Die Kultivierung der Auslese

Ernst-Wolfgang Böckenförde hatte in seinem Aufsatz »Warum nicht PID?« in der FAZ vom 14. März 2011 für den uneingeschränkten Schutz des menschlichen Lebens plädiert. Damit fand Bockenförder erwartungsgemäß nicht nur Zustimmung.

In einem am 24. März veröffentlichten Brief distanzierte sich ein Leser nicht nur von dem christlichen, sondern auch von dem kantschen Begriff der Menschenwürde, demnach der Mensch in sich selbst Zweck ist und niemals Mittel zum Zweck sein darf. Unter Berufung auf die postmoderne Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann forderte der FAZ-Leser einen Würdebegriff der Performance. Würde verdient demnach eine Person dann und nur dann, wenn sie sich selbt als souveräne und individuelle Person darstellen kann. Die Würde für einen Embryo spiele also keine Rolle, »weil er sich noch nicht selbst darstellen« könne. Menschenwürde solle nur jemand für sich in Anspruch nehmen, der sinnvolles Kommunizieren beherrsche (siehe FAZ vom 24. März 2011, Nr. 70, S. 34).

Am 26. März veröffentlichte die FAZ ein weiteres Schreiben. Diesmal brachte ausgerechnet ein Theologieprofessors den darwinistischen Zugang ins Spiel, der an Nietzsches »Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf!« erinnert (KSA, Bd. 2, S. 90). Wir hätten, so der Autor, in den letzten 150 Jahren viel dazugelernt, was das Wesen des Lebens anbeträfe. Eine Betrachtung des Einzelnen ohne Einbeziehung der Leben ermöglichenden Population sei sinnlos. Wenn es einen ethischen Referenzpunkt gäbe, so sei das »die Tatsasche des übergreifenden Lebensprozesses, der sich seit mehr als drei Milliarden Jahren auf dieser Erde behauptet hat, innerhalb dessen wir Menschen die Fähigkeit erlangt haben, den Prozess der genetischen Entwicklung durch die seit etwa hundert tausend Jahren verfügbare Intelligenz und die seit etwa sechstausend Jahren verfügbaren Sprachen und die seit zehn Jahren verfügbare – allerdings noch recht primitive – Technologie der Gentechnik gezielt zu beschleunigen.« »Wir selbst existieren nur«, schreibt der Verfasser weiter, »weil ungeheuerlich viele Arten auf dem Weg in die Zukunft sterben mussten, aber wir verbieten den Umgang mit genetischen Änderungen, weil einzelne Zellen eliminiert werden, deren Strukturen nachweisbar zu Krankheiten und Beeinträchtigungen bei einzelnen Menschen führen.« Ein möglicher Missbrauch von Freiheit dürfe uns »nicht daran hindern, die übergreifende Bestimmung des Menschen als Teil eines planetarischen Lebensauftrages zu sehen. Und dieser Lebensauftrag sagt ganz klar, dass wir noch keinesfalls am ›Ziel‹ sind« (siehe FAZ vom 26. März 2011, Nr. 72, S. 8).

Schließlich meldete sich in einem Leserbrief, der am 5. April veröffentlicht wurde, auch noch ein Mediziner zu Wort. Auf persönliche Erlebnisse mit lebensmüden Schwerstbehinderten anspielend, fragt er, ob nicht »bei einigen genetisch geschädigten Embryonen die Menschenwürde nur dann erhalten geblieben wäre, wenn sie nicht ausgetragen worden wären?« Die Aussortierung nach PID wäre – so gesehen – »eine Möglichkeit, die Menschenwürde von Embryonen zu bewahren« (siehe FAZ vom 5. April 2011, Nr. 80, S. 17).

Düstere Stellungnahmen. Ich kann nur hoffen, dass die Autoren selbst nie in Umstände hineingeraten, die es ihnen schwer machen, ihr personales Wesen positiv unter Beweis zu stellen. Mir scheint diese Kultivierung der Auslese die Ablösung vom christlichen Menschenbild zu spiegeln. Georg Simmel schrieb in seiner Philosophie des Geldes (Georg Simmel: Philosophische Kultur, Frankfurt am Main 2008, S. 590, zitiert nach einem Newsletter des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie):

Tatsächlich ruht die ganze vom Christentum beherrschte Entwicklung der Lebenswerte auf der Idee, dass der Mensch einen absoluten Wert besitzt; jenseits aller Einzelheiten, aller Relativitäten, aller besonderen Kräfte und Äußerungen seines empirischen Wesens steht eben »der Mensch«, als etwas einheitliches und unteilbares, dessen Wert überhaupt nicht mit irgendeinem quantitativen Maßstab gewogen und deshalb auch nicht mit einem bloßen Mehr oder Weniger eines anderen Wertes aufgewogen werden kann.

Der evangelische Bonner Ethikprofessor Ulrich Eibach hat treffend zwischen Person und Persönlichkeit unterschieden. Persönlichkeit ist das, was uns konkret von einem anderen Menschen entgegentritt. Person jedoch ist der unzerstörbare Wesenskern, den auch Personen haben, deren »Persönlichkeit« für uns nur schwer feststellbar ist: z. B. Ungeborene, geistig Behinderte oder im Koma Liegende. Die unantastbare Würde der Person hängt gerade nicht am Beweis ihrer Persönlichkeit, also an dem Vorhandensein aller Körperteile, an bestimmten geistigen Fähigkeiten oder an der Fähigkeit, sich selbst verteidigen zu können.

Nach biblischem Verständnis ist ein Mensch auch dann eine unantastbare Person, die als »Ebenbild Gottes« geschaffen wurde, wenn das Menschliche kaum noch zu erkennen ist. So war die Persönlichkeit des besessenen Geraseners, der wie ein Tier lebte, fraß und brüllte, kaum noch menschlich zu nennen (vgl. Lk 8, 26–39). Doch Jesus sah in ihm ein Ebenbild Gottes. Durch die Befreiung aus der Macht des Bösen erschien die Persönlichkeit des Mannes wieder und er saß da und redete vernünftig, als wäre nie etwas gewesen. Hätte man ihn als Tier einstufen dürfen, nur weil das Menschliche kaum noch zu erkennen war? Und wer legt dann fest, welche äußeren Kennzeichen und Verhalten einen Menschen zum Menschen zu machen?

In der biblischen Ethik ist dem Menschen die Definitionsgewalt dafür, wer Mensch ist und Menschwürde genießt, entzogen. Wenn der Mensch anfängt zu definieren, welche seiner Mitmenschen Personen sind und welche nicht, ist letztlich niemand mehr sicher.

Kommentare

  1. Alexander meint:

    Die Performanz-Theorie als Grundlage von Anthropologie und Ethik? Was sollen wir denn mit dem zitierten Leserbriefschreiber machen, wenn er nach einem Schlaganfall oder mit Alzheimer im Endstadium nicht mehr performen, ja sich vielleicht nicht einmal mehr selbst umbringen kann. Soll dann irgendjemand anderes den ‚menschlichen Müll‘ beseitigen?
    Irgendwo las ich kürzlich eine bewegende Geschichte über jemanden, Rektor eines amerikanischen Colleges, der sein Amt niederlegte, um sich ganz der Pflege seiner Frau zu widmen, die in den letzten etwa 10 Jahren ihres Lebens nicht mehr ansprechbar war. Vielleicht erinnert sich jemand und kann den Link posten, damit dieser Debatte auch einmal positive praktische Beispiele entgegengesetzt werden.

  2. Alexander meint:

    Geschichte gefunden. Hier der Link:
    http://thegospelcoalition.org/blogs/justintaylor/2011/02/28/till-death-do-us-part/
    Zwar mehr vom Ende her gesehen, wenn im Alter durch Krankheit die Persönlichkeit verloren gehen, die Würde der Person aber dennoch gewahrt bleiben kann. Aber ohne weiteres übertragbar auf den Beginn des Lebens.
    Was ich mich ernsthaft frage: Merken diejenigen, die Du, Ron, oben zitierst, nicht wie nahe sie der Rede vom ‚lebensunwerten Leben‘ stehen?

  3. @Alexander: Danke für den Hinweis. Ich glaube, die Salamitaktik ist hier ein wesentlicher Faktor. Möglicherweise werden wir einmal in einer Kultur leben, in der wir von der Performanz-Theorie auf alte metaphysische Theorien oder essentielle Theorien zurückschauen. „Die Menschen dachten im Abendland doch tatsächlich mal, dass der Mensch, ganz unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit, Würde besitzt und geschützt werden sollte. Ich weiß gar nicht, wie diese Schwächlinge damals diese Ethik finanziert haben.“ Die Quellen oben zeigen ja, wie selbstverständlich utilitaristische Zugänge zum Menschen, hier in akademischen Kreisen, bereits geworden sind.

    Ich hoffe natürlich sehr, dass ich die Sache zu düster sehe.

    Liebe Grüße, Ron

  4. Ich frage mich, warum Herr Böckenförde als juristisches Schwergewicht mit den zeitlichen Ressourcen eines Ruhestandes seine schon seit Jahren in dieser Art vorgetragenen Argumentationen nicht in eine entsprechende Klage (etwa gegen das, was er als Mißbrauch der Abtreibungsregelung bezeichnet) verwandelt, statt immer nur eine (akademisch-feuilletonistische) Diskussion zu führen.

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