Die Mystik oder das Wort

180px-Göz_Bernhard_Skizze.jpgDer wohl bedeutendste deutschsprachige katholische Theologe des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner (1904–1984), hat am Ende seiner Schaffenszeit die Vermutung geäußert, dass »der Christ der Zukunft ein Mystiker sei oder nicht mehr sei«.

Tatsächlich sind es erfahrungsstheologische Entwürfe, die sich im Anschluss an die ›unterkühlte‹ Wort-Theologie eines Karl Barth oder Emil Brunner konfessionelle Grenzen sprengender Popularität erfreuen. Im katholischen, evangelischen und freikirchlichen Raum erleben wir seit Jahrzehnten Aufbrüche in eine mystische Frömmigkeit.

Was viele Menschen suchen, ist nicht mehr die durch das Wort vermittelte und verbindlich gemachte Gottesbeziehung, sondern das unmittelbare Erleben Gottes im Innern der Seele bis hin zu somatischen Manifestationen der göttlichen Gegenwart. Diese Sehnsucht verlangt eine Berührung Gottes oder einen »Gotteskuss«. Was der Mystiker und mit ihm der Spiritualist oder Schwärmer möchte, das ist die unmittelbare Gegenwart Gottes. Die unio mystica, das Gefühl, fest mit Gott verbunden zu sein, ist eben mehr als eine durch das Wort geordnete Beziehung, es ist die direkte Erfahrung Gottes im Menschen. Die Mystik verheißt die unvermittelte Verbindung mit dem Absoluten.

In der kleinen Ausarbeitung »Mystik oder das Wort« versuche ich mich an einer reformatorischen Beurteilung der Mystik. Sie kann hier herunter geladen werden: MystikoderdasWort.pdf

Kommentare

  1. Ich habe dein PDF „Mystik oder das Wort“ grad gelesen. Guter Text, gut recherchiert, trotzdem – oder gerade darum? – will ich auch ein paar Gedanken dazu aufwerfen.

    „Mystik oder das Wort“ ist eine Formel, die von der Warte der Mystik aus nicht unterschrieben werden kann – insofern es sich um wahre Mystik, statt einem esoterischen Mix verschiedenster geistiger Techniken und Methoden, handelt. Mystik und das Wort – das wäre von der Formulierung her das einzige Verhältnis das Mystik und dem Wort der göttlichen Offenbarung in der heiligen Schrift zukommen kann. Denn die mystische Erfahrung will und kann die Heilsoffenbarung nicht ersetzen, sondern sie im individuellen Erlebnis bestätigen.

    Offenbarung hat eine allgemeine und eine individuelle Dimension. Die allgemeine Heilsoffenbarung Gottes an den Menschen ist vollständig in den Schriften des Alten und Neuen Testaments enthalten – und ein für allemal abgeschlossen. Die individuelle Offenbarung, ist dann der Prozess in dem der Mensch die volle Dimension der biblischen Lehre im eigenen Leben erfährt. Deshalb kann die mystische Erfahrung nie von der Offenbarung des göttlichen Mysterions in der Schrift abweichen, denn es ist derselbe Geist der in beiden Phänomenen wirkt.

    Ich würde die Mystik deshalb als nichts anderes, denn den persönlichen Weg mit Gott bezeichnen. Es ist eben ein Unterschied ob du dich Gott im Gebet näherst, oder ob du nur Berichte von Leuten liest die sich Gott einmal im Gebet genähert haben. Mystik ist der Weg Gott zu erfahren und die Wahrheit der biblischen Lehre auf einer tiefen persönlichen Ebene zu erkennen und zu verstehen. Und um nichts anderes geht es den großen mittelalterlichen Mystikern wie Meister Eckhart, Hildegard von Bingen. Und selbst Luther kann so, durchaus als Mystiker gesehen werden.

    Mystik ist Glaube in Aktion. Und das ist wie ich meine eine Dimension des Lebens, der wir uns – wie ich meine – durchaus auch auf biblischer Basis öffnen sollten…..

    god bless,
    mzed

Ihre Meinung ist uns wichtig

*