Die narzisstische Sackgasse

Melanie Mühl beschreibt in ihrem FAZ-Artikel „Ich kam, ich sah, ich wirke!“ die Kultur der krankhaften Selbstliebe. Überall begegnen uns Narzissten, sogar im eigenen Spiegel.

Die permanente Aufforderung zur Selbstbetrachtung hat etwas Übergriffiges. Ob man nicht die optimale Helligkeit seiner Zähne herausholen wolle? fragt der Zahnarzt, noch bevor er sich ein Bild über deren Gesundheitszustand gemacht hat, und der Hautarzt warnt eindringlich vor der sich andeutenden Zornesfalte. Botox helfe. Im Grunde ist es unmöglich, durch eine Zeitschrift zu blättern, ohne animiert zu werden, sein Ich testend unter die Lupe zu nehmen. Wie gut bin ich im Bett? Wie wirke ich auf Männer? Bin ich der geborene Erfolgstyp? Ganze Industriezweige verdienen enorm viel Geld damit, die Ichbezogenheit beharrlich voranzutreiben. Je früher man mit der Selbstoptimierung beginnt, so wird einem suggeriert, desto besser. Der Ratgeber- und Coaching-Markt boomt. „Ich kam, ich sah, ich wirke! Mehr Charisma für mehr Erfolg!“- „Ich bin ich und ich bin gut“. Ich. Ich. Ich – das ist das stärkste Verkaufsargument solcher Buchtitel. Voraussetzung dieser hemmungslosen Selbstbejahung ist der komplette Verzicht auf alle Vergleichsmaßstäbe.

Zu einer erfolgreichen Erwerbsbiographie reicht es nicht mehr zu studieren und ein paar Praktika zu absolvieren. Die Internetseite „studium-ratgeber“ empfiehlt vielmehr Folgendes: „Die eigene Person als Marke definieren und etablieren – in der heutigen Arbeitswelt unverzichtbar. Das fängt schon bei der ,Bewerbungsschlacht‘ um die guten Jobs an.“ Von „Markenpersönlichkeit“ und „Ego-Marketing“ ist die Rede. Die Werbeindustrie und die Massenmedien züchten mit ihrer Sehnsuchtsstimulierung nach Erfolg, Ruhm und Reichtum narzisstische Charakterzüge geradezu heran.

Da passt ein Zitat von David Platt ganz gut:

„In einer Welt, wo sich alles um das Selbst dreht, darum: sich zu schützen, sich selbst zu fördern, sich selbst zu trösten, sich um sich selbst zu kümmern, sagt Jesus: „Ans Kreuz mit dem Selbst. Lege alle Selbsterhaltung auf die Seite, um für Gottes Verherrlichung zu leben, egal, was das für die Kultur um dich herum bedeutet.“

Kommentare

  1. gandalf meint:

    Erst kürzlich ist es mir wieder aufgefallen, wie viele „Celebrities“ der kirchlichen Szene z.B. in den USA in den letzten Wochen nichts anderes zu tun hatten, als ununterbrochen ihre neuesten Bücher zu bewerben oder über ihre anstehenden Konferenzauftritte zu twittern.
    Besonders krass wirkt das natürlich bei solchen Personen, deren Reden und Bücher fast ununterbrochen den Themen sozialer Gerechtigkeit, Armut und Unterdrückung (hier oft mit sehr selektiver Wahrnehmung) gewidmet sind.
    Da möchte man schon mal gerne den Vers mit den weißgetünchten Gräbern bemühen.

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