Die Kosten der Selbstverwirklichung

Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen hat sich in Deutschland den neuesten Zahlen zufolge seit dem Jahr 2000 nahezu verdoppelt. Einer der wichtigsten Gründe: Druck zur Selbstverwirklichung – beruflich wie privat. Jan Grossarth schreibt für die FAZ:

Für den Anstieg psychischer Erkrankungen werden viele Gründe genannt. Der BPtK-Präsident Rainer Richter nannte als wichtige Gründe für den Anstieg etwa den „Druck zur Selbstverwirklichung“, beruflich wie privat. Vor Jahrzehnten, als die alten gesellschaftlichen Normen noch galten, seien neurotische Verhaltensauffälligkeiten die häufigsten gewesen, die Freiheit eines jeden, Individualität und Identität heute selbst zu finden, führe dagegen öfter zu Erschöpfung. Daher genügten eine gesunde Ernährung und viel Bewegung längst nicht als Vorbeugung.

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VD: JS

Kommentare

  1. Selbstverwirklichung ist ein Luxusproblem, welches mich sehr belästigt. Nicht, weil ich so erpicht auf eine geile Karriere wäre, sondern weil die Frage, was ich in zwei Semestern so tolles machen möchte – und diese Frage kommt häufiger als mir lieb ist – mich jedes Mal in eine Identitätskrise stürzt. Ohne genauen Lebensplan kein Stipendium. Ich kann schon verstehen, dass der, der Geld zur Verfügung stellt, Planungssicherheit braucht, aber muss man die jungen Menschen dabei dermaßen unter Druck setzen?

    Glücklich, wer heute noch sagen kann: I´ve got no plans beyond today.

  2. Schandor meint:

    Seltsam: Ich kann’s sagen, aber „glücklich“ – das bin ich dadurch nicht.

  3. Okay, auf der anderen Seite gibt es natürlich auch das Extrem: Der langjährige Hartz-IV-Empfänger, der perspektivlos in den Tag lebt, ist unter Umständen auch nicht glücklich über sein Leben.

  4. Ob nun „Hartz-IV-Empfänger, der perspektivlos in den Tag lebt“ oder „Student, der keinen genauen Lebensplan hat und nicht weiß, was er in den Semestern Tolles anfangen soll“ – wo ist letztlich der Unterschied?

    Und was hat das eigentlich mit dem Artikel genau zu tun?

    Lutz

  5. @Lutz
    Eben, das ist es ja gerade, es gibt keinen Unterschied. Es ist ein breites gesellschaftliches Phänomen, das sich in allen Altersgruppen sowie allen sozioökonomischen Gruppen findet.
    http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/gesundheitsreport-degs-jugendliche-leiden-haeufiger-unter-depressionen-a-838843.html

    Mein erster Beitrag war einfach nur eine spontane, „persönliche“ Reaktion. Wie soll man mit Selbstverwirklichungsdruck umgehen, wenn man eine Quelle ausgemacht hat und sich selbst auch als Verstärker wahrnimmt, Angst hat, nicht adäquat damit umgehen zu können? Vielleicht findet sich hier jemand, der in einer ähnlichen Situation ist.

  6. @logan

    Eine „Depression“ aufgrund von Sinnlosigkeit ist doch ursächlich anders als eine „Depression“ aufgrund von Aktivismus „sich selbst zu verwirklichen“. Dann gäbe es sicherlich noch die „Depression“ aufgrund der fehlenden Mittel (also eigentlich weiß ich, was ich machen möchte und wo ich mich ausleben will – aber mir fehlen die Möglichkeiten) und was weiß ich, was noch …

    „Selbstverwirklichungsdruck“ ist meiner Erfahrung nach ein Druck, der auch ganz besonders von außen ausgeübt wird. Mit anderen Worten, es sind dann Andere, die dich unter Druck setzen mit ihren eigenen Vorstellungen, Wünschen … – was denn alles so wahnsinnig toll ist, was du noch brauchst um endlich dein eigenes Selbst so richtig zur Entfaltung zu bringen …

    Nur mir will nicht einleuchten, dass dies automatisch auf ein: „Ich weiß nicht, was ich machen soll?“ zutrifft. Sicherlich ist dieses „ich weiß nicht“ – die Lücke, die dann wiederum Andere mit ihrem Druck füllen möchten …

    Anders: in Deutschland gibt es Schulpflicht. Ist diese absolviert, steht eine Berufsausbildung an oder eben weitere Schule (Abi). Eine Berufsausbildung hat eine konkrete Berufsgruppe zum Ziel. Es wäre merkwürdig, wenn ein Auszubildender jetzt eine Ausbildung anfängt, aber „nicht weiß, was am Ende stehen soll“.
    Meiner Erfahrung nach gibt es aber Schüler, die Abi machen, weil sie „nicht wissen“, die dann studieren, weil sie „nicht wissen“. Also hier wird die Frage: „Warum tust du das?“ mit „ich weiß nicht“, „weil ich Lust habe“ oder … beantwortet.

    Das halte ich wirklich für keine gesunde Einstellung (weder persönlich noch finanziell die Gesellschaft betreffend gesehen) und ich wundere mich dann auch nicht, wenn das durchgängig weiter zu Problemen führt, die dann mitunter als „psychische Erkrankung“ zu Buche schlagen.
    Orientierungslosigkeit ist ein großes Einfallstor für unzählige „Übel“.

    Übrigens im Buch Prediger kann man sich diesbezüglich durchaus eine gesunde Orientierung bzgl. dessen: „was so toll ist“ holen.

    Und zum Schluss: Dass diejenigen, die Gelder zur Verfügung stellen auch wissen dürfen, wozu und danach entscheiden – daran ist auch automatisch nichts Negatives. Wenn jetzt Studenten das Ganze als persönlichen Druck wahrnehmen, gibt es eigentlich nur eine Alternative: ein Weg ohne diese konkrete „Finanzspritze“. Dann ist es eine Frage nach den Abhängigkeiten und ob man die Konsequenzen „eigener Unabhängigkeit“ auch tragen kann, möchte, …

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