Die Kunst des Schriftstudiums

Wilhelm Lütgert schrieb 1905 in einer Andacht für die Zeitschrift Die Studierstube:

Es gibt ein Studium der Schrift, durch das man nicht reicher wird. Man liest alte, längst bekannte Dinge und Gedanken und erfährt durch all sein Schriftstudium nichts Neues. Die Kunst des Schriftstudiums besteht darin, daß man liest, als läse man zum erstenmal. Man muß glauben, daß es hier etwas zu lernen gibt, was uns neu ist. Wir müssen unsere eigenen Gedanken beiseitesetzen und auf den Gedanken des Textes eingehen. Wer Gottes Gedanken fassen will, muß seine eigenen Gedanken preisgeben. Wer lernen will, muß verlernen können.

Wir müssen ferner mit Fragen an die Schrift herantreten. Wer nicht fragt, erhält auch keine Antwort. Fragen aber regt unser Leben täglich und reichlich in uns an. Gegen diese Fragen, die uns das Leben stellt, darf man sich nicht abstumpfen. Man muß sie hören. Hört das Fragen auf, so hört das Wachsen auf. Wenn das Fragen in uns erlischt, so ist das nicht minder schlimm, als wenn wir das Bitten verlernen und nichts mehr zu bitten haben. Der Reichtum Gottes wäre dann für uns umsonst da. So ist auch der Reichtum Gottes an Wahrheit für uns vergeblich da, wenn wir nicht mehr fragen, sondern uns einbilden, daß es für uns nichts mehr zu fragen und zu lernen gäbe.

Mit immer neuen Fragen an die Bibel heranzutreten, das ist der sicherste Schutz vor Verarmung. Daß es immer neue Fragen für uns gibt, dafür sorgt der Gang unseres Lebens reichlich. Doch gibt uns die Welt nur Fragen und nicht auch Antworten. Antworten, solche Antworten, die gewisse Erkenntnis geben, kann nur Gott geben. Mit dem Verlangen nach immer neuem Licht, immer reicherer Erkenntnis, immer mehr Wahrheit, müssen wir daher an die Schrift herantreten.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Die Kunst des Schriftstudiums besteht darin, daß man liest, als läse man zum erstenmal.

    Das tue ich seit langem.

    Wer Gottes Gedanken fassen will, muß seine eigenen Gedanken preisgeben. Wer lernen will, muß verlernen können.

    Oh, ja – volle Zustimmung!

    Wir müssen ferner mit Fragen an die Schrift herantreten. Wer nicht fragt, erhält auch keine Antwort.

    Hab leider trotzdem keine Antworten auf meine Fragen gefunden.

    Wenn das Fragen in uns erlischt, so ist das nicht minder schlimm, als wenn wir das Bitten verlernen und nichts mehr zu bitten haben.

    Ist erloschen. Wenn Bitten nicht erhört werden, verlischt mit der Zeit auch der Wunsch, zu bitten, und dann mit der Zeit auch der Glaube, dass Bitten erhört werden. Die Frage muss daher lauten: WAS hat denn berechtigte (!) Hoffnung auf Erhörung? Nur dies wäre zu bitten. Das andere führt zu Enttäuschung und zu Verbitterung.

    Der Reichtum Gottes wäre dann für uns umsonst da

    Welcher Reichtum ist hier gemeint? Und wie könnte er umsonst da sein, wo es der Reichtum Gottes ist?

    Mit dem letzen Absatz kann ich buchstäblich nichts anfangen. Er klingt mir zu erfrömmelt.

  2. Schandor meint:

    … damit der Vater euch gibt, was auch immer ihr ihn bitten werdet in meinem Namen [= in meinem Auftrag] (Joh 15,16b).

    darüber könnte ich stundenlang nachsinnen

  3. Ich meine, wir gebrauchen das „In Jesu Namen“ oft formelhaft. Gemeint ist aber: Im Interesse von Jesus; an seiner Stelle. Es geht also nicht darum, dass wir Gott dazu bewegen, unserem Willen zuzustimmen, sondern darum, uns zum Anliegen zu machen, was Gott bewegt.

    Die Spannung bleibt freilich. Dietrich Bonhoeffer hat einmal trefflich formuliert: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“

    Liebe Grüße, Ron

  4. Johannes Strehle meint:

    “Geschieht nicht, was wir wollen,
    so geschieht, was besser ist.”
    Martin Luther
    Es besteht durchaus die Gefahr,
    dss Gott geschehen lässt, was wir unbedingt wollen.

  5. Roderich meint:

    @Schandor,

    Hab leider trotzdem keine Antworten auf meine Fragen gefunden.

    Oder sollte man zwischendurch auch mal Gottes Fragen an uns beantworten?

  6. Schandor meint:

    @Roddy

    Hm. Interessanter Aspekt! Meine Antwort lautet: Ich soll, aber ich kann nicht …

  7. Johannes Strehle meint:

    @ Schandor
    „Lütgert: Wir müssen ferner mit Fragen an die Schrift herantreten.
    Wer nicht fragt, erhält auch keine Antwort.
    Schandor: Hab leider trotzdem keine Antworten auf meine Fragen gefunden.
    Lütgert: Wenn das Fragen in uns erlischt, so ist das nicht minder schlimm,
    als wenn wir das Bitten verlernen und nichts mehr zu bitten haben.
    Schandor: Ist erloschen.“

    Paulus schreibt an Timotheus:
    „Bedenke, was ich sage! Aber der Herr wird dir Einsicht geben in allem.“
    Ich bin da zuversichtlich.
    Wir sollten das Fragen wirklich nicht erlöschen lassen.
    Nach meinem Bibelverständnis und meiner Erfahrung ist dafür wichtig,
    einerseits
    die Liebe Gottes, gemäß den drei Liebesgeboten und dem Gesetz Christi,
    Philadelphia und Gastfreundschaft zu praktizieren.
    Und andererseits
    unser Bibelverständnis, unsere Theologie nicht einzumauern
    und bereit zu bleiben, unser Denkgerüst an Antworten aus der Bibel
    (direkt und durch Bibelkenner aus Kirchengeschichte und Gegenwart)
    anzupassen.
    Auch Bibelkenner, mit denen wir weitgehend nicht übereinstimmen,
    können uns nicht selten hilfreiche Anregungen geben.
    Auf manche Frage erhalten wir scheinbar keine Antwort,
    weil unser Denkgerüst die Antwort nicht akzeptieren will.

  8. Schandor meint:

    @Johannes

    Danke für die Ermutigung! Ich werde bedenken. Ich werde neu Fragen stellen.
    Und mich belehren lassen. Vielleicht „hakt es“ bei mir wieder einmal in dieser Richtung …

  9. Hallo Ron,

    erst einmal vielen Dank für Deinen tollen Beitrag. Ich mache zur Zeit ein Fernstudium Betriebswirtschaft und musste auch erst einmal lernen wieder von Vorne anzufangen. Deshalb hat mich Dein Beitrag inspiriert und motiviert zugleich.

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