussage (leider) nicht. Ich traue so eine Aussage der Frau zu – was eine Recherche nicht entbehrlich macht. Aber die Links sprechen für sich.

    Was treibt die Evangelische Kirche eigentlich an, dass sich ihre prominenten Wortführer so deutlich vom biblischen Glauben entfernen können – fast ohne jeden Widerspruch?

  9. „Ich glaube an die Jungfrauengeburt. Aber sie ist kein biologischer Vorgang.“
    Dr. Peter Steinacker (20. September 2005, 1993 – 2008 Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Die Bibel ist nicht Gottes Wort – Interview, zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, http://www.zeitzeichen.net)

    „Die Äußerung von Kirchenpräsident Peter Steinacker, „dass er wörtlich an die Jungfrauengeburt glaube, darin jedoch keinen biologischen Vorgang sehe“ [Zitat bezieht sich auf: Hardliner Gottes – die Diskussion. Hessischer Rundfunk, 7.10.2007, 10:00 Uhr, HR Horizonte], ist entweder schlichter Unsinn oder nur ein schlechter Trick, vor Evangelikalen seine eigene Rechtgläubigkeit herauszustellen.
    Im Matthäus- und im Lukasevangelium ist wesentliches Merkmal der Geburt Jesu, dass sie ohne Mitwirkung eines Mannes geschieht. Daher geht es auch um ein biologisches Phänomen. Wer also wörtlich an die Jungfrauengeburt glaubt, müsste die Voraussetzung der beiden genannten Evangelien teilen.
    Das aber tut die Bibelkritik und auch Herr Steinacker nicht. Bis zum Beweis des Gegenteils nehme ich daher an, dass Herr Steinacker in dieser Sache unredlich ist.“
    Prof. Dr. Gerd Lüdemann (17. Oktober 2007, Theologe an der Georg-August-Universität Göttingen, ideaSpektrum 42/2007, Seite 4)

  10. Schandor meint:

    Mir ist auch schleierhaft, wie jemand glauben kann, dass Gott die Welt erschaffen hat, es aber nicht fertigbringe, im Ovum einer Jungfrau eine Samenzelle (die ja „nur“ Informationsträger [DNS!] ist) entstehen zu lassen?
    Nackter Unglaube, sonst nichts. Aber in akademischen Kreisen ist es ohnehin chic, sich für das Evangelium zu schämen (Sloterdijk nennt es das „Pudendum“)
    lg
    Schandor

  11. Mich beschleicht der Verdacht, dass die Theologen, die die Jungfrauengeburt (resp. den Fakt das Gott per Hlg Geist Jesus gezeugt hat und nicht etwa Josef in Begehung einer Sünde – Geschlechtsverkehr vor der Ehe, wofür er schlicht gesteinigt worden wäre) verneinen, einfach nicht kapiert haben oder erfolgreich verdrängen, dass dieser Umstand wesentlich dafür ist, dass Jesus uns erlösen konnte.
    Wäre Jesus durch einen Menschen gezeugt worden, so wäre er genauso Sklave der Sünde gewesen – denn Kinder von Sklaven gezeugt waren ebenso Eigentum des Sklavenhalters. Kinder von Freien mit einer Sklavin gezeugt aber nicht, wenn der Freie Erzeuger sich zu dem Kind stellte – was Gott spätestens bei der Taufe Jesu öffentlich tat.

    Ansonsten stimme ich Schandor unbedingt zu. Was soll das für ein Glaube sein, der Gott, den Schöpfer aller Dinge, die Fähigkeit abspricht ein Kind ohne Zeugungsakt im Leib einer Frau entstehen zu lassen?

    Charly

  12. „Was treibt die Evangelische Kirche eigentlich an, dass sich ihre prominenten Wortführer so deutlich vom biblischen Glauben entfernen können – fast ohne jeden Widerspruch?“

    Tja Ihr Lieben, das nennt man Religions- und Glaubensfreiheit. Dieselbe Freiheit, die Ihr auch für Euch in Anspruch nehmt.

  13. @Frank: Nein, darum geht es nicht. Ein Pfarrer spricht ja in Namen einer Kirche, von der er ordiniert wurde. Die Brights würden auch nicht wollen, wenn jemand in ihrem Namen zum Glauben an Gott einlädt.

    Liebe Grüße, Ron

  14. Schandor meint:

    @Frank

    Die Gegenreformation. Sie hat zum Ziel, den protestantischen Glauben auf höchster akademischer Ebene solange zu unterwandern, bis das Fundament zerbröckelt ist. Das ist mittlerweile beinahe erreicht. Dann soll die Ökumene den Protestantismus wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurückführen. Papst Benedikt hat gerade gestern wieder den universalen Anspruch der röm.-kath. Kirche betont (das tut er öfter). Nur Uneingeweihte verstehen die Botschaft dahinter nicht: Die Forderung, die mindestens so alt ist wie die röm-kath. Kirche des Mittelalters: die Forderung nach der Weltherrschaft. Vor einiger Zeit hat er gesagt, dass die röm.-kath. Kirche nicht die Schwester der Evangelischen Kirche sei, sondern (Offenbarungskenner aufgepasst:) die MUTTER derselben!!!
    Man hat erfolgreich durchgesetzt, dass alles, was auch nur im Entferntesten nach Verschwörung klingt, sofort lächerlich ist. Damit hat man sich gegen Angriffe erfolgreich immunisiert. Das Unternehmen Gegenreformation ist beinahe abgeschlossen.
    Am Rande: Im Gremium ausgerechnet der Bibelgrundtextkommission, die heute für (fast) alle Übersetzungen maßgeblich ist, sitzt — der Witz könnte nicht größer sein! — ausgerechnet ein Jesuit.
    Der entscheidende Schlag der kath. Kirche gegen die evangelische ist mit der Bibelkritik getan: Hier ist an die Grundfesten des Glaubens geschlagen (sola scriptura). Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis der Weltkirchenrat sich dem längst vorbereiteten Programm der URO (eine Schwesterorganisation der UNO) unterordnen wird. (URO= United Religions Organisation).
    Das treibt die Evangelische Kirche eigentlich an. „Ordo ab Chao“: Mache zuerst Chaos, damit du deine (eigene) „Ordnung“ aufrichten kannst. Vielleicht müssen wir das auch nicht erleben, nämlich dann, wenn wir entweder schon früher gegangen sein werden oder wenn Jesus dieser Kirche gnädig ist und ihren Leuchter nicht umstößt. Grund zum Hoffen besteht allemal, nicht aber zum Schauen.

    (ich lasse meine Ansichten gerne kritisieren).
    Liebe Grüße
    Schandor

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